Graffiti ist heute ein allgegenwärtiger Bestandteil des urbanen Raums. Bunte Schriftzüge, komplexe Wandgemälde und vollständig besprühte Züge prägen das Bild vieler Städte weltweit. Besonders in München, das als „Writer Stadt“ gilt und maßgeblich die frühe deutsche Szene beeinflusste, ist diese Kunstform präsent. Doch wann und wo begann diese faszinierende Praxis, die heute oft zwischen bewunderter Kunst und verurteiltem Vandalismus changiert?
Die Wurzeln des Graffiti reichen weit zurück in die menschliche Geschichte. Tatsächlich finden sich die frühesten Beispiele für Markierungen an Wänden bereits in prähistorischen Höhlen. Diese frühen Zeichnungen, oft als Höhlenmalereien bezeichnet, zeigen, dass der Mensch schon vor Tausenden von Jahren den Impuls hatte, Botschaften oder Bilder auf Oberflächen zu hinterlassen.

Die ältesten Spuren: Prähistorische Markierungen
Ein bemerkenswerter Fund aus Südafrika wirft ein neues Licht auf das Alter menschlicher Wandmarkierungen. In der Blombos-Höhle, etwa 300 Kilometer östlich von Kapstadt, stießen Forscher auf einen Stein mit sich kreuzenden Linien. Nach eingehenden Untersuchungen wird das Alter dieser ockerfarbenen Linien auf etwa 73.000 Jahre geschätzt. Dieser Fund gilt als die älteste bislang bekannte Malerei auf Stein aus der frühen Steinzeit und wurde von frühen Vertretern des Homo sapiens angefertigt, die einst in der Höhle siedelten.
Der etwa acht Zentimeter große Silikat-Brocken wurde 2011 bei Ausgrabungen entdeckt. Auf dem Stein sind neun schmale, gerade Linien zu sehen, von denen sich sechs kreuzen. Wissenschaftler vermuten, dass diese Linien eine symbolische Funktion hatten. Tests haben gezeigt, dass die Linien wahrscheinlich mit der Spitze eines Ockersteins aufgemalt wurden, der wie ein Stift benutzt wurde.
Auch wenn dieser Stein aus der Blombos-Höhle das älteste Zeugnis für Malerei auf Stein ist, gibt es sogar noch ältere Artefakte, die dekorative Betätigung zeigen. Archäologen haben auf Java gravierte Muscheln gefunden, deren Alter auf erstaunliche 540.000 Jahre geschätzt wird. Diese Funde zeigen, dass der Wunsch des Menschen, Spuren zu hinterlassen und Oberflächen zu gestalten, eine sehr lange Geschichte hat.
Von der Antike bis zum modernen Ursprung
Auch in der Antike gab es Vorläufer des modernen Graffiti. Die alten Römer und Griechen schrieben ihre Namen, Gedichte oder auch Protestbotschaften auf die Wände von Gebäuden. Diese Inschriften, oft in Stein gemeißelt oder mit Farbe aufgebracht, erfüllten bereits einige der Funktionen, die wir heute mit Graffiti verbinden: persönliche Präsenz zeigen, Meinungen äußern oder einfach nur Spuren im öffentlichen Raum hinterlassen.
Das moderne Graffiti, wie wir es heute kennen, begann sich jedoch viel später zu entwickeln. Seinen Ursprung hat es in den USA. Die ersten modernen Graffiti-Schriftzüge tauchten Berichten zufolge Anfang der 1960er Jahre in Philadelphia auf. Von dort aus verbreitete sich die Praxis schnell und erreichte Ende der sechziger Jahre New York City.
In den 1970er Jahren nahm diese neue Kunstform richtig Fahrt auf. Überall in der Stadt begannen Menschen, ihre Namen – sogenannte Tags – auf Gebäude zu schreiben. Diese frühen Sprayer waren oft Teil von Straßengangs, die ihr Territorium markieren wollten. Sie organisierten sich in Gruppen, die sie 'Crews' nannten. Was sie taten, bezeichneten sie selbst als 'Writing'. Der Begriff 'Graffiti' wurde erst später populär, unter anderem durch die New York Times und den Romanautor Norman Mailer.

Mitte der Siebziger Jahre war es in New York manchmal schwierig, aus einem U-Bahn-Fenster zu sehen, da die Züge vollständig mit Sprühbildern bedeckt waren, die als 'Masterpieces' bekannt wurden. Ganze Züge, die von vorne bis hinten gestaltet waren, nannte man Wholetrains. Diese rollenden Kunstwerke machten die Namen der Writer in der ganzen Stadt bekannt.
Während Graffiti in den frühen siebziger Jahren von einigen Kunstgalerien in New York als Kunstform anerkannt wurde und die ersten Werke gekauft wurden, erklärte der damalige Bürgermeister von New York, John Lindsay, gleichzeitig den ersten „Krieg gegen Graffiti“. In den 1980er Jahren wurde es durch verstärkte Sicherheitsmaßnahmen und Reinigungsaktionen deutlich schwieriger, Züge zu besprühen, ohne erwischt zu werden. Viele etabliertere Graffiti-Künstler wichen daraufhin auf Dächer von Gebäuden oder Leinwände aus.
Graffiti kommt nach Deutschland
Die Geschichte des Graffiti in Deutschland ist eng mit den amerikanischen Einflüssen verbunden. Das 'Writing' lernte zunächst in den amerikanischen Großstädten laufen, bevor es sich global verbreitete. In Deutschland steckte das Fieber in den 1980er Jahren viele Jugendliche an, maßgeblich beeinflusst durch US-amerikanische Filme wie „Wildstyle“ und „Beatstreet“, die die Hip-Hop-Kultur und das Graffiti-Writing zeigten.
Anfangs war das Straßenbild in Deutschland anders als heute. Man sah kaum einen einzelnen Tag. Die Szene entwickelte sich zunächst im Geheimen. Besonders in Städten wie Berlin boomte das Graffiti und löste zeitweise sogar New York als inoffizielle Graffiti-Hauptstadt ab. Aber auch in vielen kleineren Städten entstanden parallel aktive Szenen. Die Sprayer kannten sich oft nicht untereinander.
In dieser frühen Phase gab es in Deutschland nur wenige national bekannte Graffiti-Sprüher. Erst später machten sich Namen wie Odem, Esher und Phos einen Namen, oft durch spektakuläre 'Bombings' (schnelles, flächendeckendes Besprühen) oder innovatives 'Stylewriting'. Gleichzeitig etablierten sich Künstler wie Loomit aus München als legale Sprüher, die Auftragsarbeiten ausführten.
Ganz nach dem Vorbild aus New York fanden sich die verschiedenen Styles schnell auch auf den Zügen der Deutschen Bahn und den S-Bahnen wieder. In der Geburtsstunde des deutschen Zug-Graffiti waren die Züge, die sogenannten 'Lay ups', noch nicht besonders gesichert, sodass die Szene ungehindert wachsen konnte.
München: Eine deutsche Graffiti-Hochburg
München nimmt in der deutschen Graffiti-Geschichte eine besondere Stellung ein. Die Stadt gilt als „Writer Stadt“ und prägte die Szene in Deutschland bereits in den 1980er Jahren maßgeblich. Noch vor Berlin oder anderen Städten war es eine junge Graffiti-Crew in München, die als erste in Deutschland einen S-Bahn-Zug in ganzer Länge besprühte – ebenfalls ein 'Wholetrain'.

München ist auch bekannt für seine sogenannten Hall of Fames (HOF), von denen einige noch heute in der Stadt zu finden sind. Eine Hall of Fame bezeichnet in der Graffiti- und Street-Art-Szene legal bemalbare Wände, die immer wieder neu gestaltet werden können. Dies ermöglicht eine ständige Veränderung und Entwicklung der Kunstwerke an einem Ort.
Die Dachauer Straße in München, an der das KUNSTLABOR 2 liegt, hat in der Street Art Historie einen hohen Stellenwert. Dort befand sich bis 1989 Europas größte Hall of Fame. Nach dem Rotations-Prinzip kristallisierten sich im Laufe der Zeit immer wieder neue Werke heraus. Diese Dynamik kann zwar kompetitiv verstanden werden, ist aber vor allem von hohem Respekt für die Entstehung der Werke anderer geprägt. Künstler respektieren die Arbeit der Vorgänger, auch wenn sie diese irgendwann übermalen.
Diese Philosophie spiegelt sich auch im Gestaltungsprozess der Fassade des KUNSTLABOR 2 im ehemaligen Gesundheitshaus an der Dachauer Straße 90 wider. Als Hommage an „die Dachauer der 80er“ fungiert die Außenhaut ebenfalls als HOF. Die Fassade wird von den Betreibern des KUNSTLABOR 2 legal und kostenfrei für Künstlerinnen und Künstler zur Verfügung gestellt. Dies unterstützt die Idee, sowohl renommierten als auch noch unbekannten Künstlerinnen und Künstlern eine gestalterische Plattform zu bieten.
Aktuell ist an der Fassade des KUNSTLABOR 2 ein Gemeinschaftswerk des international bekannten, fotorealistischen Sprayers Case Maclaim (alias Andreas von Chrzanowski) und des Newcomers und Tattoo-Künstlers Pepe (alias Jose Luis Villanueva Contreras) zu sehen. Zukünftige Besucher des KUNSTLABOR 2 können die sich immer wieder verändernde Gestaltung der HOF live verfolgen.
Die ewige Debatte: Kunst oder Vandalismus?
Die Diskussion darüber, ob Graffiti Kunst oder Vandalismus ist, dauert bis heute an. Für viele ist Graffiti im öffentlichen Raum eine Form der Selbstexpression und eine Bereicherung des Stadtbildes, für andere ist es eine illegale Sachbeschädigung.
Peter Vallone, ein Stadtrat in New York, vertritt die Ansicht, dass Graffiti, das mit Genehmigung entsteht, Kunst sein kann. Sobald es jedoch auf fremdem Eigentum angebracht wird, sei es ein Verbrechen. Seine Botschaft an die „Graffiti-Vandalen“ lautet: „Ihre Freiheit der Meinungsäußerung endet dort, wo mein Eigentum beginnt.“
Auf der anderen Seite argumentieren Befürworter wie Felix von der Berliner Gruppe Reclaim Your City, dass Künstler die Städte vom Einfluss der Werbung für die Öffentlichkeit zurückerobern. Für sie repräsentiert Graffiti Freiheit und macht Städte lebendiger.
Trotz der Debatte hat Graffiti für einige Künstler den Sprung zur internationalen Berühmtheit ermöglicht. Jean-Michel Basquiat begann in den 1970er Jahren auf der Straße zu sprühen, bevor er in den 80ern zu einem angesehenen Künstler wurde. Der Franzose Blek le Rat und der britische Künstler Banksy haben internationale Bekanntheit durch komplexe Werke mit Schablonen erlangt, die oft politische oder humorvolle Botschaften tragen. Werke von Banksy werden heute für Millionen von Pfund verkauft. Graffiti ist somit manchmal auch „Big Business“ geworden.

Häufig gestellte Fragen zur Graffiti Geschichte
Wann entstand das allererste Graffiti?
Die ältesten bekannten Markierungen auf Stein, die als Vorläufer des Graffiti gelten könnten, sind etwa 73.000 Jahre alt und wurden in Südafrika gefunden. Noch ältere dekorative Markierungen auf Muscheln sind sogar 540.000 Jahre alt. Moderne Graffiti-Formen entstanden jedoch erst in den 1960er Jahren in den USA.
Wo begann modernes Graffiti?
Modernes Graffiti begann Anfang der 1960er Jahre in Philadelphia und verbreitete sich dann nach New York City, wo es sich in den 1970er Jahren zu einer bedeutenden Szene entwickelte.
Wann kam Graffiti nach Deutschland?
Graffiti kam in den 1980er Jahren nach Deutschland, beeinflusst durch US-amerikanische Filme und die dortige Szene. Städte wie Berlin und München waren frühe Zentren der Entwicklung.
Was ist eine 'Hall of Fame' im Graffiti-Kontext?
Eine Hall of Fame (HOF) ist eine legal für Graffiti-Künstler freigegebene Wand oder Fläche, die regelmäßig neu gestaltet werden darf. Sie dient als Plattform für legale Kunst und den Austausch innerhalb der Szene.
Ist jegliches Graffiti illegal?
Nein. Während ein Großteil des Graffiti im öffentlichen Raum ohne Genehmigung entsteht und somit als Sachbeschädigung gilt, gibt es auch legales Graffiti. Dies findet auf dafür freigegebenen Flächen wie 'Hall of Fames' statt oder sind Auftragsarbeiten.
Graffiti hat eine lange und komplexe Geschichte, die weit über die bunten Schriftzüge im Stadtbild hinausgeht. Von prähistorischen Spuren bis zur globalen Kunstbewegung bleibt es eine lebendige und oft kontrovers diskutierte Ausdrucksform.
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