Einst ein Schwergewicht in der Telekommunikationsbranche, insbesondere im Bereich der Festnetztelefone, wagte Siemens in den 1980er Jahren den Schritt in den aufstrebenden Mobilfunkmarkt. Mit innovativen Modellen und deutscher Ingenieurskunst etablierte sich das Unternehmen schnell als wichtiger Akteur. Doch Mitte der 2000er Jahre kam das plötzliche Ende: Siemens zog sich komplett aus dem Handygeschäft zurück. Die Frage „Warum baut Siemens keine Handys mehr?“ beschäftigt bis heute viele ehemalige Nutzer und Technikinteressierte. Die Antwort ist komplex und liegt in einer Mischung aus hartem Wettbewerb, strategischen Fehlern und finanziellen Belastungen.

Der Aufstieg und der schnelle Fall
Siemens Mobile begann seine Reise im Mobilfunk 1985 mit dem ersten Mobiltelefon, dem Siemens Mobiltelefon C1. Es folgten Meilensteine wie das S1 GSM-Telefon (1994), das S10 mit Farbbildschirm (1997) – eines der ersten weltweit – und das innovative Slider-Handy SL10 (1999). Mit Modellen wie dem SL45, einem der ersten Handys mit MP3-Player und Speicherkartenunterstützung (2000), oder dem Business-Klassiker S55 (2002) bewies Siemens Innovationskraft und erreichte zeitweise eine starke Marktposition.
Anfang der 2000er Jahre gehörte Siemens noch zu den Top-Playern im globalen Handy-Markt. Im dritten Quartal 2000 hatte das Unternehmen einen Marktanteil von respektablen 8,6 Prozent und lag damit hinter Ericsson, Motorola und Nokia auf Platz vier. Auch im Kalenderjahr 2003 behauptete sich Siemens mit 8,5 Prozent Marktanteil auf dem vierten Rang hinter Samsung, Motorola und Nokia. Der Markt war jedoch extrem dynamisch und der Wettbewerb intensivierte sich zusehends.
Ab 2004 begann der Abstieg. Der Marktanteil sank auf 7,2 Prozent. Die Verluste im Handygeschäft häuften sich. Siemens machte zu dieser Zeit Medienberichten zufolge täglich rund 1,5 Millionen Euro Verlust. Der Preiskampf am Markt verschärfte sich, was die Margen weiter unter Druck setzte. Hinzu kamen interne Probleme, darunter eine schwerwiegende Softwarepanne bei neuen Modellen im Jahr 2004, die das Vertrauen der Kunden erschütterte und den Verkauf neuer Geräte bremste. Im ersten Quartal 2005 war der Marktanteil auf nur noch 5,6 Prozent gefallen. Siemens war hinter neue Konkurrenten wie LG und Sony Ericsson zurückgefallen und fand sich auf Platz sechs wieder, weit hinter dem Marktführer Nokia (ca. 30 Prozent Marktanteil).
Ein weiterer Faktor, der zu den hohen Verlusten beitrug, war die Xelibri-Modellreihe, die 2003 eingeführt wurde. Diese modisch orientierten, teils ungewöhnlich geformten Telefone sollten ein neues Marktsegment erschließen. Sie waren jedoch ein kostspieliger Misserfolg und trugen erheblich zu den finanziellen Schwierigkeiten der Sparte bei.
Die Suche nach einem Partner und die Übernahme durch BenQ
Angesichts der anhaltenden dreistelligen Millionenverluste suchte Siemens seit Monaten nach einer Lösung für seine Mobilfunksparte. Eine Schließung oder Restrukturierung wäre ebenfalls teuer gewesen. Die bevorzugte Option war der Verkauf an einen strategischen Partner. Am 7. Juni 2005 verkündete Siemens schließlich den Verkauf des Handygeschäfts an das taiwanesische Unternehmen BenQ.

BenQ, eine Abspaltung des Computerherstellers Acer, war bereits im Mobiltelefongeschäft tätig, produzierte aber einen Großteil seiner Geräte als Fremdproduktionen für andere Hersteller, darunter auch für den Marktführer Nokia. Mit der Übernahme von Siemens Mobile verfolgte BenQ das ehrgeizige Ziel, unter die vier größten Handy-Hersteller weltweit vorzudringen. Durch die Akquisition sollte der Handy-Absatz von BenQ auf über 50 Millionen Stück pro Jahr steigen und der Umsatz auf über zehn Milliarden US-Dollar mehr als verdoppelt werden.
Für Siemens bedeutete der Deal trotz des Verkaufs eine finanzielle Belastung. Es wurde kein Kaufpreis genannt, aber Siemens musste vor der Übergabe noch 250 Millionen Euro investieren und Vermögenswerte in Höhe von 100 Millionen Euro abschreiben. Aus der Transaktion resultierte eine Ergebnisbelastung vor Steuern von rund 350 Millionen Euro für Siemens. Als Teil des Deals beteiligte sich Siemens mit rund 2,5 Prozent an BenQ, was einem Wert von etwa 50 Millionen Euro entsprach.
Die Übernahme umfasste nicht nur das Geschäft, sondern auch die Mitarbeiter. Rund 6000 Siemens-Mitarbeiter weltweit waren betroffen, darunter auch diejenigen am deutschen Produktionsstandort Kamp-Lintfort in Nordrhein-Westfalen. Siemens-Chef Klaus Kleinfeld betonte, dass die Weiterführung des Standorts Kamp-Lintfort ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung für BenQ war. Die Beschäftigten sollten alle zu ihren bisherigen Konditionen übernommen werden. Auch der künftige Hauptsitz des Mobiltelefongeschäftes sollte in Deutschland bleiben und von München aus gesteuert werden.
BenQ erhielt im Rahmen der Übernahme das Recht, die Marken- und Namensrechte von Siemens für Mobiltelefone für die Dauer von fünf Jahren zu nutzen. Aus Siemens Mobile wurde BenQ-Siemens.
BenQ-Siemens und das schnelle Ende
Die Integration des verlustreichen Siemens-Geschäfts erwies sich für BenQ als schwierig. Die erwarteten Synergien und der schnelle Aufstieg in die Top Vier blieben aus. Nur etwas mehr als ein Jahr nach der Übernahme musste die deutsche Einheit von BenQ, die BenQ Mobile GmbH & Co. OHG, im September 2006 Insolvenz anmelden. Die Produktion in Deutschland wurde eingestellt und tausende Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz, trotz der ursprünglichen Zusicherungen.
Die Marke BenQ-Siemens existierte noch für eine kurze Zeit weiter, mit Modellen, die hauptsächlich in Asien entwickelt und produziert wurden. Die letzten Handys unter der Marke Siemens (AL21, A31, AF51) wurden noch im November 2005 veröffentlicht, kurz nach der formalen Übergabe des Geschäfts an BenQ. Die Handys unter der gemeinsamen Marke BenQ-Siemens wurden bis zur Insolvenz und dem anschließenden Ende des Betriebs der deutschen Tochter produziert.

Das Scheitern von BenQ Mobile besiegelte endgültig das Ende der Marke Siemens auf dem Handy-Markt. Ein Comeback in dieser Form gab es nicht.
Ein Blick zurück: Wichtige Siemens Handy-Modelle
Siemens Mobile war über zwei Jahrzehnte lang aktiv und brachte einige bemerkenswerte Modelle auf den Markt, die oft technologische Trends setzten oder beliebte Business-Geräte waren. Hier ein Überblick über einige der im Text erwähnten oder historisch bedeutenden Modelle:
| Modell | Einführung | Besonderheiten | Anmerkungen |
|---|---|---|---|
| Siemens Mobiltelefon C1 | 1985 | Erstes Mobiltelefon von Siemens | Ein Pioniergerät |
| Siemens S1 GSM | 1994 | Erstes GSM-Telefon von Siemens | Wegbereiter für digitale Mobilfunknetze |
| Siemens S10 | 1997 | Farbbildschirm (rot, grün, blau, weiß) | Eines der ersten Handys mit Farbanzeige |
| Siemens S10 Active | 1997 | Verbesserter Schutz gegen Stoß, Staub, Spritzwasser | Erstes "Outdoor"-Telefon |
| Siemens SL10 | 1999 | Slider-Design | Erstes Slider-Handy |
| Siemens SL45 | 2000 | MP3-Player, MultiMediaCard-Unterstützung | Frühzeitige Integration von Musik und Speicher |
| Siemens S55 | 2002 | Business-Handy, MMS, Bluetooth, IrDA, ansteckbare Kamera (IQP-500) | Beliebtes Modell, von Angela Merkel genutzt |
| Siemens SX1 | 2003 | Symbian OS, Hot-Swap MMC, seitliche Tasten | Smartphone-Versuch mit ungewöhnlicher Tastatur |
| Xelibri-Reihe | 2003 | Modische, unkonventionelle Designs | Kommerzieller Misserfolg |
| Siemens SXG75 | 2005 | Integriertes GPS | Eines der letzten Modelle, mit echter GPS-Funktion |
Diese Liste zeigt die Bandbreite der Siemens-Entwicklungen. Vom robusten Outdoor-Handy bis zum fortschrittlichen Smartphone-Versuch mit Symbian OS oder der Integration von MP3-Playern und Kameras zeigte Siemens, dass das Unternehmen technisch mithalten konnte. Doch der schnelle Wandel des Marktes, der aggressive Wettbewerb, der Fokus auf immer günstigere Preise und die erwähnten internen Probleme, insbesondere bei der Software, führten letztlich dazu, dass Siemens nicht mehr profitabel arbeiten konnte und den Anschluss verlor.
Was geschah danach?
Nach der Insolvenz von BenQ Mobile im Jahr 2006 schien das Kapitel Siemens Handys endgültig beendet. Allerdings wagte Siemens später einen erneuten Versuch im Telekommunikationsendgeräte-Markt, wenn auch in einem anderen Segment. Unter der Marke Gigaset (eine ehemalige Siemens-Tochter) wurden und werden weiterhin Schnurlostelefone für den Festnetzbereich produziert. Später, ab 2015, stieg Gigaset unter eigenem Namen auch wieder in den Smartphone-Markt ein, allerdings unabhängig vom historischen Siemens Mobile Geschäft und mit Fokus auf andere Zielgruppen und Marktsegmente als die High-End-Geräte der späten Siemens Mobile Ära.
Der Rückzug von Siemens aus dem globalen Handy-Markt im Jahr 2005 markiert das Ende einer bedeutenden Ära für die deutsche Technologieindustrie in diesem speziellen Bereich. Es war eine strategische Entscheidung, getroffen unter dem Druck hoher Verluste und eines unerbittlichen Wettbewerbs, die das Schicksal tausender Mitarbeiter besiegelte und eine einst bekannte Handymarke vom Markt verschwinden ließ.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Hier beantworten wir einige der häufigsten Fragen zum Ende von Siemens Mobile:
Warum hat Siemens den Handy-Markt verlassen?
Siemens hat den Handy-Markt aufgrund anhaltender hoher Verluste verlassen. Gründe dafür waren ein intensiver Preiskampf, sinkende Marktanteile (von über 8% auf unter 6%), interne Probleme wie Softwarepannen und der Misserfolg bestimmter Modellreihen wie Xelibri.
Wer hat Siemens Mobile übernommen?
Das Handygeschäft von Siemens wurde im Jahr 2005 vom taiwanesischen Unternehmen BenQ übernommen. Die Sparte firmierte danach unter dem Namen BenQ-Siemens.

Was ist aus den Mitarbeitern geworden?
Bei der Übernahme durch BenQ wurde zugesichert, dass die rund 6000 Mitarbeiter weltweit, einschließlich derer in Deutschland, übernommen werden. Nach der Insolvenz der deutschen BenQ Mobile Einheit im Jahr 2006 verloren jedoch viele Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz.
Gibt es heute noch Handys von Siemens?
Nein, Siemens selbst produziert keine Handys mehr. Die Marke Siemens wurde nach der Insolvenz von BenQ Mobile nicht mehr für Mobiltelefone genutzt. Die ehemalige Siemens-Tochter Gigaset produziert heute unter eigenem Namen Schnurlostelefone und Smartphones, aber dies ist ein separates Geschäft vom historischen Siemens Mobile.
Was war BenQ für ein Unternehmen?
BenQ ist ein taiwanesisches Technologieunternehmen, das ursprünglich aus Acer hervorging. BenQ produzierte neben Mobiltelefonen auch Flachbildschirme, Laptops und andere Elektronikartikel. Ein Teil der Handyproduktion erfolgte als Auftragsfertigung für andere Marken.
Was ist aus BenQ Mobile geworden?
Die deutsche Tochtergesellschaft von BenQ, die das ehemalige Siemens Handygeschäft betrieb, meldete im September 2006 Insolvenz an und wurde liquidiert. Damit endete die Produktion und der Vertrieb von BenQ-Siemens Handys in Deutschland und vielen anderen Märkten.
Das Ende von Siemens Mobile ist ein Lehrstück über die Schnelllebigkeit und den Druck im globalen Technologiegeschäft. Auch ein etabliertes Unternehmen mit langer Tradition und Innovationskraft ist nicht immun gegen die Herausforderungen eines Marktes, der sich ständig neu erfindet.
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