Welcher Kanton kam als letztes zur Schweiz?

Jura: Geburt des jüngsten Schweizer Kantons

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Der 1. Januar 1979 markiert einen bedeutenden Tag in der Geschichte der Schweiz: An diesem Datum trat der Kanton Jura der Eidgenossenschaft bei und wurde damit zu ihrem jüngsten Mitglied. Doch dieser Beitritt war das Ergebnis eines jahrzehntelangen, oft mühsamen Kampfes um Eigenständigkeit und Selbstbestimmung, der die Region tief prägte.

Wann wurde der Jura der Schweiz angeschlossen?
1978 wurde die Trennung durch einen entsprechenden Volksentscheid offiziell vollzogen, und 1979 trat der Jura der Schweizerischen Eidgenossenschaft als Vollmitglied bei. Am 23. Juni 1979 feierte der Kanton seine Unabhängigkeit vom Kanton Bern.

Die historischen Wurzeln der Jurafrage

Die Geschichte des Juras ist eng mit dem Fürstbistum Basel verbunden, dem im Jahr 999 ein Großteil des heutigen Kantonsgebiets geschenkt wurde. Über 800 Jahre lang war das Gebiet ein souveräner Staat innerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Nach dem Westfälischen Frieden von 1648 entwickelten sich enge Bindungen zur Schweizerischen Eidgenossenschaft. Ein entscheidender Bruch erfolgte jedoch 1815 auf dem Wiener Kongress, als die Jura-Region dem Kanton Bern zugeschlagen wurde. Diese Entscheidung löste von Anfang an Dissens aus. Der Jura war mehrheitlich französischsprachig und römisch-katholisch, während der Kanton Bern überwiegend deutschsprachig und protestantisch war. Diese Unterschiede in Sprache und Konfession legten den Grundstein für zukünftige Konflikte und das Streben nach Autonomie.

Der lange Weg zur Eigenständigkeit

Nach dem Zweiten Weltkrieg formierte sich eine starke separatistische Bewegung, die für die Abspaltung des Juras vom Kanton Bern kämpfte. Dieser Kampf war langwierig und zeitweise militant, geprägt von Auseinandersetzungen, Verhandlungen und mehreren Referenden. Organisationen wie 'Les Béliers', eine Jugendorganisation, griffen zu drastischen Mitteln, darunter Brandanschläge, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Ein entscheidender Schritt war die Annahme einer eigenen Verfassung im Jahr 1977. Am 24. September 1978 wurde die Schaffung des Kantons Jura offiziell bekannt gegeben, nachdem das Schweizer Volk in einer nationalen Abstimmung zugestimmt hatte. Die tatsächliche Loslösung von Bern und der Beitritt zur Eidgenossenschaft als vollwertiges Mitglied erfolgte dann am 1. Januar 1979. Die Unabhängigkeit vom Kanton Bern wurde am 23. Juni 1979 gefeiert. Es ist wichtig anzumerken, dass der südliche Teil der Region, der ebenfalls mehrheitlich französischsprachig, aber protestantisch geprägt ist, sich entschied, beim Kanton Bern zu verbleiben. Dieses Gebiet ist heute als Berner Jura bekannt. Der Begriff 'Jura' kann sich daher sowohl auf den Kanton Jura als auch auf das gesamte historische Gebiet inklusive des Berner Juras beziehen.

Staatsbildung: Eine Herkulesaufgabe

Die Gründung eines neuen Kantons war bei weitem keine leichte Aufgabe. François Lachat, oft als 'Gründervater' bezeichnet und erster Präsident sowie Finanzminister des Kantons, erklärte feierlich den Sieg, doch die eigentliche Arbeit begann erst danach. Den neuen Staat aus dem Nichts aufzubauen erforderte enorme Anstrengungen in vielen Bereichen. Fabien Dunand, ein Zeitzeuge und Biograph Lachats, identifizierte drei unerlässliche Säulen für den Aufbau: Beamte, Infrastruktur und vor allem Geld. Die Begeisterung in der Bevölkerung war riesig: Für die Besetzung von 450 Stellen im öffentlichen Dienst gingen über 4000 Bewerbungen ein – bei einer Bevölkerung von rund 70.000 Menschen. Das Problem der fehlenden Infrastruktur wurde zunächst durch Improvisation gelöst; die neue Verwaltung nahm ihre Arbeit in Wohnblöcken auf, Holzkisten dienten als provisorische Schreibtische, und die Arbeitszeiten waren extrem lang. Die Finanzierung war die kniffligste Angelegenheit. Der Jura war auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Ein demütiger Gang nach Bern war nötig, um ein dringend benötigtes 'Startdarlehen' zu erwirken. Die Bundeskanzlei lehnte zunächst 40 Millionen Franken ab. Erst Lachats spontane Drohung, dass der Kanton dann am 1. Januar 1979 nicht unabhängig werden würde, führte zur Freigabe der Mittel, glücklicherweise zinslos. Dies ermöglichte es dem Jura, sich an die größten Schweizer Banken zu wenden, um weitere 80 Millionen Franken für Investitionen in essenzielle Bereiche wie Spitäler, Schulen, das Justiz- und das Polizeiwesen zu erhalten. Lachat beschrieb die finanzielle Situation in den ersten Monaten als prekär, mit dem ständigen Schrecken eines Bankrotts. Dies zwang ihn zu drastischen Sparmaßnahmen, wie dem berühmten – wenn auch kurzlebigen – Versuch, die Heizkosten zu senken, was zu arbeitenden Sekretärinnen mit Halstüchern und fingerlosen Handschuhen führte.

Alltägliche Herausforderungen beim Aufbau

Neben den großen finanziellen und administrativen Hürden gab es unzählige praktische Aufgaben zu bewältigen. Autonummernschilder mussten organisiert und gedruckt werden – eine Aufgabe, die symbolisch wichtig war, da die Bürger sehr enthusiastisch waren, das neue 'JU' auf ihren Autos zu sehen. Ein funktionierendes Steuersystem musste etabliert und die Steuern eingezogen werden. Um dringend benötigte Einnahmen zu generieren, hatte der Jura in dieser Anfangszeit eines der härtesten Steuerregime der Schweiz. Zudem war es entscheidend, Investoren anzuziehen und in den Kanton zu bringen, da der Jura geografisch eher isoliert und unterentwickelt war. Eine weitere komplexe Herausforderung waren die Ressourcen, die sich zuvor im Besitz des Kantons Bern befanden, nun aber auf jurassischem Territorium lagen. Fragen wie 'Wem gehört das von Bern gebaute Spital, das jetzt im autonomen Kanton Jura steht?' oder 'Wem gehört das Gefängnis, wer bezahlt die Aufsicht der Gefangenen?' führten zu sechs langen, aufreibenden Verhandlungen zwischen den beiden Kantonen, bevor Klarheit geschaffen wurde. Die Pioniere der jurassischen Politik arbeiteten bis zur Erschöpfung, um den neuen Staat aufzubauen. Jean-Paul Beuret, der erste Wirtschaftsminister, fasste es treffend zusammen: 'Der Aufbau eines Staates ist nicht eben ein Ticket zum Paradies auf Erden.'

Vier Jahrzehnte Entwicklung und Normalisierung

Vierzig Jahre nach seiner Gründung hat sich der Kanton Jura zweifellos weiterentwickelt. Der heutige Finanzminister Charles Juillard, der als 16-Jähriger die Kantonsgründung miterlebte, spricht von einer 'Art Normalisierung'. Der Jura habe sich an seine Autonomie gewöhnt, daran, eigene Lösungen für Probleme zu finden und innerhalb des föderalistischen Systems der Schweiz zu agieren. 'Aufholinvestitionen' in den letzten Jahrzehnten haben dazu beigetragen, dass sich der Kanton von einer 'vergessenen' Ecke des Kantons Bern zu einer Einheit entwickelt hat, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Großprojekte wie der Bau der wichtigen Autobahn durch die Region ins benachbarte Frankreich, so Juillard, wären möglicherweise nicht realisiert worden, hätte der Jura nicht die Möglichkeit gehabt, als Kanton seine Anliegen bei den nationalen Behörden in Bern stark zu machen. Auch wirtschaftlich hat sich der Kanton behauptet. Laut dem Historiker Christoph Koller ist der Jura keineswegs von einer Wirtschaftskrise betroffen. Der Produktionssektor, insbesondere die Uhren- und Maschinenindustrie, ist nach wie vor stark und beschäftigt über 40% der Arbeitskräfte (im Vergleich zu 21,5% schweizweit). Der Dienstleistungssektor hat zwischen 1975 und 2016 stark zugelegt, von 32% auf 56% der Arbeitsplätze (im Vergleich zu 78% schweizweit). Die Arbeitslosigkeit ist mit 4,6% vergleichsweise niedrig (im Vergleich zu etwa 2% national). Tausende Grenzgänger aus Frankreich und Deutschland arbeiten täglich in der Region. Der Kanton weist zudem eine vergleichsweise niedrige Verschuldungsrate auf.

Abhängigkeit vom Finanzausgleichssystem

Trotz der Fortschritte bleibt der Kanton Jura in einem Bereich eine nationale Nachzüglerin: dem Finanzausgleichssystem. Dieses System verteilt Gelder von reicheren Kantonen ('Ressourcenpotential') an ärmere, um deren Bilanzen auszugleichen und Investitionen zu ermöglichen. Der Jura ist ausnahmslos der größte Empfänger in diesem System. Etwa 160 Millionen Franken der jährlichen kantonalen Ausgaben von rund 930 Millionen stammen aus diesem gemeinsamen Bundestopf. Diese beträchtliche Abhängigkeit ist für den Kanton essenziell. Juillard betont, dass das föderale System dem Jura zwar hilft, mit seiner geografischen Lage und den Auslagen zurechtzukommen, aber auch zusätzliche Arbeit und Kosten durch die Umsetzung von Bundesentscheidungen nach sich zieht, die nicht immer ausreichend vom Bund finanziert werden. Er nennt Asylrecht und Arbeitslosigkeit als Beispiele für kostspielige Bundespolitiken, die teilweise von den Kantonen getragen werden müssen. Die jüngste Revision des Finanzausgleichs, bei der reichere Kantone etwas weniger einzahlen und ärmere etwas weniger erhalten, kritisiert er als nicht gut für die schwächeren Kantone. Er fordert, dass das System gut bleiben muss und die Bundesbehörden, die derzeit Überschüsse erzielen, mehr tun sollten, um Fehlbeträge zu decken.

Die ungelöste Jurafrage: Moutier

Ein zentrales, noch nicht endgültig gelöstes Thema ist die sogenannte Jurafrage, insbesondere die Zugehörigkeit der Stadt Moutier (Münster). Moutier, geografisch im Berner Jura gelegen, hat eine mehrheitlich frankophone Bevölkerung, ist aber historisch und konfessionell protestantisch geprägt und blieb 1979 beim Kanton Bern. Seit 1994 ist die Frage der Vereinigung des Berner Juras mit dem Kanton Jura wieder aktuell. Eine Bundeskommission schlug 2004 eine Wiedervereinigung vor, wobei die Sprachfrage wichtiger als die Konfession gesehen wurde. 2012 einigten sich die Kantonsregierungen Bern und Jura, die Bevölkerung entscheiden zu lassen. 2013 stimmte der Kanton Jura für einen neuen Kanton, der Berner Jura dagegen. Am 18. Juni 2017 stimmte Moutier in einer Abstimmung für den Wechsel zum Kanton Jura. Diese Abstimmung wurde jedoch nach Rekursen annulliert, was zu Spannungen führte. Am 28. März 2021 stimmte Moutier in einer offiziell sanktionierten Wiederholung der Abstimmung erneut für den Übertritt zum Kanton Jura. Dieser Wechsel wird voraussichtlich bis 2026 umgesetzt. Die benachbarten Gemeinden Belprahon und Sorvilier stimmten 2017 für den Verbleib bei Bern.

"Republik und Kanton" – Ein besonderer Titel

Bei seiner Gründung nahm der Kanton Jura den Titel 'Republik und Kanton Jura' an. Dieser Titel wird in der Schweiz auch von den Kantonen Tessin, Genf und Neuenburg verwendet. Er verweist auf die Autonomie des Kantons und seine nominelle Souveränität innerhalb der Schweizerischen Eidgenossenschaft.

Wer hat Jura gegründet?
Unternehmensgeschichte. 1931 hat Leo Henzirohs die JURA Elektroapparate AG gegründet.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wer hat den Kanton Jura gegründet?
Die Gründung des Kantons Jura war das Ergebnis einer langen politischen Bewegung und mehrerer Abstimmungen. Eine einzelne Person hat ihn nicht 'gegründet', aber Persönlichkeiten wie François Lachat spielten eine zentrale Rolle als Gründervater und erster Präsident bei der politischen Umsetzung und dem Aufbau des Kantons.

Wann wurde der Kanton Jura der Schweiz angeschlossen?
Der Kanton Jura trat der Schweizerischen Eidgenossenschaft offiziell am 1. Januar 1979 bei.

Welcher Kanton kam als letztes zur Schweiz?
Der Kanton Jura ist der jüngste Kanton der Schweiz. Er trat der Eidgenossenschaft am 1. Januar 1979 bei.

Was waren die größten Herausforderungen bei der Gründung des Kantons Jura?
Zu den größten Herausforderungen gehörten die Sicherung der Finanzierung für den Aufbau der Verwaltung und Infrastruktur, die Schaffung eines funktionierenden Verwaltungsapparats aus dem Nichts, die Etablierung eines Steuersystems sowie die Klärung der Zugehörigkeit von Ressourcen, die zuvor im Besitz des Kantons Bern waren.

Was bedeutet der Titel 'Republik und Kanton'?
Der Titel 'Republik und Kanton' betont die Autonomie und nominelle Souveränität des Kantons innerhalb der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Neben dem Jura führen auch die Kantone Tessin, Genf und Neuenburg diesen Titel.

Ist die Jurafrage vollständig gelöst?
Die Jurafrage ist weitgehend geklärt, aber die Zugehörigkeit der Gemeinde Moutier sorgte lange für Spannung. Nach einer annullierten Abstimmung stimmte Moutier 2021 erneut für den Wechsel zum Kanton Jura, was voraussichtlich bis 2026 umgesetzt wird. Damit nähert sich die Frage ihrer endgültigen Klärung.

Wichtige Daten in der Geschichte des Kantons Jura

JahrEreignis
999Schenkung eines Großteils des Gebiets an das Fürstbistum Basel.
1815Die Jura-Region wird auf dem Wiener Kongress dem Kanton Bern zugeschlagen.
1977Annahme der Verfassung des Kantons Jura.
1978 (24. Sep)Offizielle Ankündigung der Schaffung des Kantons Jura nach nationaler Abstimmung.
1979 (1. Jan)Der Kanton Jura tritt der Schweizerischen Eidgenossenschaft bei.
1979 (23. Jun)Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit vom Kanton Bern.
2017 (18. Jun)Moutier stimmt erstmals für den Wechsel zum Kanton Jura (später annulliert).
2021 (28. Mär)Moutier stimmt erneut für den Wechsel zum Kanton Jura (Umsetzung bis 2026 erwartet).

Heute ist der Kanton Jura ein etabliertes Mitglied der Schweiz, das seinen eigenen Weg geht. Er hat sich von den Anfängen, in denen die Verwaltung in provisorischen Büros arbeitete und die Finanzierung eine ständige Sorge war, zu einem funktionierenden Kanton mit eigener Identität entwickelt. Herausforderungen wie die Abhängigkeit vom Finanzausgleich und die Nachwirkungen der Jurafrage, insbesondere in Moutier, bleiben bestehen, doch die Region hat bewiesen, dass sie in der Lage ist, ihre Zukunft selbst zu gestalten und ihren Platz im föderalistischen Gefüge der Schweiz zu behaupten.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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