Wer hat den Mauerfall angeordnet?

Reagan und die Berliner Mauer: Ein Ruf nach Freiheit

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Die Berliner Mauer war über Jahrzehnte hinweg ein schmerzhaftes Symbol der Teilung Europas und der Unterdrückung. Sie trennte Familien, Freunde und eine ganze Nation. Als Präsident Ronald Reagan im Juni 1987 West-Berlin besuchte, stand die Mauer fest und unüberwindbar da. Doch Reagans Rede am Brandenburger Tor enthielt eine Botschaft, die weit über die Stadtgrenzen hinaus Widerhall fand und in die Geschichte eingehen sollte: einen direkten Appell an den sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow.

Welcher Präsident ließ die Berliner Mauer fallen?
Vor nicht allzu langer Zeit erzählte mir Otto Bammel, ein Diplomat im Ruhestand, was er im November 1989 erlebt hatte, etwa zweieinhalb Jahre nachdem Präsident Reagan seine Rede am Brandenburger Tor gehalten hatte.

Die Planung für Reagans Besuch in Berlin war zunächst nicht vorgesehen, wurde aber auf Wunsch der westdeutschen Regierung in seinen Europa-Reiseplan aufgenommen. Er sollte nur wenige Stunden in der Stadt verbringen, auf dem Rückweg von Italien. Peter Robinson, damals Redenschreiber im Weißen Haus, erhielt den Auftrag, die Rede zu verfassen. Ihm wurde gesagt, dass der Präsident an der Berliner Mauer sprechen würde, vor einem Publikum von etwa 10.000 Menschen, und dass die Rede angesichts des Ortes außenpolitische Themen behandeln sollte.

Die Herausforderung der Worte

Robinson reiste im April 1987 nach Berlin, um Material für die Rede zu sammeln. Seine Gespräche mit amerikanischen Diplomaten in der Stadt verliefen jedoch anders als erwartet. Der ranghöchste amerikanische Diplomat in Berlin riet eindringlich davon ab, provokante Äußerungen über die Mauer zu machen. West-Berliner, so erklärte der Diplomat, seien intellektuell und politisch anspruchsvoll, hätten sich an die Mauer gewöhnt und würden keine „Sowjet-Schelte“ oder „Aufschneiderei“ wünschen. Der Präsident müsse vorsichtig sein.

Nach dem Treffen mit dem Diplomaten unternahm Robinson einen Hubschrauberflug über die Stadt. Aus der Luft zeigte sich die Mauer in ihrer ganzen Komplexität: nicht nur eine einfache Betonwand, sondern ein ausgeklügeltes System mit Wachtürmen, Hundelaufanlagen und Stacheldrahtreihen. Sie schien zwei völlig unterschiedliche Welten zu trennen: auf der einen Seite Bewegung, Farbe und modernes Leben, auf der anderen eine Leere, geprägt von Kriegsnarben und Tristesse. Dieser Anblick widersprach dem Eindruck, die Berliner hätten sich an die Mauer gewöhnt.

Die wahre Stimme Berlins

Später am Abend nahm Robinson an einem Abendessen mit einem Dutzend Berlinern teil. Gastgeber waren Dieter und Ingeborg Elz. Robinson erzählte von dem, was ihm der Diplomat gesagt hatte: dass sich die West-Berliner an die Mauer gewöhnt hätten. Er fragte, ob das stimme. Zuerst herrschte unangenehmes Schweigen. Dann meldete sich ein Mann zu Wort: „Meine Schwester lebt dreißig Kilometer in diese Richtung“, sagte er und zeigte. „Ich habe sie seit über zwei Jahrzehnten nicht gesehen. Glauben Sie, ich kann mich daran gewöhnen?“ Ein anderer Mann beschrieb, wie er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit an einem Wachturm vorbeikam und ein Soldat ihn durch ein Fernglas beobachtete. „Dieser Soldat und ich sprechen dieselbe Sprache. Wir teilen dieselbe Geschichte. Aber einer von uns ist ein Tierpfleger und der andere ein Tier, und ich bin mir nie sicher, wer wer ist.“

Die Gastgeberin, Ingeborg Elz, wurde plötzlich wütend. Sie ballte die Hand zur Faust und schlug sie in die andere Handfläche. „Wenn dieser Mann Gorbatschow es mit seinem Gerede von Glasnost und Perestroika ernst meint“, sagte sie, „kann er es beweisen. Er kann diese Mauer loswerden.“

Die Geburt einer historischen Forderung

Diese Worte von Frau Elz waren der entscheidende Impuls für Peter Robinson. Zurück im Weißen Haus sagte er dem Direktor für Redenschreiben, Tony Dolan, dass er Ingeborg Elz' Kommentar aufgreifen und einen Aufruf zum Abriss der Berliner Mauer zum zentralen Teil der Rede machen wollte. Dolan war einverstanden und half, die Idee dem Kommunikationsdirektor Tom Griscom zu verkaufen. Griscom erkannte das Potenzial der Idee, insbesondere nachdem er von Robinsons Erlebnissen in Berlin und den Gefühlen der Berliner gehört hatte.

Das Schreiben der Rede war jedoch kein einfacher Prozess. Die berühmte Zeile „Mr. Gorbachev, tear down this wall“ fand nicht sofort ihren Weg in den Entwurf. In einem frühen Entwurf schrieb Robinson „Herr Gorbatschow, bringen Sie diese Mauer herunter“, in der Annahme, dass „Herr“ und die deutsche Sprache besser beim Publikum ankämen. Später ersetzte er „bringen“ durch „nehmen“. Erst später fand die Formulierung „tear down this wall“ ihre endgültige Form. Tony Dolan bestand darauf, dass die entscheidende Zeile auf Englisch sein müsse, da sie vom Präsidenten der Vereinigten Staaten gesprochen werde.

Widerstand im eigenen Lager

Drei Wochen vor der geplanten Rede wurde der Entwurf an das Außenministerium und den Nationalen Sicherheitsrat (NSC) weitergeleitet, und sofort regte sich heftiger Widerstand. Der stellvertretende Außenminister für Osteuropaangelegenheiten protestierte telefonisch. Ein hochrangiges Mitglied des NSC-Stabs legte schriftlich Einspruch ein. Der ranghöchste amerikanische Diplomat in Berlin, der Robinson zuvor beraten hatte, sandte ein Telegramm mit seinem Einwand. Der Entwurf sei naiv, er würde falsche Hoffnungen wecken, er sei plump und unnötig provokant.

Das Außenministerium und der NSC legten eigene alternative Entwürfe vor – laut Robinsons Aufzeichnungen mindestens sieben an der Zahl. In keinem dieser alternativen Entwürfe war der direkte Aufruf zum Abriss der Mauer enthalten. Stattdessen fanden sich Formulierungen wie „Eines Tages wird diese hässliche Mauer verschwinden“. Diese Formulierungen waren zwar prinzipiell nicht gegen die Zerstörung der Mauer gerichtet, aber sie waren vage und euphemistisch. Sie ließen die Frage der menschlichen Handlung völlig außer Acht. Was die Kritiker im Grunde sagten, war, dass der Präsident zwar die Zerstörung der Mauer fordern dürfe, aber nur mit Worten, die so unbestimmt waren, dass jeder sofort erkennen konnte, dass es sich nicht um eine ernsthafte oder unmittelbare Forderung handelte.

Tom Griscom rief Peter Robinson immer wieder in sein Büro, wenn neue Einwände von State oder NSC kamen. Griscom ließ Robinson seine Argumente darlegen, warum die ursprüngliche Rede richtig war und die Einwände unbegründet. Robinson, ein 30-Jähriger ohne andere Berufserfahrung als das Redenschreiben, fand sich sogar in einer Diskussion mit Colin Powell, dem damaligen stellvertretenden Nationalen Sicherheitsberater, wieder. Obwohl Powell, ein dekorierter General, die Argumente gegen die Rede mit seiner gewohnten Kraft vorbrachte, verteidigte Robinson den Entwurf mit gleicher Entschiedenheit – zu seinem eigenen Erstaunen.

Selbst kurz vor der Abreise des Präsidenten nach Europa und noch am Morgen der Rede in Berlin versuchten State und NSC, die umstrittene Zeile zu streichen. Doch Howard Baker, der Stabschef, und später Kenneth Duberstein, der stellvertretende Stabschef, verteidigten die Rede vor George Shultz, dem Außenminister, der ebenfalls Bedenken äußerte. Letztendlich war es Ronald Reagan selbst, der die Entscheidung traf. Duberstein legte ihm den Entwurf im Garten seiner Unterkunft in Italien vor und fragte nach seiner Meinung. Reagan lächelte und sagte: „Lassen wir sie drin.“ Auf dem Weg zum Brandenburger Tor am Tag der Rede bekräftigte Reagan seine Entscheidung gegenüber Duberstein mit einem Lächeln: „Die Jungs vom State Department werden mich umbringen, aber es ist das Richtige.“

Die Rede und ihre Nachwirkung

Am 12. Juni 1987 sprach Ronald Reagan am Brandenburger Tor. Seine Worte wurden nicht nur in West-Berlin gehört, sondern, je nach Wetterbedingungen, auch in Ostdeutschland und sogar bis nach Moskau. Der Höhepunkt der Rede war der direkte Appell:

Generalsekretär Gorbatschow, wenn Sie Frieden suchen, wenn Sie Wohlstand für die Sowjetunion und Osteuropa suchen, wenn Sie Liberalisierung suchen, kommen Sie hierher zu diesem Tor.

Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor!

Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!

Der Aufruf zum Abriss der Berliner Mauer war ein kühner und direkter Ausdruck der amerikanischen Position und der Sehnsucht nach Freiheit der Menschen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Obwohl die Mauer nicht sofort fiel, war die Rede ein bedeutendes Ereignis, das die globale Wahrnehmung der Situation veränderte und die Forderung nach Freiheit und Einheit in den Vordergrund rückte.

Zweieinhalb Jahre später: Die Mauer fällt

Zweieinhalb Jahre nach Reagans Rede, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. Otto Bammel, ein pensionierter Diplomat, der damals in Ost-Berlin in der Nähe der Mauer lebte, berichtete später von dieser unglaublichen Nacht. Er und sein Sohn Karsten verfolgten eine Pressekonferenz im Fernsehen, die so langweilig war, dass Bammel in die Küche ging. Karsten kam aufgeregt hinterher: „Der Offizielle hat gerade verkündet, dass jeder durch die Mauer gehen kann! Es ist eine Entscheidung des Staatsrates!“ Bammel konnte es nicht glauben. Er ging mit seiner Frau zu Nachbarn, wo sie zum Abendessen erwartet wurden.

Als sie um Mitternacht zurückkehrten, waren ihre Söhne noch nicht zu Hause. Sie bemerkten ungewöhnlich viel Autoverkehr in der Stadt, wussten aber nicht warum. Am nächsten Morgen fanden sie eine Notiz ihres jüngsten Sohnes Jens: „Ich habe die Mauer überquert. Ich bin mit meinen Freunden am Brandenburger Tor über die Mauer gesprungen. Ich habe meine Ost-Berliner Freunde mitgenommen.“ Bammel und seine Frau fuhren sofort mit ihren Fahrrädern zur Grenze und wurden Zeugen des unvorstellbaren Geschehens: Menschen überquerten zu Fuß, mit Autos, Fahrrädern und Motorrädern die Grenze. Niemand hatte es erwartet, die Freude war überwältigend.

Reagans Überzeugung

Es gibt Stimmen, die behaupten, Ronald Reagan habe nur dank seiner geschickten Redenschreiber gut gewirkt. Doch wie der Text nahelegt, hatten auch andere Politiker fähige Redenschreiber. Was Reagan auszeichnete, war seine Authentizität und Überzeugung. Seine Redenschreiber versuchten nicht, ein Image zu erfinden, sondern Worte zu finden, die dem Standard entsprachen, den Reagan selbst gesetzt hatte. Seine politischen Überzeugungen waren klar, und er hatte sie seit Jahrzehnten geäußert. Er schrieb den Großteil seiner Reden selbst, bevor er Präsident wurde.

Als Peter Robinson Ingeborg Elz sagen hörte, dass Gorbatschow die Mauer loswerden solle, wusste er sofort, dass der Präsident auf diese Bemerkung reagiert hätte. Und als das Außenministerium und der Nationale Sicherheitsrat versuchten, seinen Entwurf mit ihren eigenen, farblosen und bürokratischen Alternativen zu blockieren, schwächten sie ihre eigene Position. Ihre Entwürfe entbehrten der Überzeugung, die Reagans Worte so kraftvoll machte. Robinson hatte sich, wie er es nannte, bei Frau Elz – und bei Ronald Reagan – „bedient“.

Häufig gestellte Fragen zur Rede am Brandenburger Tor

Hier sind Antworten auf einige häufig gestellte Fragen, basierend auf den uns vorliegenden Informationen:

  • Welcher Präsident hielt die Rede „Tear Down This Wall“?
    Es war US-Präsident Ronald Reagan, der diese berühmten Worte sprach.
  • Wann und wo hielt Reagan diese Rede?
    Die Rede fand am 12. Juni 1987 am Brandenburger Tor in West-Berlin statt.
  • Was war die zentrale Botschaft von Reagans Rede?
    Die zentrale Botschaft war ein direkter Appell an den sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow, das Brandenburger Tor zu öffnen und die Berliner Mauer niederzureißen.
  • Gab es Widerstand gegen die Formulierung „Tear Down This Wall“ innerhalb der US-Regierung?
    Ja, es gab erheblichen Widerstand vom Außenministerium und dem Nationalen Sicherheitsrat, die die Zeile als provokant und unklug empfanden.
  • Woher kam die Idee für den Aufruf zum Abriss der Mauer?
    Die Idee wurde maßgeblich vom Redenschreiber Peter Robinson entwickelt, inspiriert durch die Worte und Gefühle einer West-Berlinerin namens Ingeborg Elz bei einem privaten Abendessen.
  • Bestätigte Präsident Reagan die umstrittene Zeile persönlich?
    Ja, obwohl er über die Einwände informiert wurde, entschied Präsident Reagan persönlich, die Zeile in der Rede zu belassen, da er sie für richtig hielt.
  • Wann fiel die Berliner Mauer tatsächlich?
    Die Berliner Mauer fiel in der Nacht vom 9. November 1989, etwa zweieinhalb Jahre nach Reagans Rede.
  • Hat Reagans Rede die Mauer zum Einsturz gebracht?
    Die Rede war ein bedeutendes symbolisches Ereignis und eine klare politische Forderung, die zum historischen Kontext des Mauerfalls beitrug. Der Text beschreibt den Fall der Mauer 1989 als Ergebnis einer Entscheidung des ostdeutschen Staatsrates und einer massiven Bewegung der Bevölkerung, positioniert Reagans Rede aber als wichtigen Vorgänger, der die Forderung nach Freiheit und Einheit eindrucksvoll formulierte.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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