Die Bearbeitung von Fotos ist ein zentraler Bestandteil der Fotografie, der so alt ist wie das Medium selbst. Eine der bekanntesten und historisch bedeutendsten Formen dieser Bearbeitung ist die Retusche. Ursprünglich ein manuelles Handwerk, hat sie sich mit dem Aufkommen der digitalen Technologie revolutioniert. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff, und wie hat sich die Praxis im Laufe der Zeit entwickelt?
Was bedeutet Retusche?
Der Begriff Retusche stammt vom französischen Wort „retouche“, was so viel wie „Nachbesserung“ bedeutet. Im Kern beschreibt Retusche die nachträgliche Veränderung einer Oberfläche oder, im Kontext der Fotografie, eines Fotos oder einer Computergrafik. Sie wird in vielen Bereichen angewendet, darunter in der Druckformerherstellung, der digitalen Bildbearbeitung, der Optik, der Restaurierung und sogar in der Fertigung hochpräziser mechanischer Teile. In der Fotografie war „Retuscheur“ eine anerkannte Berufsbezeichnung, in der Reprotechnik sprach man auch vom „Reproretuscheur“. Es geht darum, das ursprüngliche Bild zu modifizieren, sei es zur Korrektur von Fehlern, zur ästhetischen Verbesserung oder zur gezielten Veränderung der Bildaussage. Es ist wichtig zu verstehen, dass Techniken der Retusche vielfältig sein können, aber der Begriff selbst oft die spezifische Handlung der Modifikation beschreibt.

Ein Blick in die Geschichte der Retusche
Die Retusche ist keine Erfindung der digitalen Ära. Schon sehr früh in der Geschichte der Fotografie begannen Fotografen, ihre Bilder zu bearbeiten. Als Erfinder der Negativretusche gilt Franz Hanfstaengl, der bereits 1855 auf der Pariser Weltausstellung eine Goldmedaille für retuschierte Fotografien erhielt. Es ist jedoch bekannt, dass sogar Pioniere wie Fox Talbot Anweisungen gaben, Bilder von Flecken zu „reinigen“. Das Bedürfnis, das Gesehene zu perfektionieren oder von Störungen zu befreien, war also von Anfang an präsent.
Die Möglichkeiten der Retusche führten allerdings auch zu Diskussionen über die Integrität der Fotografie als Abbild der Realität. Die bekannte Fotografin Gisèle Freund beschrieb die Retusche als entscheidend für die ästhetische Entwicklung, sah aber auch den Beginn des „künstlerischen Verfalls“, wenn sie nicht mit äußerster Vorsicht angewandt wurde und die „getreue Wiedergabe“ aufhob. Dieser Aspekt der Bildbearbeitung, die Grenze zwischen Verbesserung und Manipulation, ist bis heute ein zentrales Thema.
Analoge Retusche: Das Handwerk auf Film und Papier
Vor der digitalen Revolution war Retusche ein aufwendiges Handwerk, das viel Geschick und Erfahrung erforderte. Sie wurde direkt auf dem Negativ oder dem Positiv (dem fertigen Abzug) durchgeführt, oft in Handarbeit.
Retusche des Schwarz-Weiß-Negativs
Die Bearbeitung des Negativs beeinflusste alle späteren Abzüge. Hier gab es verschiedene Techniken:
- Mechanische Veränderung: Bei größeren Negativen (wie Glasplatten oder 9x12/13x18 cm Filme) konnte man mit einem sehr weichen Bleistift (5W) auf der Emulsionsseite arbeiten. Durch feine Schraffierungen wurden Schatten aufgehellt oder kleine Fältchen reduziert. Dies erforderte eine sehr ruhige Hand, um die empfindliche Schicht nicht zu verletzen, aber genügend Graphit aufzutragen, um die Dichte des Negativs zu erhöhen. Eine dünne Mattoleinschicht konnte das Negativ schützen und die Bleistiftretusche erleichtern. Der Bleistift wurde dabei flach und in schlingen- oder kreisförmigen Bewegungen geführt, um eine sichtbare Struktur zu vermeiden. Größere Flächen bearbeitete man mit Wattebäuschen oder Pinseln und feinem Graphitpulver, das als Abrieb von Bleiminen gesammelt wurde. Graphit schwärzte die Kuppen der Silberkörner, was bei Vergrößerungen eine Kornstruktur sichtbar machen konnte.
- Pinselretusche mit Lasurfarben: Stark verdünnte Lasurfarben wurden mehrfach auf das feuchte Negativ aufgetragen, um die gewünschte Deckung zu erreichen. Die Feuchtigkeit sorgte für gleichmäßige Halbtöne und verhinderte wolkige Flecken. Dabei durfte der Pinsel nicht abgesetzt werden, um Tropfenbildung zu vermeiden. Bei Verletzungen der Schicht war eine Retusche nur auf der Trägerseite möglich.
- Schabretusche: Mit speziellen Stahlmessern (skalpell-, spatel- oder lanzettförmig) schabte man Silberteilchen aus der Gelatineschicht ab, um die Dichte des Negativs zu verringern. So konnten sogar ganze Bildteile entfernt werden.
Als Werkzeuge dienten feinste Rotmarderhaarpinsel (Größen 1 bis 5, wobei 2 und 3 am gängigsten waren) und Retuschierbesteck. Gearbeitet wurde oft an einem Retuschepult – einem speziellen Tisch mit einer von unten beleuchteten Milchglasscheibe und einem Spiegelsystem, das eine komfortable Bearbeitung des Negativs ermöglichte, oft sogar mit einem Drehgestell für das Negativ selbst.
- Chemische Veränderung: Die Dichte von Negativen konnte auch chemisch verändert werden. Abschwächer-Lösungen (wie der Farmersche Abschwächer oder Kaliumpermanganat-Abschwächer) lösten metallisches Silber auf und verringerten die Dichte. Dies konnte partiell (mit einem Wattebausch auf das feuchte Negativ getupft) oder komplett (Negativ in die Lösung getaucht) erfolgen. Verstärker-Lösungen (wie Kupferverstärker) vermehrten die Bildsubstanz und erhöhten die Dichte, was die Kopierfähigkeit verbesserte. Nicht zu behandelnde Bereiche konnten mit einem Abdecklack geschützt werden.
Retusche des Schwarz-Weiß-Positivs
Auch auf dem fertigen Foto gab es Retuschemöglichkeiten:
- Mechanische Veränderung: Schabretusche war bei Barytpapieren mit matter oder halbmatter Oberfläche möglich, um Schwärzen zu reduzieren. Auf glänzenden Oberflächen blieb diese Technik sichtbar. Die dünnere Emulsionsschicht auf Papier erlaubte nur kleine Korrekturen.
- Ausfleckretusche: Helle Störungen (oft durch Staub auf Negativ oder Papier verursacht) wurden mit feinsten Pinseln und speziellen Retuschefarben (z.B. Keilitzfarben, Reinschwarz, Rotbraun, Braunschwarz, Blauschwarz) ausgefleckt. Die Farben wurden auf einer Mattglasscheibe angetrocknet und dann mit einem feuchten Pinsel aufgenommen und gemischt, um den exakten Grauton des Bildes zu treffen. Die Genauigkeit hing stark vom Können des Retuscheurs ab. Bei matten Oberflächen war die Retusche unsichtbar, bei Glanzoberflächen konnte das Foto anschließend lackiert werden.
- Kolorieren: Schwarz-Weiß-Fotos konnten auch koloriert werden, indem verdünnte Lasurfarben mit einem Pinsel in mehreren Arbeitsgängen auf das feuchte Foto aufgetragen wurden. Überschüssige Farbe musste sofort entfernt werden.
- Chemische Veränderung: Eine kurze Behandlung mit stark verdünntem Abschwächer konnte die Lichter auf Barytpapieren aufhellen und den Kontrasteindruck verbessern. Bäder in Kupferverstärker veränderten den Bildton Richtung Rötelton, ein Aufguss aus starkem schwarzem Tee ergab einen rehbraunen Ton.
Spritzretusche (Airbrush)
Für großflächige Korrekturen oder Bildverbesserungen, insbesondere in der Repro- und Werbefotografie, wurden Luftpinsel (heute als Airbrush bekannt) eingesetzt. Mit dünnflüssigen Lasur- oder Deckfarben wurden Flächen, Verläufe und Hintergründe angelegt. Der Farbauftrag war durch die Zerstäubung extrem fein. Bildelemente konnten dabei mit Schablonen aus Zelluloid ausgespart werden. Die notwendige Druckluft kam aus Stahlflaschen oder Kompressoren.

Der Positivretuscheur war ein Ausbildungsberuf in der grafischen Druckformenherstellung. Er beseitigte Fehler, verstärkte Kontraste oder glättete Vorlagen mit den Mitteln der analogen Retusche, bevor sie für den Druck reproduziert wurden.
Digitale Retusche: Die Revolution am Computer
Mit dem Aufkommen der digitalen Fotografie und leistungsfähiger Computerprogramme hat sich die Retusche grundlegend verändert. Das manuelle Handwerk wurde weitgehend durch softwarebasierte Werkzeuge abgelöst. Digitale Retusche ist heute der gängige Begriff für die Bearbeitung von Bilddateien.
Zwei grundlegende Techniken sind:
- Kopierretusche: Hierbei werden Bildbereiche kopiert und an anderer Stelle im Bild eingefügt oder über andere Bereiche übertragen. Dies ist ideal zum Entfernen von Flecken, Kratzern oder unerwünschten Objekten, indem man sie durch umliegende Textur ersetzt. Die Stärke und andere Eigenschaften der Kopie lassen sich dabei präzise steuern.
- Pinselretusche: Ähnlich wie bei der analogen Pinselretusche wird hier mit einem virtuellen Pinsel gearbeitet, um Bildteile mit einer frei gewählten Farbe oder Textur zu übermalen. Auch hier lassen sich Deckkraft, Härte und andere Kriterien des Pinsels einstellen.
Die digitale Retusche dient heute vielfältigen Zwecken:
- Ausfleckretusche: Das Entfernen von störenden Flecken oder Staubpartikeln, die bei der Aufnahme oder Digitalisierung entstanden sind.
- Schärfeveränderung: Obwohl moderne Schärfung oft auf komplexeren Algorithmen basiert, war Retusche historisch eine der ersten Techniken zur Verbesserung des subjektiven Schärfeeindrucks, indem wichtige Details wie Augen oder Konturen zart nachgezeichnet wurden. Digital kann dies durch lokale Kontrastanhebung oder Nachzeichnen von Details geschehen.
- Fotomanipulation: Dies ist der Bereich, der oft die größten Diskussionen auslöst. Digitale Retusche ermöglicht es, die Bildaussage grundlegend zu verändern. Das reicht vom Entfernen unerwünschter Personen oder Objekte über das Glätten von Falten und das Verändern von Körperformen bis hin zur Erstellung völlig neuer Realitäten. Eine spezielle und oft kritisierte Form ist die Beautyretusche, die darauf abzielt, Personen scheinbar zu perfektionieren.
Die Möglichkeiten der digitalen Manipulation sind nahezu grenzenlos, was die Grenzen zur Realität zunehmend verwischt und die Frage nach der Authentizität von Bildern aufwirft. Diese Methoden können sowohl zum Nutzen als auch zum Schaden eingesetzt werden.
Retusche außerhalb der Fotografie
Wie eingangs erwähnt, findet Retusche auch in anderen Bereichen Anwendung. Ein interessantes Beispiel liefert die Philatelie, das Sammeln von Briefmarken. Hier versteht man unter Retusche das Nachgravieren oder Ausbessern von Fehlern auf der Druckplatte oder einzelnen Klischees. Dies dient nicht nur der Fehlerbeseitigung, sondern kann auch die Druckwirkung verbessern oder Abnutzungserscheinungen beheben. Solche Nachgravierungen können neue Bogentypen schaffen, die für Spezialsammler von großem Interesse sind. Auch neue Plattenfehler können dabei entstehen. Die Retuschen auf Druckplatten werden in der Regel manuell vom Stecher der Briefmarke vorgenommen.
Ethik und Recht in der Retusche
Die zunehmende Fähigkeit, Bilder zu manipulieren, hat ethische und sogar rechtliche Debatten ausgelöst. Insbesondere im Bereich der Werbung und Mode, wo Beautyretusche weit verbreitet ist, wird diskutiert, inwieweit idealisierte, unrealistische Körperbilder die Wahrnehmung und das Selbstbild beeinflussen. Einige Länder haben bereits reagiert.

In Frankreich beispielsweise müssen seit dem 1. Oktober 2017 Fotos, die für kommerzielle Zwecke veröffentlicht werden und bei denen die Körpersilhouette verändert wurde, mit dem Vermerk „photographie retouchée“ gekennzeichnet werden. Dies soll Transparenz schaffen und unrealistischen Schönheitsidealen entgegenwirken. Retuschen des Gesichts sind von dieser Kennzeichnungspflicht derzeit nicht betroffen. Bei Verstößen drohen hohe Geldbußen.
Häufig gestellte Fragen zur Bildbearbeitung
Oft stellt sich die Frage nach der Terminologie rund um die Bearbeitung von Fotos.
Wie nennt man das Bearbeiten von Fotos?
Der Oberbegriff für die Veränderung digitaler oder analoger Bilder ist Bildbearbeitung. Die Retusche ist eine spezifische Technik oder ein Satz von Techniken innerhalb der Bildbearbeitung, die sich oft auf das Korrigieren von Fehlern, das Entfernen von Störungen oder das Verändern von Details konzentriert.
Was ist ein Synonym für „Bildbearbeitung“?
Ein häufig verwendetes, wenn auch umgangssprachliches und oft negativ konnotiertes Synonym, insbesondere für digitale Bildbearbeitung, ist „photoshoppen“. Dieser Begriff leitet sich vom Namen einer bekannten Bildbearbeitungssoftware ab und wird oft verwendet, um auszudrücken, dass ein Bild stark verändert wurde und möglicherweise nicht mehr der Realität entspricht.
Fazit
Die Retusche hat eine lange und facettenreiche Geschichte. Von einem mühsamen analogen Handwerk, das Präzision und Geduld erforderte, hat sie sich zu einem leistungsstarken digitalen Werkzeug entwickelt, das die Möglichkeiten der Bildgestaltung revolutioniert hat. Sie dient der Korrektur, der Verbesserung und der künstlerischen Gestaltung, birgt aber auch das Potenzial zur Manipulation und wirft wichtige ethische Fragen auf. Ob analog oder digital, Retusche bleibt eine faszinierende Technik, die das Aussehen von Bildern entscheidend prägen kann.
Hat dich der Artikel Retusche in der Fotografie: Handwerk & Digital interessiert? Schau auch in die Kategorie Fotografie rein – dort findest du mehr ähnliche Inhalte!
