Warum landeten Sträflinge in Australien?

Sträflinge in Australien: Die Gründe

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Die Geschichte Australiens als europäische Siedlung begann nicht mit freien Pionieren auf der Suche nach Glück, sondern als riesiges Gefängnis. Zehntausende Männer und Frauen wurden von Großbritannien über die Weltmeere deportiert, um dort ihre Strafen abzusitzen. Doch warum entschied sich das Britische Empire ausgerechnet für das ferne Neu-Holland, das heutige Australien, als Ziel für seine Kriminellen? Die Antwort liegt in einer komplexen Mischung aus sozialer Not, überfüllten Gefängnissen, politischen Umwälzungen und einem Strafsystem, das verzweifelt nach Alternativen suchte.

Warum landeten Sträflinge in Australien?
England wollte daher mit dem Transport von Sträflingen aus Tasmanien nach New South Wales beginnen. Als ein Schiff mit Sträflingen in Sydney einlief, versuchte die Bevölkerung, die Ausladung zu verhindern, aber Siedler im Landesinnern nahmen die Sträflinge auf.

Die soziale und rechtliche Situation im England des 18. Jahrhunderts

Im 18. und frühen 19. Jahrhundert erlebte Großbritannien tiefgreifende soziale und wirtschaftliche Veränderungen, angeheizt durch die Industrielle Revolution. Während sich die Städte ausdehnten und neue Industrien entstanden, verschlechterte sich die Lage für weite Teile der Bevölkerung. Mechanisierung in den Manufakturen führte zu niedrigen Löhnen, Kinderarbeit, langen Arbeitszeiten und fehlenden Erholungsmöglichkeiten. Die Folge war eine zunehmende Verelendung und eine stark ansteigende Kriminalitätsrate, insbesondere in den überfüllten Städten wie London.

Gleichzeitig war das englische Strafrecht, oft als der „Bloody Code“ bezeichnet, drakonisch. Hunderte von Vergehen, viele davon Eigentumsdelikte wie Diebstahl von Gütern im Wert von über fünf Schillingen, das Fällen eines Baumes oder sogar der Diebstahl eines Kaninchens, konnten mit der Todesstrafe geahndet werden. Richter und Geschworene zögerten jedoch oft, für relativ geringfügige Vergehen die höchste Strafe zu verhängen. Sie wollten die Täter aber auch nicht einfach wieder auf die Straße entlassen.

Eine bereits etablierte Alternative zur Todesstrafe war die Verschickung in Strafkolonien, die sogenannte Transportation. Seit dem 17. Jahrhundert wurden Verbrecher und auch politische oder religiös unliebsame Personen in die amerikanischen Kolonien verbannt, um dort Zwangsarbeit zu leisten. Dieser Prozess war im Transportation Act von 1718 gesetzlich verankert worden und erlaubte die Deportation für Vergehen mit einer Strafe von sieben Jahren.

Überfüllte Gefängnisse und der Verlust Amerikas

Mit dem Anstieg der Kriminalität stießen die Kapazitäten der britischen Gefängnisse schnell an ihre Grenzen. Die Zustände waren oft entsetzlich. Als Übergangslösung wurden ausrangierte Kriegsschiffe, sogenannte Hulks, als provisorische schwimmende Gefängnisse genutzt. Aber auch diese reichten nicht aus, um die wachsende Zahl der Gefangenen aufzunehmen. Die Regierung stand unter enormem Druck, eine neue Lösung für das Unterbringungsproblem zu finden.

Ein entscheidender Wendepunkt war der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg. Mit dem Verlust der amerikanischen Kolonien im Jahr 1783 verlor Großbritannien sein wichtigstes Ziel für die Deportation von Sträflingen. Etwa 60.000 Sträflinge waren zuvor nach Nordamerika verschifft worden. Nun wurde dringend ein neuer Ort benötigt.

Die britische Regierung prüfte verschiedene Alternativen. Die neu entdeckte und kartografierte Ostküste von Neu-Holland (Australien), die James Cook 1770 detailliert beschrieben hatte, erwies sich als am geeignetsten. Sie lag weit entfernt, war weitgehend unbesiedelt von Europäern und bot theoretisch die Möglichkeit, eine autarke Siedlung aufzubauen. Am 6. Dezember 1786 beschloss König Georg III. auf Empfehlung des Staatsrates, an der Ostküste Australiens einen Gefängnisort zu errichten.

Die Erste Flotte und die Gründung von New South Wales

Die Entscheidung war gefallen, und die Vorbereitungen für die erste Sträflingstransporte begannen. Captain Arthur Phillip wurde zum ersten Führer des Transports und zugleich zum ersten Gouverneur der neuen Kolonie New South Wales ernannt. Am 13. Mai 1787 stach die sogenannte First Fleet von Portsmouth aus in See. Sie bestand aus elf Schiffen: sechs Transportschiffen mit 775 Sträflingen (darunter etwa ein Siebtel Frauen), zwei Marine-Eskorten und drei Versorgungsschiffen. Begleitet wurden die Sträflinge von Beamten, Marineinfanteristen, Besatzungsmitgliedern und deren Familien – insgesamt über 1400 Menschen.

Warum wurden irische Sträflinge nach Australien geschickt?
Die meisten Sträflinge wurden wegen geringfügiger Delikte, insbesondere Diebstahls , deportiert: 80 % aller Deportierten waren Diebe. Schwerwiegendere Verbrechen wie Vergewaltigung und Mord wurden in den 1830er Jahren zu Delikten, die mit der Todesstrafe belegt waren. Da diese Verbrechen jedoch ebenfalls mit der Todesstrafe geahndet wurden, wurden vergleichsweise wenige Sträflinge wegen solcher Verbrechen deportiert.

Nach einer langen und beschwerlichen Reise erreichte die Flotte zwischen dem 18. und 20. Januar 1788 die Botany Bay. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass diese Bucht aufgrund des offenen Charakters und des feuchten Bodens ungeeignet war. Phillip erkundete daraufhin Port Jackson weiter nördlich, eine Bucht, die bereits von Cook erwähnt worden war. Am 22. Januar 1788 lief Phillip in Port Jackson ein und fand einen der schönsten Häfen der Welt. Er wählte eine Bucht mit einer Süßwasserquelle, an der Schiffe nahe am Ufer ankern konnten, und benannte sie zu Ehren von Lord Sydney in Sydney Cove um. Am 26. Januar 1788, einem Tag, der heute als Australia Day gefeiert wird, wurde dort die erste dauerhafte europäische Siedlung auf dem australischen Kontinent gegründet.

Das beschwerliche Leben in den frühen Kolonien

Das Leben in der jungen Kolonie war von Anfang an extrem schwierig. Die erste Flotte hatte nur Nahrungsmittel für die erste Zeit an Bord, da man erwartete, schnell eigene Landwirtschaft betreiben zu können. Es gab jedoch zu wenig erfahrene Bauern und Nutztiere. Nahrungsmittelknappheit war ein ständiges Problem, das durch Schädlinge wie Mäuse und Ratten noch verschärft wurde. Ende 1789 mussten die Rationen drastisch gekürzt werden. Die Situation entspannte sich erst, als im Juni 1790 ein Versorgungsschiff eintraf. Die Not führte zu Diebstählen und Plünderungen unter den Sträflingen, die der Gouverneur mit Kriegsrecht, Hinrichtungen und harten Strafen bekämpfte.

Mit der Zeit trafen weitere Sträflingstransporte und ab 1793 auch erste freie Siedler ein. Die freien Siedler erhielten Land und Sträflinge zur Arbeit zugewiesen. Die Kolonie wuchs, aber die Verhältnisse blieben lange rau. Die Offiziere des New South Wales Corps, auch als „Rum Corps“ bekannt, erlangten großen Einfluss, eigneten sich Land an und kontrollierten den Handel, was zu Korruption, Kriminalität und Trunksucht führte. Erst unter Gouverneur Lachlan Macquarie, der von 1809 bis 1821 regierte, nahm die Kolonie einen Aufschwung. Er setzte Sträflinge im öffentlichen Straßenbau ein und unterstützte entlassene Sträflinge, sogenannte „Emancipists“, wo er konnte.

Entwicklung weiterer Strafkolonien

Neben Sydney/New South Wales wurden weitere Strafkolonien gegründet, oft für Sträflinge, die in der Hauptkolonie erneut straffällig geworden waren:

  • Norfolk Island: Bereits kurz nach Ankunft der Ersten Flotte wurde 1788 eine Siedlung auf Norfolk Island gegründet, um die Überbevölkerung in Sydney zu entlasten und einen weiteren Außenposten zu sichern. Die Insel entwickelte sich schnell zu einem Ort für besonders widerspenstige Sträflinge. Nach einer zwischenzeitlichen Aufgabe wurde sie ab 1825 zu einem Hochsicherheitsgefängnis für Schwerstkriminelle, bekannt für extrem harte Bedingungen und hohe Todesraten.
  • Tasmanien (Van Diemen's Land): Ab 1803 wurden erste Siedlungen auf Tasmanien gegründet, das 1825 eine eigenständige Kolonie wurde. Jährlich wurden Tausende von Sträflingen dorthin verbracht. Berüchtigte Gefängnisse wie Port Arthur wurden errichtet, obwohl dessen Management später als humaner galt als das von Macquarie Harbour, einem früheren, extrem brutalen Lager an der Westküste. Tasmanien war lange Zeit die Hauptdestination für Sträflingstransporte.
  • Western Australia: Die europäische Besiedlung begann hier später, ab 1829, zunächst ohne Sträflinge. Aufgrund von Arbeitskräftemangel wurden jedoch zwischen 1850 und 1868 etwa 10.000 Sträflinge nach Western Australia deportiert.
  • Port Phillip (Victoria): Erste Siedlungsversuche mit Sträflingen 1803 scheiterten. Später, ab 1844, wurden sogenannte „Exiles“ dorthin geschickt – Sträflinge in den letzten Jahren ihrer Strafe, die freier arbeiten durften.
  • Moreton Bay (Queensland): Eine Strafkolonie wurde 1824 gegründet, um das heutige Brisbane, und 1839 wieder geschlossen, bevor freie Siedler zugelassen wurden.

Die gefährliche Reise auf den Sträflingsschiffen

Die Überfahrt nach Australien war für die Sträflinge eine Tortur. Die Schiffe waren ursprünglich nicht für den Personentransport gebaut und oft alt und in schlechtem Zustand. Die britische Regierung vergab die Aufträge an private Reedereien, was anfangs zu katastrophalen Zuständen führte. Die Reederei, die die ersten drei Flotten beförderte, hatte zuvor Sklaven transportiert und nutzte die gleichen Ketten für die Sträflinge. Die hohe Todesrate auf der Zweiten Flotte schockierte die Öffentlichkeit in London.

Nach diesen Vorfällen wurden die Verträge geändert. Sträflingsschiffe durften keine Waren mehr transportieren, die sie gewinnbringend verkaufen konnten. Zudem wurde jedem Schiff ein Marinearzt zugewiesen, der unabhängig vom Kapitän agieren konnte. Dies führte zu einer deutlichen Senkung der Todesraten auf den folgenden Reisen. Während der Napoleonischen Kriege gab es zeitweise wieder weniger Ärzte an Bord, aber die Einführung von „Marine Supervisors“ trug ebenfalls zur Verbesserung der Bedingungen bei.

Dennoch blieben die Verhältnisse oft hart. Meutereiversuche, meist von irischen Sträflingen ausgehend, wurden brutal niedergeschlagen, oft mit Tausenden von Peitschenhieben. Es gab aber auch Berichte über unterschiedlich gute Behandlung auf den Schiffen.

Insgesamt wurden bis zum Ende der Transporte 1868 schätzungsweise 162.000 Sträflinge auf über 800 Schiffen nach Australien gebracht. Die Reisedauer verkürzte sich im Laufe der Zeit von über 250 Tagen bei der Ersten Flotte auf unter 110 Tage in den 1830er Jahren.

Vergleich der frühen Strafkolonien
KolonieGründungHauptzweck/BesonderheitEnde der Transporte (ungefähr)
New South Wales (Sydney)1788Erste und größte Strafkolonie; freie Siedler kamen hinzu1840 (offiziell 1850)
Norfolk Island1788 (Wiedereröffnung 1825)Außenposten; später Hochsicherheitsgefängnis für Wiederholungstäter1855
Tasmanien (Van Diemen's Land)1803Eigenständige Kolonie ab 1825; Hauptziel der Transporte; harte Gefängnisse (Port Arthur)1854
Western Australia1829 (freie Siedlung), Transporte ab 1850Später Beginn der Transporte aufgrund von Arbeitskräftemangel1868

Das Ende der Deportation und das Erbe

Die Bedingungen in den Strafkolonien und auf den Schiffen führten immer wieder zu Kritik in Großbritannien und Australien. In Australien bildeten sich Anti-Transportations-Ligen, und die freie Bevölkerung protestierte gegen die fortgesetzte Ankunft von Sträflingen. Gouverneure wie Richard Bourke führten Reformen ein, um die Behandlung der Sträflinge zu verbessern, wie die Begrenzung von Peitschenhieben.

Warum schickte England Sträflinge nach Australien?
Obwohl die Gründung einer britischen Kolonie auf dem südlichen Kontinent einige strategische Vorteile mit sich brachte, war der Hauptgrund für die Verlegung von Sträflingen nach Australien wahrscheinlich das Fehlen einer anderen Lösung für das Problem der überfüllten englischen Gefängnisse . Abbildung: Karte der Strafkolonie Norfolkinsel, 1791.

Aufgrund der Proteste und veränderter Ansichten über das Strafwesen stellte Großbritannien die Deportation schrittweise ein. Für New South Wales endeten die Transporte 1840 (offiziell 1850), für Tasmanien 1854. Western Australia war die letzte Kolonie, die Sträflinge empfing, bis das letzte Schiff im Januar 1868 eintraf.

Nach Verbüßung ihrer Strafe erhielten Sträflinge oft ein „Ticket of Leave“, das ihnen eine gewisse Freiheit erlaubte, oder nach Ablauf der vollen Strafe ein „Certificate of Freedom“. Viele ehemalige Sträflinge blieben in Australien, wurden freie Siedler und trugen maßgeblich zum Aufbau des Landes bei. Einige stiegen sogar zu prominenten Positionen auf. Lange Zeit war es mit einem sozialen Stigma verbunden, von Sträflingen abzustammen. Heute sehen viele Australier jedoch die Abstammung von einem Sträfling als einen Grund zum Feiern, als Teil der einzigartigen Gründungsgeschichte des Landes.

Häufig gestellte Fragen

Welche Art von Verbrechen führte zur Deportation nach Australien?
Die meisten Sträflinge wurden wegen kleinerer Eigentumsdelikte deportiert, insbesondere Diebstahl. Etwa 80% der Deportierten waren Diebe. Schwerere Verbrechen wie Mord oder Vergewaltigung konnten ebenfalls zur Deportation führen, waren aber auch mit der Todesstrafe belegt, sodass vergleichsweise wenige dafür verschickt wurden.

Wie viele Menschen wurden insgesamt nach Australien deportiert?
Schätzungen zufolge wurden zwischen 1788 und 1868 etwa 162.000 Sträflinge aus Großbritannien und Irland nach Australien transportiert.

Was geschah mit den Sträflingen nach ihrer Ankunft?
Sträflinge wurden entweder für öffentliche Arbeiten eingesetzt oder privaten Siedlern zur Arbeit zugewiesen. Bei gutem Verhalten konnten sie ein "Ticket of Leave" erhalten, das ihnen mehr Freiheiten gab. Nach Ablauf der Strafe erhielten sie ein "Certificate of Freedom" und konnten sich frei niederlassen oder nach England zurückkehren. Viele blieben in Australien und halfen beim Aufbau des Landes.

Waren auch politische Gefangene unter den Deportierten?
Ja, neben Kriminellen wurden auch politische Gefangene deportiert, oft aufgrund von Gesetzen, die politische Aktivitäten als strafbar einstuften, oder nach Aufständen. Der Text erwähnt, dass einige schwarze Sträflinge, die sich gegen ihre Versklavung wehrten, nach Tasmanien gebracht wurden, was auch als Form der politischen Bestrafung gesehen werden kann.

Die Deportation von Sträflingen war eine drastische Maßnahme, geboren aus der Not und den Gegebenheiten der Zeit. Sie prägte die frühe Geschichte Australiens tiefgreifend und ist bis heute ein zentraler Bestandteil der nationalen Identität des Landes.

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Andenmatten Soltermann

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