Der Umgang mit dem Tod ist in unserer modernen Gesellschaft oft von Unsicherheit und Tabus geprägt. Einer dieser Tabus rankt sich um die Frage, ob man verstorbene Menschen fotografieren sollte. Viele kennen vielleicht den Aberglauben, dass das Fotografieren eines Toten dessen Seele gefangen nehmen könnte. Doch während dieser Gedanke heute oft als makaber oder befremdlich empfunden wird, war die sogenannte Post-Mortem-Fotografie in früheren Zeiten eine weit verbreitete und respektierte Praxis des Gedenkens. Tauchen wir ein in die Geschichte und die Hintergründe dieses faszinierenden und zugleich sensiblen Themas.

Der Aberglaube vom Seelenfang und andere Bräuche
In vielen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten gab und gibt es eine Vielzahl von Aberglauben und Ritualen rund um den Tod. Diese Bräuche dienten oft dazu, den Übergang des Verstorbenen ins Jenseits zu erleichtern, die Lebenden vor potenziellen Gefahren zu schützen oder einfach nur Trost und Struktur in einer Zeit des Umbruchs zu bieten. Einer dieser Aberglauben, der direkt mit dem Thema Fotografie verbunden ist, besagt, dass das Fotografieren eines Verstorbenen dessen Seele einfangen oder auf andere Weise schaden könnte. Die Seele, so die Vorstellung, würde durch das Abbild an die materielle Welt gebunden und könnte nicht ihren Weg ins Jenseits finden.
Diese Vorstellung ist nicht isoliert. Sie reiht sich ein in andere überlieferte Bräuche, die alle mit der Sorge um die Seele des Verstorbenen oder dem Schutz der Lebenden zu tun haben:
- Das Fenster öffnen: Der Glaube, dass das Öffnen eines Fensters im Sterbezimmer der Seele hilft, ihren Körper zu verlassen und den Weg nach draußen zu finden.
- Spiegel abhängen: Die Praxis, Spiegel im Haus eines Verstorbenen zu bedecken oder abzuhängen. Man glaubte, dass sich die Seele im Spiegel verfangen könnte, dass sie jemanden mit sich in den Tod nehmen könnte oder als Geist in der Welt der Lebenden gefangen bliebe. Heute wird dies oft eher als Symbol dafür gesehen, dass in der Trauer Eitelkeit keinen Platz hat und man sich nicht vom eigenen Spiegelbild ablenken lassen sollte.
- Dem Bestatter nicht die Hand geben: Eine ältere Überlieferung, die besagt, dass man durch den Händedruck mit dem Bestatter den Tod „übertragen“ bekommt.
- Der Leichenwagen bringt Unglück: Das bloße Erblicken eines Leichenwagens wurde und wird mancherorts als Omen für Unglück oder sogar den eigenen Tod angesehen.
- Schlecht über Tote reden: Der Aberglaube, dass der Verstorbene sich rächen könnte, wenn schlecht über ihn gesprochen wird. Heute eher als Frage des Respekts gegenüber dem Toten und den Hinterbliebenen verstanden.
- Schwanger zu einer Beerdigung gehen: Die Befürchtung, dass der Verstorbene das ungeborene Leben mit sich reißen könnte. Auch wenn dies heute als Aberglaube gilt, spielen die psychische Belastung einer Trauerfeier für eine Schwangere eine Rolle.
Der Aberglaube, der sich gegen das Fotografieren Verstorbener richtet, basiert also auf der tief verwurzelten Vorstellung, dass ein Abbild mehr ist als nur eine Darstellung – dass es eine Verbindung zur Seele oder Essenz der Person herstellt. Diese Überzeugung steht im krassen Gegensatz zur historischen Entwicklung der Fotografie als Medium des Gedenkens.
Ein Blick zurück: Die Post-Mortem-Fotografie im 19. Jahrhundert
Parallel zu diesen Aberglauben, aber in einer ganz anderen Funktion, entwickelte sich im 19. Jahrhundert die Post-Mortem-Fotografie zu einer weit verbreiteten Praxis. Besonders im Viktorianischen Zeitalter, das von hoher Sterblichkeit, insbesondere bei Kindern, geprägt war, und in dem die alltägliche Fotografie noch selten war, erfüllte die Aufnahme eines Verstorbenen einen wichtigen Zweck. Es war oft das erste und einzige Mal, dass eine Familie ein dauerhaftes Abbild ihres geliebten Menschen erhalten konnte.
Schon vor der Erfindung der Fotografie gab es Totenporträts in Form von Gemälden oder Zeichnungen. Diese waren jedoch teuer und zeitaufwendig. Mit der Einführung der Daguerreotypie durch Louis Daguerre im Jahr 1839 wurde die Erstellung von Abbildern schneller, einfacher und erschwinglicher, wenn auch anfangs immer noch ein Luxus. Die Fotografie verbreitete sich schnell und wurde zu einem wichtigen Werkzeug, um das Leben festzuhalten – und eben auch den Tod.
Fotografen der Zeit warben oft mit dem Satz: "Secure the shadow, ere the substance fades" (Sichern Sie den Schatten, bevor die Substanz verblasst). Dieser Satz, der die Vergänglichkeit des Körpers betonte, unterstrich die Bedeutung der Fotografie als Mittel, eine bleibende Erinnerung zu schaffen. Für viele Familien war ein Post-Mortem-Foto nicht makaber, sondern ein unendlich wertvolles Andenken, ein Memento Mori im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Erstellung solcher Fotos war für die Fotografen eine Herausforderung. Sie mussten mit ihrer Ausrüstung zum Haus der Familie reisen oder die Verstorbenen in ihr Studio bringen. Dabei war viel Feingefühl gefragt, um die Gefühle der trauernden Familie zu respektieren, während man den Körper für die Aufnahme positionierte. Die Technologie erforderte längere Belichtungszeiten, was das Posieren für lebende Personen bereits schwierig machte; für Verstorbene war es technisch einfacher, aber emotional komplex.

Obwohl anfangs teuer, sank der Preis für Post-Mortem-Fotos mit der Weiterentwicklung der Techniken (wie Ambrotypien, Tintypien und Papierabzüge) und der Zunahme von Fotografen. So wurde diese Form des Gedenkens für breitere Bevölkerungsschichten zugänglich und zu einem festen Bestandteil der Trauerriten.
Techniken und der emotionale Wert der Todesfotografie
Die Post-Mortem-Fotografie war mehr als nur eine einfache Aufnahme. Die Fotografen entwickelten verschiedene Techniken, um die Verstorbenen darzustellen und den Fotos eine bestimmte emotionale Tiefe zu verleihen. Zwei Hauptansätze waren verbreitet:
- Der "letzte Schlaf": Bei dieser Technik wurde der Verstorbene so positioniert, als würde er friedlich schlafen. Die Augen waren geschlossen, und der Körper wurde oft auf einem Bett, einem Sofa oder sogar im Arm eines lebenden Familienmitglieds gelagert. Diese Darstellungsweise spielte mit der Vorstellung, dass der Tod ein Übergang in einen ewigen Schlaf sei. Fotos, die im Sarg aufgenommen wurden, fielen ebenfalls in diese Kategorie. Oft wurden diese Bilder nachbearbeitet oder handkoloriert, um den fahlen Teint zu beleben und den Eindruck eines lebendigeren Zustands zu erwecken. Ein Hauch von Rot auf Wangen und Lippen sollte die Härte des Todes mildern und das Bild angenehmer gestalten.
- Die "lebensnahe" Pose (Mourning Tableaux): Bei dieser Technik wurde versucht, den Verstorbenen so darzustellen, als wäre er noch am Leben. Die Person wurde oft sitzend positioniert, manchmal mit offenen Augen (was durch Stützen oder sogar das Einmalen der Pupillen auf das Negativ erreicht werden konnte). Der Verstorbene konnte mit lebenden Familienmitgliedern interagierend dargestellt werden oder mit persönlichen Gegenständen, die ihm wichtig waren, wie ein Buch oder ein Spielzeug bei Kindern. Diese Inszenierungen sollten die Erinnerung an die Person zu Lebzeiten wachrufen und ein Bild schaffen, das sich vom Zustand des Todes abhob.
Diese Fotos waren für die Hinterbliebenen von unschätzbarem Wert. In einer Zeit ohne viele Bilder waren sie oft das einzige greifbare Andenken an einen Menschen. Sie wurden nicht versteckt, sondern oft prominent im Haus ausgestellt, an Freunde und Verwandte verschickt oder sogar in Medaillons und Broschen als persönliche Erinnerungsstücke getragen. Sie dienten als "Spiegel mit einer Erinnerung", der es ermöglichte, den geliebten Menschen auch nach seinem Tod noch nahe zu fühlen.
Die Post-Mortem-Fotografie war Teil des komplexen Trauerzeremoniells des 19. Jahrhunderts, das oft sehr öffentlich und elaboriert war. Das Viktorianische Zeitalter wird manchmal als "Kult des Todes" bezeichnet, aufgrund der aufwendigen Bräuche rund um Sterben, Tod und Trauer. Die Fotografie bot eine Möglichkeit, diesen Prozess des Gedenkens und der Trauerbewältigung visuell zu unterstützen.
Veränderte Einstellungen und die heutige Nutzung
Mit dem Aufkommen der erschwinglichen Handkameras im 20. Jahrhundert und der Möglichkeit, unzählige Fotos während des Lebens eines Menschen aufzunehmen, verlor die Post-Mortem-Fotografie allmählich an Bedeutung als einziges Erinnerungsbild. Gleichzeitig veränderten sich die gesellschaftlichen Einstellungen zum Tod. Was im 19. Jahrhundert eine akzeptierte und verständliche Praxis des Gedenkens war, wurde zunehmend als makaber, befremdlich und morbide empfunden. Der Tod wurde mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben verdrängt und zu einem privaten, oft tabuisierten Thema.
Heute ist die Post-Mortem-Fotografie als gesellschaftlicher Brauch weitgehend verschwunden. Gelegentliche Aufnahmen im Sarg für sehr nahe Angehörige, die beispielsweise nicht an der Beerdigung teilnehmen konnten, mögen vorkommen, sind aber nicht Teil eines verbreiteten Rituals mehr. Allerdings hat die Fotografie von Verstorbenen in anderen Bereichen weiterhin eine wichtige Funktion:
- In der medizinischen Forschung und Ausbildung.
- In der forensischen Medizin zur Dokumentation von Todesursachen und -umständen.
- In der Kriminalistik zur Dokumentation von Tatorten und Opfern.
In diesen Bereichen dient die Fotografie rein wissenschaftlichen und dokumentarischen Zwecken und hat nichts mit den früheren Bräuchen des Gedenkens zu tun. Für die meisten Menschen heute steht die Vorstellung des Fotografierens eines Toten im Widerspruch zu unseren modernen Vorstellungen von Pietät und Umgang mit dem Tod.
Post-Mortem-Fotos erkennen: Worauf Sie achten sollten
Wenn Sie alte Familienalben durchsehen, insbesondere solche aus dem späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert, könnten Sie auf Post-Mortem-Fotos stoßen. Es gibt einige typische Merkmale, die Ihnen helfen können, sie zu identifizieren:
- Der Dargestellte wirkt sehr ruhig, hat einen leeren Blick oder die Augen sind geschlossen oder leicht geöffnet, aber starr.
- Die Person ist liegend oder zurückgelehnt positioniert, oft auf einem Bett, Sofa oder in einem Stuhl.
- Die Pose kann etwas unnatürlich oder steif wirken, da der Körper gestützt werden musste.
- Manchmal wird die verstorbene Person von einem lebenden Familienmitglied gehalten oder gestützt, um sie aufrecht zu positionieren.
- Anzeichen von Krankheit oder Abmagerung können sichtbar sein, auch wenn versucht wurde, diese zu kaschieren.
- Das Foto könnte nachbearbeitet oder koloriert sein, um dem Gesicht eine lebensechtere Farbe zu geben (rosige Wangen, rötliche Lippen).
- Ein deutliches Zeichen ist, wenn ein Sarg oder ein Totenbett auf dem Bild zu sehen ist.
Wo Sie post-mortem Familienfotos finden können
Falls Sie nach solchen Fotos in Ihrer Familiengeschichte suchen möchten, gibt es verschiedene Orte, an denen Sie fündig werden könnten:
- Zu Hause: Beginnen Sie mit alten Familienalben, Kisten und Schachteln. Fotos aus der Zeit vor 1920 sind wahrscheinlicher Post-Mortem-Aufnahmen zu enthalten.
- Erweiterte Familie: Sprechen Sie mit älteren Verwandten. Sie könnten Alben oder einzelne Fotos besitzen, die an ihren Familienzweig weitergegeben wurden.
- Lokale Archive: Manchmal wurden alte Familienfotos oder ganze Sammlungen an lokale Archive, Bibliotheken oder Museen gespendet. Fragen Sie bei den Institutionen in den Orten nach, in denen Ihre Vorfahren lebten.
- Online: Das Internet bietet ebenfalls Möglichkeiten. Genealogie-Foren oder historische Interessengruppen können hilfreich sein. Es gibt auch spezialisierte Online-Archive und Websites, die sich mit historischer Todesfotografie beschäftigen. Manchmal finden sich solche Fotos sogar auf Handelsplattformen für Antiquitäten und Sammlerstücke.
Häufig gestellte Fragen
Hier beantworten wir einige gängige Fragen zum Thema Post-Mortem-Fotografie:
Was bedeutet der Begriff "post mortem"?
Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich "nach dem Tod". Er wird in verschiedenen Kontexten verwendet, von der Medizin über die Literatur bis hin zur Fotografie.

War Post-Mortem-Fotografie im 19. Jahrhundert wirklich üblich?
Ja, sie war eine relativ gängige Praxis, insbesondere im Viktorianischen Zeitalter und in den frühen Jahren der Fotografie, da sie oft die einzige Möglichkeit war, ein Bild eines Verstorbenen zu erhalten.
Warum haben die Menschen ihre verstorbenen Angehörigen fotografieren lassen?
Es war eine Form der Trauerbewältigung und des Gedenkens. Die Fotos dienten als wertvolle Erinnerungsstücke (Memento Mori) in einer Zeit hoher Sterblichkeit, in der andere Bilder selten waren.
Ist es heute noch üblich, Verstorbene zu fotografieren?
Als verbreiteter gesellschaftlicher Brauch ist es nicht mehr üblich. In bestimmten Situationen, z. B. für Angehörige, die nicht anwesend sein konnten, oder in medizinischen/forensischen Kontexten, kann es vorkommen, aber es ist nicht Teil der allgemeinen Trauerriten.
Was ist der Aberglaube vom Seelenfang?
Dies ist der Glaube, dass das Fotografieren eines Verstorbenen dessen Seele einfangen oder an die materielle Welt binden könnte, sodass sie nicht ins Jenseits übergehen kann. Es ist ein Aberglaube, der in einigen Kulturen existiert.
Fazit
Die Frage, ob man Verstorbene fotografieren sollte, zeigt den Wandel im gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod. Während heute der Aberglaube vom Seelenfang und das Empfinden der Praxis als makaber viele abschrecken, war die Post-Mortem-Fotografie für unsere Vorfahren eine tief empfundene und wichtige Form des Gedenkens, der Liebe und der Trauerbewältigung. Diese historischen Fotos sind nicht nur Zeugnisse vergangener Bräuche, sondern auch ein bewegender Einblick in die Art und Weise, wie Menschen früher mit Verlust umgingen und versuchten, die Erinnerung an ihre geliebten Menschen lebendig zu halten. Sie erinnern uns daran, dass der Wunsch nach einem bleibenden Bild eines Menschen, der uns wichtig war, über Zeiten und kulturelle Unterschiede hinweg existiert.
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