Die Geschichte von Agfa ist eng mit der Entwicklung der Fotografie verbunden. Was 1867 in Berlin als Hersteller von Anilinfarben begann, entwickelte sich zu einem Weltunternehmen, das über Jahrzehnte hinweg Kameras, Filme und Fotochemikalien produzierte und Innovationen hervorbrachte, die das Hobby und den Beruf des Fotografierens maßgeblich prägten. Obwohl die Marke heute anders strukturiert ist, bleibt ihr Erbe in der Fotowelt unbestritten.

Von der Chemie zur Fotografie: Die Anfänge
Die Wurzeln von Agfa reichen zurück bis zur Gründung der Gesellschaft für Anilinfabrikation mbH im Jahr 1867. Zunächst konzentrierte sich das Unternehmen auf die Produktion von Farbstoffen. Ein entscheidender Schritt erfolgte 1887, als der Chemiker Momme Andresen das Unternehmen dazu bewegte, in die Fotochemie einzusteigen. Andresen, selbst ein begeisterter Amateurfotograf, erkannte die Mängel der damaligen Nassplattenverfahren und sah großes Potenzial in der Entwicklung neuer Substanzen. Sein erster großer Erfolg war 1888 der Entwickler Rodinal. Dieses Produkt revolutionierte die Dunkelkammerarbeit, da es als Konzentrat geliefert wurde, das nur noch verdünnt werden musste – eine deutliche Vereinfachung gegenüber dem bisherigen Anmischen von Pulvern. Rodinal blieb bis zum Ende der Agfa Fotochemie-Produktion im Sortiment und wird sogar heute noch hergestellt. Der Einstieg in die Filmproduktion gestaltete sich schwieriger, da Kodak zu dieser Zeit bereits einen erheblichen Vorsprung hatte. Dennoch gab Agfa nicht auf und brachte 1908 einen weniger entflammbaren Sicherheits-Kinofilm auf den Markt. 1910 eröffnete Agfa in Wolfen, Mitteldeutschland, eine riesige Filmfabrik, die damals die zweitgrößte der Welt war, nur übertroffen von Kodak in Rochester. Während des Ersten Weltkriegs stellte das Werk die Produktion um und fertigte neben Fotofilmen auch Röntgenfilme für medizinische Zwecke, Filme für die Luftbildfotografie sowie Kinofilme für die Feldkinos der Soldaten. Auch Filter und Gläser für Gasmasken wurden hergestellt.
Agfa wird zum Kamerahersteller
Ein weiterer wichtiger Meilenstein war das Jahr 1925, als Agfa Teil der neu gegründeten Interessen-Gemeinschaft Farbenindustrie, kurz IG Farben, wurde. Dieser Zusammenschluss bündelte bedeutende Unternehmen der deutschen Chemie-, Farbstoff- und verwandten Industrien. Im Rahmen dieser Fusion übernahm Agfa die Kamerafabrik Rietzschel in München von Bayer. Anfangs wurden die Rietzschel-Produkte weiterhin unter dem Agfa-Rhombus-Logo vertrieben. Die erste Kamera, die wirklich als Agfa-Kamera konzipiert und eingeführt wurde, war das Modell „Standard“ im Jahr 1926, erhältlich sowohl für Platten/Filmpackungen als auch für Rollfilme. Bereits 1927 verschwand der Name Rietzschel von den Produkten, obwohl das Erbe in den Namen der Kameras und Objektive noch viele Jahre erkennbar blieb. Im selben Jahr wurde die äußerst erfolgreiche Billy-Kameraserie eingeführt. Auch international expandierte Agfa: 1928 fusionierte die US-amerikanische Agfa-Sparte mit Ansco, woraus über 15 Jahre hinweg viele gemeinsame Modelle unter dem Namen Agfa Ansco vertrieben wurden. Die Agfa Box 44, eingeführt 1931, spielte eine Schlüsselrolle bei der Popularisierung der Fotografie in Deutschland. Agfa verkaufte diese einfache Boxkamera für nur 4 Reichsmark, was sie für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich machte. Die Verluste aus dem niedrigen Kamerpreis holte das Unternehmen locker durch den Verkauf der dazugehörigen Agfa 120 Rollfilme wieder herein. 1937 brachte Agfa seine erste Kamera für den populären 35mm Film heraus.
Farbfilm-Innovationen und Kriegsjahre
Agfa war auch ein Pionier im Bereich des Farbfilms. Bereits 1909 begann die Forschung, zunächst basierend auf dem Kornrasterverfahren. 1916 kamen die ersten Platten für Farbdias heraus, die jedoch eine sehr grobe Auflösung und lange Belichtungszeiten erforderten. Mit der Verlagerung der Produktion nach Wolfen im Jahr 1932 wurde die Bezeichnung Agfacolor eingeführt, zunächst für Kornrasterplatten und -filme. Der entscheidende Durchbruch gelang jedoch im November 1936 mit der Einführung des ersten „richtigen“ Farbfilms mit drei Farbschichten, genannt Agfacolor Neu. Dieser Diafilm war zunächst noch nicht sehr lichtempfindlich, aber Agfa arbeitete kontinuierlich an Verbesserungen. Bereits 1938 konnte die Empfindlichkeit deutlich gesteigert werden. Agfacolor wurde zu einem wichtigen Konkurrenten für Kodachrome. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die internationale Zusammenarbeit eingeschränkt. Nach dem Eintritt der USA in den Krieg 1941 verlor Agfa die Verbindung zu Ansco in den USA. Agfa entwickelte jedoch weiterhin innovative Produkte und führte 1942 moderne Farbnegativfilme und -papiere ein, die nach dem Krieg unter dem Namen Agfacolor zu Konkurrenten für Kodacolor wurden.
Nachkriegszeit und die Blüte der Kameraserien
Nach dem Krieg wurde die IG Farben von den Besatzungsmächten aufgrund ihrer Verstrickung mit dem NS-Regime aufgelöst. Die Vermögenswerte wurden aufgeteilt. Im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands operierte das Werk in Wolfen zunächst unter dem Namen Agfa weiter, bevor es später in ORWO umbenannt wurde. Im Westen Deutschlands wurde Agfa neu strukturiert und baute seine Kamerafertigung stark aus. Unternehmen wie UCA in Bremen (wurde zur Kamerafabrik), Iloca und Staeble wurden übernommen, um die Produktionskapazitäten zu erhöhen. Sogar zwei Uhrenhersteller wurden übernommen, um die eigene Produktion von Kamerverschlüssen zu sichern. 1964 übernahm Agfa sogar seinen größten deutschen Konkurrenten im Fotobereich, Perutz. In der Nachkriegszeit verbesserte Agfa bestehende Modelle und führte neue, erfolgreiche Serien ein. Dazu gehörten die 35mm Solinette und ab 1954 die Silette-Serie, die das Kameradesign modernisierte. Die Vorkriegs-Isolette wurde zur Basis einer äußerst erfolgreichen Serie von Mittelformat-Klappkameras in den 1950er Jahren, die in Modellen wie der Super Isolette und der Automatic 66 gipfelte – letztere war 1956 eine Klappkamera mit Zeitautomatik! 1959 folgte mit der Optima eine 35mm Sucherkamera mit Belichtungsautomatik, die durch einen charakteristischen roten Knopf ausgelöst wurde. 1964 fusionierte Agfa mit dem belgischen Film- und Papierhersteller Gevaert zur Agfa-Gevaert. Das Unternehmen reagierte auf Kodaks 126 Film-Kassettensystem mit der Einführung des Rapid-Systems, das ebenfalls eine einfache Filmhandhabung ermöglichte. 1967 debütierte Agfa Kameras für den 126 Film. Die Produktion wurde internationalisiert, wobei einige günstigere Modelle unter Lizenz in Indien und Brasilien gefertigt wurden. Ein charakteristisches Merkmal vieler Agfa Kameras ab 1968 war der Roter Sensor Punkt, eine runde, berührungsempfindliche Fläche, die als Auslöser diente und zum Markenzeichen wurde. In Deutschland feierte Agfa große Erfolge mit seinen populären "Ritsch-Ratsch" Pocket-Kameras, die den 110 Kassettenfilm verwendeten. Eine ganze Serie dieser Agfamatic Kameras wurde eingeführt, zunächst mit Magicubes als Blitzlicht, später mit Flipflash.
Das Ende der eigenen Kameraproduktion und die digitale Ära
In den frühen 1980er Jahren produzierte Agfa seine letzten Filmkameras in Eigenregie. Die Modelle der Selectronic-Serie wurden bereits von Chinon gefertigt. 1983 stellte Agfa die eigene Kameraproduktion endgültig ein, nachdem das Unternehmen 1981 von Bayer übernommen worden war. Alle späteren Agfa Filmkameras waren OEM-Produkte, also von anderen Herstellern gefertigt und unter dem Agfa-Namen vertrieben. In den späten 1990er Jahren versuchte Agfa, im Bereich der Digitalkameras Fuß zu fassen und verkaufte einfache Kompaktmodelle unter dem Namen Agfa ePhoto. Auch Desktop-Scanner (Agfascan) wurden angeboten. 2001 stellte Agfa die Produktion und den Support für seine Konsumentenscanner und Digitalkameras ein. 2004 endete auch die Produktion von Consumer-Filmen. Die Konsumenten-Sparte wurde im Rahmen eines Management-Buy-outs ausgegliedert und firmierte als AgfaPhoto. Dieses Unternehmen musste jedoch bald darauf Insolvenz anmelden. Seit 2007 wird der Markenname AgfaPhoto an andere Unternehmen lizenziert, die unter diesem Namen Produkte wie Digitalkameras (Plawa) oder Filme (Lupus Imaging, Powershovel) vertreiben. Diese Produkte haben jedoch keinen direkten Bezug mehr zur ursprünglichen Agfa-Fertigung. Die heutige Agfa-Gevaert (Sitz in Belgien) konzentriert sich auf industrielle Anwendungen und produziert weiterhin Industriefilme für Bereiche wie Medizin, Halbleiterindustrie und Druckwesen.

Häufig gestellte Fragen zur Agfa Kamera
Wann wurde die erste Agfa Kamera hergestellt?
Die erste Kamera, die speziell als Agfa-Kamera konzipiert wurde, war die Agfa Standard im Jahr 1926. Zuvor wurden Kameras des übernommenen Unternehmens Rietzschel unter dem Agfa-Logo verkauft.
Was war die Agfa Box 44 und warum war sie wichtig?
Die Agfa Box 44 war eine einfache und sehr preiswerte Boxkamera, die 1931 eingeführt wurde. Sie kostete nur 4 Reichsmark und machte die Fotografie für viele Menschen in Deutschland erstmals erschwinglich, indem sie den Verkauf von Agfa 120 Rollfilmen ankurbelte.
Was ist der Roter Sensor Punkt?
Der Roter Sensor Punkt war ein charakteristisches Designmerkmal vieler Agfa Kameras ab 1968. Es handelte sich um eine runde, berührungsempfindliche Fläche, die als Auslöser fungierte.
Wann hat Agfa aufgehört, Kameras herzustellen?
Agfa stellte die eigene Produktion von Kameras 1983 ein. Spätere Kameras mit dem Agfa-Logo wurden von anderen Herstellern im Auftrag gefertigt (OEM-Produkte).
Gibt es heute noch Agfa Kameras oder Filme?
Die ursprüngliche Agfa-Gevaert stellt keine Consumer-Fotoprodukte mehr her. Der Markenname AgfaPhoto wird jedoch an andere Unternehmen lizenziert, die unter diesem Namen Digitalkameras, Filme und andere Produkte vertreiben. Diese haben aber keinen direkten Bezug zur historischen Agfa-Fertigung.
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