Wenn es um die Schweizer Fotografie geht, gibt es nicht den einen typischen Stil. Vielmehr zeichnet sich die Szene durch eine bemerkenswerte Vielfalt aus, die von präziser Objektivität bis hin zu experimenteller Subjektivität reicht. Eine Gemeinsamkeit vieler renommierter Schweizer Fotografen ist jedoch, dass sie ihre Karriere oft im Ausland gemacht haben, bevor sie in ihrer Heimat Anerkennung fanden.

Die Entwicklung der Fotografie in der Schweiz als anerkannte Kunstform vollzog sich im Vergleich zu anderen Ländern eher spät. Erst in den 1980er Jahren entstanden die ersten Galerien, die sich explizit der Fotokunst widmeten. Zuvor mussten Fotografen ihren Lebensunterhalt hauptsächlich auf andere Weise verdienen. Künstlerische Fotografie war oft nur ein Hobby. Ab den 1920er Jahren boten die Werbeindustrie und ab den 1930er Jahren die aufkommenden Illustrierten neue Möglichkeiten, Fotografie und Broterwerb zu verbinden.
Die Anfänge: Berge, Panoramen und Dokumentation
Ein zentrales Motiv der frühen Schweizer Fotografie waren zweifellos die Alpen. Panoramische Ansichten der majestätischen Bergwelt gehörten zu den wichtigsten Sujets. Das Schweizerische Nationalmuseum beherbergt einzigartige visuelle Dokumente, die bedeutende Innovationen in der Panoramafotografie zeigen.
Pioniere wie Gaberell bereisten ständig die Schweiz, oft in den Bergen, und etablierten sich als Spezialisten für Bergfotografie. Gaberell veröffentlichte 1927 „Gaberells Schweizer Bilder: Erster Band“ und war auch sehr erfolgreich im Verkauf seiner Ansichten als Postkarten. Ein weiterer Innovator war Taugwalder, ein Walliser Bergsteiger und IT-Spezialist, der mit Stitching-Verfahren spektakuläre Begeh-Panoramen schuf.
Neben der Landschaftsfotografie gab es auch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Fotografie selbst. Das Schweizerische Kameramuseum in Vevey beispielsweise bietet einen wissenschaftlichen Überblick über die mechanischen Elemente der Fotografie und erläutert Apparate und Techniken – ein Ansatz, der durchaus als „typisch schweizerisch“ im Sinne der Präzision beschrieben werden könnte.
Objektive Fotografie: Präzision und der Schweizer Stil
Besonders in der Werbebranche entstand in den 1920er Jahren eine Nachfrage nach der perfekten Wiedergabe fotografischer Motive: objektive Produktaufnahmen, die ihre Wirkung neutral und ohne Kontext erzielten. In der Schweiz, wo Präzision grossgeschrieben wird, war die objektive Fotografie gewissermaßen auf „Heimatboden“.
Diese Stilrichtung erreichte mit der Blütezeit des Schweizer Stils (auch bekannt als Internationaler Typografischer Stil) in den 1950er Jahren neue Höhen. Dieser Grafikdesign-Stil, der in der Schweiz entwickelt wurde, betonte Kriterien wie klare Linien, gute Lesbarkeit und einen objektiven Ansatz – ein Stil, der oft Fotos gegenüber Zeichnungen bevorzugte.
Bekannte Vertreter der Schweizer objektiven Fotografie sind unter anderem Gotthard Schuh, Werner Bischof und Emil Schulthess. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine hohe technische Perfektion und eine neutrale, aber dennoch wirkungsvolle Darstellung aus.
Fotojournalismus: Bilder, die Geschichten erzählen
Mit dem Aufstieg der Illustrierten und Boulevardzeitungen in den 1920er Jahren rückten Pressefotografen vom Rand des Journalismus in eine zentralere Position. Ende der 1920er Jahre entstand in der Pressemetropole Berlin die Fotoromanze mit modernem Design, die Themen in fortlaufenden Bildnarrativen darstellte. Dieser Trend schwappte auch in die Schweiz über.
Plötzlich waren Fotografen nicht mehr nur Bildlieferanten, sondern Erzähler, die Geschichten mit Bildern erzählten. Infolgedessen wurden sie oft gleichberechtigt mit den Textern am Anfang einer Reportage genannt.
Renommierte Schweizer Pressefotografen, die diese Ära prägten, sind Werner Bischof, Gotthard Schuh, Paul Senn und Walter Bosshard. Sie dokumentierten wichtige Ereignisse und das Alltagsleben und trugen massgeblich zur Entwicklung des modernen Fotojournalismus bei.
Subjektive Fotografie: Experiment und Ausdruck
Auch die subjektive Fotografie schwappte in den 1950er Jahren aus Deutschland in die Schweiz über. Diese Bewegung plädierte explizit für die künstlerische Fotografie. Das Hauptinteresse galt der experimentellen Fotografie.
Die subjektive Fotografie beabsichtigte und reproduzierte nie die objektive Realität einer Situation, sondern vermittelte nur ihre bildliche Interpretation. Sie umfasst oft monochrome Aufnahmen, abstrakte Formen, grafische Strukturen sowie Licht- und Schattenlinien. Weitere Merkmale sind hochkontrastreiche Abzüge, radikale Ausschnitte und surreal wirkende Situationen sowie Negativdrucke oder Solarisationen.
Die bekanntesten Vertreter der subjektiven Fotografie in der Schweiz sind Werner Bischof, Gotthard Schuh, René Groebli und Robert Frank. Obwohl einige Namen sowohl in der objektiven als auch in der subjektiven Fotografie auftauchen, zeigt dies die Vielseitigkeit dieser Künstler und die Übergänge zwischen den Stilen im Laufe ihrer Karrieren.
Wichtige Institutionen der Schweizer Fotografie
Die Schweizer Fotografie wird durch mehrere wichtige Institutionen unterstützt, die sich der Bewahrung, Präsentation und Erforschung widmen.

Fotostiftung Schweiz, Winterthur
Die Fotostiftung Schweiz (kurz: Swiss Photo Foundation) in Winterthur wurde 1971 gegründet, um fotografische Werke zu bewahren, zu präsentieren und zugänglich zu machen. Sie unterhält eine Sammlung, die heute über 50 Nachlässe und rund 50.000 Werke umfasst. Jedes Jahr organisiert sie drei bis vier Ausstellungen in ihren eigenen Räumlichkeiten, gibt Publikationen zur Geschichte der Fotografie in der Schweiz heraus und kauft neue Fotografien an. Die Sammlung der Stiftung wird durch Dauerleihgaben des Bundes und die international ausgerichtete Sammlung der Freunde der Fotostiftung Schweiz ergänzt. Die Fotostiftung Schweiz und das Fotomuseum Winterthur verwalten gemeinsam eine öffentlich zugängliche Fachbibliothek mit Schwerpunkt Fotografie.
Fotomuseum Winterthur
Das Fotomuseum Winterthur wurde 1993 gegründet und stipuliert seitdem das Sammeln zeitgenössischer Fotografie als Kernaspekt seiner Aktivitäten. Bisher wurden etwa 4.000 Fotografien zur Sammlung hinzugefügt, teils durch Ankäufe, teils als Geschenke und Dauerleihgaben von privaten Förderern und Stiftungen. Seit 2003 werden jährlich Teile des Bestands als kuratierte Sammlungen ausgestellt. Die Sammlung umfasst Werke verschiedener zeitgenössischer Künstler wie Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Ruff, Thomas Struth und viele mehr. Die Sammlung kann online auf der Website des Fotomuseums Winterthur eingesehen werden.
Das Fotomuseum Winterthur ist nicht nur eine Galerie für Werke zeitgenössischer Fotografen und Künstler (mit Ausstellungen von Robert Frank, Diane Arbus, Lee Friedlander, William Eggleston, Henri Cartier-Bresson und vielen anderen), sondern auch ein klassisches Museum für Meister des 19. und 20. Jahrhunderts (mit Ausstellungen der Werke von Germaine Krull, August Sander, Walker Evans, Dorothea Lange, Lisette Model, Albert Renger-Patzsch, Karl Blossfeldt, László Moholy-Nagy, Man Ray und anderen). Schließlich ist es auch ein Museum für Kulturgeschichte und Soziologie der angewandten Fotografie in Industrie, Architektur, Mode usw. (mit Ausstellungen zu Polizeifotografie, Industriefotografie, Dammbau-Fotografie, medizinischer Fotografie, Sachfotografie und anderen Spezialgebieten). Das Ausstellungsprogramm und die begleitenden Publikationen und Veranstaltungen spiegeln diese drei Aspekte wider.
Musée de l'Elysée, Lausanne
Das Musée de l'Elysée ist ein Fotomuseum in Lausanne, Schweiz. Auf vier Stockwerken des Gebäudes befinden sich derzeit acht verschiedene Ausstellungsräume, in denen sowohl Dauerausstellungen als auch wechselnde themenspezifische Ausstellungen gezeigt werden. Das Musée de l’Elysée besitzt mehr als 100.000 Originalfotografien aus dem 19. und 20. Jahrhundert, darunter Werke von Francis Frith, Félix Teynard, Gustave Le Gray, Roger Fenton und eine einzigartige Sammlung der ersten Farbfotografien von Paul Vionnet. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Präsentation von Werken Schweizer Fotografen wie Nicolas Bouvier, Ella Maillart und Hans Steiner. Diese Sammlung bietet einen tiefen Einblick in die Geschichte der Fotografie und ihre Entwicklung.
photo, Zürich
Die photo in Zürich ist die größte Präsentation für Werke der Schweizer Fotografie. Jedes Jahr stellen über 125 Schweizer Fotografen und einige ihrer internationalen Kollegen ihre neuesten Werke aus. Die Veranstaltung findet in fünf Industriehallen auf dem Maag Areal in Zürich statt und bietet über 3500 m² Ausstellungsfläche. Jahr für Jahr liefert die photo einen repräsentativen, aktuellen Überblick über das fotografische Schaffen in der Schweiz.
Bekannte Schweizer Fotografen und ihre Stile im Überblick
Wie wir gesehen haben, gibt es einige Namen, die mit verschiedenen Stilen in Verbindung gebracht werden. Hier ist eine kleine Übersicht:
| Fotograf | Bekannt für / Stil | Beitrag |
|---|---|---|
| Gaberell | Bergfotografie, Panoramen | Früher Spezialist für Alpenansichten, Postkarten |
| Taugwalder | Innovative Panoramen | Einsatz von Stitching-Techniken |
| Gotthard Schuh | Objektive Fotografie, Fotojournalismus, Subjektive Fotografie | Vielseitiger Fotograf, prägte verschiedene Stile |
| Werner Bischof | Objektive Fotografie, Fotojournalismus, Subjektive Fotografie | International bekannter Magnum-Fotograf, humanistische Themen |
| Emil Schulthess | Objektive Fotografie | Bekannt für präzise, oft wissenschaftliche oder dokumentarische Aufnahmen |
| Paul Senn | Fotojournalismus | Wichtiger Pressefotograf, dokumentierte Zeitgeschehen |
| Walter Bosshard | Fotojournalismus | Pionier des modernen Fotojournalismus, berichtete aus aller Welt |
| René Groebli | Subjektive Fotografie | Bekannt für experimentelle, oft lyrische Bildsprache |
| Robert Frank | Subjektive Fotografie | Weltberühmt für sein Buch "The Americans", prägte die dokumentarische Fotografie |
| Nicolas Bouvier | Reisefotografie, Dokumentation (Musée de l'Elysée Sammlung) | Bekannter Reiseschriftsteller und Fotograf |
| Ella Maillart | Reisefotografie, Dokumentation (Musée de l'Elysée Sammlung) | Wagemutige Reisende und Fotografin |
| Hans Steiner | Porträt-, Mode-, Reportagefotografie (Musée de l'Elysée Sammlung) | Vielseitiger Schweizer Fotograf |
| Paul Vionnet | Frühe Farbfotografie (Musée de l'Elysée Sammlung) | Pionier der Farbfotografie |
Diese Tabelle zeigt, wie einige Fotografen wie Gotthard Schuh und Werner Bischof über Stilgrenzen hinweg wirkten und die Schweizer Fotografie in verschiedenen Phasen prägten.
Häufig gestellte Fragen zur Schweizer Fotografie
Hier beantworten wir einige gängige Fragen zum Thema Schweizer Fotografie und ihren bekannten Vertretern.
Wer sind die bekanntesten Schweizer Fotografen?
Zu den bekanntesten Schweizer Fotografen zählen unter anderem Werner Bischof, Gotthard Schuh, Robert Frank, René Groebli, Paul Senn, Walter Bosshard und Emil Schulthess. Viele von ihnen erlangten internationale Bekanntheit und prägten verschiedene Stilrichtungen wie Fotojournalismus, objektive und subjektive Fotografie.
Wann wurde Fotografie in der Schweiz als Kunst anerkannt?
Fotografie wurde in der Schweiz vergleichsweise spät als Kunstform anerkannt. Die ersten Galerien, die sich ausschliesslich der Fotokunst widmeten, entstanden erst in den 1980er Jahren.
Was versteht man unter objektiver Fotografie in der Schweiz?
Die objektive Fotografie in der Schweiz, stark beeinflusst vom Schweizer Stil des Grafikdesigns, zeichnet sich durch Präzision, klare Linien und eine neutrale, kontextfreie Darstellung von Motiven aus. Sie war besonders in der Werbe- und Industriefotografie wichtig und hatte in der Schweiz aufgrund des Fokus auf Präzision eine besondere Bedeutung.
Wo kann ich Schweizer Fotografie sehen?
Wichtige Orte, um Schweizer Fotografie zu sehen, sind das Fotomuseum Winterthur, die Fotostiftung Schweiz in Winterthur und das Musée de l'Elysée in Lausanne. Zudem bietet die jährliche Veranstaltung photo in Zürich einen umfassenden Überblick über das zeitgenössische Schaffen.
Gibt es einen typisch schweizerischen Fotografie-Stil?
Nein, der Text legt dar, dass es keinen einzigen 'typisch schweizerischen' Fotografie-Stil gibt. Die Schweizer Fotografie zeichnet sich vielmehr durch ihre Vielfalt aus, obwohl Themen wie Berglandschaften und Präzision (im Falle der objektiven Fotografie) historisch eine Rolle spielten.
Fazit
Die Schweizer Fotografie ist eine reiche und vielfältige Landschaft, geprägt von talentierten Fotografen, die oft über die Landesgrenzen hinaus wirkten. Von den frühen Panoramen der Alpen über die präzise objektive Fotografie und den narrativen Fotojournalismus bis hin zur experimentellen subjektiven Fotografie – Schweizer Fotografen haben bedeutende Beiträge zur Geschichte des Mediums geleistet. Dank engagierter Institutionen wie der Fotostiftung Schweiz, dem Fotomuseum Winterthur und dem Musée de l'Elysée wird dieses Erbe bewahrt, erforscht und einem breiten Publikum zugänglich gemacht, während Veranstaltungen wie die photo das zeitgenössische Schaffen fördern. Die Geschichte der Schweizer Fotografie ist eine Geschichte der Anpassung, Innovation und des ständigen Suchens nach neuen Ausdrucksformen.
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