In der Welt des Films und Videos ist die Art und Weise, wie etwas gefilmt wird, von entscheidender Bedeutung. Dies wird maßgeblich durch die sogenannte Einstellung und insbesondere die Einstellungsgröße bestimmt. Sie ist ein fundamentaler Bestandteil der Filmsprache, vergleichbar mit der Grammatik in der Schriftsprache, jedoch oft einfacher zu verstehen. Dieser Artikel führt Sie anhand konkreter Beispiele, wie der berühmten amerikanischen Einstellung, durch die verschiedenen Arten von Bildausschnitten und erklärt, warum ihre bewusste Wahl für jedes visuelle Projekt unerlässlich ist.

Es ist wichtig zu betonen, dass wir hier nicht über die technischen Einstellungen einer Kamera sprechen (wie Blende, Belichtungszeit, ISO oder Menüeinstellungen). Stattdessen konzentrieren wir uns auf den eigentlichen Bildausschnitt und die Größe des aufgenommenen Bereichs. Es geht um die Kunst und das Handwerk der richtigen Wahl des Bildausschnitts, um Ihre Geschichte visuell zu erzählen.
Die Bedeutung der Einstellungsgröße für Ihr Projekt
Filme zu machen bedeutet in gewisser Weise, das Leben in seine Einzelteile zu zerlegen und neu zusammenzusetzen. Dabei spielt die Einstellungsgröße eine zentrale Rolle. Eine Einstellung bezeichnet die ununterbrochene Aufnahmezeit einer Kamera, oft eingeleitet durch das Schlagen der Filmklappe (bekannt als „Take“ im Englischen). Der Begriff Einstellungsgröße, Filmeinstellung oder das englische „Shot“ beschreibt, was in dieser Aufnahme zu sehen ist – den Bildinhalt und den Bildausschnitt.
Einstellungsgrößen sind nicht dasselbe wie die Kameraperspektive, die den Aufnahmewinkel festlegt (von oben, unten, frontal, seitlich). Einstellungsgrößen sind vielmehr Ausdrucksmöglichkeiten der Kamera, ebenso wichtig wie Kamerabewegungen. Gemeinsam mit dem Bildaufbau (Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund) gestalten sie das Filmbild maßgeblich. Sie sind nicht nur für das Storytelling entscheidend, da sie die Nähe zum Geschehen und den Fokus bestimmen, sondern auch für die Montage im Schnitt.
Ein gut durchdachtes Storyboard weist in der Regel jeder Sequenz eine bestimmte Einstellung zu. Dabei spielen auch die Anschlüsse (Continuity) zwischen den Einstellungen eine wichtige Rolle, um einen flüssigen Übergang für den Zuschauer zu gewährleisten.
Cadrage und Framing: Mehr als nur ein Rahmen
Im Zusammenhang mit Einstellungsgrößen stoßen Sie oft auf die Begriffe Cadrage (französisch, auch Kadrage) oder Framing (englisch). Beide bedeuten im Grunde dasselbe: die Bestimmung eines Bildausschnitts. Es gibt jedoch einen feinen Unterschied zur schlichten Auswahl des Bildbereichs.
Zuerst wird bestimmt, was überhaupt in den „Bildrahmen“ gehören soll. Dieser Schritt wird anschließend durch die Bildkomposition umgesetzt, zu der auch die Auswahl der passenden Einstellung gehört. Cadrage und Framing sind eher Überbegriffe. Sie helfen dabei, die Einstellungsgröße zu bestimmen, indem sie definieren, welche Elemente im Filmbild enthalten sein sollen. Davon leitet sich dann die Wahl der spezifischen Einstellung ab. Das französische Wort „Cadrage“ ist hier sehr treffend, denn es bedeutet nichts anderes als „Rahmen“.
Die klassischen Einstellungsgrößen im Überblick
Die zentrale Frage für jeden, der mit Bewegtbild arbeitet, lautet: Welche Einstellung soll wann und wo verwendet werden? Um dies zu beantworten, müssen wir die verschiedenen Arten kennen. Obwohl die Übergänge zwischen den Einstellungen fließend sind, hat sich zur besseren Verständigung und Diskussion die Unterscheidung in sechs klassische Typen etabliert:
- Totale
- Halbtotale
- Halbnahe Einstellung
- Naheinstellung
- Großaufnahme
- Detailaufnahme
Neben diesen klassischen Formen gibt es Zwischenformen und Extremvarianten, die sich ebenfalls fest in der Filmgeschichte etabliert haben, wie die Supertotale oder die berühmte amerikanische Einstellung.
Die Totale (Long Shot / Establishing Shot)
Die Totale, umgangssprachlich auch als Panorama- oder Weitwinkel-Aufnahme bezeichnet, dient primär der Orientierung des Zuschauers. Sie zeigt eine umfassende Übersicht des Schauplatzes und bettet eine Handlung in ihr Umfeld ein. Die Distanz zwischen Kamera und Objekt (Mensch oder Sache) ist hier sehr groß, weshalb meist nur wenige Details erkennbar sind.
Die Totale wird oft als erstes Bild einer Szene verwendet, da sie dem Zuschauer ermöglicht, sich räumlich zu orientieren. Daher wird sie auch als „Establisher“ bezeichnet (was „darlegende Einführung“ bedeutet). Diese Einstellung kann je nach Handlung und Kontext psychologisch bedrückend oder befreiend wirken. In Dokumentarfilmen sind Totalen häufiger zu finden als in inszenierten Filmen, da die reale Umgebung oft unkontrollierbar ist und man sicherstellen möchte, alles Wichtige im Bild zu haben.
Die englischen Bezeichnungen für die Totale sind Long Shot (LS), Wide Shot (WS) oder Establishing Shot (ES). Es ist zu beachten, dass Long Shot auch für Plansequenzen verwendet wird und somit zweideutig sein kann.
| Einstellungsgröße (Deutsch) | Einstellungsgröße (Englisch) | Merkmale des Bildausschnitts |
|---|---|---|
| Totale Panorama Establisher | Long Shot (LS) Wide Shot (WS) Establishing Shot (ES) | Orientierung im Raum, Mensch ist Teil der Umgebung, große Distanz, wenig Details. Beantwortet die Frage: Wo sind wir? |
Die Super-Totale (Extreme Long Shot / Extreme Wide Shot)
Die Super-Totale ist eine Steigerung der Totale. Hier ist der Raum überwältigend, und der Mensch erscheint im Panorama erschreckend unwichtig und klein. Diese extreme Form der Totale wird oft mit langsamen Kamerafahrten oder Schwenks kombiniert, besonders bei Landschaftsaufnahmen. In Hollywood meint man mit ELS (Extreme Long Shot) oder EWS (Extreme Wide Shot) diese extreme Variante, während LS oder WS die normale Totale bezeichnen.
| Einstellungsgröße (Deutsch) | Einstellungsgröße (Englisch) | Merkmale des Bildausschnitts |
|---|---|---|
| Super-Panorama Super-Totale | Extreme Long Shot (ELS) Extreme Wide Shot (EWS) | Der Raum dominiert vollständig, Mensch ist winzig oder nicht erkennbar, maximale Distanz. |
Die Halbtotale (Medium Long / Full Shot)
Die Halbtotale ist dem Aufnahmeobjekt nur noch halb so fern wie die Totale. Der distanzierte Zuschauer wird zum Beobachter und sieht mehr Details. Sie schränkt das Blickfeld stärker ein und lenkt damit den Blick des Zuschauers. Für TV-Produktionen und kleinere Bildschirme ist die Halbtotale oft besser geeignet, da Details, die in einer Totale auf einer großen Leinwand sichtbar wären (z.B. ein Reiter im Hintergrund), auf einem Smartphone nur als verpixelter Punkt erscheinen würden.
In der Halbtotalen sind Menschen meist von der Fußsohle bis zu den Haarspitzen zu sehen. Sie wird eingesetzt, wenn körperliche Aktionen im Film deutlich werden sollen. Auch für Comedy und Slapstick wird sie gerne verwendet, da ein Sprung oder ein Sturz in dieser Einstellung deutlich intensiver wirkt, als wenn der Darsteller aus dem Bild springt oder fällt. Die englische Abkürzung MLS (Medium Long Shot) entspricht der Halbtotalen. Wer von einer Complete View (CS) spricht, meint damit eine Halbtotale, die hauptsächlich eine Person so darstellt, dass sie gänzlich und die Umgebung nur beschränkt abgebildet wird.
| Einstellungsgröße (Deutsch) | Einstellungsgröße (Englisch) | Merkmale des Bildausschnitts |
|---|---|---|
| Halbtotale | Medium Long Shot (MLS) Full Shot (FS) Complete View (CS) | Mensch von Kopf bis Fuß, Umgebung begrenzt, ideal für körperliche Aktionen, mittlere Distanz. |
Die Halbnahe Einstellung (Medium Shot)
Die Halbnahe Einstellung umfasst einen Schauspieler von der Hüfte bis zum Kopf. Sie entspricht dem menschlichen Blickwinkel auf eine andere Person bei einem Gespräch und wird daher, sogar noch häufiger als die amerikanische Einstellung, für Dialogszenen eingesetzt. Bei Innenaufnahmen wird ebenfalls oft auf die Halbnahe zurückgegriffen. Je nach Anzahl der Personen im Bild spricht man auch von einem halbnahen Zweier oder Dreier.
| Einstellungsgröße (Deutsch) | Einstellungsgröße (Englisch) | Merkmale des Bildausschnitts |
|---|---|---|
| Halbnahe Hüftaufnahme | Medium Shot (MS) Mid Shot (MS) | Mensch von Hüfte bis Kopf, entspricht Gesprächsdistanz, Fokus auf Interaktion und Oberkörper. |
Die Amerikanische Einstellung (American Shot)
Berühmter als die klassische Halbnahe ist die sogenannte „Amerikanische Einstellung“. Diese Abwandlung, ebenfalls eine Art Halbnahe, wird auch American Shot (AS) genannt. Sie wurde ursprünglich erfunden, um in Western die Cowboys von den Oberschenkeln (dort, wo sich Hände und Colt beim Duell befanden) bis zum Kopf abzubilden. Heute wird die amerikanische Einstellungsgröße in jedem Genre verwendet und ist nicht mehr auf Western beschränkt.
| Einstellungsgröße (Deutsch) | Einstellungsgröße (Englisch) | Merkmale des Bildausschnitts |
|---|---|---|
| Amerikanische Einstellung | American Shot (AS) | Mensch von Oberschenkel bis Kopf, historisch aus Western, zeigt Handlungsbereiche am Bein. |
Die Naheinstellung (Shoulder Close-up)
Die Naheinstellung ist eine Steigerung der Halbnahen. Das Blickfeld beginnt hier oberhalb der Hüfte und reicht bis zur Oberkante des Kopfes. Die Kamera filmt jemanden so, wie er früher von einem Bildhauer als Büste modelliert worden wäre. Die größere Nähe zum Kopf betont in dieser Einstellung den Gesichtsausdruck und die Augen. Der Zuschauer sieht seinem Gegenüber buchstäblich ins Gesicht, was eine stärkere emotionale Verbindung ermöglicht. Auch hier spricht man im deutschen Sprachraum von einem nahen Einer (eine Person) oder nahen Zweier (zwei Personen). Der englische Name Shoulder Close-up (SCU) weist direkt auf den Bildmittelpunkt hin.
| Einstellungsgröße (Deutsch) | Einstellungsgröße (Englisch) | Merkmale des Bildausschnitts |
|---|---|---|
| Naheinstellung Nah | Shoulder Close-up (SCU) | Mensch von oberhalb der Hüfte bis Kopf, Fokus auf Gesicht und Ausdruck, wie eine Büste. |
Die Großaufnahme (Close-up)
Die Großaufnahme geht noch näher an das Motiv heran als die Naheinstellung. Während der Kopf vollständig im Bild ist, sind die Schultern nur noch knapp sichtbar oder gar nicht mehr zu sehen. Entsprechend deutlich sind Mimik und Gesichtsausdruck zu lesen. Alles, was nicht wichtig ist, wird von der Kamera abgeschnitten, um den Fokus auf das Wesentliche zu legen. Eine Großaufnahme muss nicht zwingend ein Gesicht zeigen; sie kann auch Hände oder andere wichtige Körperteile oder Objekte in den Vordergrund stellen. Der englische Begriff Close-up (CU) ist hierfür gebräuchlich.
| Einstellungsgröße (Deutsch) | Einstellungsgröße (Englisch) | Merkmale des Bildausschnitts |
|---|---|---|
| Großaufnahme Groß | Close-up (CU) | Kopf mit Schultern (ggf. nur knapp), starker Fokus auf Mimik und Details des Gesichts oder Objekts. |
Die Detailaufnahme (Extreme Close-up)
Die Detailaufnahme ist die extremste Form der Nähe. Sie erfasst nur noch einen sehr kleinen Ausschnitt des Ganzen, diesen aber überdeutlich und unmissverständlich groß. Der Zuschauer muss nicht überlegen, was er sieht. Ein klassisches Beispiel wäre eine Detailaufnahme von persönlichen Daten auf einem Ausweis oder das Glühen einer Zigarette. Diese Nähe kann, abhängig von der Dramaturgie und dem Bildinhalt, auf den Zuschauer angenehm oder abstoßend wirken. Sie führt den Blick des Zuschauers direkt auf das entscheidende Element. Der englische Begriff Extreme Close-up (ECU) beschreibt diese extreme Nähe treffend.

| Einstellungsgröße (Deutsch) | Einstellungsgröße (Englisch) | Merkmale des Bildausschnitts |
|---|---|---|
| Detailaufnahme | Extreme Close-up (ECU) | Ausschnitt eines größeren Ganzen, zeigt nur ein kleines Detail (Auge, Hand, Objekt), maximale Vergrößerung, lenkt den Blick gezielt. |
Die Italienische Einstellung (Italian Shot)
Eine besondere Spielart der Detailaufnahme ist die „Italienische“ Einstellung. Ihr Ursprung liegt ebenfalls im Western, ähnlich wie bei der amerikanischen Einstellung. Regisseur Sergio Leone wollte für den Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ die Dramatik im Duell auf den Blick zwischen den Schauspielern reduzieren, was mit herkömmlichen Einstellungen nicht möglich war. Die von Leone erfundene „Italienische“ Einstellungsgröße erfasst daher nur die schmale Augenpartie und den Kopf bis zur Mitte. Dies funktioniert am besten mit einem entsprechenden Filmformat. Moderne Formate wie das quadratische Bild bei Instagram machen viele Einstellungen, einschließlich der Italienischen, schwierig umsetzbar.
Die Detailaufnahme, und damit auch die Italienische, ist das Maximum des Möglichen in Bezug auf die Nähe. Sie ist ein Superlativ und sollte daher sparsam eingesetzt werden, um ihre Wirkung nicht zu verlieren.
| Einstellungsgröße (Deutsch) | Einstellungsgröße (Englisch) | Merkmale des Bildausschnitts |
|---|---|---|
| Italienische Einstellung | Italian Shot (IS) | Zeigt nur die Augenpartie oder Augen und Mund, extremer Fokus auf den Blick, berühmt aus Spaghetti-Western. |
Welcher Bildausschnitt ist der Richtige?
Auf die Frage, welcher Bildausschnitt der richtige ist, gibt es keine allgemeingültige Antwort. Jede Einstellungsgröße hat ihre spezifischen Vorteile und Nachteile. Abhängig von der Geschichte, der Szene und der gewünschten Wirkung können unterschiedliche Einstellungen ideal sein. Die Wahl des Bildausschnitts beeinflusst auch die Bildbeleuchtung und die gesamte Atmosphäre.
Professionelle Arbeit mit Film erfordert Fachwissen, Talent und Erfahrung. Jedes Genre und jede Filmnation hat zudem eigene kulturelle Spielregeln im Umgang mit Einstellungsgrößen. Regie und Kamera müssen sich bewusst sein, dass Filme sequenziell erzählt werden. Wie in einem Orchester entfaltet sich die volle Kraft der Filmsprache erst durch das Zusammenspiel und den bewussten Wechsel der Bildausschnitte.
Einstellungsgrößen im Schnitt: Klassisch vs. Modern
Eine veraltete Regel in der Filmproduktion besagte, dass man beim Schnitt schrittweise von der Übersicht ins Detail und wieder zurückgehen sollte, um nichts falsch zu machen. Das bedeutete, dass für eine Szene Aufnahmen in allen Einstellungsgrößen gedreht werden mussten, um dem Cutter im Schnittraum alle Möglichkeiten offen zu halten. Allerdings kosten zusätzliche Einstellungen bei den Dreharbeiten Zeit und Geld.
Die klassische Abfolge sah oft so aus:
- Halbtotal
- Halbnah
- Naheinstellung
- Halbnah
- Halbtotal
Eine Szene begann halbtotal zur räumlichen Orientierung, ging über die Halbnahe für mehr Informationen über Personen und Objekte schrittweise zur Naheinstellung, eventuell unterschnitten mit Großaufnahmen oder Details, immer abgestimmt auf die Handlung. Eine solch strikte, stufenweise Abfolge lässt dem Zuschauer jedoch wenig Raum für Überraschungen und kann sich wie verfilmtes Theater anfühlen, oft fehlt es an Tempo.
Moderne Videos und Filme gehen anders mit der Komposition der Einstellungsgrößen um. Die Abfolge ist freier und dynamischer:
- Totale
- Halbnah
- Naheinstellung
- Detailaufnahme
- Halbnah
Als Faustregel hat sich etabliert, dass beim Schnitt nie mehr als eine Einstellungsgröße übersprungen werden sollte, um Sprünge im Bild zu vermeiden. Dies ist in der Praxis oft sinnvoll, aber kein Dogma. Wenn es inhaltlich und dramaturgisch vertretbar ist, dürfen auch mehrere Größen übersprungen werden. Niemand geht heute mehr davon aus, dass eine Szene bis zum Ende „ausgespielt“ werden muss. Das Spiel mit der „Ziehharmonika“ – über alle Stufen bis zur Großaufnahme und wieder zurück – gilt als veraltet.
Was wichtig ist, zeigt die Kamera aus der Nähe. Was weniger bedeutsam ist oder zur räumlichen Orientierung dient, wird eher aus der Distanz gezeigt. Gegen Ende einer Szene kann die Abfolge auch umgekehrt verlaufen, indem wir uns entfernen und die Handlung verlassen. Es ist durchaus gestattet, sich aus einer Sequenz mit einer Großaufnahme zu verabschieden. Entscheidend ist dabei immer, dass die Führung des Zuschauers – die Vermittlung von Informationen und Emotionen – nicht darunter leidet.
Einfluss auf Montage und Bildschnitt: Ein Irrtum aufgeklärt
Das oft zitierte Argument, die Abfolge der Bildausschnitte müsse jeweils eine Stufe überspringen, damit das Bild später im Schnitt nicht „springt“, ist ein weit verbreiteter Irrtum! Hier werden Blickwinkel (die Kameraperspektive) und Bildschwerpunkt mit der Einstellungsgröße verwechselt. Wer auf der gleichen Achse in ein Bild hinein- oder herausspringt, ob über eine oder mehrere Einstellungsgrößen hinweg, benötigt entweder sehr gute inhaltliche Gründe oder hat die sogenannte 30-Grad-Regel (eine Regel zur Vermeidung von Achsensprüngen bei der Kameraposition) nicht beachtet.
Zusammenfassung der wichtigsten Bildausschnitte
Hier nochmals eine Übersicht der klassischen und einiger wichtiger weiterer Einstellungsgrößen:
| Deutsche Bezeichnung | Englische Bezeichnung(en) | Merkmale für den Bildausschnitt |
|---|---|---|
| Totale Panorama Establisher | Long Shot (LS) Wide Shot (WS) Establishing Shot (ES) | Orientierung im Raum, Mensch ist „nur“ Teil der Umgebung, große Distanz. |
| Supertotale Super-Panorama | Extreme Long Shot (ELS) Extreme Wide Shot (EWS) | Raum ist überwältigend, Mensch erscheint winzig oder nicht erkennbar, maximale Distanz. |
| Halbtotale | Medium Long Shot (MLS) Full Shot (FS) Complete View (CS) | Mensch von Kopf bis Fuß, Umgebung begrenzt, ideal für körperliche Aktionen, mittlere Distanz. |
| Halbnahe Hüftaufnahme | Medium Shot (MS) Mid Shot (MS) | Mensch von Hüfte bis Kopf, entspricht Gesprächsdistanz, Fokus auf Interaktion und Oberkörper. |
| Amerikanische Einstellung | American Shot (AS) | Mensch von Oberschenkel bis Kopf, historisch aus Western, heute universell einsetzbar. |
| Naheinstellung Nah | Shoulder Close-up (SCU) | Mensch von oberhalb der Hüfte bis Kopf, Fokus auf Gesicht und Ausdruck, wie eine Büste. |
| Großaufnahme Groß | Close-up (CU) | Kopf mit Schultern (ggf. nur knapp), starker Fokus auf Mimik und Details des Gesichts oder Objekts. |
| Detailaufnahme | Extreme Close-up (ECU) | Ausschnitt eines größeren Ganzen, zeigt nur ein kleines Detail, maximale Vergrößerung, lenkt den Blick gezielt. |
| Italienische Einstellung | Italian Shot (IS) | Zeigt ausschließlich die Augenpartie oder Augen und Mund, extremer Fokus auf den Blick. |
Häufig gestellte Fragen zu Bildausschnitten
Was ist der Unterschied zwischen Einstellung und Einstellungsgröße?
Eine Einstellung bezeichnet die ununterbrochene Aufnahmezeit der Kamera (der „Take“). Die Einstellungsgröße beschreibt den Inhalt und Umfang des Bildausschnitts innerhalb dieser Einstellung (der „Shot“).
Warum ist die Totale oft das erste Bild einer Szene?
Die Totale dient als „Establisher“. Sie gibt dem Zuschauer Orientierung, indem sie den Schauplatz und den räumlichen Kontext der Handlung zeigt.
Was ist das Besondere an der Amerikanischen Einstellung?
Sie wurde ursprünglich im Western verwendet, um Cowboys von den Oberschenkeln bis zum Kopf zu zeigen, was die Waffen am Bein sichtbar machte. Heute ist sie eine gängige Halbnahe, die in vielen Genres eingesetzt wird.
Wann setze ich eine Detailaufnahme ein?
Eine Detailaufnahme wird verwendet, um die volle Aufmerksamkeit des Zuschauers auf ein spezifisches, wichtiges Detail zu lenken, das sonst möglicherweise übersehen würde oder dessen Größe und Bedeutung hervorgehoben werden soll.
Sollte man beim Schnitt immer schrittweise die Einstellungsgrößen wechseln?
Nein, die veraltete Regel, immer nur eine Einstellungsgröße zu überspringen, ist überholt. Moderne Montage erlaubt größere Sprünge, solange die inhaltliche und dramaturgische Führung des Zuschauers gewährleistet ist und Achsensprünge (Blickwinkel) vermieden werden.
Fazit: Die Macht des Ausschnitts
Die bewusste Wahl der Einstellungsgröße ist ein mächtiges Werkzeug in der Hand von Filmemachern und Videoproduzenten. Sie beeinflusst nicht nur, was der Zuschauer sieht, sondern auch, wie er sich fühlt und welche Informationen er erhält. Die verschiedenen Einstellungsgrößen – von der weitläufigen Totale bis zur intimen Detailaufnahme – bieten eine reiche Palette an Ausdrucksmöglichkeiten, um Geschichten zu erzählen, Emotionen zu verstärken und den Blick des Zuschauers gezielt zu lenken. Die Beherrschung dieser „Grammatik des Films“ ist entscheidend für die Schaffung wirkungsvoller visueller Inhalte.
- Einstellungen sind die Bausteine von Szenen und Filmen.
- Die Einstellungsgröße definiert den Bildausschnitt und -inhalt.
- Die Abfolge der Einstellungen wird durch die Dramaturgie bestimmt.
- Klassische Größen sind Totale, Halbtotale, Halbnahe, Nahe, Groß und Detail.
- Amerikanische und Italienische Einstellung sind bekannte Sonderformen.
- Die richtige Wahl hängt von der Geschichte und der gewünschten Wirkung ab.
Weiterführende Literatur
Wer sich tiefer in das Thema Bildausschnitt, Einstellung und die Sprache des Films vertiefen möchte, dem sei das Buch „Grammar of the Film Language“ von Daniel Arijon wärmstens empfohlen. Es erklärt Montage und Einstellungen mit zahlreichen Illustrationen von Grund auf und gilt als Klassiker für Filmemacher und Videoproducer.
Mit über 600 Seiten mag es keine leichte Lektüre sein, aber die investierte Zeit lohnt sich. Das Werk enthält Fallstudien und viele einfach zu lesende und verstehende Storyboards. Leider ist es aktuell nur in englischer, japanischer, französischer und spanischer Sprache verfügbar.
Original-Titel: Grammar of the Film Language | Autor: Daniel Arjon | Verlag: Silman James
Dieser Artikel wurde erstmals publiziert am 08.08.2017
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