Was sagt der Yardstick aus?

Das Yardstick-System: Fairness auf dem Wasser

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Segelregatten sind ein faszinierender Wettkampf, bei dem es nicht nur um Geschwindigkeit, sondern auch um Taktik und Können geht. Doch was passiert, wenn Boote von Grund auf verschieden sind? Eine schnelle Jolle gegen eine behäbige Kielyacht – wie kann hier ein fairer Vergleich stattfinden? Genau hier kommt das Yardstick-System ins Spiel, ein cleveres Verfahren, das es ermöglicht, unterschiedlichste Boote in einer gemeinsamen Regatta zu bewerten.

Was sind Yardstickzahlen?
YARDSTICK ist „das Handicapsystem“ für den Breitensport. YARDSTICK ist ein „Gentleman's System“, bei dem die Yardstickzahl die Leistung eines Bootes wiedergibt. Die Yardstickzahl ist das ohne Vermessung ermittelte „Handicap“ eines Schiffes.

Was ist das Yardstick-System?

Das Yardstick-System ist ein in Deutschland weit verbreitetes Verfahren zur Leistungsbewertung von Segelbooten, insbesondere bei Clubregatten und Breitensportveranstaltungen. Es basiert auf der Idee, dass jede Bootsklasse eine bestimmte theoretische Geschwindigkeit oder Leistungseinstufung hat. Diese Einstufung wird als Yardstickzahl ausgedrückt. Je niedriger die Yardstickzahl, desto schneller ist das Boot theoretisch. Ein Boot mit einer Yardstickzahl von 100 gilt als Referenzwert; schnellere Boote haben niedrigere Zahlen (z.B. 90), langsamere Boote höhere Zahlen (z.B. 115).

Der Zweck des Systems ist es, einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Leistungspotenzialen der Boote zu schaffen. Langsamere Boote erhalten durch die Berechnung eine Zeitvergütung, die es ihnen ermöglicht, auch gegen schnellere Boote eine Chance auf den Sieg nach berechneter Zeit zu haben. Dies fördert die Teilnahmevielfalt und macht Regatten für eine breitere Palette von Seglern und Bootstypen attraktiv.

Wie funktioniert die Zeitberechnung mit Yardstick?

Der Kern des Yardstick-Systems liegt in der Umrechnung der tatsächlich auf dem Wasser gesegelten Zeit in eine „berechnete Zeit“. Diese berechnete Zeit ist der Wert, der für die Platzierung in der Regatta herangezogen wird. Die Formel dafür ist denkbar einfach:

Berechnete Zeit = Gesegelte Zeit × 100 / Yardstickzahl

Die gesegelte Zeit ist die reine Zeit, die ein Boot benötigt, um die Regattabahn zu absolvieren, also die Zeit vom Startschuss bis zum Überqueren der Ziellinie. Die Yardstickzahl ist die für die jeweilige Bootsklasse festgelegte Nummer. Durch Multiplikation der gesegelten Zeit mit 100 und Division durch die Yardstickzahl wird die Zeit des Bootes so angepasst, als hätte es die Referenz-Yardstickzahl von 100 gehabt. Das Boot mit der niedrigsten berechneten Zeit gewinnt die Regatta.

Ein praktisches Beispiel zur Verdeutlichung

Betrachten wir das Beispiel zweier unterschiedlicher Bootsklassen, die gegeneinander antreten: ein Laser und ein Conger. Der Laser ist eine schnelle, sportliche Jolle, während der Conger eher ein stabiles Wanderboot ist. Entsprechend haben sie unterschiedliche Yardstickzahlen. Nehmen wir an, der Laser hat eine Yardstickzahl von 113 und der Conger eine von 118. Bei einer Regatta kommen die Boote zu folgenden Zeiten ins Ziel:

  • Laser: Gesegelte Zeit 1 Stunde, 47 Minuten, 25 Sekunden (1:47:25)
  • Conger: Gesegelte Zeit 1 Stunde, 51 Minuten, 25 Sekunden (1:51:25)

Obwohl der Conger fast 4 Minuten später im Ziel war, entscheidet die berechnete Zeit über die Platzierung. Rechnen wir nach:

BootsklasseGesegelte ZeitYardstickzahlBerechnungBerechnete Zeit
Laser1:47:25 Std113(1:47:25) × 100 / 1131:35:05 Std
Conger1:51:25 Std118(1:51:25) × 100 / 1181:34:25 Std

Wie die Tabelle zeigt, hat der Conger trotz der längeren gesegelten Zeit eine kürzere berechnete Zeit (1:34:25) als der Laser (1:35:05). Nach dem Yardstick-System gewinnt in diesem Fall der Conger die Regatta, weil er seine Leistung im Verhältnis zu seiner Einstufung besser umgesetzt hat als der Laser. Dieses Beispiel illustriert eindrucksvoll, wie das System funktioniert, um Boote fairer zu vergleichen.

Wie werden Yardstickzahlen ermittelt?

Die Festlegung der Yardstickzahlen ist ein fortlaufender Prozess. Die Zahlen werden in der Regel nicht theoretisch anhand von Konstruktionsdaten berechnet, sondern empirisch ermittelt. Das bedeutet, sie basieren auf der Auswertung einer großen Menge von Regattaergebnissen aus der Praxis. Über eine Saison oder mehrere Saisons hinweg werden die Ergebnisse von Booten verschiedener Klassen gesammelt und analysiert. Gremien, oft unter der Schirmherrschaft nationaler Segelverbände (wie dem Deutschen Segler-Verband), werten diese Daten aus und passen die Yardstickzahlen gegebenenfalls an.

Ziel ist es, Zahlen zu finden, die im Durchschnitt faire Ergebnisse über verschiedene Wind- und Wetterbedingungen hinweg ermöglichen. Da die Leistung eines Bootes auch stark von der Crew, dem Zustand des Bootes und den spezifischen Bedingungen des Regattatages abhängt, sind Yardstickzahlen immer Durchschnittswerte und können im Einzelfall als nicht perfekt empfunden werden. Dennoch bietet dieser empirische Ansatz eine praktikable Grundlage für den Breitensport.

Was sagt der Yardstick aus?
Anhand der Yardstickzahl wird dann die berechnete Zeit aus der gesegelten Zeit bestimmt. Obwohl die Conger fast 5 Minuten später ins Ziel kam, ist sie besser gesegelt und liegt nach berechneter Zeit noch um etwa 40 Sekunden vor dem Laser. Das ist Yardstick!

Welche Faktoren beeinflussen die Yardstickzahl?

Obwohl die Yardstickzahlen empirisch abgeleitet werden, spiegeln sie die grundlegenden Leistungseigenschaften einer Bootsklasse wider. Zu den Faktoren, die sich auf die theoretische Geschwindigkeit und damit auf die Yardstickzahl auswirken, gehören:

  • Rumpfform und -länge: Längere, schlankere Rümpfe sind tendenziell schneller. Auch die Form des Unterwasserschiffs (Verdränger, Gleiter) spielt eine Rolle.
  • Segelfläche und Rigg: Die Größe und Effizienz der Segel ist entscheidend für den Vortrieb. Auch die Art des Riggs (z.B. Fractional-Rigg, Top-Rigg) und die Anzahl der Segel (Genua, Fock, Spinnaker, Gennaker) fließen indirekt ein, da sie Teil der Klassendefinition sind.
  • Verdrängung (Gewicht): Leichtere Boote können bei wenig Wind schneller beschleunigen und kommen früher ins Gleiten.
  • Kiel und Ruder: Form und Tiefgang des Kiels beeinflussen die Stabilität und das Höhe-Laufen gegen den Wind. Die Effizienz des Ruders ist wichtig für Manövrierfähigkeit.
  • Propeller (bei Yachten): Ein fester Propeller bremst stärker als ein Falt- oder Flügelpropeller, was sich auf die Yardstickzahl einer Yacht auswirken kann.

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Yardstickzahl eine Eigenschaft der gesamten Bootsklasse ist und nicht des individuellen Bootes. Alle Boote einer bestimmten Klasse starten mit derselben Yardstickzahl, unabhängig von geringfügigen individuellen Unterschieden oder dem Können der Crew (obwohl das Können der Crew natürlich die gesegelte Zeit und damit die berechnete Zeit maßgeblich beeinflusst!).

Vorteile des Yardstick-Systems

Das Yardstick-System bietet mehrere entscheidende Vorteile, die zu seiner Popularität, insbesondere im Amateurbereich, beitragen:

  • Einfachheit: Die Formel zur Berechnung der berechneten Zeit ist leicht verständlich und anzuwenden.
  • Zugänglichkeit: Da die Yardstickzahlen für Bootsklassen existieren, müssen einzelne Boote nicht aufwendig vermessen werden. Das spart Zeit und Geld. Jeder Eigner eines Bootes einer gängigen Klasse kann relativ einfach an einer Yardstick-Regatta teilnehmen.
  • Förderung der Vielfalt: Das System erlaubt es, dass sehr unterschiedliche Bootstypen in derselben Wettfahrt konkurrieren, was zu größeren und interessanteren Starterfeldern führt.
  • Praxisnähe: Die empirische Ermittlung der Zahlen auf Basis realer Rennergebnisse macht das System für viele Segler nachvollziehbar.

Diese Vorteile machen Yardstick zu einem idealen System für Clubregatten, Freundschaftswettfahrten und lokale Veranstaltungen, bei denen der Fokus auf der Teilnahme und dem Spaß am Segeln liegt, weniger auf hochprofessionellem, vermessungsbasiertem Rennsport.

Nachteile und Kritikpunkte

Trotz seiner Vorteile ist das Yardstick-System nicht ohne Kritikpunkte:

  • Empirische Natur: Da die Zahlen auf Durchschnittswerten basieren, können sie unter bestimmten Bedingungen (z.B. extrem leichter oder starker Wind, spezielle Kurse) als unfair empfunden werden. Ein Boot, das bei viel Wind besonders gut ist, könnte bei einer Flaute benachteiligt sein, wenn die Yardstickzahl einen Durchschnitt abbildet.
  • Keine Berücksichtigung individueller Optimierungen: Am Boot vorgenommene legale Modifikationen oder besonders gute Segel, die die Leistung steigern, werden nicht berücksichtigt, solange das Boot noch eindeutig der Klasse zugeordnet werden kann. Das kann dazu führen, dass gut ausgerüstete Boote einer Klasse einen Vorteil gegenüber weniger optimierten Booten derselben Klasse haben.
  • Diskussion um die Zahlen: Die Yardstickzahlen selbst können Gegenstand von Debatten sein. Eigner bestimmter Klassen sind manchmal der Meinung, ihre Zahl sei zu hoch (macht das Boot zu langsam), während andere Klassen als zu niedrig eingestuft (zu schnell) gelten.
  • Abhängigkeit von Datenqualität: Die Genauigkeit der Zahlen hängt stark von der Menge und Qualität der gemeldeten Regattaergebnisse ab. Für seltene Klassen oder neue Boote kann die Datenbasis dünn sein.

Diese Nachteile führen dazu, dass Yardstick für Meisterschaften auf höherer Ebene oder professionellen Rennsport oft nicht als präzise genug angesehen wird. Dort kommen eher Vermessungssysteme zum Einsatz.

Yardstick im Vergleich zu anderen Systemen

Neben Yardstick existieren weitere Systeme zur Leistungsbewertung von Segelbooten. Das bekannteste Beispiel ist das ORC (Offshore Racing Congress) System, das in Varianten wie ORC Club oder ORC International verwendet wird. Im Gegensatz zu Yardstick, das auf empirischen Daten basiert, sind ORC-Systeme Vermessungssysteme. Dabei wird jedes einzelne Boot akribisch nach Länge, Gewicht, Segelflächen, Rumpfform etc. vermessen, und ein komplexes Computerprogramm berechnet daraus einen „Rating“-Wert oder eine „Zeitvergütung“. Dies ist deutlich aufwendiger und teurer als Yardstick, führt aber potenziell zu präziseren und individuelleren Bewertungen.

Ein weiteres System ist IRC (International Rating Certificate), das ebenfalls ein Vermessungssystem ist und international, insbesondere im angelsächsischen Raum und in Frankreich, verbreitet ist. Auch IRC basiert auf einer komplexen Formel, die individuelle Bootsdaten berücksichtigt.

Yardstick positioniert sich damit als das zugänglichste und einfachste System, ideal für den Breitensport, während ORC und IRC eher für anspruchsvollere Regatten mit höherem Wettbewerbsniveau eingesetzt werden.

Für wen ist Yardstick geeignet?

Yardstick-Regatten sind ideal für Segelvereine und Veranstalter, die ein breites Spektrum an Bootstypen ansprechen möchten, ohne die Teilnehmer mit aufwendigen Vermessungen zu belasten. Sie eignen sich hervorragend für:

  • Regelmäßige Clubregatten
  • Lokale und regionale Veranstaltungen
  • Trainingsregatten
  • Freundschaftswettfahrten zwischen Vereinen
  • Veranstaltungen, die das gesellige Beisammensein und den Spaß am Segeln in den Vordergrund stellen

Für Segler bedeutet die Teilnahme an einer Yardstick-Regatta eine einfache Möglichkeit, sich mit anderen zu messen und das eigene Können zu verbessern, unabhängig davon, ob sie eine hochgezüchtete Rennmaschine oder ein komfortables Fahrtenboot segeln.

Wie wird der Yardstick berechnet?
Mithilfe der Yardstick-Zahl, die empirisch ermittelt wurde, wird für jeden Regattateilnehmer die gesegelte Zeit in eine berechnete Zeit umgewandelt. Beträgt die Yardstick-Zahl der Yacht zum Beispiel 115, so muss nur die gesegelte Zeit durch 1,15 dividiert werden, um die berechnete Zeit zu erhalten.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was bedeutet eine hohe oder niedrige Yardstickzahl?

Eine niedrige Yardstickzahl (z.B. um 90-100) bedeutet, dass das Boot theoretisch sehr schnell ist. Eine hohe Zahl (z.B. über 110-120) bedeutet, dass das Boot theoretisch langsamer ist. Die Referenz liegt bei 100.

Ändern sich die Yardstickzahlen im Laufe der Zeit?

Ja, die Yardstickzahlen können sich ändern. Die zuständigen Gremien werten kontinuierlich neue Regattaergebnisse aus. Wenn sich zeigt, dass eine bestimmte Bootsklasse im Durchschnitt konstant besser oder schlechter abschneidet als ihre aktuelle Einstufung vermuten lässt, kann die Yardstickzahl angepasst werden, um die Fairness zu verbessern.

Brauche ich eine spezielle Ausrüstung für Yardstick-Regatten?

Nein, Sie benötigen keine spezielle Ausrüstung über die übliche Ausrüstung Ihrer Bootsklasse hinaus. Das System bewertet die Bootsklasse, nicht die individuelle Ausrüstung (abgesehen von klassenkonformen Segeln etc.).

Kann jedes Boot eine Yardstickzahl bekommen?

Gängige Bootsklassen, für die ausreichend Regattaergebnisse vorliegen, haben festgelegte Yardstickzahlen. Für sehr seltene Bootstypen oder Einzelbauten kann es schwierig sein, eine offizielle Yardstickzahl zu erhalten, es sei denn, es gibt eine ausreichende Datenbasis oder die Möglichkeit einer individuellen Einstufung basierend auf Vergleichsbooten oder einer einfachen Vermessung.

Ist Yardstick ein internationales System?

Das Yardstick-System in seiner spezifischen Form und mit den deutschen Yardstickzahlen ist primär in Deutschland und angrenzenden Ländern verbreitet. Das Prinzip der Zeitvergütung basierend auf einer Einstufung gibt es aber auch in anderen Ländern, oft unter anderen Namen oder mit leicht abweichenden Methoden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Yardstick-System eine sehr erfolgreiche und beliebte Methode ist, um Segelregatten für eine breite Masse von Seglern und Booten zugänglich und fair zu gestalten. Es mag nicht die absolute Präzision von Vermessungssystemen erreichen, aber seine Einfachheit und Praxisnähe machen es zum Rückgrat vieler lokaler Segelwettbewerbe.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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