Habt Ihr Euch schon einmal gefragt, wie wohl die allererste Fotografie der Welt aussah? Was sie zeigte und wer dabei hinter der Kamera stand? Diese spannende Frage führt uns tief in die Anfänge der Lichtbildnerei, doch die Antwort ist nicht ganz so einfach, wie man vielleicht vermuten würde. Die Suche nach dem 'ersten' Bild ist eine Reise durch frühe Experimente, Rückschläge und bahnbrechende Entdeckungen, die schließlich zur Geburtsstunde dessen führten, was wir heute als Fotografie kennen.

Die allererste dauerhafte Fotografie der Welt
Wenn man von der ersten Fotografie im Sinne eines dauerhaft fixierten Bildes spricht, landet man unweigerlich bei Joseph Nicéphore Niépce. Seine wohl berühmteste Aufnahme, die bis heute erhalten ist, trägt den Titel „Blick aus dem Arbeitszimmer in Le Gras“. Dieses Bild entstand 1826 oder 1827. Das genaue Datum ist nicht eindeutig überliefert, was vielleicht schon darauf hindeutet, dass Niépce selbst das Ergebnis noch nicht als perfekt empfand.
Niépce arbeitete zu dieser Zeit intensiv daran, die Bilder, die eine Camera obscura projizierte, für die Ewigkeit festzuhalten. Er nutzte dazu eine Zinnplatte von etwa 20 × 25 cm Größe. Diese Platte bestrich er vor der Belichtung mit Naturasphalt, der in Lavendelöl gelöst war. Das Verfahren basierte auf der Eigenschaft des Asphalts, sich unter Lichteinwirkung zu verhärten. Nach einer extrem langen Belichtungszeit – Schätzungen gehen von etwa acht Stunden aus – wusch Niépce die Platte mit Lavendelöl und Petroleum. Die Bereiche des Asphalts, die vom Licht getroffen wurden, waren hart geworden und blieben erhalten, während die unbelichteten, weich gebliebenen Teile weggewaschen wurden. So entstand ein Positivbild.
Betrachtet man den „Blick aus dem Arbeitszimmer“ heute, muss man zugeben, dass das Bild recht grobkörnig und detailarm ist. Man erkennt links das geöffnete Fenster, daneben das Taubenhaus, dahinter einen Baum. In der Mitte des Bildes ist ein Dach zu sehen und ganz rechts ein Kamin. Trotz seiner Unvollkommenheit ist dieses Bild von immenser historischer Bedeutung. Es ist das älteste bekannte Beispiel für eine erfolgreiche Fixierung eines Camera obscura-Bildes.
Die originale Platte ist heute ein kostbares Artefakt. Wegen ihrer Empfindlichkeit wird sie unter besonderen Bedingungen aufbewahrt und ausgestellt. Wenn Ihr sie sehen möchtet, müsstet Ihr nach Austin in Texas reisen, wo sie in einer Box mit sauerstofffreiem Gas im Harry Ransom Center aufbewahrt wird. Einige hatten vielleicht das Glück, sie in Mannheim anlässlich der Ausstellung „Die Geburtsstunde der Fotografie“ zu sehen.
Die Zusammenarbeit von Niépce und Daguerre und die Geburtsstunde der Fotografie
Joseph Nicéphore Niépce erkannte das Potenzial seiner Entdeckung, aber auch die Notwendigkeit, das Verfahren zu verbessern. Er schloss sich mit Louis-Jacques-Mandé Daguerre zusammen, einem Maler und Bühnenbildner, der ebenfalls an der Fixierung von Camera obscura-Bildern experimentierte. Gemeinsam forschten sie an neuen Methoden.
Leider verstarb Niépce bereits 1833, bevor ihre gemeinsamen Forschungen abgeschlossen waren. Daguerre führte die Arbeit fort und entwickelte das Verfahren maßgeblich weiter. Er entdeckte unter anderem die Empfindlichkeit von Joddampf auf Silberplatten und die Entwicklung des latenten Bildes mit Quecksilberdampf sowie die Fixierung mit Kochsalz. Sein verbessertes Verfahren nannte er Daguerreotypie.
Die Daguerreotypie war deutlich praktischer als Niépces ursprüngliche Methode. Sie erforderte zwar immer noch relativ lange Belichtungszeiten (je nach Lichtverhältnissen Minuten statt Stunden), lieferte aber wesentlich schärfere und detailreichere Bilder. Daguerre stellte sein Verfahren am 19. August 1839 der französischen Öffentlichkeit vor. Dieses Datum gilt bis heute offiziell als die Geburtsstunde der Fotografie. Es war ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung, das schnell Nachahmer und Weiterentwickler auf der ganzen Welt fand.
Frühere Experimente und die Suche nach der Fixierung
Es ist wichtig zu betonen, dass Niépces „Blick aus dem Arbeitszimmer“ zwar die älteste erhaltene *dauerhafte* Fotografie ist, aber nicht der allererste Versuch, Bilder mit Licht zu erzeugen. Die Idee, Lichtbilder festzuhalten, beschäftigte Wissenschaftler und Erfinder schon lange. Die Camera obscura selbst, das optische Prinzip, das dem Fotoapparat zugrunde liegt, ist sogar seit der Antike bekannt; schon Aristoteles machte sich Notizen dazu.
Im 18. Jahrhundert entdeckte Johann Heinrich Schulze (1687 – 1744), dass Silbernitrat durch Licht geschwärzt wird. Er nutzte diese Eigenschaft, um mittels Schablonen Lichtbilder auf chemisch behandeltem Papier zu erzeugen. Diese Bilder waren faszinierend, aber sie waren nicht dauerhaft. Sobald sie weiterem Licht ausgesetzt wurden, schwärzten sie sich komplett.
Auch Thomas Wedgwood, der Sohn des berühmten Porzellanherstellers, experimentierte um 1800 mit Silbernitrat. Ihm gelang es, Silhouetten von Objekten auf Leder oder Papier zu erzeugen, indem er diese Materialien mit Silbernitrat behandelte und dann belichtete. Er versuchte auch, Bilder der Camera obscura festzuhalten, aber die projizierten Lichtbilder waren zu schwach, um eine ausreichende Wirkung auf das Silbernitrat zu erzielen. Hätte er, wie Niépce später, sehr lange Belichtungszeiten angewendet und eine Methode zur Fixierung gefunden, gäbe es vielleicht schon aus dem Jahr 1800 erhaltene Camera obscura-Bilder.
Diese frühen Versuche zeigen, dass die Idee der Fotografie lange in der Luft lag. Das entscheidende Problem war die Fixierung – das Bild so zu stabilisieren, dass es nicht unter Lichteinwirkung verschwand oder sich komplett veränderte. Niépce und später Daguerre lösten dieses Problem auf unterschiedliche Weise und ebneten damit den Weg für die moderne Fotografie.
Das erste bekannte Bild mit Menschen
Nachdem wir nun die Geschichte der ersten dauerhaften Fotografie und der offiziellen Geburtsstunde der Fotografie betrachtet haben, kommen wir zur eigentlichen Frage: Was ist die älteste bekannte Fotografie eines Menschen? Das älteste erhaltene Bild, auf dem mit Sicherheit Menschen zu sehen sind, stammt von Louis-Jacques-Mandé Daguerre. Es entstand am 7. Januar 1839, also nur wenige Monate vor der offiziellen Vorstellung der Daguerreotypie.
Das Bild zeigt den Blick auf den Boulevard du Temple in Paris, aufgenommen aus einem Fenster. Auf den ersten Blick scheint die belebte Straße fast menschenleer zu sein. Das liegt an der langen Belichtungszeit, die auch bei der Daguerreotypie noch notwendig war. Alles, was sich bewegte – Fußgänger, Kutschen, Pferde – verschwand während der Aufnahme spurlos. Nur unbewegte Objekte oder Personen, die lange genug stillstanden, wurden auf dem Bild festgehalten.
Links unten im Bild erkennt man jedoch zwei kleine Figuren: einen Schuhputzer und seinen Kunden. Sie blieben offenbar lange genug an Ort und Stelle, um auf der empfindlichen Platte einen Eindruck zu hinterlassen. Es wird vermutet, dass Daguerre oder jemand anderes sie sogar bewusst dort platziert haben könnte, um den Eindruck einer belebten Szene zu erwecken oder einfach, um zu zeigen, dass es möglich war, menschliche Figuren festzuhalten. Unabhängig davon, ob sie inszeniert waren oder nicht, sind diese beiden Figuren die ersten bekannten Menschen, die jemals auf einer Fotografie abgebildet wurden.
Dieses Bild ist somit die erste Fotografie mit Menschen, die uns heute bekannt ist. Es ist ein faszinierendes Dokument der frühen Fotografie und ein eindrucksvolles Beispiel für die technischen Herausforderungen der Zeit. Die lange Belichtungszeit, die für uns heute unvorstellbar ist, erklärt, warum die Straßen von Paris auf dieser Aufnahme wie ausgestorben wirken.
Weitere frühe fotografische Porträts
Kurz nach der Bekanntgabe der Daguerreotypie entstanden schnell weitere Porträts. Eines der ersten Selbstporträts dürfte von Robert Cornelius stammen, einem Lampenhersteller aus Philadelphia. Er nahm sein Selbstbildnis im Oktober 1839 auf. Auf die Rückseite der Platte schrieb er: „The first light picture ever taken. 1839.“ Cornelius irrte sich zwar in der Annahme, dass es die allererste Fotografie überhaupt war, aber sein Selbstporträt ist zweifellos eines der frühesten, wenn nicht das früheste, bekannte fotografische Porträt eines Menschen. Es zeigt, wie schnell die Möglichkeit, Menschen abzubilden, nach der Erfindung der Daguerreotypie genutzt wurde.
Vergleich: Die erste dauerhafte Fotografie vs. Die erste Fotografie mit Menschen
Um die Unterscheidung klar zu machen, vergleichen wir die beiden wichtigsten Bilder, über die wir gesprochen haben:
| Merkmal | „Blick aus dem Arbeitszimmer“ | „Boulevard du Temple“ |
|---|---|---|
| Fotograf | Joseph Nicéphore Niépce | Louis-Jacques-Mandé Daguerre |
| Entstehungsjahr | 1826/1827 | 1839 |
| Verfahren | Heliografie (Asphalt auf Zinnplatte) | Daguerreotypie (Joddampf/Quecksilber auf Silberplatte) |
| Motiv | Blick aus einem Fenster (Gebäude, Bäume) | Blick auf eine Straße (Gebäude, Straße, Menschen) |
| Besonderheit | Älteste erhaltene dauerhafte Fotografie | Älteste bekannte Fotografie mit menschlichen Figuren |
| Belichtungszeit | Ca. 8 Stunden | Mehrere Minuten |
Dieser Vergleich verdeutlicht, dass es unterschiedliche „erste“ Fotografien gibt, je nachdem, welches Kriterium man anlegt. Niépces Bild war der erste Schritt zur Fixierung, Daguerres Bild der erste Schritt zur Abbildung des menschlichen Lebens auf öffentlichen Plätzen, wenn auch durch die Technik bedingt noch statisch.
Häufig gestellte Fragen zur frühen Fotografie
Die Geschichte der frühen Fotografie wirft viele Fragen auf. Hier beantworten wir einige der häufigsten:
War Niépces „Blick aus dem Arbeitszimmer“ wirklich die allererste Fotografie überhaupt?
Es ist die älteste *erhaltene* dauerhafte Fotografie, die mit einer Camera obscura aufgenommen und fixiert wurde. Es gab aber, wie erwähnt, frühere Experimente (Schulze, Wedgwood), die Lichtbilder erzeugten, diese aber nicht dauerhaft fixieren konnten oder nicht mit einer Camera obscura arbeiteten.
Warum sind auf Daguerres Bild „Boulevard du Temple“ so wenige Menschen zu sehen?
Die Daguerreotypie erforderte auch 1839 noch eine sehr lange Belichtungszeit von mehreren Minuten. Alle sich bewegenden Objekte oder Personen wurden während dieser Zeit nicht oder nur als unscharfe Schlieren erfasst. Nur die Dinge oder Personen, die sich während der gesamten Belichtungszeit nicht bewegten (wie der Schuhputzer und sein Kunde), wurden auf der Platte sichtbar.
Was ist der Unterschied zwischen Heliografie und Daguerreotypie?
Die Heliografie war Niépces Verfahren, das Naturasphalt auf Zinnplatten nutzte. Die Daguerreotypie war Daguerres verbessertes Verfahren, das auf versilberten Kupferplatten basierte, die mit Joddampf sensibilisiert und das latente Bild mit Quecksilberdampf entwickelt wurde. Die Daguerreotypie war deutlich empfindlicher und lieferte schärfere Bilder bei kürzeren Belichtungszeiten.
Warum gilt der 19. August 1839 als Geburtsstunde der Fotografie?
An diesem Tag stellte Louis-Jacques-Mandé Daguerre sein marktreifes Verfahren, die Daguerreotypie, der französischen Öffentlichkeit und der Akademie der Wissenschaften in Paris vor. Das Verfahren wurde öffentlich gemacht und konnte fortan von anderen genutzt und weiterentwickelt werden. Es war der Moment, an dem die Fotografie als praktikables Verfahren zur Bildherstellung der Welt zugänglich gemacht wurde.
Gibt es noch frühere, aber nicht erhaltene Fotografien?
Es gab sicherlich unzählige experimentelle Versuche, die Lichtbilder erzeugten, aber aufgrund fehlender oder unzureichender Fixierung nicht erhalten blieben oder absichtlich zerstört wurden. Die hier genannten Bilder sind die ältesten, die uns heute bekannt sind und die einen Meilenstein in der Entwicklung markieren.
Fazit
Die Frage nach der ersten Fotografie ist komplex, da sie verschiedene Aspekte berührt: die erste dauerhafte Fixierung eines Bildes, die erste öffentliche Vorstellung eines praktikablen Verfahrens und das erste Bild, das menschliches Leben zeigt. Während Niépces „Blick aus dem Arbeitszimmer“ von 1826/1827 als älteste erhaltene dauerhafte Fotografie gilt und der 19. August 1839 die offizielle Geburtsstunde der Fotografie markiert, ist Daguerres Aufnahme des „Boulevard du Temple“ vom Januar 1839 das älteste bekannte Bild, auf dem menschliche Figuren abgebildet sind. Diese frühen Bilder sind nicht nur historische Artefakte, sondern faszinierende Zeugnisse einer Zeit, in der Pioniere versuchten, das Licht selbst zu bändigen und die Welt auf eine völlig neue Weise festzuhalten. Sie zeigen uns die Ursprünge einer Technologie, die unser Sehen und unser Verständnis der Welt revolutioniert hat und deren Entwicklung bis heute nicht abgeschlossen ist.
Die Reise von den grobkörnigen Asphaltplatten Niépces über die detailreichen Daguerreotypien bis hin zu den digitalen Bildern von heute ist eine Geschichte ständiger Innovation. Doch der Anfang, festgehalten in den fragilen Platten von Niépce und Daguerre, bleibt ein Meilenstein, der uns daran erinnert, wie weit die Fotografie gekommen ist und welche revolutionäre Idee sie einst darstellte.
Quellen, die für diesen Artikel herangezogen wurden, umfassen unter anderem das Harry Ransom Center der University of Texas in Austin (hrc.utexas.edu), die Universität Kiel (uni-kiel.de) sowie Publikationen zur Geschichte der Fotografie wie „Meisterwerke der Fotografie“ von Bernd Stiegler und Felix Thürlemann (Stuttgart 2011).
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