Das Polarlicht, auch Aurora Borealis genannt, ist eines der faszinierendsten Naturphänomene, das man mit eigenen Augen – und natürlich mit der Kamera – erleben kann. Wenn der Himmel in tanzenden Farben erstrahlt, ist das ein unvergesslicher Moment. Doch das Fotografieren dieser Lichter ist nicht immer einfach und erfordert spezielle Kenntnisse über die richtige Ausrüstung und vor allem die passenden Kameraeinstellungen. Hier erfährst du alles, was du wissen musst, um beeindruckende Polarlichtfotos zu machen.

Zunächst einmal ist es gar nicht so leicht, das Polarlicht mit bloßem Auge zu erkennen, besonders wenn man sich noch an helles Licht gewöhnt hat. Wenn du aus einem beleuchteten Raum schaust, siehst du vielleicht nur eine blasse Wolke. Tritt jedoch ins Freie und lass deine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen. Oft wird das Polarlicht dann deutlich sichtbar. Ein kleiner Trick, um sicherzugehen, ob es sich wirklich um eine Aurora handelt und nicht nur um eine Wolke, ist eine Testaufnahme mit deiner Kamera. Der Sensor deiner Kamera ist nämlich viel sensibler als das menschliche Auge. Wenn die 'Wolke' auf dem Display deiner Kamera grün erscheint, dann hast du es mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem Polarlicht zu tun. Selbst bei einem schwachen Polarlicht wird die Kamera es oft viel grüner und intensiver abbilden, als du es mit bloßem Auge wahrnimmst.
Welche Ausrüstung benötigst du für die Polarlichtfotografie?
Bevor wir uns den Einstellungen widmen, ist die richtige Ausrüstung entscheidend. Du brauchst nicht unbedingt das teuerste Equipment, aber ein paar Dinge sind unerlässlich:
Die Kamera selbst: Eine DSLR-Kamera oder eine moderne spiegellose Systemkamera ist ideal. Vollformatkameras haben durch ihren größeren Sensor oft Vorteile bei schlechten Lichtverhältnissen, aber auch Kameras mit kleineren Sensoren können sehr gute Ergebnisse liefern. Wichtig ist, dass du die Einstellungen manuell kontrollieren kannst.
Das Objektiv: Dies ist vielleicht das wichtigste Element. Ein Weitwinkel- oder Ultra-Weitwinkel-Objektiv wird dringend empfohlen. Warum? Erstens kannst du damit mehr vom Himmel und damit mehr vom Polarlicht einfangen. Zweitens ermöglichen Weitwinkelobjektive oft eine größere Blendenöffnung. Und die Blende ist entscheidend. Du benötigst ein Objektiv mit einer möglichst großen maximalen Blendenöffnung, idealerweise f/2.8 oder kleiner (z.B. f/2.0, f/1.8, f/1.4). Eine große Blende lässt mehr Licht auf den Sensor, was bei der geringen Helligkeit des Polarlichts von Vorteil ist. Objektive mit kleineren Blendenöffnungen wie f/4 oder f/5.6 erfordern deutlich längere Belichtungszeiten oder höhere ISO-Werte, was zu Problemen führen kann.
Das Stativ: Ein stabiles Stativ ist absolut unverzichtbar. Da du mit langen Belichtungszeiten arbeiten wirst (dazu gleich mehr), muss deine Kamera während der Aufnahme vollkommen still stehen. Ein wackeliges Stativ führt zu unscharfen Bildern. Achte darauf, dass es auch windstabil ist, besonders in Regionen wie Island, wo starke Winde keine Seltenheit sind.
Der Fernauslöser: Um jegliche Vibrationen beim Auslösen zu vermeiden, ist ein Fernauslöser (kabelgebunden oder kabellos) sehr hilfreich. Alternativ kannst du auch den Selbstauslöser deiner Kamera verwenden (z.B. auf 2 oder 10 Sekunden eingestellt), um der Kamera Zeit zu geben, sich nach dem Drücken des Auslösers zu stabilisieren.
Akkus: Die Kälte entlädt Akkus sehr schnell. Nimm immer Ersatzakkus mit und bewahre sie warm auf (z.B. in einer Innentasche deiner Jacke). Ein externer Batteriegriff oder ein Fernbatteriepack, das du warm halten kannst, kann ebenfalls nützlich sein.
Weitere nützliche Dinge: Eine Stirnlampe (mit Rotlicht-Modus, um die Augen nicht an die Dunkelheit zu gewöhnen), warme Kleidung, Handschuhe, die die Bedienung der Kamera ermöglichen, und eventuell Heizpads für Akkus oder Objektive.
Die entscheidenden Kameraeinstellungen für das Polarlicht
Nachdem die Ausrüstung geklärt ist, kommen wir zu den Einstellungen. Hier gibt es keine universelle 'eine richtige' Einstellung, da sie von der Stärke des Polarlichts, der Umgebungshelligkeit (Mond, Lichtverschmutzung) und deinem gewünschten Ergebnis abhängen. Aber es gibt gute Ausgangspunkte und Richtlinien.
Der Aufnahmemodus: Stelle deine Kamera auf den manuellen Modus (M) ein. Nur so hast du die volle Kontrolle über alle wichtigen Parameter: Blende, Belichtungszeit und ISO.
Die Blende: Wähle die größtmögliche Blendenöffnung deines Objektivs (kleinste f-Zahl), z.B. f/2.8, f/2.0 oder f/1.4. Eine große Blende lässt maximal viel Licht herein und ermöglicht kürzere Belichtungszeiten oder niedrigere ISO-Werte, was das Bildrauschen reduziert.
Die Belichtungszeit: Dies ist die Zeit, in der der Sensor Licht sammelt. Für die Polarlichtfotografie benötigst du in der Regel längere Belichtungszeiten als bei Tagaufnahmen. Eine typische Belichtungszeit für eine moderate Aurora liegt bei etwa 5 bis 15 Sekunden. Bei schwachem Polarlicht oder wenn du die sanften Bewegungen der Aurora-Bänder einfangen möchtest, kannst du die Zeit auf 20 oder sogar 30 Sekunden verlängern. Sei jedoch vorsichtig bei sehr starken, sich schnell bewegenden Auroras – zu lange Belichtungszeiten können die Bewegung verwischen und das Bild überbelichten. Hier kann eine etwas kürzere Zeit (z.B. 2-8 Sekunden) besser sein, kombiniert mit einem etwas höheren ISO-Wert, um die Struktur der Bewegung zu erhalten.
Der ISO-Wert: Der ISO-Wert bestimmt die Lichtempfindlichkeit des Sensors. Ein höherer ISO-Wert macht den Sensor empfindlicher, was bei wenig Licht hilfreich ist, aber auch das Bildrauschen erhöht. Ein guter Startpunkt ist ISO 1600. Wenn die Aurora sehr hell ist oder ein heller Mond scheint, kannst du den ISO-Wert reduzieren (z.B. auf 800), um das Rauschen zu minimieren und Überbelichtung zu vermeiden. Bei sehr schwacher Aurora oder wenn du die Belichtungszeit nicht zu stark verlängern möchtest, kannst du den ISO-Wert erhöhen (z.B. auf 3200 oder sogar 6400), musst dann aber mit mehr Rauschen rechnen. Es ist oft besser, eine längere Belichtungszeit bei niedrigerem ISO zu wählen, um das Rauschen gering zu halten.
Hier ist eine vereinfachte Tabelle, die dir eine Orientierung geben kann:
| Szenario | Blende | Belichtungszeit (ca.) | ISO (ca.) |
|---|---|---|---|
| Schwache Aurora / Sanfte Bänder | Größtmöglich (z.B. f/2.8) | 15 - 30 Sekunden | 1600 - 3200 |
| Moderate Aurora | Größtmöglich (z.B. f/2.8) | 5 - 15 Sekunden | 800 - 1600 |
| Starke, tanzende Aurora | Größtmöglich (z.B. f/2.8) | 2 - 8 Sekunden | 800 - 1600 (ggf. höher für kürzere Zeit) |
| Heller Mond / Helle Umgebung | Größtmöglich (z.B. f/2.8) | Kürzer (z.B. 2 - 10 Sekunden) | Niedriger (z.B. 400 - 800) |
Denke daran, dies sind nur Richtwerte. Experimentiere mit den Einstellungen, um das beste Ergebnis für die jeweilige Situation zu erzielen.
Fokus und Weißabgleich
Autofokus funktioniert in der Dunkelheit oft nicht zuverlässig. Deine Kamera wird Schwierigkeiten haben, einen Fokuspunkt zu finden. Stelle den Fokus daher unbedingt auf manuell ein.
Wie fokussierst du im Dunkeln? Du kannst auf einen hellen Stern oder den Mond fokussieren, falls sichtbar. Alternativ stellst du den Fokus manuell auf Unendlich (∞). Bei den meisten Weitwinkelobjektiven für die Landschaftsfotografie liegt der Unendlich-Punkt nicht ganz am Anschlag des Fokusrings. Es erfordert etwas Übung, den genauen Punkt zu finden. Mache Testaufnahmen bei Tageslicht auf ein weit entferntes Objekt, merke dir die Position am Fokusring oder markiere sie. Oder nutze die Live-View-Funktion deiner Kamera, zoome digital in einen hellen Stern und stelle den Fokus manuell ein, bis der Stern scharf ist.

Der Weißabgleich: Der automatische Weißabgleich (AWB) kann bei Polarlichtaufnahmen problematisch sein, da sich die Farben und die Intensität der Aurora ständig ändern. Die Kamera könnte versuchen, die Szene als 'neutral weiß' zu interpretieren, was zu unnatürlichen Farbstichen (oft zu warm, gelblich-orange) führen kann. Es gibt keinen 'perfekten' Weißabgleich für das Polarlicht, da die Wahrnehmung und der gewünschte Look variieren. Wenn du im RAW-Format fotografierst (was dringend empfohlen wird, da RAW-Dateien mehr Bildinformationen enthalten und mehr Spielraum in der Nachbearbeitung bieten), kannst du den Weißabgleich später am Computer anpassen.
Wenn du den Weißabgleich bereits bei der Aufnahme festlegen möchtest, kannst du experimentieren: Eine manuelle Einstellung im Kelvin-Bereich (z.B. zwischen 3500K und 4000K) ergibt oft eine gute Basis. Die Einstellung 'Glühlampenlicht' (Tungsten/Incandescent) betont oft die blauen und kälteren Töne, während 'Leuchtstofflampe' (Fluorescent) dem ähneln kann, was du mit bloßem Auge siehst. Am besten ist es, verschiedene Einstellungen auszuprobieren und zu sehen, welcher Look dir am besten gefällt.
Polarlichtfotografie mit dem Smartphone
Früher war es fast unmöglich, das Polarlicht mit einem Smartphone einzufangen. Heutzutage gibt es jedoch Apps, die die manuellen Einstellungen einer DSLR nachahmen und längere Belichtungszeiten ermöglichen. Mit solchen Apps ist es durchaus möglich, auch mit dem Smartphone die grüne Farbe der Aurora sichtbar zu machen, selbst wenn sie am Himmel blass erscheint. Der Vorteil ist, dass die Bilder sofort auf deinem Handy sind und du sie teilen kannst. Die Qualität und die Kontrolle über die Einstellungen sind jedoch in der Regel nicht vergleichbar mit einer dedizierten Kamera und einem lichtstarken Objektiv. Wenn du jedoch keine teure Ausrüstung kaufen möchtest, kann eine gute Polarlicht-App eine Alternative sein.
Wo und wann fotografiert man das Polarlicht am besten?
Das Polarlicht ist in den Regionen rund um den Polarkreis am häufigsten zu sehen, darunter Nordnorwegen, Schweden, Finnland, Island, Grönland, Kanada und Russland. Bei besonders starker Aurora-Aktivität kann es auch in südlicheren Regionen wie Schottland oder sogar Teilen Deutschlands sichtbar sein, aber das ist selten.
Der wichtigste Faktor ist die Dunkelheit. In Island zum Beispiel ist das Polarlicht von September bis April zu sehen, da es in den Sommermonaten aufgrund der Mitternachtssonne nicht dunkel genug wird. Innerhalb dieses Zeitraums ist jede dunkle, klare Nacht mit guter Aurora-Vorhersage potenziell geeignet.
Um die Chancen zu maximieren, solltest du Orte mit möglichst wenig Lichtverschmutzung aufsuchen. Das bedeutet: Meide Städte und beleuchtete Gebiete. Selbst Scheinwerfer von Autos oder Stirnlampen anderer Personen können deine Aufnahmen stören. Fahre raus aufs Land, weit weg von künstlichem Licht. Orte mit beeindruckenden Landschaften wie Gletscherlagunen, Wasserfälle oder Berge eignen sich hervorragend, um sie als interessanten Vordergrund in deine Polarlichtfotos einzubauen. Beliebte Orte in Island sind zum Beispiel Jökulsárlón, Kirkjufell, der Þingvellir Nationalpark oder Gullfoss.
Die Nächte sind im Norden eines Landes am längsten, was in Regionen wie Akureyri oder Mývatn in Nordisland mehr Zeit für die Polarlichtjagd bedeutet. Der Nordosten Islands hat oft auch klareres Wetter, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, einen wolkenfreien Himmel zu finden.
Was die beste Tageszeit angeht: Das Polarlicht kann die ganze Nacht über erscheinen. Wenn die Aurora sehr stark ist, kannst du sie oft schon in der Dämmerung oder im Morgengrauen sehen und fotografieren. Das hat den Vorteil, dass du noch etwas Landschaftsdetails im Bild hast. Bei schwacher Aurora musst du warten, bis es vollständig dunkel ist und deine Augen sich angepasst haben – oder eben eine Testaufnahme mit der Kamera machen, um sie zu entdecken.
Häufig gestellte Fragen zur Polarlichtfotografie
Hier beantworten wir einige gängige Fragen:
Warum brauche ich ein Stativ?
Du verwendest lange Belichtungszeiten, um genügend Licht einzufangen. Jede Bewegung der Kamera während der Aufnahme führt zu unscharfen Bildern. Ein stabiles Stativ hält die Kamera absolut ruhig.
Warum funktioniert der Autofokus nicht?
Autofokussysteme benötigen Kontraste, um scharfzustellen. In der dunklen Nacht gibt es oft nicht genügend Kontraste, auf die die Kamera fokussieren kann. Daher ist manuelles Fokussieren auf einen hellen Punkt oder Unendlich notwendig.
Warum entladen sich meine Akkus so schnell?
Extreme Kälte reduziert die Leistungsfähigkeit von Akkus drastisch. Halte Ersatzakkus warm und wechsle sie bei Bedarf aus.
Soll ich im RAW-Format fotografieren?
Ja, unbedingt. RAW-Dateien enthalten deutlich mehr Bildinformationen als JPEGs. Das gibt dir in der Nachbearbeitung viel mehr Spielraum, um Belichtung, Farben und den Weißabgleich anzupassen, ohne Qualitätsverluste.
Kann ich mein Smartphone nutzen?
Ja, mit speziellen Apps, die längere Belichtungszeiten ermöglichen. Die Ergebnisse sind oft gut genug zum Teilen, aber eine dedizierte Kamera bietet mehr Qualität und Kontrolle.
Warum sollte ich Lichtverschmutzung vermeiden?
Künstliches Licht überstrahlt das oft schwache Polarlicht und macht es weniger sichtbar oder auf Fotos weniger intensiv. Dunkelheit ist der Schlüssel zum Erfolg.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Polarlichtfotografie eine wunderbare Herausforderung ist. Mit der richtigen Ausrüstung, dem Verständnis für die manuellen Einstellungen – besonders Blende, Belichtungszeit und ISO – sowie Geduld und der Suche nach einem dunklen Ort, wirst du in der Lage sein, dieses magische Himmelsspektakel in beeindruckenden Bildern festzuhalten. Übung macht den Meister, also probiere die Einstellungen aus, bevor du auf die Jagd gehst!
Viel Erfolg bei deiner Polarlichtjagd und allzeit gutes Licht!
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