In der wirtschaftlichen Berichterstattung und Analyse stößt man immer wieder auf Begriffe wie Erwerbstätigenzahl oder Arbeitslosenquote. Ein ebenso wichtiger, aber vielleicht weniger intuitiver Indikator ist das Arbeitsvolumen. Es bietet eine tiefere Einsicht in die tatsächliche wirtschaftliche Aktivität, indem es nicht nur zählt, wie viele Menschen arbeiten, sondern wie viel Zeit sie tatsächlich in ihre Erwerbstätigkeit investieren. Für das Verständnis der Produktivität einer Volkswirtschaft und der Auslastung des Faktors Arbeit ist das Arbeitsvolumen unerlässlich.

Was genau ist das Arbeitsvolumen?
Das Arbeitsvolumen ist ein zentraler Begriff in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) und beschreibt die Summe aller tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden innerhalb einer Volkswirtschaft in einer bestimmten Berichtsperiode, typischerweise einem Quartal oder einem Jahr. Es umfasst die Arbeitszeit von allen Personen, die in Deutschland eine auf wirtschaftlichen Erwerb gerichtete Tätigkeit ausüben. Dazu zählen Arbeitnehmer (Arbeiter, Angestellte, Beamte, marginal Beschäftigte, Soldaten) ebenso wie Selbstständige und mithelfende Familienangehörige.

Ein entscheidendes Merkmal des Arbeitsvolumens ist, dass es sich ausschließlich auf die tatsächlich geleistete Arbeitszeit bezieht. Das bedeutet, dass bezahlte Stunden, in denen keine Arbeit verrichtet wurde, explizit nicht mitgezählt werden. Hierzu gehören:
- Jahresurlaub
- Elternzeit
- Feiertage
- Kurzarbeit
- Krankheitsbedingte Abwesenheit
Auch die geleisteten Arbeitsstunden von Personen, die gleichzeitig mehrere Beschäftigungsverhältnisse haben, werden im Arbeitsvolumen berücksichtigt und entsprechend erfasst. Die Definition des Arbeitsvolumens basiert auf dem Europäischen System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (ESVG) 2010, was die internationale Vergleichbarkeit der Daten gewährleistet.
Die Bedeutung des Arbeitsvolumens für die Wirtschaftsanalyse
Die Zahl der Erwerbstätigen allein gibt zwar Auskunft über die Größe des Arbeitsmarktes, sagt aber wenig über die Intensität der Arbeit aus. Durch die zunehmende Arbeitszeitflexibilisierung, die sich in unterschiedlichen Wochenarbeitszeiten, Teilzeitmodellen, Überstundenregelungen und Arbeitszeitkonten manifestiert, gewinnt die tatsächlich geleistete Arbeitszeit und damit das Arbeitsvolumen stark an Bedeutung.
Es ist ein unverzichtbarer Indikator für:
- Laufende Arbeitsmarktbeobachtung: Es zeigt, wie sich die gesamte Arbeitsleistung in der Wirtschaft entwickelt, unabhängig von der reinen Kopfzahl der Beschäftigten.
- Produktivitätsanalysen: Die Produktivitätsanalysen messen oft den Output pro geleistete Arbeitsstunde. Das Arbeitsvolumen ist hier der notwendige Input-Faktor. Ein höheres Bruttoinlandsprodukt bei gleichem Arbeitsvolumen deutet auf eine höhere Arbeitsproduktivität hin.
- Auslastung des Faktors Arbeit: Das Arbeitsvolumen gibt Aufschluss darüber, wie intensiv der Produktionsfaktor Arbeit genutzt wird. Schwankungen im Arbeitsvolumen können ein wichtiger Indikator für konjunkturelle Entwicklungen sein.
Im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen wird das Arbeitsvolumen nach dem sogenannten Inlandskonzept (Arbeitsortkonzept) nachgewiesen. Das bedeutet, es werden alle effektiv geleisteten Arbeitsstunden von Personen erfasst, die einen Arbeitsplatz in Deutschland haben, unabhängig davon, wo diese Personen wohnen.
Wie wird das Arbeitsvolumen berechnet?
Die Berechnung des Arbeitsvolumens ist ein komplexer Prozess, der auf umfangreichen statistischen Daten basiert. Die Grundlage bilden die vierteljährlichen und jährlichen Erwerbstätigenangaben, die nach Stellung im Beruf und Wirtschaftszweigen gegliedert sind und ebenfalls im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen erstellt werden.
Das Arbeitsvolumen ergibt sich im Wesentlichen als Produkt aus der Erwerbstätigenzahl und der durchschnittlichen tatsächlich geleisteten Arbeitszeit je Erwerbstätigen:
Arbeitsvolumen = Erwerbstätigenzahl × Durchschnittliche tatsächlich geleistete Arbeitszeit je Erwerbstätigen
Die Ermittlung der durchschnittlichen tatsächlich geleisteten Arbeitszeit ist dabei besonders aufwendig, da eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren berücksichtigt werden muss. Dazu gehören:
- Kalendermäßige Vorgaben: Die Anzahl der Arbeitstage im Berichtszeitraum, beeinflusst durch die Lage von Wochenenden und Feiertagen.
- Institutionelle Faktoren: Gesetzliche und tarifvertragliche Regelungen zur Wochenarbeitszeit, Urlaubsansprüche.
- Konjunkturelle Einflüsse: Überstunden, Kurzarbeit, Salden auf Arbeitszeitkonten.
- Personenbezogene Komponenten: Krankenstand, Verbreitung von Teilzeitbeschäftigung (einschließlich geringfügiger Beschäftigung), Inanspruchnahme von Elternzeit und Altersteilzeit.
- Sonstige Einflüsse: Arbeitskampfmaßnahmen (Streiks, Aussperrungen), Stunden aus Nebenbeschäftigungen.
Zur Berechnung dieser durchschnittlichen Arbeitszeit greifen die Statistiker auf eine breite Palette von Datenquellen zurück. Dazu zählen unter anderem:
- Geschäftsstatistiken der Bundesagentur für Arbeit (BA)
- Statistiken des Statistisches Bundesamtes, wie z.B. die Ergebnisse des Mikrozensus oder der Tarifindex
- Das Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI)
- Die Krankenstandsstatistik des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG)
- Eigene Erhebungen und Modellrechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)
Die Ermittlung dieser Daten erfolgt laufend und wird vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit in enger Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt durchgeführt.
Veröffentlichung und Zugang zu den Daten
Die Ergebnisse über die geleistete Arbeitszeit und das Arbeitsvolumen in Deutschland werden regelmäßig vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht. Die Veröffentlichung erfolgt zeitgleich mit den Erwerbstätigenzahlen beziehungsweise im Zusammenhang mit den Daten zum Bruttoinlandsprodukt (BIP).
Vierteljährliche Angaben zum Arbeitsvolumen für alle Erwerbstätigen sowie separat für Arbeitnehmer sind in der Regel etwa 45 bis 50 Tage nach Ende des jeweiligen Quartals verfügbar. Diese ersten Veröffentlichungen basieren auf vorläufigen Daten. Die Ergebnisse werden auch nach zusammengefassten Wirtschaftsbereichen gegliedert veröffentlicht (entsprechend der Klassifikation der Wirtschaftszweige WZ 2008 bzw. NACE Revision 1.2).
Erste vorläufige Jahresergebnisse liegen typischerweise bereits Mitte Januar des auf das Berichtsjahr folgenden Jahres vor. Die vierteljährlichen Zahlen werden im Laufe der Zeit so angepasst, dass sie konsistent mit den endgültigen Jahresergebnissen sind.
Für detailliertere Analysen stehen auch längere Zeitreihen und differenziertere Ergebnisse zur Verfügung. Jahresergebnisse, die nach 38 Wirtschaftsbereichen der WZ 2008 gegliedert sind, sind für die Berichtsjahre ab 1991 abrufbar.
Der Zugang zu diesen Daten ist kostenfrei über verschiedene Kanäle möglich:
- Die Online-Datenbank "GENESIS-Online" des Statistischen Bundesamtes. Relevante Tabellen finden sich unter dem Code 81000, beispielsweise in den Tabellen 81000-0015, 81000-0016, 81000-0113 und 81000-0114.
- Fachserien des Statistischen Bundesamtes, insbesondere Fachserie 18, Reihe 1.2 und Fachserie 18, Reihe 1.4 (Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen).
- Pressemitteilungen und der Veröffentlichungskalender auf der Internetseite des Statistischen Bundesamtes.
Genauigkeit und Notwendigkeit von Revisionen
Wie bei vielen statistischen Daten, die auf vorläufigen Informationen basieren, ist die Genauigkeit der ersten veröffentlichten Zahlen zum Arbeitsvolumen naturgemäß geringer als bei späteren Veröffentlichungen. Die frühe Publikation erfüllt das Bedürfnis der Nutzer nach aktuellen Ergebnissen, auch wenn die zugrundeliegenden Daten zu diesem Zeitpunkt oft noch nicht vollständig vorliegen.
Die Ausgangsdaten, die für die Arbeitszeitrechnung des IAB benötigt werden, fallen sukzessive über die Zeit an. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand zur Berichtsperiode steigt die Vollständigkeit dieser Daten und damit der Genauigkeitsgrad der berechneten durchschnittlichen geleisteten Arbeitsstunden und des Arbeitsvolumens.
Daher ist es notwendig, die veröffentlichten Arbeitsvolumendaten für einen bestimmten Zeitraum in mehreren Schritten zu revidieren. Diese Revisionen dienen dazu, die Daten an den jeweils aktuellsten Erkenntnisstand anzupassen. Dabei werden nicht nur neu verfügbare Daten berücksichtigt, sondern auch Änderungen bei gesetzlichen Vorschriften und tarifvertraglichen Vereinbarungen, die sich auf die Arbeitszeit auswirken können (z.B. neue Arbeitszeitregelungen).
Eine weitere wichtige Berechnungsgrundlage für die geleisteten Arbeitsstunden sind die Erwerbstätigenzahlen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Änderungen bei diesen Erwerbstätigenzahlen haben in der Regel unmittelbare Auswirkungen auf die Berechnung des Arbeitsvolumens und können ebenfalls zu Revisionen führen.
Weitere detaillierte Erläuterungen zur Methodik der Arbeitszeitrechnung sowie verschiedene Publikationen, die sich mit dem Arbeitsvolumen beschäftigen, sind auf der Website des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) verfügbar. Diese Materialien können angefordert oder teilweise direkt online heruntergeladen werden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Arbeitsvolumen
Was ist der Unterschied zwischen Erwerbstätigenzahl und Arbeitsvolumen?
Die Erwerbstätigenzahl zählt die Anzahl der Personen, die eine Erwerbstätigkeit ausüben. Das Arbeitsvolumen misst die Summe aller tatsächlich von diesen Personen geleisteten Arbeitsstunden. Das Arbeitsvolumen berücksichtigt also, wie viel Zeit pro Person gearbeitet wird, während die Erwerbstätigenzahl nur die Kopfzahl erfasst.
Warum werden bezahlte Ausfallzeiten (wie Urlaub oder Krankheit) nicht zum Arbeitsvolumen gezählt?
Das Arbeitsvolumen konzentriert sich auf die *tatsächlich geleistete* Arbeit. Obwohl Urlaub, Krankheit oder Feiertage bezahlte Abwesenheiten sind, wird während dieser Zeit keine produktive Arbeit im Sinne der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen verrichtet. Daher werden diese Stunden nicht in das Arbeitsvolumen einbezogen.
Wer ist für die Berechnung und Veröffentlichung des Arbeitsvolumens zuständig?
Das Arbeitsvolumen wird vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt ermittelt. Die Veröffentlichung der Ergebnisse erfolgt durch das Statistische Bundesamt.
Wie oft werden Daten zum Arbeitsvolumen veröffentlicht?
Daten zum Arbeitsvolumen werden vierteljährlich und jährlich veröffentlicht.
Sind die zuerst veröffentlichten Daten zum Arbeitsvolumen endgültig?
Nein, die zuerst veröffentlichten Daten sind in der Regel vorläufig und können in späteren Veröffentlichungen revidiert werden. Dies liegt daran, dass die Datengrundlage für die Berechnung im Laufe der Zeit vollständiger und genauer wird und Anpassungen aufgrund neuer Erkenntnisse oder geänderter Rahmenbedingungen erfolgen.
Das Arbeitsvolumen ist somit ein differenzierter und wichtiger Indikator, der über die reine Anzahl der Beschäftigten hinausgeht und ein genaueres Bild der tatsächlich in der Wirtschaft geleisteten Arbeit zeichnet.
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