Rund zehn Kilometer östlich von Basel in der Schweiz liegt heute ein beeindruckender archäologischer Park, der die Überreste einer einst blühenden römischen Metropole beherbergt: Augusta Raurica. Diese antike Siedlung am Südufer des Rheins erzählt eine Geschichte von Wachstum, Wohlstand, Krise und Transformation über viele Jahrhunderte. Ursprünglich als römische Kolonie gegründet, entwickelte sie sich zu einem bedeutenden Zentrum, dessen Spuren bis heute faszinieren.

Ursprung und Name
Der offizielle Name der Stadt lautete Colonia Augusta Rauricorum. Dies bedeutet auf Deutsch 'Stadt des Augustus im Land der Rauriker'. Die Benennung verweist auf den keltischen Stamm der Rauriker, die vor Ankunft der Römer in dieser Region lebten. Die formale Gründung der Kolonie wird auf das Jahr 44 v. Chr. durch Lucius Munatius Plancus datiert. Archäologische Funde legen jedoch nahe, dass die eigentliche, dauerhafte Besiedlung und der Aufbau der Stadt erst um 15 v. Chr. unter Kaiser Augustus begannen. Der Namenszusatz 'Augusta' ist ab 139 n. Chr. gesichert, wird aber bereits für die augusteische Zeit als sehr wahrscheinlich erachtet. Der Bestandteil 'Emerita' deutet darauf hin, dass Augusta Raurica ursprünglich als Veteranenkolonie angelegt wurde und anfänglich möglicherweise einen militärischen Charakter hatte, bevor sie zu einer Zivilstadt wurde.

Strategische Lage und Stadtplanung
Die Lage von Augusta Raurica war strategisch hervorragend gewählt. Sie wurde auf einer Terrasse zwischen dem Rhein und dem Tafeljura als Planstadt auf der „grünen Wiese“ angelegt. Die Bauherren konnten so die ideale Topografie nutzen. Der Rhein diente als wichtiger Wasserweg, während sich in Augusta Raurica zwei bedeutende Fernstraßen kreuzten: die Nord-Süd-Verbindung von Italien nach Germanien (über den Grossen St. Bernhard und Aventicum) und die West-Ost-Verbindung von Gallien nach Raetien und Pannonien. Zwei Bäche, die Ergolz und der Violenbach, formten das Plateau und sicherten zusammen mit Aquädukten, insbesondere einer Leitung aus Liestal, die Wasserversorgung. Die fruchtbare Rheinebene ermöglichte zudem die Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten.
Die Stadt gliederte sich in die Oberstadt auf dem Plateau und die Unterstadt in der Rheinebene. Die Oberstadt folgte einem strengen Raster mit rechtwinkligen Insulae (Wohnblöcken). Der Cardo Maximus und der Decumanus Maximus kreuzten sich auf dem zentralen Forum. In der Unterstadt wurde dieses Raster nicht übernommen; hier dominierte eine Bebauung mit langgestreckten Parzellen, die an kleinere ländliche Siedlungen (Vici) erinnerte.
Historischer Überblick
Aufbau und Blütezeit (1. und 2. Jahrhundert n. Chr.)
Nach der Gründung wuchs die Stadt im 1. Jahrhundert n. Chr. rasch. Die Insulae wurden zunächst mit Holzbauten, später zunehmend mit Steinbauten überbaut. Erste öffentliche Gebäude wie Thermen und Tempel entstanden. Kurzzeitig gab es ein Militärlager in der Unterstadt, das aber Mitte des 1. Jahrhunderts aufgegeben wurde, als die Grenze nach Norden verschoben wurde und Augusta Raurica zu einer reinen Zivilstadt wurde. Die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts und das gesamte 2. Jahrhundert waren geprägt von reger Bautätigkeit und Wohlstand. Die Stadt wurde ausgebaut und verfeinert. Bedeutende Bauten wie das szenische Theater und später ein großes Amphitheater wurden errichtet. Luxuriöse Stadtvillen entstanden, was den Reichtum der Oberschicht widerspiegelt.
Krise und Transformation (3. und 4. Jahrhundert n. Chr.)
Das 3. Jahrhundert brachte das Ende der Blütezeit. Die Krisen des Römischen Reiches, Kriege und unsichere Zeiten führten zu Verfall und Zerstörung in Augusta Raurica. Um 280 n. Chr. war die Zivilstadt weitgehend verlassen. Die verbliebene Bevölkerung zog sich auf ein befestigtes Areal zurück. Ab etwa 290 n. Chr. wurde in der Rheinebene das mächtige Castrum Rauracense errichtet, eine Festung, die den Rheinübergang sichern sollte und römische Truppen beherbergte. Auch Zivilisten lebten innerhalb der Mauern des Castrums. Dieses wurde um 352 n. Chr. bei Angriffen beschädigt, aber wieder aufgebaut. Aus dieser Zeit stammt der berühmte Silberschatz von Kaiseraugst.
Frühmittelalterlicher Wandel
Im 5. Jahrhundert nahm die militärische Bedeutung des Castrums ab, auch wenn eine Besiedlung fortbestand. Mit dem Aufstieg Basels im 7. Jahrhundert verlor die Siedlung endgültig ihre regionale Bedeutung und schrumpfte zu einem kleinen Dorf.

Öffentliche Bauwerke im Detail
Augusta Raurica verfügte über eine beeindruckende Infrastruktur römischer öffentlicher Bauten.
Das Forum
Das Hauptforum, das städtische Zentrum, war ein komplexes Areal mit einer öffentlichen Platzfläche (area publica), umgeben von Geschäften (Tabernen), einem heiligen Bezirk (area sacra) mit Podiumstempel, einer Basilika (Gerichts- und Versammlungshalle) und einer Curia (Rathaus). Es war das politische, wirtschaftliche und religiöse Herz der Stadt. Ein kleineres Südforum diente möglicherweise Handelszwecken.
Theater und Amphitheater
Das szenische Theater im Stadtzentrum durchlief mehrere Bauphasen, von einem Arena-Theater über ein Semi-Amphitheater bis hin zu einem klassischen Theater, das zuletzt 10.000 bis 12.000 Zuschauer fasste. Hier fanden Theateraufführungen und andere öffentliche Versammlungen statt. Für blutigere Spektakel wie Tierhatzen und Gladiatorenkämpfe gab es ein separates, großes Amphitheater am Stadtrand, das eine natürliche Senke nutzte. Ein drittes, spätrömisches Amphitheater wurde im Bereich des Castrums entdeckt.
Thermenanlagen
Öffentliche Bäder waren unverzichtbar für die römische Lebensweise. Augusta Raurica besaß mehrere Thermenkomplexe, darunter die Frauenthermen und die Zentralthermen in der Oberstadt sowie ein Heilbad in der Grienmatt, das mit einer Tempelanlage verbunden war und auf Heilzwecke hindeutet. Die Rheinthermen gehörten zum spätrömischen Castrum.
Tempelanlagen
Neben den Tempeln auf dem Forum gab es weitere religiöse Zentren. Dazu gehörten gallo-römische Viereckstempel und das bereits erwähnte Heiligtum in der Grienmatt, das dem Heilgott Aesculapius geweiht war und ein Heilbad umfasste.

Wohnen und Arbeiten
Die Wohn- und Handwerksquartiere gaben der Stadt ihr tägliches Gepräge. In der Oberstadt waren die Insulae dicht bebaut. Hier fanden sich sowohl einfache Wohnungen als auch luxuriöse Stadtvillen, oft kombiniert mit Handwerksbetrieben und Geschäften im Erdgeschoss zur Straße hin. In der Unterstadt dominierten sogenannte Streifenhäuser, langgestreckte Parzellen, die nur an der Schmalseite zur Straße ausgerichtet waren und oft Wohnen und Gewerbe unter einem Dach vereinten. Handwerke wie Fleischverarbeitung, Textil-, Metall-, Horn- und Beinschnitzerei sowie Möbelbau wurden ausgeübt. Das Gewerbehaus Schmidmatt diente wohl als Gaststätte und Handwerksbetrieb.
Keramik- und Glasproduktion
Ein besonders wichtiges Gewerbe war die Produktion von Keramik. Töpfereien befanden sich strategisch günstig am Stadtrand der Oberstadt nahe den Tonvorkommen sowie verteilt in der Unterstadt. Sie versorgten die Stadt und das Umland mit Gefäßen. Auch Glasgefäße und -gegenstände wurden hergestellt, wobei die Glaswerkstätten in der Unterstadt am Rhein lagen, um den hohen Bedarf an Brennholz per Wasserweg decken zu können. Spätrömische Ziegelöfen östlich der Oberstadt zeugen von der Bedeutung der Baukeramikproduktion.
Gräberfelder und Bestattungen
Wie in römischen Städten üblich, befanden sich die Gräberfelder außerhalb der Siedlung entlang der Ausfallstraßen. In der Kaiserzeit waren Brandbestattungen die vorherrschende Form. Erst in der Spätantike wurden Körperbestattungen zur Regel. Ein eindrucksvolles Zeugnis ist das monumentale Rundgrab an der südöstlichen Fernstraße, das auf eine bedeutende Persönlichkeit aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. hinweist.
Forschung und Augusta Raurica heute
Das Interesse an den Ruinen von Augusta Raurica begann bereits im 16. Jahrhundert, auch wenn die Stätte lange Zeit als Steinbruch genutzt wurde. Seit dem späten 19. Jahrhundert und insbesondere im 20. Jahrhundert wird Augusta Raurica systematisch wissenschaftlich erforscht und ausgegraben. Heute kümmert sich der staatliche Archäologiebetrieb um die Erhaltung, Erforschung und Vermittlung der römischen Hinterlassenschaften. Der archäologische Park ist frei zugänglich und ein nationales Kulturdenkmal.
Für Besucher bietet Augusta Raurica ein reiches Erlebnis. Das Museum beherbergt den berühmten Silberschatz von Kaiseraugst und wechselnde Ausstellungen. Das Römerhaus ist eine Rekonstruktion eines römischen Wohnhauses und bietet Einblicke in den Alltag. Zahlreiche rekonstruierte oder konservierte Bauwerke sind im Gelände zu sehen. Führungen, Workshops und das jährliche Römerfest machen die Geschichte lebendig. Informationen zu Öffnungszeiten, Eintrittspreisen und Anreise sind verfügbar und erleichtern den Besuch.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was heißt Augusta Raurica auf Deutsch?
Augusta Raurica bedeutet wörtlich 'Stadt des Augustus im Land der Rauriker'.
Wer hat Augusta Raurica gegründet?
Die formale Gründung erfolgte im Sommer 44 v. Chr. durch Lucius Munatius Plancus. Die dauerhafte Koloniegründung fand jedoch erst um 15 v. Chr. unter Kaiser Augustus statt. Die Stadt wurde als römische Kolonie für Veteranen angelegt.
Welches Volk hat Augusta Raurica gegründet?
Augusta Raurica wurde von den Römern als Kolonie gegründet. Der Name bezieht sich auf den lokalen keltischen Stamm der Rauriker, die ursprünglich in der Region siedelten.
Wer baute Augusta Raurica?
Der Bau erfolgte über Jahrhunderte durch die römische Verwaltung und Bevölkerung. Anfänglich waren möglicherweise auch militärische Einheiten beteiligt. Zivilisten errichteten ihre Wohnhäuser, Handwerksbetriebe und öffentlichen Gebäude wie das Forum und das Theater. Später, insbesondere das Castrum, wurde auch durch das römische Militär gebaut.
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