Bei welcher Brennweite ist man wie weit weg?

Brennweite: Wirkung und Anpassung verstehen

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Die Brennweite ist eines der grundlegendsten Konzepte in der Fotografie und hat einen enormen Einfluss darauf, wie Ihre Bilder aussehen. Sie bestimmt nicht nur, wie viel von der Szene vor Ihnen auf dem Sensor oder Film landet, sondern beeinflusst auch maßgeblich die Perspektive und die gefühlte Nähe zum Motiv. Viele Anfänger fragen sich, wie diese magische Zahl auf dem Objektivring oder im Kameramenü eigentlich 'eingestellt' wird. Es ist weniger eine Einstellung im Sinne von Helligkeit oder Fokus, sondern vielmehr eine Eigenschaft des Objektivs oder eine Auswahl innerhalb der Möglichkeiten eines Zoomobjektivs, ergänzt durch die Positionierung des Fotografen.

Um zu verstehen, wie man mit der Brennweite 'arbeitet', muss man zunächst wissen, was sie bedeutet und wie sie sich auf das endgültige Bild auswirkt. Die Brennweite beschreibt im Wesentlichen den Abstand vom optischen Zentrum des Objektivs bis zum Sensor oder Film, wenn das Objektiv auf unendlich fokussiert ist. Sie wird typischerweise in Millimetern (mm) angegeben.

Welche Blende, wenn alles scharf sein soll?
Als allgemeine Regel sollten für Porträts, bei denen der Hintergrund nicht fokussiert werden soll, Blenden zwischen 1:2,8 und 1:8 verwendet werden. Hingegen solltest du für Landschaften, bei denen alles vom Vordergrund bis zum Hintergrund scharf aussehen soll, eine Blende zwischen 1:11 und 1:22 verwenden.

Was die Brennweite wirklich beeinflusst

Die Brennweite hat zwei Hauptwirkungen auf Ihr Bild:

Der Bildwinkel

Der Bildwinkel ist der Bereich der Szene, der vom Objektiv erfasst und auf dem Sensor abgebildet wird. Eine kurze Brennweite (z.B. 20mm) hat einen weiten Bildwinkel, was bedeutet, dass Sie viel von der Umgebung auf Ihr Bild bekommen. Solche Objektive werden oft als Weitwinkelobjektive bezeichnet und eignen sich hervorragend für Landschafts-, Architektur- oder Innenaufnahmen. Eine lange Brennweite (z.B. 200mm) hat einen engen Bildwinkel. Sie 'zoomt' quasi in die Szene hinein und erfasst nur einen kleinen Ausschnitt. Dies sind Teleobjektive, die für Sport-, Tier- oder Porträtaufnahmen aus der Distanz verwendet werden.

Die Vergrößerung

Eine längere Brennweite vergrößert das Motiv stärker als eine kurze Brennweite, wenn Sie sich am selben Standort befinden. Objekte in der Ferne erscheinen mit einem Teleobjektiv viel größer als mit einem Weitwinkelobjektiv.

Die Perspektive (Indirekt)

Während die Brennweite selbst die Perspektive nicht direkt verändert – die Perspektive hängt vom Aufnahmestandpunkt ab – beeinflusst sie, wie wir den Aufnahmestandpunkt wählen müssen, um das Motiv in einer bestimmten Größe abzubilden. Wenn Sie ein Motiv mit einem Weitwinkelobjektiv formatfüllend aufnehmen möchten, müssen Sie sehr nah herangehen. Dies übertreibt die relativen Größenunterschiede zwischen nahen und fernen Objekten und führt zu einer 'weitwinkligen' oder 'gestreckten' Perspektive mit viel Tiefe. Wenn Sie dasselbe Motiv mit einem Teleobjektiv formatfüllend aufnehmen, müssen Sie weiter wegstehen. Dies komprimiert die relativen Größenunterschiede und führt zu einer 'telezentrischen' oder 'komprimierten' Perspektive, bei der Vorder- und Hintergrund näher zusammenrücken. Dies ist ein Schlüsselaspekt für die Wahl der richtigen Brennweite – sie beeinflusst, wo Sie stehen müssen, um Ihr Motiv passend abzubilden, und damit die resultierende Perspektive.

Wie die Brennweite 'geändert' oder 'genutzt' wird

Die Frage, wie die Brennweite 'eingestellt' wird, kann auf verschiedene Weisen interpretiert werden, je nachdem, was man erreichen möchte:

1. Durch den Wechsel des Objektivs (Festbrennweiten)

Die einfachste und ursprünglichste Methode, eine andere Brennweite zu verwenden, ist der physikalische Austausch des Objektivs. Wenn Sie ein Objektiv mit einer festen Brennweite besitzen (eine sogenannte Festbrennweite, z.B. ein 50mm Objektiv), dann ist die Brennweite dieses Objektivs eben 50mm. Um eine andere Brennweite zu nutzen, müssen Sie ein anderes Objektiv an Ihre Kamera anbringen, z.B. ein 24mm Weitwinkel oder ein 135mm Teleobjektiv. Dies ist die in Ihrem Ausgangstext genannte zweite Möglichkeit. Festbrennweiten sind oft sehr scharf und bieten eine hohe Lichtstärke (kleine f-Zahl), was sie bei vielen Fotografen beliebt macht.

2. Durch Zoomen (Zoomobjektive)

Moderne Fotografie wird oft von Zoomobjektiven dominiert. Diese Objektive decken einen Bereich von Brennweiten ab (z.B. 24-70mm oder 70-200mm). Bei einem Zoomobjektiv 'stellen' Sie die Brennweite ein, indem Sie einen Zoomring am Objektiv drehen. Dadurch verändern sich die Linsenelemente im Inneren des Objektivs, um den Bildwinkel und die Vergrößerung anzupassen. Dies ist die gebräuchlichste Art, die Brennweite während des Fotografierens zu ändern, da sie Flexibilität bietet, ohne das Objektiv wechseln zu müssen.

3. Durch Ändern des Arbeitsabstands (Beeinflussung des Bildausschnitts)

Ihr Ausgangstext erwähnt auch das Ändern des Arbeitsabstands (die Entfernung zwischen Kamera und Motiv) als Möglichkeit, die Brennweite 'einzustellen'. Dies ist technisch nicht korrekt im Sinne einer Änderung der optischen Eigenschaft des Objektivs (der Brennweite selbst), aber es ist eine sehr effektive Methode, den Bildausschnitt und die Vergrößerung des Motivs zu beeinflussen, *während die Brennweite konstant bleibt*. Je näher Sie an Ihr Motiv herangehen (kürzerer Arbeitsabstand), desto größer wird das Motiv im Bild. Je weiter Sie sich entfernen (längerer Arbeitsabstand), desto kleiner wird es. Dies ist eine grundlegende Technik der Bildgestaltung. Wenn Sie beispielsweise ein Porträt mit einem 85mm Objektiv machen und das Gesicht formatfüllend haben möchten, müssen Sie in einem bestimmten Abstand stehen. Wenn Sie sich entfernen, wird das Gesicht kleiner im Bild. Die Brennweite des Objektivs (85mm) hat sich dabei nicht geändert, aber der Bildausschnitt und die Vergrößerung des Motivs im Verhältnis zum Gesamtbild haben sich geändert. Das Ändern des Arbeitsabstands ist also eine Methode, den Bildeffekt der gewählten Brennweite zu nutzen und zu optimieren, nicht die Brennweite selbst zu verändern.

Brennweite und Sensorgröße (Der Crop-Faktor)

Ein weiterer wichtiger Faktor, der die Wirkung der Brennweite beeinflusst, ist die Größe des Kamerasensors. Die auf dem Objektiv angegebene Brennweite ist eine physikalische Eigenschaft des Objektivs, unabhängig vom Sensor. Der Crop-Faktor (oder Formatfaktor) beschreibt jedoch, wie ein kleinerer Sensor nur einen Ausschnitt des Bildkreises des Objektivs nutzt, der für einen größeren Sensor (z.B. Vollformat) ausgelegt wäre. Ein gängiger APS-C-Sensor hat oft einen Crop-Faktor von etwa 1,5x oder 1,6x im Vergleich zum Vollformat. Das bedeutet, dass ein 50mm Objektiv an einer APS-C-Kamera den gleichen Bildwinkel liefert wie ein 75mm (50mm * 1,5) oder 80mm (50mm * 1,6) Objektiv an einer Vollformatkamera. Man spricht hier von der 'effektiven Brennweite' oder dem 'äquivalenten Bildwinkel'. Für die meisten praktischen Zwecke bedeutet dies, dass Sie bei Kameras mit kleineren Sensoren kürzere Brennweiten benötigen, um den gleichen Bildwinkel wie mit längeren Brennweiten an Vollformatkameras zu erzielen.

Die Wahl der richtigen Brennweite für verschiedene Motive

Die Wahl der Brennweite hängt stark vom Motiv, dem gewünschten Bildausschnitt, der Komposition und der beabsichtigten Wirkung ab:

  • Landschaftsfotografie: Oft werden Weitwinkelobjektive (14mm - 35mm) verwendet, um viel Himmel und Vordergrund einzufangen und ein Gefühl von Weite und Tiefe zu vermitteln.
  • Porträtfotografie: Mittlere Teleobjektive (50mm - 135mm) sind beliebt, da sie eine natürliche Perspektive für Gesichter bieten und es dem Fotografen ermöglichen, in angenehmer Entfernung zum Modell zu stehen, während der Hintergrund schön unscharf wird (Bokeh).
  • Tierfotografie: Lange Teleobjektive (200mm - 600mm und länger) sind notwendig, um scheue Tiere aus sicherer Entfernung formatfüllend abzubilden.
  • Architekturfotografie: Weitwinkelobjektive sind üblich, um Gebäude vollständig zu erfassen, oft werden auch spezielle Tilt-Shift-Objektive verwendet, um stürzende Linien zu korrigieren.
  • Makrofotografie: Spezielle Makroobjektive (oft im Bereich von 50mm bis 200mm mit 1:1 Abbildungsmaßstab) werden verwendet, um sehr kleine Objekte detailreich und lebensgroß oder größer abzubilden.
  • Sportfotografie: Teleobjektive sind essenziell, um schnelle Action aus der Ferne einzufangen und zu isolieren.
  • Street Photography: Oft werden Standardbrennweiten (35mm, 50mm) verwendet, da sie dem natürlichen menschlichen Sehen nahekommen und unauffälliges Fotografieren ermöglichen.

Vergleich verschiedener Brennweitenbereiche

Diese Tabelle gibt einen Überblick über die typischen Brennweitenbereiche (basierend auf Vollformat) und ihre Anwendungen:

Brennweitenbereich (Vollformat)BezeichnungBildwinkelTypische AnwendungenEffekt auf das Bild
ca. 8mm - 20mmUltra-Weitwinkel / FisheyeSehr weitLandschaften, Architektur, Innenräume, kreative EffekteStarke Perspektivverzerrung möglich, viel Umgebung im Bild
ca. 20mm - 35mmWeitwinkelWeitLandschaften, Architektur, Reportage, Street PhotographyErfasst viel von der Szene, betont Tiefe
ca. 35mm - 70mmStandard / NormalMittelAlltag, Porträts, Reportage, ReisenNahe am menschlichen Sehen, natürliche Perspektive
ca. 70mm - 135mmTeleEngPorträts, Sport (mittlere Distanz), Tiere (Nähe)Isoliert das Motiv, komprimiert die Perspektive leicht, schönes Bokeh möglich
ca. 135mm - 300mmTeleEngerSport, Tiere, Porträts aus DistanzStarke Vergrößerung, stärkere Perspektivkompression
> 300mmSuper-TeleSehr engTierfotografie aus großer Distanz, Sport (weite Distanz)Sehr starke Vergrößerung, deutliche Perspektivkompression
Spezialobjektive (z.B. Makro)DiverseAbhängigNahaufnahmen von kleinen ObjektenHoher Abbildungsmaßstab

Häufig gestellte Fragen zur Brennweite

Ist Brennweite dasselbe wie Zoom?

Nein. Die Brennweite ist eine spezifische optische Eigenschaft eines Objektivs, angegeben in Millimetern. Zoom bezieht sich auf die Fähigkeit eines Objektivs, seinen Bildwinkel zu verändern, d.h., es deckt einen *Bereich* von Brennweiten ab. Ein 50mm Objektiv hat eine feste Brennweite von 50mm. Ein 24-70mm Objektiv ist ein Zoomobjektiv, das jede Brennweite zwischen 24mm und 70mm nutzen kann.

Verändert das Ändern des Abstands zum Motiv die Brennweite?

Nein. Das Ändern des Arbeitsabstands verändert nicht die Brennweite des Objektivs. Es verändert, wie groß das Motiv im Verhältnis zum gesamten Bildausschnitt erscheint (die Vergrößerung im Bild) und beeinflusst die Perspektive, da Sie den Aufnahmestandpunkt wechseln.

Was ist eine 'normale' Brennweite?

Eine 'normale' Brennweite ist diejenige, deren Bildwinkel und Vergrößerung dem menschlichen Sehen am nächsten kommt, ohne nennenswerte Verzeichnung oder Kompression. Bei einer Vollformatkamera gilt ein Objektiv mit etwa 50mm Brennweite als Normalobjektiv.

Wie beeinflusst der Crop-Faktor die Brennweite?

Der Crop-Faktor ändert nicht die physikalische Brennweite des Objektivs. Er beschreibt, dass der kleinere Sensor nur einen Teil des Bildkreises des Objektivs nutzt. Dadurch wird der Bildwinkel enger, und das Bild wirkt so, als wäre es mit einer längeren Brennweite an einem Vollformatsensor aufgenommen worden. Man spricht dann von der 'effektiven Brennweite' oder dem 'äquivalenten Bildwinkel' bezogen auf Vollformat.

Warum sollte ich Festbrennweiten verwenden, wenn es Zoomobjektive gibt?

Festbrennweiten haben oft eine höhere optische Qualität (schärfer, weniger Verzeichnung), eine größere maximale Blendenöffnung (besser bei wenig Licht, stärkeres Bokeh) und sind oft kleiner und leichter als vergleichbare Zoomobjektive. Sie zwingen den Fotografen auch, sich mehr zu bewegen und über die Komposition nachzudenken ('Zoom durch die Füße').

Fazit

Die Brennweite ist ein mächtiges Werkzeug in der Hand des Fotografen. Sie ist nicht etwas, das man wie den Fokus 'einstellt', sondern vielmehr eine Eigenschaft des gewählten Objektivs (bei Festbrennweiten) oder eine Einstellung innerhalb der Möglichkeiten eines Zoomobjektivs. Das Verständnis ihrer Wirkung auf Bildwinkel, Vergrößerung und die indirekte Beeinflussung der Perspektive durch die Wahl des Aufnahmestandpunkts ist entscheidend für die Bildgestaltung. Ob Sie die Brennweite durch den Wechsel des Objektivs, das Drehen eines Zoomrings oder durch strategisches Ändern Ihres Abstands zum Motiv 'anpassen' – all diese Methoden dienen dazu, den gewünschten Bildausschnitt und die passende Bildwirkung zu erzielen. Meistern Sie das Zusammenspiel dieser Faktoren, und Ihre kreativen Möglichkeiten in der Fotografie werden sich enorm erweitern.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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