Der 30. Januar 1933 ist ein Datum von immenser historischer Bedeutung. An diesem Tag wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, ein Ereignis, das oft als „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten bezeichnet wird. Doch diese Bezeichnung allein erfasst nicht die volle Komplexität der Geschehnisse. Historiker diskutieren bis heute intensiv darüber, ob es sich um eine „Machtergreifung“, eine „Machtübernahme“ oder gar eine „Machtübertragung“ handelte und ob der Prozess als „Revolution“ bezeichnet werden kann. Fest steht: Die Ernennung Hitlers war der Beginn eines rapiden Umbaus des Staates, der innerhalb kürzester Zeit zur Errichtung einer totalitären Diktatur führte.

Die Ereignisse des 30. Januar 1933
Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 war das Ergebnis einer längeren politischen Krise, die durch die Weltwirtschaftskrise ab 1929 verschärft wurde. Die letzte stabile parlamentarische Regierung der Weimarer Republik, die Große Koalition, war bereits 1930 zerbrochen. Es folgten Jahre der Präsidialkabinette, die zunehmend mit Notverordnungen und ohne parlamentarische Mehrheit regierten. In dieser instabilen Phase gewann die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) rapide an Einfluss und Wählerstimmen. Bei den Reichstagswahlen im November 1932 wurde die NSDAP zwar stärkste Fraktion (33,1 %), konnte aber keine regierungsfähige Mehrheit bilden. Reichskanzler wurde zunächst der parteilose Kurt von Schleicher.

Nach dem Rücktritt Schleichers am 28. Januar 1933 ernannte Hindenburg schließlich Hitler zum Reichskanzler. Die Entscheidung war auch das Ergebnis von Intrigen und dem Glauben konservativer Eliten, Hitler „einhegen“ zu können. Mit der Ernennung Hitlers wurde der Reichstag aufgelöst, und Neuwahlen wurden für den 5. März 1933 angesetzt. Die Zeit bis zu diesen Wahlen nutzten die Nationalsozialisten intensiv, um Terror zu verbreiten und politische Gegner, insbesondere Kommunisten, auszuschalten.
Mehr als nur ein Tag: Der Prozess der Machtübernahme
Die Geschichtswissenschaft ist sich weitgehend einig, dass die „Machtergreifung“ kein punktuelles Ereignis des 30. Januar 1933 war, sondern ein längerer Prozess. Dieser Prozess zielte darauf ab, die demokratischen Institutionen der Weimarer Republik schrittweise abzuschaffen und die Herrschaft der NSDAP zu festigen. Die Frage, wann dieser Prozess abgeschlossen war, wird unterschiedlich beantwortet.
Einige Historiker sehen das Ende der „Machtergreifung“ bereits im Juli 1933, als mit dem Verbot anderer Parteien der Einparteienstaat weitgehend durchgesetzt war. Neuere Darstellungen, wie sie etwa im Oldenbourg Grundriss der Geschichte oder im Gebhardt zu finden sind, argumentieren jedoch, dass der Prozess erst im Sommer 1934 sein Ende fand. Dies wird mit zwei entscheidenden Ereignissen begründet: dem sogenannten Röhm-Putsch Ende Juni 1934, bei dem die SA-Führung und weitere potenzielle Gegner ermordet wurden, und dem Tod Reichspräsident Hindenburgs am 2. August 1934. Nach Hindenburgs Tod übernahm Hitler auch die Befugnisse des Reichspräsidenten und vereinte die Ämter des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten in seiner Person. Er nannte sich fortan „Führer und Reichskanzler“. Mit dem Eid der Wehrmacht auf die Person Hitlers und der Konsolidierung seiner Macht nach der Ausschaltung innerparteilicher und externer Gegner war der Führerstaat fest etabliert. Dieser Zeitraum von Januar 1933 bis Sommer 1934 kann somit als die eigentliche Phase der nationalsozialistischen Machteroberung betrachtet werden.
Die Debatte um Begriffe: Machtergreifung vs. Machtübertragung
Die Nationalsozialisten selbst vermieden den Begriff „Machtergreifung“ weitgehend. Sie sprachen stattdessen von „Machtübernahme“ oder dem Tag der „nationalen Erhebung“. Damit sollte der Eindruck von Legitimität, Kontinuität und Friedfertigkeit erweckt werden, insbesondere gegenüber dem Bürgertum.
Nach 1945 setzte sich in der Geschichtswissenschaft zunächst der Begriff „Machtergreifung“ durch. Er suggeriert, dass die NSDAP die Macht aktiv und quasi im Handstreich an sich riss, während das Volk eine passive Rolle einnahm. Neuere wissenschaftliche Literatur setzt den Begriff jedoch oft in Anführungszeichen oder bevorzugt andere Formulierungen wie „Machtübertragung“. Die Befürworter des Begriffs „Machtübertragung“ betonen mehrere Aspekte:
- Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch Hindenburg war nach dem Recht der Weimarer Republik zunächst legal.
- Konservative Politiker und Parteien waren an der Übertragung der Macht beteiligt, nicht nur durch die Ernennung, sondern auch durch die Beteiligung an der Regierung und die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz.
- Die NSDAP hatte, trotz des Terrors und der Einschränkung von Grundrechten, eine nicht unerhebliche Unterstützung in Teilen der Bevölkerung.
Diese Perspektive hebt hervor, dass die Macht nicht einfach „ergriffen“, sondern auch von traditionellen Eliten „übertragen“ wurde. Andere Historiker sprechen von einer „nationalsozialistischen Machteroberung 1933/34“, um den Prozesscharakter zu betonen.
War es eine Revolution?
Eine weitere kontroverse Frage ist, ob die nationalsozialistischen Ereignisse von 1933/34 als „Revolution“ bezeichnet werden können. Lange Zeit wurde dies, auch um sich vom Sprachgebrauch der Nationalsozialisten abzugrenzen, verneint. Eine Revolution wurde eher mit den Idealen der Französischen Revolution oder marxistischen Vorstellungen vom Sieg einer unterdrückten Klasse verbunden.
Sebastian Haffner bestritt den Revolutionscharakter, da ihm das „Ethos“ und der Mut fehlten, die er mit Revolutionären verband. Er sah im März 1933 eher eine Abwesenheit von Spontaneität, Erhebung und Einsatz.
In neueren Darstellungen wird der Begriff „Revolution“ jedoch wieder häufiger verwendet, allerdings in einem anderen Sinne. Horst Möller argumentierte, dass man von einer NS-Revolution sprechen sollte, da die Nationalsozialisten so viele und gravierende Verstöße gegen den Geist und Buchstaben der Weimarer Verfassung begingen, dass der Vorgang trotz einzelner legaler Akte insgesamt illegal und revolutionär war. Ernst Fraenkel sprach bereits 1941 von einem illegalen Staatsstreich statt einer „legalen Revolution“, wie von den Nazis behauptet.

Rainer Zitelmann sah 1933 als Revolution, begründet mit Hitlers revolutionärem sozialem Programm (neben den rassistischen Phantasien) und einem empirischen Revolutionsbegriff, der „tiefgreifenden, dauerhaften Wandel“ meint, unabhängig von Gewalt oder Beschränkung auf den politischen Bereich.
Hans-Ulrich Wehler und Michael Grüttner bezeichnen die Ereignisse als „totalitäre Revolution“, die sich durch einen nachhaltigen Umsturz des Herrschafts- und Gesellschaftssystems, extreme Polarisierung, Machtkampf, neue Legitimationsideen und einen Elitenaustausch auszeichnet. Riccardo Bavaj spricht von einer „permanenten Revolution“, die auf Homogenisierung und Expansion zielte.
Wolfgang Wippermann argumentiert wiederum, dass eher von einer „Machtübergabe“ als einer „Machtergreifung“ gesprochen werden sollte, da konservative Eliten die Republik bewusst „von oben“ zerstörten.
Diese unterschiedlichen Perspektiven zeigen, wie komplex die Bewertung der Ereignisse von 1933/34 ist und dass eine einfache Einordnung schwierig ist.
Der Weg zur Macht: Die Entwicklung der NSDAP
Die Wurzeln der NSDAP reichen zurück bis zum 5. Januar 1919, als in München die „Deutsche Arbeiterpartei“ (DAP) gegründet wurde. Adolf Hitler trat im September 1919 bei und stieg schnell zum führenden Propagandisten auf. Am 24. Februar 1920 verkündete er im Münchner Hofbräuhaus das 25-Punkte-Programm und die Partei wurde in „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“ (NSDAP) umbenannt. Hitler verfolgte von Anfang an das Ziel, eine Massenpartei zu schaffen.
Die frühe Partei konzentrierte sich stark auf Propaganda und scheute auch vor gewaltsamen Übergriffen nicht zurück. Wichtige Organisationen wie die „Sturmabteilung“ (SA) als Ordnungsmacht und die „Schutzstaffel“ (SS) als Hitlers persönliche Wachmannschaft wurden gegründet. Die Partei wuchs schnell, insbesondere in Bayern, wo sie ihren Ursprung hatte. Der sogenannte Hitlerputsch vom 8./9. November 1923, ein Versuch, die Regierung in Bayern zu stürzen, scheiterte und führte zum Verbot der Partei.
Nach seiner Haftentlassung gründete Hitler die NSDAP am 27. Februar 1925 neu. Er sicherte sich eine diktatorische Stellung innerhalb der Partei. In den folgenden Jahren verfolgte die Partei den Weg, legal über Wahlerfolge an die Macht zu kommen, nutzte aber weiterhin Agitation und Gewalt. Die Partei baute eine straffe Organisation mit Reichsleitung, Gauen, Kreisen und Ortsgruppen auf. Wichtige Parteizentren waren München, später auch Berlin.
Die Wahlergebnisse der NSDAP vor 1933 zeigten einen rapiden Aufstieg, insbesondere ab 1930 im Zuge der Weltwirtschaftskrise:
| Wahl | Datum | NSDAP Ergebnis (Reich) | NSDAP Ergebnis (Bayern) |
|---|---|---|---|
| Reichstagswahl | 20. Mai 1928 | 2,6 % | 6,4 % |
| Reichstagswahl | 14. September 1930 | 18,3 % | ca. 18 % |
| Reichspräsidentenwahl (1. Wahlgang) | 13. März 1932 | 30,1 % (Hitler) | unter Reichsdurchschnitt |
| Reichspräsidentenwahl (2. Wahlgang) | 10. April 1932 | 36,8 % (Hitler) | unter Reichsdurchschnitt |
| Landtagswahl Bayern | 24. April 1932 | - | 32,52 % |
| Reichstagswahl | 31. Juli 1932 | 37,3 % | 32,9 % |
| Reichstagswahl | 6. November 1932 | 33,1 % | 30,5 % |
| Reichstagswahl | 5. März 1933 | 43,9 % | 43,1 % |
Trotz des Rückgangs im November 1932 blieb die NSDAP die stärkste Partei. Dies, zusammen mit der politischen Krise und den Fehlkalkulationen konservativer Politiker, ebnete den Weg für Hitlers Ernennung zum Reichskanzler.
Die Festigung der Herrschaft nach 1933
Nach der Ernennung Hitlers am 30. Januar 1933 begann die NSDAP umgehend mit der Zerstörung der Demokratie und der Errichtung ihrer Diktatur. Das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933, das unter massivem Druck und Einschüchterung im Reichstag verabschiedet wurde, entzog dem Parlament seine Gesetzgebungskompetenz und übertrug sie der Regierung Hitler. Dies war ein entscheidender Schritt zur Abschaffung der Gewaltenteilung.

Parallel dazu lief der Prozess der Gleichschaltung ab Frühjahr 1933. Nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche – Parteien, Gewerkschaften, Verbände, Medien – wurden dem nationalsozialistischen Einfluss unterworfen oder verboten. Die Auflösung der Länderparlamente und die Zerschlagung der Gewerkschaften waren weitere Schritte zur Zentralisierung der Macht in den Händen der NSDAP.
Die Herstellung der sogenannten „Volksgemeinschaft“ war ein zentrales Ziel der NS-Propaganda und -Politik. Sie sollte die pluralistische Gesellschaft ersetzen. Projekte wie das Winterhilfswerk (WHW) oder Kraft durch Freude (KdF) dienten der Inszenierung dieser Gemeinschaft, aus der jedoch bestimmte Gruppen ausgeschlossen wurden.
Die Verfolgung der Juden begann unmittelbar nach der Machtübernahme. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 enthielt den sogenannten Arierparagraphen, der jüdische Beamte aus dem Dienst entfernte. Erste Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte folgten.
Ein weiteres Element der NS-Ideologie war die Rassenhygiene. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom Juli 1933 erlaubte die Zwangssterilisation von Personen, die als erbkrank galten.
Das Führerprinzip wurde zum charakteristischen Strukturelement der NS-Herrschaft. Es postulierte die Einheit von Volk und Führer und forderte unbedingte Treue und Gehorsam gegenüber Adolf Hitler.
Interne Machtkämpfe, insbesondere mit der SA unter Ernst Röhm, führten zum sogenannten Röhm-Putsch Ende Juni 1934. Die SA-Führung und andere unliebsame Personen wurden ermordet. Dies stärkte die Position Hitlers und sicherte ihm die Loyalität der Reichswehr, deren Unabhängigkeit die SA bedroht hatte.
Nach dem Tod Hindenburgs im August 1934 vereinigte Hitler die Ämter des Reichskanzlers und Reichspräsidenten. Die Wehrmacht leistete fortan den Eid auf seine Person. Die NS-Diktatur war damit endgültig zementiert. Das „Führerwort“ hatte Gesetzeskraft; die Weimarer Verfassung existierte formal weiter, war aber vollkommen irrelevant.
Die NSDAP selbst wandelte sich nach 1933 von einer Kampforganisation zu einem Instrument der Herrschaftssicherung und Bevölkerungskontrolle. Ihr Apparat wuchs enorm. München wurde offiziell zur „Hauptstadt der Bewegung“ erklärt. Wichtige Parteizentren und Repräsentationsbauten entstanden hier. Die jährlichen Reichsparteitage in Nürnberg dienten der massenwirksamen Inszenierung der Partei und des Führers. Auch der Obersalzberg bei Berchtesgaden wurde mit Hitlers Residenz „Berghof“ zu einem wichtigen Ort der NS-Herrschaft.

Die Partei durchdrang mit ihren Gliederungen (SA, SS, HJ, NSKK, NS-Frauenschaft, NSV etc.) und ihren Unterstrukturen (Gaue, Kreise, Ortsgruppen, Zellen, Blockleiter) das gesamte Land. Blockleiter fungierten auf unterster Ebene als Überwachungs- und Propagandainstrumente. Obwohl die Partei versuchte, den Staat vollständig zu kontrollieren, gelang dies nicht immer nahtlos. Insbesondere in der Beamtenschaft gab es auch nach 1933 viele Nicht- oder Neu-Mitglieder.
Das Ende der NSDAP
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Niederlage Deutschlands wurde die NSDAP durch das Gesetz Nr. 2 des Alliierten Kontrollrats vom 10. Oktober 1945 verboten und aufgelöst. Ihr Vermögen wurde beschlagnahmt. Führende Nationalsozialisten wurden in den Nürnberger Prozessen und weiteren Verfahren, wie den Dachauer Prozessen, für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen. Die Entnazifizierung der Bevölkerung war ein zentrales Anliegen der Alliierten.
Häufig gestellte Fragen
Wann fand die „Machtergreifung“ statt?
Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler war am 30. Januar 1933. Historiker sehen die „Machtergreifung“ jedoch als einen Prozess, der bis Sommer 1934 dauerte.
Warum wird auch von „Machtübernahme“ oder „Machtübertragung“ gesprochen?
Die Nationalsozialisten selbst nutzten „Machtübernahme“ aus Propagandagründen. Einige Historiker bevorzugen „Machtübertragung“, um die Beteiligung konservativer Eliten und die anfängliche formale Legalität der Ernennung zu betonen.
Wie wurde Adolf Hitler Reichskanzler?
Nach einer Phase der Präsidialkabinette und politischen Instabilität wurde Hitler am 30. Januar 1933 von Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannt, da die NSDAP die stärkste Fraktion im Reichstag war und konservative Politiker eine Regierung unter Hitler für kontrollierbar hielten.
Was waren die wichtigsten Schritte zur Festigung der NS-Herrschaft nach dem 30. Januar 1933?
Entscheidende Schritte waren das Ermächtigungsgesetz (März 1933), die Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft, das Verbot anderer Parteien (Juli 1933), die Ausschaltung innerparteilicher Gegner (Röhm-Putsch, Juni 1934) und die Übernahme der Präsidialbefugnisse nach Hindenburgs Tod (August 1934).
War die Machtübernahme legal?
Hitlers Ernennung war formal legal. Die darauf folgenden Schritte zur Errichtung der Diktatur, wie die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes unter Zwang und die systematische Außerkraftsetzung von Grundrechten und Verfassung, waren jedoch illegal und brachen das geltende Recht.
Was war die Rolle der NSDAP nach 1933?
Nach der Erringung der Macht wandelte sich die NSDAP von einer politischen Bewegung zu einem zentralen Instrument zur Sicherung und Ausübung der Herrschaft. Sie diente der ideologischen Durchdringung, Propaganda, Kontrolle der Bevölkerung und der Besetzung wichtiger Positionen in Staat und Gesellschaft, auch wenn die vollständige Kontrolle über den Staatsapparat nicht lückenlos gelang.
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