Als Canon das EOS R System mit seinen spiegellosen Vollformatkameras einführte, war klar: Die Kompatibilität mit bestehenden EF- und EF-S-Objektiven über Adapter würde essenziell sein. Und tatsächlich ermöglichen die Adapter des EOS R Systems die volle Nutzung des umfangreichen EF-Objektivparks. Doch während diese Adapter eine Brücke bauen und den Übergang erleichtern, entfalten die spiegellosen Kameras ihr volles Potenzial erst mit den nativen RF-Objektiven. Die Frage, ob RF-Objektive besser sind als ihre EF-Vorgänger, beschäftigt viele Fotografen und Videografen. Die Antwort ist ein klares Ja – und die Gründe dafür sind vielfältig, technologisch fundiert und überzeugend.

Der Hauptgrund für die Überlegenheit der RF-Objektive liegt im Herzen des EOS R Systems selbst: dem RF Bajonett. Dieses wurde von Grund auf neu konzipiert, um die Möglichkeiten einer spiegellosen Vollformatplattform optimal auszunutzen. Im Vergleich zum EF-Bajonett bietet das RF-Bajett einen größeren Durchmesser und ein deutlich kürzeres Auflagemaß (den Abstand zwischen Bajonett und Sensor). Diese physischen Unterschiede mögen trivial erscheinen, sind aber optisch, mechanisch und elektronisch revolutionär. Sie ermöglichen ein innovatives Objektivdesign, das mit dem älteren EF-Bajonett schlichtweg nicht realisierbar war.
Das RF Bajonett: Mehr als nur ein Anschluss
Die Entwicklung des EOS R-Systems begann mit der Frage, was optisch und technisch in Zukunft mit Canon Objektiven möglich sein soll. Mike Burnhill, European Technical Support Manager bei Canon Europe, erklärt, dass der große Durchmesser des RF-Bajonetts den Ingenieuren erlaubt, Objektive mit größeren Hinterlinsen näher am Sensor zu platzieren. Dies führt nicht nur zu einer potenziellen Lichtstärke, die über das hinausgeht, was mit EF möglich war (wie das einzigartige RF 28-70mm F2 L USM zeigt), sondern auch zu einer verbesserten Abbildungsleistung über das gesamte Bildfeld, insbesondere in den Bildecken.
Doch die Vorteile des RF-Bajonetts sind nicht nur optischer Natur. Die Elektronik hat einen gewaltigen Sprung gemacht. Während das EF-Bajonett auf eine 8-polige Verbindung setzte, verfügt das RF-Bajonett über einen 12-poligen Anschluss. Diese erhöhte Anzahl an Kontakten ermöglicht eine deutlich verbesserte Kommunikationsleistung zwischen Objektiv und Kamera. Das Ergebnis ist spürbar: ein reaktionsschnellerer Autofokus, präzisere Steuerung und die Möglichkeit zur digitalen Objektivoptimierung (DLO) in Echtzeit. Die Kamera kann chromatische Aberrationen, Verzeichnungen und Beugung sofort korrigieren, basierend auf den exakten optischen Daten des angeschlossenen RF-Objektivs.
Ein weiterer enormer Vorteil, der direkt aus der verbesserten Kommunikation und dem Design des RF-Bajonetts resultiert, ist die Synergie mit der kamerainternen Bildstabilisierung (IBIS), die in ausgewählten EOS R Kameras integriert ist. Wenn IBIS mit der optischen Bildstabilisierung (IS) eines RF-Objektivs zusammenarbeitet, kann eine beeindruckende Kompensationsleistung von bis zu 8 Belichtungsstufen erreicht werden. Das bedeutet, Sie können aus der Hand mit deutlich längeren Belichtungszeiten fotografieren oder ruhigere Videoaufnahmen erzielen, selbst bei wenig Licht oder mit langen Telebrennweiten. Und das Beste: Selbst RF-Objektive ohne eigenen IS profitieren vom IBIS der Kamera und erreichen in vielen Fällen eine Stabilisierung, die mit einem Gimbal vergleichbar ist.
Optimiert für Video: Funktionen, die den Unterschied machen
Die Bedürfnisse von Video- und Filmemachern standen bei der Entwicklung der RF-Objektive von Anfang an im Mittelpunkt. Dies zeigt sich in mehreren spezifischen Funktionen, die in RF-Objektiven implementiert wurden:
- Unterdrückung von Focus Breathing: Focus Breathing ist das Phänomen, bei dem sich der Bildwinkel beim Fokussieren leicht verschiebt, was in Videoaufnahmen störend auffallen kann. RF-Objektive können diesen Effekt, oft elektronisch oder durch spezielle optische Konstruktionen mit schwebenden Fokusgruppen, unterdrücken. Nano-USMs und schwebende Fokusgruppen lösen das Problem effizient, ohne dass das Objektivdesign dadurch übermäßig komplex oder groß wird.
- Leiser und sanfter Autofokus: Für Videoaufnahmen ist ein leiser und gleichmäßiger Autofokus unerlässlich, insbesondere wenn ein Mikrofon an der Kamera montiert ist. RF-Objektive nutzen fortschrittliche Antriebseinheiten wie den Nano USM oder den Dual Nano USM, die nicht nur extrem schnell und präzise sind, sondern auch sehr leise arbeiten. Die STM-Antriebseinheit, die in einigen preiswerteren RF-Objektiven zu finden ist, zeichnet sich durch eine besonders gleichmäßige und nahezu geräuschlose Fokussierung aus, ideal für sanfte Fokusübergänge im Videomodus.
- Präzises Focus-by-Wire für manuelle Fokussierung: RF-Objektive verwenden ein elektronisch gesteuertes "Focus-by-Wire"-System für die manuelle Fokussierung. Dieses System wurde optimiert, um eine direkte und reaktionsschnelle Verbindung zwischen der Drehung des Fokusrings und der tatsächlichen Fokusanpassung herzustellen. Mike Burnhill betont, dass dies entscheidend für Filmemacher ist: „Wenn Sie ein Filmemacher sind, wollen Sie keinesfalls beim manuellen Fokussieren den Fokus am Motiv vorbeiziehen und dann den Ring in die entgegengesetzte Richtung drehen müssen, um das Bild wieder scharfzustellen. Das ist nicht schön, wenn man das im Video sieht. Mit dem ‚Focus-by-Wire‘-System ist die manuelle Fokussierung wesentlich präziser.“
- Feinere Blendensteuerung: Während für die Fotografie eine Anpassung der Blende in 1/3-Schritten üblich ist, können alle RF-Objektive die Blende in feineren 1/8-Schritten anpassen. Diese feinere Abstufung ist speziell für Videoaufnahmen von Vorteil, da sie plötzliche und merkliche Helligkeitssprünge bei der Anpassung der Belichtung während der Aufnahme verhindert. Die Veränderung erfolgt sehr gleichmäßig und ist kaum wahrnehmbar.
Kreative Kontrolle in Ihrer Hand: Der Steuerungsring
Ein weiteres herausragendes Merkmal vieler RF-Objektive ist der zusätzliche Steuerungsring. Dieser Ring kann mit einer Vielzahl von Funktionen belegt werden, darunter Blende, ISO, Belichtungskompensation oder Weißabgleich. Er bietet eine schnelle und präzise Möglichkeit, wichtige Kameraeinstellungen anzupassen, ohne das Auge vom Sucher nehmen oder durch Menüs navigieren zu müssen. Dies ermöglicht einen flüssigeren Workflow und mehr kreative Kontrolle direkt am Objektiv.
Vergleich der Objektive: Zoomobjektive im Detail
Canon hat beim Aufbau des RF-Objektivsortiments nicht einfach die EF-Serie kopiert, sondern etwas komplett Neues geschaffen. John Maurice, European Product Marketing Manager bei Canon Europa, erklärt: „Das Sortiment von Canon RF Objektiven soll nicht die Funktionen der EF Serie reproduzieren, sondern stellt etwas komplett Neues dar.“ Dies zeigt sich besonders deutlich beim Vergleich spezifischer RF-Objektive mit ihren EF-Vorgängern.
Die L-Zoom-Trinity (f/2.8)
Die drei professionellen L-Zoomobjektive – das RF 15-35mm F2.8 L IS USM, das RF 24-70mm F2.8 L IS USM und das RF 70-200mm F2.8 L IS USM – decken zusammen einen vielseitigen Brennweitenbereich ab. Ein entscheidender Vorteil gegenüber ihren EF-Pendants: Alle drei RF-Zooms verfügen über eine integrierte optische Bildstabilisierung, die bei den EF f/2.8 Zooms (ausgenommen das EF 24-70mm f/2.8L II USM, das keinen IS hatte) fehlte. Besonders beeindruckend sind die beiden RF 70-200mm Zooms (F2.8 und F4), die im Vergleich zu den EF-Versionen viel kleiner und leichter sind, ohne Kompromisse bei der optischen Qualität einzugehen. „Fotografen sind gewohnt, dass ein 70-200mm f/2.8 Objektiv schwer ist. Das ist hier nicht der Fall und dieses Objektiv bietet zudem eine beeindruckende Schärfe“, so John Maurice. Das RF 70-200mm F2.8 L IS USM ist tatsächlich rund ein Drittel leichter und deutlich kürzer als das entsprechende EF-Modell.
Vielseitige Standardzooms
Das RF 24-105mm F4 L IS USM ist ein hervorragendes Allround-Zoom, leichter als sein EF-Vorgänger und mit einer 5-stufigen Bildstabilisierung ausgestattet. Es übertrifft das EF 24-105mm F4 L IS II USM in Sachen AF-Geschwindigkeit und Abbildungsleistung bis in die Bildecken. Auch die kompaktere und preiswertere Alternative, das RF 24-105mm F4-7.1 IS STM, bietet im Vergleich zum EF 24-105mm F3.5-5.6 IS STM eine überlegene Abbildungsleistung.
Einzigartige RF-Zooms
Ein echtes Highlight und ohne direktes Gegenstück im EF-Sortiment ist das Canon RF 28-70mm F2 L USM. Dieses Objektiv bietet eine außergewöhnlich hohe Lichtstärke von F2 über den gesamten Zoombereich. Obwohl es keine eigene optische Stabilisierung besitzt, profitiert es enorm vom IBIS der EOS R Kameras und erreicht dank des großen Bildkreises und der fortschrittlichen Kommunikation eine Kompensationsleistung von bis zu acht Stufen. John Maurice merkt an: „Eine der wichtigsten Eigenschaften des RF-Bajonetts ist, dass wir Objektive mit sehr großen Bildkreisen entwickeln können, dank derer sich der Kamerasensor weiter bewegen und so viel besser Vibration korrigieren kann.“ Die Stabilisierungsleistung ist so effektiv, dass sie fast der eines Gimbals entspricht.
Für maximale Vielseitigkeit gibt es das preiswerte RF 24-240mm F4-6.3 IS USM. Dieses leichte 10-fach Zoomobjektiv ist mit Nano-USM ausgestattet, was für schnellen, leisen Autofokus und sanfte Fokusübergänge bei Videoaufnahmen sorgt.
Telezooms mit verbesserter Leistung
Auch im Telebereich zeigen RF-Objektive deutliche Verbesserungen. Das RF 100-500mm F4.5-7.1 L IS USM ist deutlich kompakter als das EF 100-400mm F4.5-5.6 L IS II USM, bietet aber mit 100mm mehr Brennweite einen vergleichsweise besseren IS, einen schnelleren AF und eine überlegene Abbildungsleistung, insbesondere im Nahbereich.
Festbrennweiten: Schärfe, Bokeh und Innovation
Auch bei den Festbrennweiten setzen RF-Objektive neue Maßstäbe und übertreffen in vielen Punkten ihre EF-Äquivalente oder bieten gänzlich neue Möglichkeiten.
Vielseitige Standard-Primes
Das RF 35mm F1.8 Macro IS STM ist ein Paradebeispiel. Im Gegensatz zum EF 35mm F2 IS USM bietet es eine Makrofunktion (bis 1:2), eine bessere Bildstabilisierung, eine überlegene Abbildungsleistung und ist zudem eine Drittel Blende lichtstärker. Mike Burnhill hebt hervor: „Mit einer natürlich wirkenden Brennweite und seiner hohen Lichtstärke ist es ein ideales Objektiv für die Street-Fotografie, wenn man nicht auffallen möchte.“
Das RF 50mm F1.8 STM, oft als „Nifty Fifty“ bezeichnet, sticht im Vergleich zum EF 50mm F1.8 STM durch eine deutlich verbesserte Abbildungsleistung hervor, insbesondere im mittleren Bildfeld bei offener Blende. Seine auf das spiegellose System abgestimmte Konstruktion mit einer asphärischen Linse ermöglicht zudem eine kürzere Naheinstellgrenze von nur 30 cm. Es ist derzeit das kleinste Objektiv im RF-Sortiment.
Im professionellen Bereich bietet das Canon RF 50mm F1.2 L USM eine erheblich bessere Schärfe und höheren Kontrast als das EF 50mm F1.2 L USM. Es ist mit einer Blende aus zehn Lamellen sowie UD- und asphärischen Linsenelementen ausgestattet, die zu seiner beeindruckenden Leistung beitragen.
Porträt-Primes mit besonderem Bokeh
Für Porträtfotografen sind die 85mm-Festbrennweiten besonders interessant. Das Canon RF 85mm F1.2 L USM bietet im Vergleich zum EF 85mm F1.2 L II USM eine erheblich bessere Schärfe und Kontrast sowie einen schnelleren Autofokus.
Eine einzigartige Variante ist das Canon RF 85mm F1.2 L USM DS. Es teilt die optische und mechanische Konstruktion des RF 85mm F1.2 L USM, verfügt aber auf einigen Linsenelementen über eine spezielle „Defocus Smoothing“-Beschichtung (DS-Beschichtung). Diese Beschichtung sorgt dafür, dass die Unschärfebereiche (Bokeh) noch weicher und cremiger erscheinen, insbesondere bei großen Blendenöffnungen. Mike Burnhill beschreibt den Effekt: „Es erzielt einzigartigen Look, der von keinem anderen Objektiv am Markt erreicht wird.“
Eine weitere attraktive 85mm-Option ist das RF 85MM F2 MACRO IS STM. Im Gegensatz zum EF 85mm F1.8 USM verfügt dieses Objektiv über eine Makrofunktion (bis 1:2) und eine integrierte Bildstabilisierung. Es bietet eine bessere Abbildungsleistung bei offener Blende bis in die Bildecken und ist dank seines STM-Autofokusantriebs hervorragend für Videoaufnahmen geeignet.
Einzigartige Super-Teleobjektive
Gänzlich neu und ohne Entsprechung im EF-Sortiment sind die preiswerten und bemerkenswert leichten Super-Teleobjektive RF 600mm F11 IS STM und RF 800mm F11 IS STM. Ihre konstante Blende von F11 mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, ermöglicht aber eine kompakte und leichte Bauweise zu einem erschwinglichen Preis. Die F11-Blende sorgt für ein angenehm kreisrundes Bokeh. Trotz der vergleichsweise geringen Lichtstärke bleibt die Autofokus-Funktion der neuen EOS R Kameras mit diesen Objektiven erhalten, was sie zu einer interessanten Option für Wildlife- oder Sportfotografie macht, bei der Distanz und Gewicht eine Rolle spielen.
Häufig gestellte Fragen
Warum sind RF-Objektive optisch besser?
Das RF-Bajonett ermöglicht dank größerem Durchmesser und kürzerem Auflagemaß innovativere optische Designs, lichtstärkere Konstruktionen und eine verbesserte Abbildungsleistung bis in die Bildecken.
Welche Vorteile bieten RF-Objektive für Videoaufnahmen?
Sie verfügen über Funktionen wie elektronische Unterdrückung des Focus Breathing, sehr leisen AF (Nano USM/STM), präzises Focus-by-Wire für manuelle Fokussierung und feine Blendeneinstellung in 1/8 Schritten für sanfte Helligkeitsübergänge.
Kann ich EF-Objektive am EOS R System verwenden?
Ja, Canon bietet Adapter an, die volle Kompatibilität ermöglichen. Allerdings entfalten RF-Objektive das volle Potenzial des Systems und bieten technologische Vorteile, die mit EF-Objektiven nicht erreicht werden können.
Gibt es RF-Objektive ohne EF-Gegenstück?
Ja, Beispiele sind das extrem lichtstarke RF 28-70mm F2 L USM, die leichten Superteleobjektive RF 600mm und 800mm F11 IS STM sowie das RF 85mm F1.2 L USM DS mit seiner speziellen Bokeh-Beschichtung.
Profitieren RF-Objektive ohne IS von der kamerainternen Stabilisierung?
Ja, RF-Objektive ohne eigenen optischen IS können von der kamerainternen Bildstabilisierung (IBIS) der EOS R Kameras profitieren und in Kombination mit dem RF-Bajonett hohe Stabilisierungsleistungen erreichen.
Fazit
Die technologischen Fortschritte, die in den RF-Objektiven stecken – vom revolutionären RF Bajonett über die verbesserte Elektronik und Kommunikation bis hin zu den speziellen Funktionen für Video und den optimierten optischen Designs – machen sie ihren EF-Vorgängern in fast jeder Hinsicht überlegen. Sie sind nicht nur eine Weiterentwicklung, sondern stellen oft eine Neudefinition dessen dar, was mit einem Objektiv möglich ist. Während die Kompatibilität mit EF-Objektiven dank der Adapter eine großartige Option für den Übergang ist, wird jeder, der das volle Potenzial des EOS R Systems ausschöpfen möchte, auf lange Sicht um die Investition in RF-Objektive nicht herumkommen. Die RF-Objektive sind der Schlüssel, um die volle Leistung und die innovativen Funktionen der spiegellosen EOS R Kameras zu nutzen.
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