Was versteht man unter Selbstbildung?

Selbstbildung: Herzstück der Persönlichkeit

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Selbstbildung ist ein tiefgreifendes individuelles Phänomen, das den Kern menschlicher Entwicklung berührt. Es bezeichnet jenen Prozess, durch den ein Mensch aktiv und eigenständig seine Persönlichkeit formt und sich Wissen sowie Fähigkeiten aneignet. Es ist die individuelle Leistung, die jeder Einzelne erbringt, indem er aus den vielfältigen Einflüssen und Erziehungsansprüchen seiner Umwelt seine ganz eigene Version destilliert und danach strebt, diese zu verwirklichen. Im Grunde ist es die bewusste Entscheidung und der Wille des mündig werdenden Menschen, die Richtung seiner eigenen Entwicklung selbst zu bestimmen. Dies geht über bloße Selbstbehauptung hinaus und wird zur Selbsterziehung, sobald der Einzelne neben Rechten auch Pflichten wahrnimmt und das übergeordnete Ziel einer persönlichen Weiterentwicklung verfolgt. Es ist ein fortlaufender Prozess, der nicht an bestimmte Lebensphasen gebunden ist, sondern den Menschen von frühester Kindheit an begleitet.

Was versteht man unter Selbstbildung?
Aus entwicklungspsychologischer Sicht bezeichnet Selbstbildung nach dem Verständnis von Gerd E. Schäfer und Jean Piaget den selbstaktiven Entwicklungsprozess des Menschen, in dem schon Kinder selbsttätig agieren, indem sie sich und ihre Umwelt erkunden.

Aus der Perspektive der Entwicklungspsychologie, wie sie etwa von Gerd E. Schäfer und Jean Piaget vertreten wird, beschreibt Selbstbildung den selbstaktiven Entwicklungsprozess des Menschen. Schon Kinder agieren selbsttätig, indem sie ihre Umwelt und sich selbst erkunden. Dieser frühe Drang zur Erkundung und zum Verstehen ist ein fundamentaler Ausdruck von Selbstbildung. Das Besondere daran ist, dass Selbstbildung weder an formale Institutionen wie Schulen oder Universitäten gebunden ist, noch an curriculare Bildungsgänge oder bestimmte Eingangsvoraussetzungen. Sie ist ein Prozess, der aus eigener Einsicht und Motivation heraus entsteht, selbstgesteuert verläuft und dem Individuum die freie Entscheidung lässt, ob und wann es externe Unterstützung, wie etwa durch eine Lehrperson, in Anspruch nehmen möchte.

Was Selbstbildung ausmacht und wie sie sich manifestiert

Das Fundament der Selbstbildung liegt in Begegnung und Gespräch, in Beobachtung und Erkundung, im Hören und Lesen. All diese Aktivitäten werden jedoch nicht passiv rezipiert, sondern aktiv und zielgerichtet aus eigenem Antrieb verfolgt. Schon in der Frühpädagogik wird der Fokus auf die selbstgesteuerte Erkundung gelegt. Die Anforderungen einer Situation geben dem Kind den Anreiz, nach eigenen Problemlösungen zu suchen. Für Pädagogen und Eltern bedeutet dies oft, günstige Bedingungen für selbstbildendes Handeln zu schaffen. Dabei ist eine Balance entscheidend: so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig Hilfestellung leisten, um die Motivation zur Selbstbildung zu erhalten und gleichzeitig Gefahren zu vermeiden.

Selbstbildung ist mehr als nur Wissenserwerb; sie ist der personale Aspekt der menschlichen Bildung. Viele Experten betrachten sie als das eigentliche Herzstück aller Bildungsprozesse. Sie spielt nicht nur im klassischen Bildungsbereich eine Rolle, sondern hat auch in zahlreichen Geistesströmungen eine große Bedeutung. Alternative Bezeichnungen wie Selbsterziehung, Selbstsorge (ein Begriff, der besonders durch Michel Foucault geprägt wurde), Selbstformung oder Selbstgestaltung unterstreichen die Vielfalt der Perspektiven auf dieses Phänomen. Die Motive, die zur Selbstbildung anregen, können sehr unterschiedlich sein und sich auf verschiedene Persönlichkeitsaspekte richten. Schon Michael Leopold Enk von der Burg stellte 1842 fest, dass religiöse oder moralische Beweggründe ebenso eine Rolle spielen können wie intellektuelle oder praktische.

Das Spannungsfeld: Selbsterziehung versus Fremderziehung

Die menschliche Entwicklung ist seit jeher von einem natürlichen Spannungsverhältnis geprägt: dem Kampf zwischen Fremderziehung und Selbsterziehung. Diesen Prozess hat etwa der Individualpsychologe David Ernst Oppenheim immer wieder hervorgehoben. Es ist die Auseinandersetzung zwischen dem Bild, das andere von uns haben (Fremdbild), und dem Bild, das wir von uns selbst haben (Selbstbild). Anzeichen für den Willen zur Selbstbestimmung zeigen sich schon früh. In den individuell sehr unterschiedlich ausgeprägten sogenannten „Trotzphasen“ im Kindesalter äußert sich der Widerstand gegen Anordnungen der Erziehungsberechtigten. Diese Widerstände verschärfen sich oft in der Pubertät, wenn die eigenen Vorstellungen des Heranwachsenden zunehmend von denen der Eltern abweichen.

Das Selbstbild und das Fremdbild können weit auseinanderklaffen, was zu Konflikten führen kann, insbesondere bei wichtigen Entscheidungen wie der Wahl des Freundeskreises oder der Berufswahl. Diese Auseinandersetzungen können mitunter krasse Formen annehmen und nicht selten zu Zerwürfnissen führen. Die Suche nach der eigenen Identität, die eng mit der Selbsterziehung verbunden ist, dokumentiert sich nicht nur in wissenschaftlichen Beobachtungen, sondern auch in persönlichen Aufzeichnungen, wie dem berühmten Tagebuch der Anne Frank.

Während Selbsterziehung auf allen Bildungsebenen im Widerstreit mit der Erziehung durch andere Personen stand, war sie gleichzeitig immer eng mit ihr verknüpft. Als hilflos geborenes Wesen bedarf der Mensch zunächst der Fremdfürsorge und der elementaren Erziehung. Doch mit zunehmendem Alter wächst er aus dieser Abhängigkeit heraus. Selbsterziehung ist ein Impuls, der dem tiefen Bedürfnis des Individuums nach Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Autarkie entspringt. Dieser Impuls ist eng mit dem Selbstwertgefühl verbunden. Der Eigensinn, der sich bereits beim Kind in Trotzphasen äußert, setzt sich beim Heranwachsenden in Form von Widersprüchen zu nicht akzeptierten Fremderziehungsmaßnahmen fort. Im Erwachsenenalter sollte sich dieser Eigensinn idealerweise mit einer klaren Ziel- und Wertausrichtung des eigenen Lebens verbinden.

Spätestens als Erwachsener empfinden die meisten Menschen den Versuch, von anderen „erzogen“ zu werden, als Zumutung oder gar Erniedrigung. Es scheint zu unterstellen, dass der Einzelne Mängel im Charakter hat, die er selbst nicht beheben kann. Fremderziehung wird dann oft als ein von außen aufgedrängtes Korrektiv empfunden, das den eigenen Ansprüchen widerspricht.

Bildungspolitische Perspektiven und das pädagogische Wagnis

Die Bedeutung der Selbstbildung wird auch auf bildungspolitischer Ebene anerkannt. Maria Montessori prägte das bekannte Leitwort an Erziehende: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Dies bringt die Notwendigkeit zum Ausdruck, dem kindlichen Bestreben nach Eigentätigkeit und Selbstbestimmung entgegenzukommen. Auch Schulgründungen wie die von Kurt Hahn verfolgten das Ziel einer „Erziehung zur Verantwortung“. Die inzwischen allgemein anerkannte Forderung nach lebenslangem Lernen impliziert unweigerlich den Übergang von der Erziehung durch andere zur eigeninitiierten Selbstbildung. Dieser Übergang soll sich pädagogisch gewollt bereits parallel zur Fremderziehung etablieren und spätestens mit dem Erreichen der Mündigkeit und dem Auslaufen der formalen Ausbildung die Fremderziehung weitestgehend ablösen. Erzieher und Lehrer haben die Aufgabe, ihre Zöglinge auf dieses lebenslange, selbstgesteuerte Lernen vorzubereiten.

Der Bildungsauftrag, der in den Bildungsplänen der Bundesländer verankert ist, sieht die Hinführung zu einem mündigen, selbstverantwortlichen Glied der Gemeinschaft als wesentliche Aufgabe. Entsprechend ist die Förderung der Selbstkompetenz eine zentrale Erziehungsaufgabe. Selbstkompetenz umfasst eine Vielzahl von Persönlichkeitseigenschaften, die für die Selbstbildung unerlässlich sind: die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen, Frustrationstoleranz aufzubauen, sich selbst zu motivieren, zielgerichtet zu planen, Pläne in die Tat umzusetzen und vor allem „Lernen lernen“. Damit sich ein Mensch jedoch zu einer wirklich eigenständigen, nicht fremdbestimmten Persönlichkeit entwickeln kann, bedarf es seiner freiwilligen, aktiven Mitwirkung. Diese Mitwirkung muss bereits parallel zu den Einflüssen und Normen der Erziehungsberechtigten erfolgen und sich in der Auseinandersetzung mit diesen entwickeln.

Eine persönlichkeitsgerechte Entwicklung setzt Eigeninitiative, Bildungswillen und die Bereitschaft zur Selbstverantwortung des Zöglings voraus. Dies ist, wie der Erziehungswissenschaftler Hermann Röhrs betonte, mit einem pädagogischen Wagnis verbunden. Der Didaktiker und Wagnisforscher Siegbert A. Warwitz beschreibt dieses Wagnis als doppelseitig. Zum einen muss der Heranwachsende es wagen, sich allmählich von jeder Fremdbestimmung zu lösen, um zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit zu werden. Zum anderen müssen die Erziehungsberechtigten es wagen, die heranwachsende Persönlichkeit zunehmend freizugeben – für eigene Entscheidungen, eigene Verantwortungsübernahme und die Entwicklung eigener Wertvorstellungen. Sie müssen erkennen, dass bestimmte Charaktermerkmale und für die eigenständige Persönlichkeit entscheidende Fertigkeiten wie Fleiß, Selbstdisziplin, Selbstmotivation, Durchhaltevermögen, Fairness oder Frustrationstoleranz nicht einfach „anerzogen“ werden können. Sie entstehen vielmehr aus dem eigenen Willen und den eigenen Wertvorstellungen der reifenden Persönlichkeit.

Die deutsche Kultusministerkonferenz (KMK), deren Vorgaben die Bildungspläne der Länder prägen, definiert die erwartete Selbstkompetenz der Heranwachsenden als „Bereitschaft und Fähigkeit, als individuelle Persönlichkeit die Entwicklungschancen, Anforderungen und Einschränkungen in Familie, Beruf und öffentlichem Leben zu klären, zu durchdenken und zu beurteilen, eigene Begabungen zu entfalten sowie Lebenspläne zu fassen und fortzuentwickeln.“ Diese Definition betont Eigenschaften wie Selbstständigkeit, Kritikfähigkeit, Selbstvertrauen, Zuverlässigkeit, Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein. Ein zentraler Aspekt ist dabei die Entwicklung eigener, durchdachter Wertvorstellungen und die selbstbestimmte Bindung an diese Werte.

Selbstbildung versus Fremderziehung: Ein Vergleich

AspektSelbstbildung (Selbsterziehung)Fremderziehung
InitiatorDas Individuum selbst (eigene Einsicht, Motivation)Andere Personen (Eltern, Lehrer, Institutionen)
ZielPersönliche Weiterentwicklung, Selbstbestimmung, eigene WerteAnpassung an gesellschaftliche Normen, Wissensvermittlung, Werteübernahme
MethodenErkundung, Beobachtung, Gespräch, Lesen, eigenes HandelnAnweisungen, Belehrung, Vorbilder, Regeln, Lehrpläne
ZeitpunktLebenslang, beginnt in früher KindheitÜberwiegend in Kindheit und Jugend, institutionalisiert
OrtÜberall möglich, nicht an Institutionen gebundenOft an spezifische Orte gebunden (Familie, Schule)
BasisEigener Wille, Bedürfnisse, SelbstwertgefühlAutorität, gesellschaftliche Erwartungen, Fürsorgepflicht
DynamikProzess der Selbstformung, Auseinandersetzung mit FremdeinflüssenVorgabe von außen, die angenommen oder abgelehnt werden kann

Häufig gestellte Fragen zur Selbstbildung

Was ist der grundlegende Unterschied zwischen Selbstbildung und Fremderziehung?
Der grundlegende Unterschied liegt in der Initiative und Steuerung. Bei der Selbstbildung ist das Individuum selbst der aktive Gestalter seiner Entwicklung, motiviert durch eigene Einsicht und Bedürfnisse. Bei der Fremderziehung übernehmen andere Personen oder Institutionen die Rolle des Erziehers und geben Ziele und Methoden vor.

Ab welchem Alter beginnt Selbstbildung?
Selbstbildung beginnt bereits in der frühen Kindheit, wenn Kinder beginnen, ihre Umwelt und sich selbst aktiv zu erkunden und nach eigenen Lösungen zu suchen. Es ist ein lebenslanger Prozess, der sich mit zunehmendem Alter und wachsender Mündigkeit intensiviert.

Ist Selbstbildung nur für Erwachsene relevant?
Nein, Selbstbildung ist für Menschen jeden Alters relevant. Sie manifestiert sich in der Kindheit durch Erkundung und Eigensinn, in der Jugend durch die Suche nach Identität und die Auseinandersetzung mit Fremdbestimmung, und im Erwachsenenalter als fortlaufendes, selbstgesteuertes Lernen und die Entwicklung der Persönlichkeit.

Kann man sich selbst bilden, ohne jemals externe Hilfe in Anspruch zu nehmen?
Obwohl Selbstbildung selbstgesteuert ist und nicht zwingend formale Lehrpersonen erfordert, basiert sie auf Begegnung, Gespräch, Beobachtung und dem Austausch mit der Umwelt. Externe Einflüsse und die Interaktion mit anderen sind oft Katalysatoren für die Selbstbildung. Die Entscheidung, ob und welche externe Hilfe (wie z.B. eine Lehrperson) hinzugezogen wird, liegt jedoch beim Individuum.

Welche Rolle spielen Eltern und Pädagogen bei der Selbstbildung von Kindern?
Eltern und Pädagogen spielen eine wichtige Rolle, indem sie günstige Bedingungen für selbstbildendes Handeln schaffen. Ihre Aufgabe ist es, das Kind zu unterstützen (so wenig wie möglich, so viel wie nötig), die Motivation zur Selbsterziehung anzuregen und Gefahren zu vermeiden. Sie müssen das pädagogische Wagnis eingehen, dem Kind zunehmend Raum für eigene Entscheidungen und Verantwortungsübernahme zu geben.

Warum ist Selbstkompetenz im Zusammenhang mit Selbstbildung wichtig?
Selbstkompetenz umfasst die Fähigkeiten und Eigenschaften, die es einem Individuum ermöglichen, seinen eigenen Bildungsweg zu gestalten und sich selbst zu steuern. Dazu gehören Selbstmotivation, Planungsfähigkeit, Frustrationstoleranz und die Fähigkeit, „Lernen lernen“. Ohne eine gewisse Selbstkompetenz ist effektive Selbstbildung kaum möglich.

Ist Selbstbildung immer harmonisch oder kann sie auch konfliktreich sein?
Selbstbildung ist oft ein konfliktreicher Prozess, insbesondere im Verhältnis zur Fremderziehung. Die Auseinandersetzung zwischen dem eigenen Willen und den Erwartungen anderer, die Suche nach der eigenen Identität und die Abgrenzung von Fremdbestimmung können zu Spannungen und Konflikten führen, insbesondere in Phasen wie der Pubertät.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Selbstbildung weit mehr ist als nur das Aneignen von Wissen außerhalb formaler Strukturen. Sie ist ein grundlegender menschlicher Prozess, der von frühester Kindheit an beginnt und das gesamte Leben prägt. Sie ist der Ausdruck des tiefen menschlichen Bedürfnisses nach Autonomie, Selbstbestimmung und persönlicher Entfaltung. Im ständigen Dialog und manchmal auch Konflikt mit der Fremderziehung bildet sie die Basis für ein mündiges und selbstverantwortliches Leben. Sie ist das Herzstück der Bildung, weil sie die aktive Gestaltung der eigenen Persönlichkeit in den Mittelpunkt stellt und für ein erfolgreiches lebenslanges Lernen unerlässlich ist.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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