Die späten 1970er und 1980er Jahre markierten eine Periode bedeutender Veränderungen in den Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China. Nach der Aufnahme formeller diplomatischer Beziehungen im Jahr 1979 führten die Wirtschaftsreformen des chinesischen Vizepremiers Deng Xiaoping zu einem Jahrzehnt des lebendigen kulturellen Austauschs und expandierender Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern. Doch diese positive Entwicklung erfuhr eine drastische Abkühlung durch die gewaltsame Niederschlagung der Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen-Platz) am 4. Juni 1989 durch die chinesische Regierung. Dieses Ereignis, das weltweit für Entsetzen sorgte, hatte weitreichende und bis heute spürbare Folgen für China und seine Beziehungen zur Welt. Aber was genau geschah in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 und in der Zeit danach?
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Die Nacht der Niederschlagung
Die Demonstrationen, die am 15. April mit einer Versammlung von Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens zur Ehrung des verstorbenen pro-reformistischen Führers Hu Yaobang begonnen hatten, entwickelten sich schnell zu einem breiten Forum, das Korruption und Inflation anprangerte und umfassendere politische und wirtschaftliche Reformen forderte. Die chinesische Führung war gespalten im Umgang mit den Zehntausenden von Demonstranten. Während einige Hardliner die Proteste als „konterrevolutionär“ brandmarkten, zeigten andere, wie der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Zhao Ziyang, Sympathie und suchten den Dialog.
Der bevorstehende Besuch des sowjetischen Generalsekretärs Michail Gorbatschow am 15. Mai belebte die Proteste zusätzlich. Hungerstreiks begannen, und internationale Medien, die eigentlich zur Berichterstattung über Gorbatschow angereist waren, richteten ihre Aufmerksamkeit auf den Platz. Die Menge wuchs weit über die Studentenschaft hinaus und umfasste Arbeiter und normale Bürger, die Zahl soll Berichten zufolge eine Million überstiegen haben. Nach Gorbatschows Abreise am 18. Mai und einem emotionalen Appell Zhao Ziyangs an die Hungerstreikenden am 19. Mai verhängte die chinesische Führung am 20. Mai das Kriegsrecht in Peking. Doch die Proteste gingen weiter.

In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni stürmte die Volksbefreiungsarmee den Platz mit Panzern. Die Niederschlagung der Proteste erfolgte mit schrecklichen menschlichen Kosten. Die Schätzungen der Opferzahlen gehen weit auseinander. Die chinesische Regierung gab an, dass über 3.000 Personen verletzt und über 200, darunter 36 Studenten, getötet wurden. Westliche Quellen zweifeln diese Zahlen an und sprechen häufig von Hunderten oder sogar Tausenden Toten. Ähnliche Proteste in anderen chinesischen Städten wurden ebenfalls bald unterdrückt und ihre Anführer inhaftiert.
Die Welle der Repression in China
Auf die gewaltsame Niederschlagung folgte eine massive Welle der Repression seitens der Staatsführung. Für die Partei waren die Studenten nicht das eigentliche Problem; sie sah vielmehr „fremde Elemente“ und Hintermänner mit „weitergehenden Motiven“ am Werk, die eine „koordinierte Konterrevolution“ anführten und Verbindungen zum Westen hatten. Besonders bedrohlich wurden die autonomen Arbeiterverbände eingestuft, nicht zuletzt wegen der Erfahrungen mit der Gewerkschaft Solidarność in Polen Anfang der 1980er Jahre. Auch Wissenschaftler wurden als vermeintliche Organisatoren verdächtigt.
Am 13. Juni wurde eine Liste der 21 meistgesuchten Aktivisten der Studentenbewegung veröffentlicht. Darüber hinaus wurden Arbeiter, die sich beteiligt hatten, sowie kritische Intellektuelle verhaftet. In wenig rechtsstaatlichen Prozessen wurden sie zu langen Haftstrafen oder sogar zur Todesstrafe verurteilt. Im Zusammenhang mit den Ereignissen vom 4. Juni wurden 49 Hinrichtungen öffentlich bekannt gegeben. Diese betrafen vorwiegend Arbeiter und Intellektuelle, aber keinen Studenten.
Flucht und Verfolgung
Einige der bekanntesten Führer der Demokratiebewegung und insgesamt etwa 400 Personen konnten mit Hilfe von Unterstützern in Hongkong und der grenzüberschreitenden Unterwelt in die damals noch britische Kronkolonie geschmuggelt werden. Westliche Diplomaten, insbesondere Frankreich, boten ihnen Asyl an. Mit falschen Ausweisen gelangten sie, teils mit stillschweigender Unterstützung der britischen Verwaltung, per Flugzeug in den Westen. Andere, die Haftstrafen verbüßten, konnten später ausreisen. Studenten, die von den Behörden als Teilnehmer der Proteste registriert wurden, hatten in der Folgezeit oft Schwierigkeiten, qualifizierte Arbeit zu finden.
Innerhalb der politischen Führung wurde KP-Generalsekretär Zhao Ziyang von den Hardlinern für die Ereignisse verantwortlich gemacht. Er wurde seiner Ämter enthoben und bis an sein Lebensende unter Hausarrest gestellt. Damit hatte Deng Xiaoping die liberale Fraktion der Führung ausgeschaltet. Obwohl die Konservativen nicht die Rückkehr zur reinen Kommandowirtschaft durchsetzen konnten, prägte Deng das heutige China maßgeblich: ein autoritärer Staat mit einer relativ freien Wirtschaft.

Internationale Reaktionen
Die internationale Gemeinschaft reagierte schockiert auf die gewaltsame Niederschlagung. Präsident George H.W. Bush verurteilte die Aktionen auf dem Tiananmen-Platz scharf. Die USA setzten Militärverkäufe und hochrangige Austauschprogramme mit chinesischen Beamten aus. Viele Mitglieder des US-Kongresses, die amerikanische Öffentlichkeit und internationale Staats- und Regierungschefs forderten breitere Wirtschaftssanktionen, von denen einige auch umgesetzt wurden. Als symbolische Geste der Unterstützung trafen sich US-Führer mit chinesischen Staatsangehörigen, die in den Vereinigten Staaten studierten. Die Frage der Beziehungen zu China, insbesondere die Gewährung des Meistbegünstigungsstatus im Handel, blieb für den Rest von Präsident Bushs Amtszeit und auch unter Präsident Bill Clinton ein kontroverses Thema.
Das berühmte Foto und sein Fotograf
Ein Bild, das die Welt nach der Niederschlagung zutiefst bewegte, ist das des sogenannten „Tank Man“, eines unbekannten Mannes, der sich am 5. Juni 1989 einer Kolonne von Panzern auf der Chang'an Avenue entgegenstellte. Dieses ikonische Foto wurde von Jeff Widener aufgenommen, einem amerikanischen Fotografen der Associated Press (AP).
Widener war während der Proteste in Peking anwesend. Er erlebte die Gewalt in der Nacht vom 3. Juni, wurde selbst angegriffen und verletzt, seine Kamera beschädigt. Trotzdem kehrte er zum AP-Büro zurück. Am 5. Juni hatte Widener den Auftrag, die Szene der Niederschlagung festzuhalten. Er brachte Ausrüstung in ein Hotel, das den Platz überblickte. Mit Hilfe eines anderen Helfers gelangte er ins Hotel. Als ihm der Film ausging, fand ein Helfer einen australischen Rucksacktouristen, John Flitcroft, der bereit war, ihm einen Film zu geben, unter der Bedingung, dass er mit ins Hotelzimmer kommen dürfe. Mit diesem Film nahm Widener das berühmte Foto auf. Das Bild des einzelnen Mannes vor den Panzern wurde zu einem der bekanntesten Fotos der Geschichte und machte Widener zu einem nominierten Finalisten für den Pulitzer-Preis 1990.
Die „Tiananmen-Mütter“
Im September 1989 schlossen sich Angehörige von Opfern des Massakers zu einer Interessengruppe zusammen, die sich „Tiananmen-Mütter“ nannte. Diese Gruppe fordert seither von der chinesischen Regierung eine Änderung der offiziellen Position zu den Geschehnissen und versucht, die chinesische Öffentlichkeit mit unabhängigen Informationen zum „Massaker des 4. Juni“ zu versorgen. Anfangs forderten sie die Beendigung der Verfolgung und das Recht, öffentlich trauern zu dürfen. Seit 1995 verlangten sie zusätzlich eine öffentliche Untersuchung, die Entschädigung der Hinterbliebenen und die Bestrafung der Verantwortlichen. Seit 1999 liegt der Schwerpunkt auf der Forderung nach einem Dialog mit der Regierung, was diese bisher ablehnt.
Inzwischen gehören den Tiananmen-Müttern Angehörige aus über 150 Opfer-Familien an. Die Gründerin der Gruppe, Ding Zilin, zählt zu den prominentesten Menschenrechtsaktivisten Chinas und wurde mehrfach unter Hausarrest gestellt. 2011 berichtete die Gruppe über geheime Entschädigungsangebote der Behörden an einzelne Familien, die jedoch abgelehnt wurden, da sie ein offizielles Verfahren forderten.

Die Debatte um das „Massaker auf dem Platz“
Die weit verbreitete Vorstellung eines Massakers, das direkt auf dem Tiananmen-Platz an den dort verbliebenen Studenten verübt wurde, stammt von Berichten einiger westlicher Journalisten. Diese Berichte wurden in den Medien vielfach wiedergegeben und prägten das kollektive Gedächtnis. So berichtete ein CBS-Team von automatischen Waffenfeuer, das nach ihrem Abzug vom Platz einsetzte. Der BBC-Reporter John Simpson berichtete aus seinem Hotelzimmer von Schüssen auf die Studenten am Denkmal. Allerdings war das Hotel etwa 800 Meter vom Platz entfernt, und Teile des Platzes waren nicht einsehbar.
Spätere Klarstellungen, unter anderem vom CBS-Korrespondenten Roth selbst, stellten fest: Es gab kein Massaker direkt auf dem Tiananmen-Platz selbst an den letzten dort verbliebenen Studenten, die den Platz am frühen Morgen friedlich verließen. Es steht jedoch außer Frage, dass in dieser Nacht viele Menschen durch die Armee getötet wurden – rund um den Tiananmen-Platz und auf dem Weg dorthin, hauptsächlich im westlichen Teil Pekings. Die Gewalt war real und tödlich, auch wenn die genaue Lokalisierung des schlimmsten Blutvergießens umstritten ist.
Langfristige Folgen für China
Von dieser blutigen Niederschlagung der Opposition sollte sich die chinesische Demokratie- und Studentenbewegung in der Volksrepublik China über Jahrzehnte nicht erholen. Neben der abschreckenden Wirkung der Ereignisse vom 3. und 4. Juni 1989 sorgte auch das starke Wirtschaftswachstum mit guten Karrierechancen für Hochschulabsolventen für einen Prioritätenwechsel. Die Zufriedenheit der Studenten insgesamt nahm zu, und das Interesse an politischem Engagement ließ nach. Deng Xiaopings Modell eines autoritären Staates mit relativer Wirtschaftsfreiheit wurde zum Fundament des modernen Chinas.
Opferzahlen: Ein Vergleich der Schätzungen
| Quelle | Tote | Verletzte |
|---|---|---|
| Offizieller Bericht (VBA) | über 200 (inkl. 36 Studenten) | über 3000 |
| Chinesisches Rotes Kreuz (Berichte 1989) | Tausende / 2600 | N/A |
| Amnesty International (ca. 1990) | hunderte bis tausende | N/A |
| Westliche Quellen (häufig zitiert) | hunderte oder tausende | N/A |
Hinweis: Die genauen Opferzahlen sind bis heute unklar und Gegenstand unterschiedlicher Darstellungen.
Häufig gestellte Fragen
Gab es ein Massaker direkt auf dem Tiananmen-Platz?
Berichte westlicher Journalisten sprachen zunächst von einem Massaker auf dem Platz selbst. Spätere Berichte und Zeugenaussagen, auch von Journalisten, die die ganze Nacht auf dem Platz waren, deuten darauf hin, dass die letzten Studenten den Platz am Morgen friedlich verließen. Das schwerste Blutvergießen und die meisten Todesfälle ereigneten sich demnach in den Straßen rund um den Platz, als die Armee versuchte, dorthin vorzudringen.
Wer war der „Tank Man“?
Der „Tank Man“ ist ein unbekannter chinesischer Mann, der am 5. Juni 1989, einen Tag nach der Niederschlagung, eine Kolonne von Panzern auf der Chang'an Avenue in Peking blockierte. Seine Identität und sein weiteres Schicksal sind bis heute unbekannt.

Wer hat das berühmte „Tank Man“ Foto gemacht?
Das berühmteste Foto des „Tank Man“ wurde von Jeff Widener, einem Fotografen der Associated Press (AP), vom Balkon eines Hotels mit Blick auf die Chang'an Avenue aufgenommen.
Was forderte die Gruppe „Tiananmen-Mütter“?
Die „Tiananmen-Mütter“ fordern eine offizielle Untersuchung der Ereignisse von 1989, die Entschädigung der Hinterbliebenen, die Bestrafung der Verantwortlichen und einen Dialog mit der Regierung. Sie setzen sich auch dafür ein, dass die Erinnerung an die Opfer nicht ausgelöscht wird.
Was waren die Folgen für die chinesische Demokratiebewegung?
Die Bewegung wurde durch die brutale Niederschlagung und die anschließende Repression schwer getroffen und konnte sich über Jahrzehnte nicht erholen. Das starke Wirtschaftswachstum trug ebenfalls dazu bei, dass sich die Prioritäten vieler junger Chinesen vom politischen Engagement hin zur beruflichen und wirtschaftlichen Entwicklung verschoben.
Die Ereignisse von 1989 und ihre Folgen haben tiefe Narben in der chinesischen Gesellschaft hinterlassen und prägen bis heute das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern sowie Chinas Beziehungen zum Westen. Die Erinnerung an den 4. Juni wird in China stark unterdrückt, während sie im Ausland als Symbol für den Kampf um Freiheit und Demokratie gilt.
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