Ein Gruß ist weit mehr als nur eine formale Begrüßung oder Verabschiedung. Er ist eine formalisierte oder ritualisierte Geste, Floskel oder ein anderes Ausdrucksmittel, das den Beginn oder Abschluss eines Kontaktes markiert. Durch den Gruß demonstriert der Grüßende seine Sicht der Beziehung zum Gegrüßten. Die Formen des Grußes sind stark abhängig von der jeweiligen Kultur, der Zeit und der herrschenden Mode. Die Bezeichnung „Gruß“ selbst geht auf das westgermanische Wort „grotjan“ zurück, was so viel wie „zum Reden bringen, sprechen machen“ bedeutet. Bestimmte Gesten können sogar die Zugehörigkeit zu spezifischen Gesellschaften, Vereinen oder Bewegungen anzeigen.

Man unterscheidet formal zwischen mehr gestischen Grußäußerungen und versprachlichten beziehungsweise verschriftlichten Grußformeln in der zwischenmenschlichen Interaktion. Bei persönlichen Kontakten wird üblicherweise verbal oder gestisch gegrüßt.
Etikette beim Grüßen
Im westlichen Kulturkreis gibt es verschiedene Regelwerke, die Normen für etikettegerechtes Verhalten festlegen, oft unter dem Namen „Knigge“ bekannt. Diese Regelwerke beschreiben auch das regional unterschiedliche Grüßen und Begrüßen. Eine Begrüßung, im Gegensatz zu einem einfachen Gruß, beinhaltet oft Körperkontakt, primär in Form von Händeschütteln. Ausnahmen bilden kollektive Begrüßungen einer Gruppe durch einen Redner.
Ein zentraler Aspekt der Etikette ist die Reihenfolge des Grüßens: Der Rangniedere grüßt zuerst den Ranghöheren, ein Herr die Dame, der Jüngere den Ältere und der Gastgeber den Gast. Es gilt im westlichen Kulturkreis als Unhöflichkeit, einen Menschen, der nachweislich gesehen und erkannt wurde, nicht zu grüßen. In diesem Sinne existiert eine Art „Grußhöflichkeit“ auch im Zivilleben.
Neben den Regeln für das Zusammentreffen von Personen gibt es auch Vorgaben für förmliche Verabschiedungen. Benimmbücher, die solche Regeln enthalten, werden im deutschsprachigen Raum nach Adolph Knigges Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ als „Knigge“ bezeichnet. Dieser Begriff hat sich auch im Internetzeitalter für Online-Regelwerke etabliert.
Vielfalt der verbalen Grüße
Die Bandbreite der verbalen Grüße ist enorm und spiegelt regionale sowie kulturelle Besonderheiten wider. Beispiele im deutschen Sprachraum sind „Guten Tag!“, „Tag!“, „Hallo!“, „Grüß Gott!“, „Grüß dich!“ oder „Grüß Sie!“. Im Bairischen und in Österreich hört man oft „Grieß Eahna!“ und „Griaß Eich“. In Teilen der deutschsprachigen Schweiz sind „Grüezi!“ und „Grüessech!“ gebräuchlich.
Weitere bekannte Grüße sind „Servus!“, „Valet!“, „Diener!“ (im Itzgründischen), „Salve!“, „Moin!“, „Ahoi!“, „Willkommen!“, „Mahlzeit!“, „Glück auf!“, „Gude!“, „Peace!“, „Salut!“, „High five“ oder „Hi!“. Auch aus anderen Sprachen stammende Grüße wie das italienische „Ciao!“ und das französische „Adieu“ haben sich im deutschen Sprachraum etabliert, wobei „Adieu“ hier fast ausschließlich als Abschiedsgruß verwendet wird, ähnlich wie „Tschüss“.
Manche Grüße sind tageszeitabhängig, sogenannte Tagesgrüße, wie zum Beispiel „Gute Nacht!“. Im Lötschental und im Goms (Kanton Wallis, Schweiz) wechselt der Gruß sogar viermal täglich: „Guätä Morgä!“ (frühmorgens bis ca. 8 Uhr), „güätä Tag wohl!“ (danach bis Mittag), „Guätä Abe!“ (nach dem Mittagessen bis ca. 20 Uhr) und „Guet Nacht wohl!“ (später). Interessanterweise können manche Grüße sowohl zur Begrüßung als auch zur Verabschiedung dienen, wie „Guten Abend!“ oder das bayerische/österreichische „Servus!“.
In Mittel- und Norddeutschland ist „Tschüss!“ oder „Adschüs!“ weit verbreitet und dehnt sich zunehmend nach Süddeutschland aus. Im Rheinland sagt man „Tschö!“. Berliner verwenden morgens „Mojen!“, tagsüber „Tach!“ und abends „Abend!“ oder „'n Abend!“. Die standarddeutschen Begrüßungsformeln gewinnen jedoch auch dort an Bedeutung.
Besonders hervorzuheben sind regionale Formen wie „Moin!“ in Ostfriesland und Schleswig-Holstein, das in Hamburg und Bremen auch als „moin-moin!“ vorkommt und den ganzen Tag gültig ist. Es könnte eine Kurzform des friesischen „moi morn!“ („schönen Tag!“) sein. In der Schweiz, Südtirol, Österreich und Altbayern gibt es die Abschiedsformel „bhüeti!“ oder „bhüeti Gott!“ („behüte dich Gott!“) sowie „pfüet di!“, „pfiat di!“ oder „pfiat di Gott!“, die auch in Form von „pfiat ina (Got)!“ („behüte Sie Gott!“) und „pfiat eich (Got)!“ beziehungsweise „pfiat enk (Got)!“ („behüte euch Gott!“) existiert.
Gestische Grußformen
Neben den verbalen Grüßen spielt die Geste eine entscheidende Rolle in der Kommunikation. Die Vielfalt der gestischen Grüße ist groß und variiert je nach Kultur und der Beziehung zwischen den Personen.
Unter Gleichrangigen
Unter Personen auf gleicher Ebene gibt es diverse Gesten:
- Die Verneigung oder Verbeugung demonstriert Respekt.
- Das Händeschütteln (Handschlag) ist in Europa weit verbreitet und drückt Verbundenheit auf gleicher Augenhöhe aus.
- Umarmungen sind eine gesteigerte Form, Verbundenheit zu zeigen.
- Der Kuss oder Wangenkuss bestätigt Zusammengehörigkeit oder stammt aus anderen Kulturen (Morgenland).
- Das Berühren mit den Ellenbogen etablierte sich während der COVID-19-Pandemie als Ersatz für den Handschlag.
- Einander Zuzunicken oder den Hut zu lüften zeigt gesellschaftliche Anerkennung unter Gleichgestellten.
- Die erhobene rechte offene Hand (den Indianern zugeschrieben) symbolisiert Friedfertigkeit (keine Waffe).
- Die erhobene offene rechte Handfläche oder Handkante zur rechten Stirnseite ist ein üblicher militärischer Gruß.
- Das Erheben der offenen rechten Hand und anschließendes Berühren des linken Oberkörpers (Herzposition) mit der rechten Faust bedeutet „One Peace, One Love“ und ist unter Reggae-Anhängern üblich.
Unter Personen verschiedenen Rangs
Wenn Personen unterschiedlichen Rangs aufeinandertreffen, können die Gesten Unterwerfung oder hohen Respekt symbolisieren:
- Niederwerfung (Proskynese), Fuß- und Kniefall oder die einseitige Abnahme der Kopfbedeckung können Unterwerfung symbolisieren.
- Der männliche Diener und der weibliche Knicks zeigen hohen Respekt an.
- Die Höhe der Hände kann den Rangunterschied anzeigen: Hände oberhalb des Kopfes für Höhergestellte, auf Kopfhöhe für Gleichgestellte, unter Kopfhöhe für Niedrigergestellte.
Der Humanethologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt fand durch interkulturelle Vergleiche Hinweise auf möglicherweise angeborene Grußformen, wie den Augengruß.
Spezifische Grußformen verschiedener Gruppen
Neben den allgemeinen Gesten haben sich in verschiedenen Gemeinschaften und Berufen eigene Grußformen entwickelt:
- Als Segensgruß, beispielsweise in der Kirche, dienen die ausgebreiteten, nach vorn gestreckten Arme.
- Das Victory-Zeichen (abgespreizter Zeige- und Mittelfinger) wurde durch Winston Churchill populär.
- Die demonstrativ erhobene geballte Faust war ein Kampfesgruß der Arbeiterbewegung. Nach ihrer Spaltung grüßten Kommunisten angeblich mit der rechten, Sozialdemokraten mit der linken Faust. Später unterschied man auch die Armhaltung. Symbolisch tragen sozialdemokratische Parteien oft die Faust mit Rose.
- Buchdrucker, Schriftsetzer und andere „Jünger der Schwarzen Kunst“ grüßen sich mündlich und schriftlich mit „Gott grüß die Kunst“, worauf mit „Gott grüße sie“ (klein geschrieben) erwidert wird. Dieser Gruß ist seit 1740 belegt.
- Der Hitlergruß oder „Deutscher Gruß“ wurde von den Nationalsozialisten übernommen, vermutlich aus militärischen Grußformen des Kaiserreiches oder abgeleitet vom saluto romano.
- Schmiedegesellen auf der Walz werden beim Betreten der Schmiede mit „Katzenkopf?“ begrüßt, die Antwort „Stück davon!“ identifiziert einen echten Zunftgesellen.
- Pfadfinder grüßen mit drei ausgestreckten Fingern der rechten Hand und geben sich die linke Hand mit zusammengefügtem Spalt neben dem kleinen Finger.
- Lokführer, Fahrdienstleiter, Straßenbahnführer und Buslenker grüßen sich oft mit einer erhobenen Hand oder durch das Abblenden des Spitzensignals („Lokführer-Begrüßungslicht“).
- Lkw-Fahrer grüßen mit Scheinwerfern oder Kompressorhörnern, nachts auch durch Aufblenden. Früher nutzten sie auch den CB-Funk.
- Motorradfahrer grüßen sich meist mit der linken Hand (Daumen und Finger gestreckt).
- Radfahrer grüßen sich bei extremem Wetter, Einsamkeit der Gegend oder großen Steigungen. Auch Fahrradboten grüßen einander.
- Paddler erkennen sich oft am Bootsträger auf dem Autodach und grüßen sich im Bereich von Flüssen.
- Bergwanderer in den Alpen siezen sich ab 1000 Höhenmetern generell.
- Windsurfer und Wellenreiter grüßen sich mit ausgestrecktem Daumen und kleinem Finger („Hang Loose“).
- Rocker und Metal-Fans nutzen oft die Mano cornuta.
- Trekkies verwenden den fiktiven vulkanischen Gruß (rechte Hand erhoben, Finger zwischen Mittel- und Ringfinger gespreizt).
- Der Nasengruß (Hongi) in Neuseeland ist eine traditionelle Begrüßung, bei der sich die Nasenspitzen berühren.
- In östlichen Kulturen (Japan, Korea) ist die einfache Verneigung üblich, oft mit Händen an den Oberschenkeln oder Seiten.
- In vielen süd- und südostasiatischen Ländern (Indien, Sri Lanka, Thailand) ist das senkrechte Nebeneinanderlegen der Handflächen (Wai, oft mit „Namaste“) üblich.
- Der arabische Friedensgruß „salām“ wird von einer leichten Verneigung mit der rechten Hand auf der Stirn begleitet.
- In einigen Gesellschaften umarmen und küssen sich auch Männer, was einen Grad der Intimität zeigt.
- Der Händedruck wird in Bereichen, wo Begegnungen mit Vertretern des Westens stattfinden, oft ergänzend oder ersetzend verwendet.
- Aachener erkennen sich am „Klenkes“ (Vorzeigen des kleinen Fingers der rechten Hand), der aus der Zeit der Nadelmacher stammt.
Diese vielfältigen gestischen und verbalen Grußformen zeigen die Komplexität und Bedeutung des Grüßens in der menschlichen Interaktion, die weit über eine einfache Formel hinausgeht und kulturelle, soziale sowie historische Aspekte widerspiegelt.
Tabellarische Übersicht: Beispiele für Grußformen
| Typ | Grußform | Beschreibung / Kontext |
|---|---|---|
| Verbal | Guten Tag! | Standardgruß im deutschen Sprachraum |
| Verbal | Hallo! | Informeller Gruß |
| Verbal | Servus! | Begrüßung und Verabschiedung (Bayern, Österreich) |
| Verbal | Moin! | Begrüßung zu jeder Tageszeit (Norddeutschland) |
| Verbal | Tschüss! | Abschiedsgruß (Mittel- und Norddeutschland) |
| Gestisch | Handschlag | Verbundenheit unter Gleichrangigen (Westen) |
| Gestisch | Verneigung | Respekt zeigen |
| Gestisch | Offene Hand | Friedfertigkeit (Indianer zugeschrieben) |
| Gestisch | Militärischer Gruß | Ehrbezeugung in Streitkräften |
| Gestisch | Hang Loose | Surfergruß (Daumen & kleiner Finger gestreckt) |
| Gestisch | Hongi | Nasengruß (Neuseeland, Māori) |
| Gestisch | Wai | Hände zusammenlegen (Südostasien) |
Grüße, die Rang oder Unterwerfung zeigen
Manche Grußformen sind eng mit der gesellschaftlichen Struktur und Hierarchie verbunden und dienen dazu, Respekt, Rangunterschiede oder sogar Unterwerfung zu signalisieren. Eine Unterwerfungsgeste unterscheidet sich von reiner Höflichkeit durch das Ausmaß der Unterordnung. In weniger facettierten Gesellschaften sind solche Gesten seltener anzutreffen; in Europa reagiert man heute eher mit Befremden auf ein Niederknien vor einer menschlichen Autorität.
Die Unterscheidung zwischen einem formal höflichen Gruß und einer Unterwerfung ist nicht immer leicht. Die Proskynese, das Küssen des Bodens, wurde vom griechischen Forscher Herodot beschrieben. Bei den Persern gab es abgestufte Grußformen je nach Rangunterschied: Kuss auf den Mund bei Gleichrangigen, Wangenkuss bei geringem Unterschied, Niederfallen und Huldigung bei großem Unterschied. Alexander der Große führte persische Manieren, einschließlich des Kniefalls, an seinem Hof ein, was bei seinen griechischen und makedonischen Unterworfenen auf Widerstand stieß, da sie diese Rituale Göttern vorbehalten sahen.
In höfischen Gesellschaften ist die stehende Verneigung vor Adel und Königshaus üblich. Im Westen vollführen Frauen oft einen Knicks, bei dem ein Fuß zurückgesetzt, der Körper gesenkt und der Kopf geneigt wird.
Differenziertere Unterwerfungsgesten gab es in formalisierteren Gesellschaften. Der Kotau im Kaiserreich China war ein Zeichen tiefer Verehrung, bei dem der Kopf den Boden berührte. Die Geste begann mit Niederknien und setzte sich fort, bis die Stirn den Boden berührte. Die Haltung des Kopfes konnte zudem den Grad der Unterordnung spiegeln.
In vielen Kampfsportarten gehört das Angrüßen vor Beginn eines Trainings oder Wettbewerbs zur Etikette. In Gruppen grüßen niedrigere Grade die höheren Gürtelträger durch eine Verbeugung.
Religiöse Grußformen
In vielen Religionen gibt es spezifische Gruß- oder Ehrerbietungsgesten. Viele Gläubige knien während des Gebets. Katholiken und teilweise Anglikaner vollziehen eine Kniebeuge auf dem rechten Knie als Zeichen der Anbetung Gottes. Manchmal wird auch ein hoher kirchlicher Würdenträger als Gesandter Gottes mit einer Kniebeuge begrüßt, dann aber zur Unterscheidung auf dem linken Knie.
In orthodoxen Kirchen gibt es statt der Kniebeuge die kleine Metanie, eine Verneigung, bei der der Gläubige den Boden mit einer Hand berührt. Im Islam wird während des Gebets der Sujud vollzogen, eine kniende Verneigung, bei der Stirn, Nase, Hände, Knie und Zehen den Boden berühren.
In der byzantinischen Liturgie ist das Stehen mit herabfallenden Händen die grundlegende Gebetshaltung, die sowohl Ehrerbietung als auch die Würde des Beters ausdrückt. Evangelische und katholische Christen erheben sich während des Gottesdienstes beim Hören des Evangeliums und beim Sprechen des Vater unser.
Militärische und Maritime Grüße
Der militärische Gruß dient in den meisten Streitkräften als gegenseitige Ehrbezeugung. Er wird international ähnlich ausgeführt, variiert aber in Details von Nation zu Nation.
Schiffe begrüßen sich maritim durch das Dippen der Nationalflagge, also das kurzzeitige Herunterlassen und Wiederhissen der Flagge am Fahnenmast.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was genau ist ein Gruß?
Ein Gruß ist eine ritualisierte Geste oder Floskel, die den Beginn oder Abschluss eines Kontaktes markiert und die Beziehung zwischen den Grüßenden zum Ausdruck bringt.
Welche Hauptarten von Grüßen gibt es?
Man unterscheidet hauptsächlich zwischen verbalen (gesprochenen oder geschriebenen) und gestischen (körperlichen) Grüßen.
Sind Grußformen überall gleich?
Nein, Grußformen sind stark abhängig von Kultur, Zeit, Mode und der jeweiligen sozialen Situation oder Beziehung zwischen den Personen.
Gibt es Regeln für das Grüßen?
Ja, im westlichen Kulturkreis gibt es Etikette-Regeln, oft als „Knigge“ bezeichnet, die unter anderem festlegen, wer wen zuerst grüßt (z.B. Rangniedere den Ranghöheren).
Können Grüße auch Unterwerfung zeigen?
Ja, bestimmte gestische Grüße wie die Proskynese, der Kniefall oder der Kotau können Unterwerfung oder tiefe Ehrerbietung signalisieren, insbesondere in Gesellschaften mit ausgeprägten Hierarchien.
Haben bestimmte Gruppen oder Berufe eigene Grüße?
Ja, es gibt viele Beispiele für spezifische Grußformen, die in bestimmten Gruppen, Berufen oder Subkulturen entstanden sind, wie der Buchdruckergruß, der Pfadfindergruß oder Grüße unter Fahrern oder Wassersportlern.
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