Die Jagd nach den Polarlichtern, der Aurora Borealis, ist für viele Fotografen ein Traum. Dieses magische Naturschauspiel am Himmel ist nicht nur ein unvergessliches Erlebnis, sondern bietet auch die Chance auf spektakuläre Fotos. Doch das Fotografieren bei Nacht und unter solch dynamischen Bedingungen erfordert spezielle Kameraeinstellungen. Es reicht nicht aus, einfach nur auf den Auslöser zu drücken. Die Dunkelheit, die Bewegung der Lichter und die extremen Temperaturen stellen besondere Herausforderungen dar. Mit dem richtigen Wissen und der passenden Vorbereitung können Sie jedoch beeindruckende Aufnahmen erstellen. Dieser Artikel führt Sie durch die wichtigsten Einstellungen, die Sie benötigen, um die tanzenden Lichter am Himmel erfolgreich einzufangen.

Um die schwachen Lichter der Aurora auf dem Sensor Ihrer Kamera sichtbar zu machen, müssen Sie dem Sensor genügend Zeit geben, Licht zu sammeln. Hier kommen die drei Haupteinstellungen ins Spiel, die das sogenannte 'Belichtungsdreieck' bilden: Belichtungszeit, Blende und ISO-Wert.
Die Belichtungszeit (Shutter Speed)
Die Belichtungszeit bestimmt, wie lange der Verschluss Ihrer Kamera geöffnet ist und Licht auf den Sensor fällt. Für die Fotografie von Polarlichtern benötigen Sie in der Regel eine längere Belichtungszeit als bei Tageslicht. Das liegt daran, dass die Aurora oft nicht so hell ist, wie sie mit bloßem Auge erscheint, und der Sensor mehr Zeit benötigt, um genügend Licht für ein gut belichtetes Bild zu sammeln. Längere Belichtungszeiten führen dazu, dass mehr Licht in die Kamera gelangt, was für dunkle Szenen wie die Nachtfotografie unerlässlich ist.
Typische Belichtungszeiten für Polarlichter liegen zwischen 5 und 30 Sekunden. Ein guter Ausgangspunkt, wie oft empfohlen, sind etwa 15 Sekunden. Wenn die Aurora sehr hell und schnell ist, müssen Sie die Belichtungszeit möglicherweise verkürzen, um die Bewegung einzufrieren und zu verhindern, dass die Lichter zu einem verwischten Band verschmelzen. Ist die Aurora schwächer oder bewegt sie sich langsam, können Sie die Belichtungszeit verlängern, um mehr Licht einzufangen und das Bild heller zu machen.
Ein absolut entscheidendes Werkzeug bei langen Belichtungszeiten ist ein Stativ. Ohne ein stabiles Stativ wird jede noch so kleine Bewegung Ihrer Kamera zu Unschärfe im Bild führen. Selbst das Drücken des Auslösers kann Vibrationen verursachen. Daher ist es ratsam, einen Selbstauslöser, eine Fernbedienung oder einen Fernauslöser zu verwenden. Stellen Sie den Selbstauslöser auf 2 oder 10 Sekunden ein, um sicherzustellen, dass die Vibrationen vom Drücken des Auslösers abgeklungen sind, bevor die eigentliche Belichtung beginnt. Eine Fernbedienung oder ein Kabelauslöser ermöglicht es Ihnen, die Belichtung zu starten und zu stoppen, ohne die Kamera überhaupt zu berühren.
Die Wahl der Belichtungszeit hängt stark von der Aktivität und Helligkeit der Aurora ab. Eine sehr dynamische, schnell tanzende Aurora kann bei 20 Sekunden Belichtungszeit nur noch als farbiger Schleier erscheinen, während eine kürzere Zeit von 5-10 Sekunden ihre Struktur und Form besser einfangen könnte. Umgekehrt kann eine schwache Aurora bei 10 Sekunden kaum sichtbar sein, während 25 Sekunden sie deutlich hervorheben.
Die Blende (Aperture)
Die Blende ist vergleichbar mit der Pupille Ihres Auges. Sie steuert, wie viel Licht durch das Objektiv in die Kamera gelangt. Eine größere Blendenöffnung (dargestellt durch eine kleinere f-Zahl wie f/1.4, f/2.8 oder f/4) lässt mehr Licht herein als eine kleinere Blendenöffnung (größere f-Zahl wie f/8 oder f/16). Für die Fotografie von Polarlichtern ist es Ihr Ziel, so viel Licht wie möglich in kurzer Zeit einzufangen. Daher sollten Sie eine Offene Blende verwenden, die der Lichtstärke Ihres Objektivs entspricht.
Die Empfehlung liegt typischerweise bei Blendenwerten zwischen f/1.4 und f/4. Viele Fotografen wählen f/2.8 als guten Kompromiss, falls ihr Objektiv diese Blende bietet. Eine sehr Offene Blende wie f/1.4 oder f/1.8 ist ideal, da sie extrem viel Licht hereinlässt und Ihnen kürzere Belichtungszeiten oder niedrigere ISO-Werte ermöglicht. Der Nachteil einer sehr offenen Blende ist die geringere Schärfentiefe. Bei der Landschaftsfotografie in der Nacht, wo der Fokus auf Unendlich liegt, ist dies jedoch meist kein Problem, da der gesamte ferne Bildbereich scharf abgebildet wird.
Die Lichtstärke Ihres Objektivs, also der kleinste mögliche Blendenwert (z.B. f/2.8), ist ein entscheidender Faktor für die Nachtfotografie. Ein Objektiv mit einer hohen Lichtstärke (niedriger f-Wert) ermöglicht es Ihnen, bei gegebenen Bedingungen entweder die Belichtungszeit zu verkürzen (um Bewegungen einzufrieren) oder den ISO-Wert zu senken (um Bildrauschen zu minimieren), was beides die Bildqualität verbessern kann.
Der ISO-Wert (ISO Value)
Der ISO-Wert misst die Empfindlichkeit des Sensors Ihrer Kamera gegenüber Licht. Ein höherer ISO-Wert bedeutet, dass der Sensor empfindlicher ist und weniger Licht benötigt, um ein Bild aufzuzeichnen. Dies ist sehr nützlich bei schlechten Lichtverhältnissen wie der Nacht, da ein hoher ISO-Wert Ihnen hilft, mit kürzeren Belichtungszeiten oder kleineren Blendenöffnungen auszukommen.
Allerdings hat das Erhöhen des ISO-Werts einen Nachteil: Es führt zu mehr Bildrauschen (digitalem Korn) im Bild. Dieses Rauschen kann Details verdecken und die Bildqualität mindern. Für die Polarlichterfotografie wird oft ein ISO-Bereich zwischen 800 und 3200 empfohlen. Die genaue Einstellung hängt von verschiedenen Faktoren ab: Wie hell ist die Aurora? Gibt es andere Lichtquellen wie den Mond? Wie viel Bildrauschen sind Sie bereit zu tolerieren?
Wenn die Aurora sehr hell ist oder ein heller Mond scheint, können Sie möglicherweise einen niedrigeren ISO-Wert (z.B. 800 oder 1600) verwenden, um das Rauschen zu minimieren. Ist es sehr dunkel und die Aurora schwach, müssen Sie möglicherweise auf ISO 3200 oder sogar höher gehen, um überhaupt genügend Licht einzufangen. Moderne Kameras haben eine bessere Rauschunterdrückung bei hohen ISO-Werten als ältere Modelle. Es lohnt sich, die ISO-Leistung Ihrer spezifischen Kamera zu kennen und zu testen, welcher ISO-Wert für Sie noch akzeptables Rauschen liefert.
Der Fokus (Focus)
In der Dunkelheit hat der Autofokus Ihrer Kamera oft Schwierigkeiten, ein Ziel zu finden und scharfzustellen. Daher ist der Manueller Fokus für die Polarlichterfotografie unerlässlich. Sie müssen Ihre Kamera manuell auf Unendlich fokussieren.
Die beste Methode, um einen scharfen Manueller Fokus in der Nacht zu erzielen, ist, auf einen hellen Stern oder den Mond (falls sichtbar) zu fokussieren. Schalten Sie in den Live-View-Modus Ihrer Kamera und zoomen Sie digital so weit wie möglich in den Stern hinein. Passen Sie den Fokusring am Objektiv an, bis der Stern so klein und punktförmig wie möglich erscheint. Sobald Sie den Fokus eingestellt haben, stellen Sie sicher, dass Sie ihn nicht versehentlich verstellen (manche Objektive haben einen Schalter oder Ring, den man fixieren kann). Wenn Sie den Fokus auf Unendlich eingestellt haben, sollten sowohl die Aurora als auch die Landschaft im Vordergrund (falls weit genug entfernt) scharf sein.
Verlassen Sie sich nicht blind auf die Unendlich-Markierung auf Ihrem Objektiv, da diese oft nicht exakt kalibriert ist. Die Methode mit dem Stern im Live-View ist deutlich zuverlässiger. Überprüfen Sie den Fokus gelegentlich, besonders wenn Sie das Objektiv gewechselt oder versehentlich den Fokusring berührt haben.
Eine Ausgangsbasis für Ihre Einstellungen
Basierend auf den oben genannten Prinzipien und den häufigen Empfehlungen ist ein guter Startpunkt für Ihre Polarlichteraufnahmen: Blende f/2.8, ISO 1600 und eine Belichtungszeit von 15 Sekunden. Dies sind Richtwerte, die Sie an die tatsächlichen Bedingungen anpassen müssen. Ist die Aurora sehr dunkel, erhöhen Sie den ISO-Wert oder verlängern Sie die Belichtungszeit. Bewegt sich die Aurora sehr schnell, verkürzen Sie die Belichtungszeit.
Experimentieren Sie vor Ort mit diesen Einstellungen. Machen Sie Testaufnahmen und überprüfen Sie die Ergebnisse auf dem Display (nutzen Sie die Zoomfunktion, um die Schärfe zu prüfen) und das Histogramm, um die Belichtung zu beurteilen. Es gibt keine einzige perfekte Einstellung, die für jede Aurora-Nacht funktioniert.
Weitere Tipps für gelungene Aufnahmen
- Vorbereitung ist alles: Prüfen Sie die Wettervorhersage (klaren Himmel!) und die Aurora-Vorhersage. Planen Sie Ihre Location im Voraus, idealerweise abseits von Städten und Lichtverschmutzung.
- Warme Kleidung: Es wird sehr kalt sein! Kleiden Sie sich in Schichten. Das gilt auch für Ihre Kameraausrüstung.
- Akkus: Kälte entlädt Akkus extrem schnell. Nehmen Sie mehrere voll aufgeladene Ersatzakkus mit und bewahren Sie diese warm (z.B. in einer Innentasche Ihrer Jacke) auf.
- Speicherkarten: Stellen Sie sicher, dass Sie genügend leeren Speicherplatz haben. Fotografieren Sie idealerweise im RAW-Format, da dies mehr Spielraum bei der Nachbearbeitung gibt, insbesondere bei der Anpassung des Weißabgleichs und der Belichtung.
- Objektiv: Ein Weitwinkelobjektiv (z.B. 14mm, 20mm, 24mm) ist oft die beste Wahl, um die Weite des Himmels und eventuell auch etwas Landschaft einzufangen. Ein Objektiv mit hoher Lichtstärke (kleine f-Zahl) ist dabei von großem Vorteil.
- Komposition: Denken Sie über die Komposition nach. Beziehen Sie Vordergrundelemente wie Bäume, Berge, Wasser oder Gebäude mit ein, um Ihren Bildern Tiefe und Kontext zu geben.
- Feuchtigkeit: Achten Sie beim Wechsel zwischen kalter Außenluft und warmer Innenluft auf Kondensation am Objektiv und der Kamera. Lassen Sie die Ausrüstung langsam akklimatisieren.
- Licht: Vermeiden Sie unnötiges Licht. Verwenden Sie idealerweise eine Stirnlampe mit Rotlichtfunktion, um Ihre Nachtsicht nicht zu beeinträchtigen.
- Professionelle Hilfe: Wenn Sie unsicher sind oder das Beste aus Ihrer Erfahrung herausholen möchten, kann ein erfahrener Guide, der sich mit Polarlichtern und Fotografie auskennt, eine wertvolle Ressource sein. Viele Guides bieten Unterstützung bei den Kameraeinstellungen an.
Vergleichstabelle: Einstellungen und Aurora-Aktivität
| Aktivität der Aurora | Belichtungszeit (Richtwert) | ISO-Wert (Richtwert) | Blende | Anmerkungen |
|---|---|---|---|---|
| Schwach / Ruhig | 20 - 30 Sekunden | 1600 - 3200 | Möglichst offen (z.B. f/2.8) | Längere Zeit, höherer ISO für mehr Licht. |
| Moderat | 10 - 20 Sekunden | 800 - 1600 | Möglichst offen (z.B. f/2.8) | Standardeinstellungen, gute Balance. |
| Stark / Aktiv | 5 - 10 Sekunden (oder kürzer) | 800 - 1600 (ggf. niedriger) | Möglichst offen (z.B. f/2.8) | Kürzere Zeit, um Bewegung einzufrieren. Ggf. ISO senken, wenn sehr hell. |
Hinweis: Die Werte sind Richtlinien und müssen an Ihre spezifische Ausrüstung und die tatsächlichen Bedingungen angepasst werden. Die Blende bleibt in der Regel so offen wie möglich, um maximale Lichtstärke zu gewährleisten.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Brauche ich eine spezielle Kamera, um Polarlichter zu fotografieren?
Nein, Sie benötigen keine spezielle 'Polarlichtkamera'. Wichtig ist eine Kamera (Spiegelreflex, Systemkamera oder sogar einige Kompaktkameras), die manuelle Einstellungen für Belichtungszeit, Blende und ISO zulässt. Kameras mit größeren Sensoren (Vollformat) oder guter Leistung bei hohen ISO-Werten haben tendenziell Vorteile beim Umgang mit Bildrauschen. - Welches Objektiv ist am besten geeignet?
Ein weitwinkliges und lichtstarkes Objektiv ist ideal. Weitwinkel, um möglichst viel vom Himmel und der Landschaft einzufangen (z.B. 14mm, 20mm, 24mm an Vollformat, entsprechend an APS-C). Lichtstark bedeutet eine möglichst kleine f-Zahl (z.B. f/1.4, f/1.8, f/2.8), um viel Licht hereinzulassen. - Wie passe ich die Einstellungen an, wenn die Aurora sehr hell ist?
Wenn die Aurora sehr hell ist, ist weniger Belichtungszeit nötig. Verkürzen Sie die Belichtungszeit (z.B. von 15s auf 10s oder 5s). Möglicherweise können Sie auch den ISO-Wert senken, um das Rauschen weiter zu reduzieren. Die Blende können Sie meist offen lassen. - Wie vermeide ich verwackelte Bilder?
Verwenden Sie immer ein stabiles Stativ. Nutzen Sie einen Selbstauslöser (min. 2 Sekunden Verzögerung) oder besser noch einen Fernauslöser oder eine Fernbedienung, um die Kamera beim Auslösen nicht zu berühren. - Sollte ich im RAW- oder JPEG-Format fotografieren?
Es wird dringend empfohlen, im RAW-Format zu fotografieren. RAW-Dateien enthalten deutlich mehr Bildinformationen als JPEGs, was Ihnen in der Nachbearbeitung viel mehr Spielraum bei der Anpassung von Belichtung, Kontrast, Farben und vor allem dem Weißabgleich gibt. Dies ist besonders wichtig bei den oft ungewöhnlichen Farbtönen der Aurora und den schwierigen Lichtverhältnissen.
Das Fotografieren von Polarlichtern ist eine spannende Herausforderung, die aber mit den richtigen Einstellungen und etwas Übung gemeistert werden kann. Das Wichtigste ist, sich mit den Grundlagen der Belichtung vertraut zu machen und bereit zu sein, die Einstellungen an die sich ständig ändernden Bedingungen am Himmel anzupassen. Seien Sie geduldig, experimentieren Sie und genießen Sie vor allem das unglaubliche Erlebnis, Zeuge dieses Naturwunders zu sein. Jede Aurora ist einzigartig, und mit diesen Tipps sind Sie bestens vorbereitet, ihre Schönheit mit Ihrer Kamera festzuhalten.
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