Das Bild ging um die Welt und brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein: Ein junges Mädchen mit einem eindringlichen Blick und faszinierend grünen Augen. Dieses Foto, aufgenommen in den 1980er Jahren in einem Flüchtlingslager in Pakistan, wurde zu einem Symbol für das Leid der Menschen in Afghanistan nach der sowjetischen Besetzung. Die Frau hinter diesem weltbekannten Porträt ist Sharbat Gula. Ihre Geschichte ist eine fortwährende Odyssee der Flucht, der Rückkehr und nun einer neuen Hoffnung in Europa. Kürzlich hat die Afghanin ihr Heimatland verlassen und ist nach Italien ausgeflogen worden – ein weiteres Kapitel in einem Leben, das untrennbar mit der modernen Geschichte Afghanistans verbunden ist.

Das ikonische Porträt und seine Entstehung
Es war im Jahr 1984, als der renommierte Fotograf Steve McCurry im Flüchtlingslager Nasir Bagh in Pakistan unterwegs war. Tausende Afghanen hatten dort Zuflucht gesucht, nachdem die Sowjetunion in ihr Land einmarschiert war. In einer provisorischen Flüchtlingsschule traf McCurry auf ein etwa zwölfjähriges Mädchen. Ihr Gesicht war von einem rotbraunen Tuch umrahmt, doch ihre Augen stachen hervor – von einem ungewöhnlich intensiven Grünton, der den Betrachter sofort gefangen nahm. McCurry erkannte die Kraft dieses Blicks und bat um Erlaubnis, das Mädchen zu fotografieren.
Das Ergebnis war ein Porträt von seltener Intensität. Veröffentlicht im Juni 1985 auf dem Titelbild des Magazins National Geographic, sprach das Bild Bände über die Not, die Angst und die Widerstandsfähigkeit der afghanischen Flüchtlinge. Die Bildunterschrift, „Haunted eyes tell of an Afghan refugee's fears“ (Gejagte Augen erzählen von den Ängsten eines afghanischen Flüchtlings), unterstrich die tiefere Bedeutung des Fotos. Zu diesem Zeitpunkt war der Name des Mädchens nicht bekannt. Sie wurde schlicht als das „Afghan Girl“ oder „Das Mädchen mit den grünen Augen“ bezeichnet. Das Bild wurde sofort berühmt und machte nicht nur die Situation der afghanischen Flüchtlinge weltweit sichtbar, sondern katapultierte auch Steve McCurry zu internationalem Ruhm. Es wurde reproduziert, ausgestellt und analysiert, während das Motiv, Sharbat Gula, in den Wirren des Krieges und der Flucht lebte, ohne von ihrer eigenen Berühmtheit zu wissen.
Die Suche und das Wiedersehen
Fast zwei Jahrzehnte lang blieb die Identität des „Mädchens mit den grünen Augen“ unbekannt. Die Frage „Was wurde aus ihr?“ beschäftigte viele. Im Jahr 2002 machte sich Steve McCurry zusammen mit einem Team von National Geographic auf die Suche nach ihr. Es war eine schwierige und langwierige Suche in einer Region, die noch immer von Konflikten gezeichnet war. Nach intensiven Nachforschungen und dem Einsatz von Gesichtserkennungstechnologie gelang es dem Team tatsächlich, Sharbat Gula in Afghanistan aufzuspüren. Sie war inzwischen eine erwachsene Frau, Mutter von vier Kindern und Analphabetin, die nach ihrer Flucht nach Pakistan und ihrer Rückkehr nach Afghanistan lebte.
Das Wiedersehen war emotional. Sharbat Gula erinnerte sich an den Moment, als der fremde Mann sie fotografierte. Laut Berichten von National Geographic erinnerte sie sich an ihre Wut. Sie war nie zuvor fotografiert worden, und die Situation war ihr unangenehm. Erst bei diesem Treffen, 17 Jahre nach der Veröffentlichung, sah Sharbat Gula zum ersten Mal ihr eigenes, weltberühmtes Porträt. McCurry beschrieb ihre Reaktion und das, was er damals in ihren Augen sah: „Sie kann nicht verstehen, wie ihr Bild so viele Menschen berührt hat. Sie kennt die Macht dieser Augen nicht.“ Dieses zweite Treffen wurde ebenfalls in einer Titelstory von National Geographic dokumentiert und brachte Sharbat Gulas Identität ans Licht der Öffentlichkeit.
Ein Leben auf der Flucht und die Rückkehr nach Afghanistan
Sharbat Gulas Leben war und ist ein Spiegelbild der turbulenten Geschichte Afghanistans. Als Waise kam sie nach der sowjetischen Besetzung ihres Landes als Flüchtling nach Pakistan. Dort verbrachte sie einen Großteil ihres Lebens, heiratete und gründete eine Familie. Pakistan war lange Zeit ein wichtiger Zufluchtsort für Millionen afghanischer Flüchtlinge, die dort oft eine freundliche Aufnahme fanden.
Doch die Situation für afghanische Flüchtlinge in Pakistan verschlechterte sich im Laufe der Jahre. Im Jahr 2016 erhöhte Pakistan den Druck auf Flüchtlinge, in ihre Heimat zurückzukehren. Sharbat Gula wurde in Pakistan festgenommen und schließlich nach Afghanistan abgeschoben. Dies war ein harter Schlag für sie und ihre Familie. Fotos zeigten sie bei ihrer Ankunft in Afghanistan, sichtlich gezeichnet von den Strapazen und der Unsicherheit. Ihre Rückkehr in ein Land, das noch immer von Konflikten und Instabilität geprägt war, war keine einfache Rückkehr nach Hause, sondern eher eine erzwungene Umsiedlung in unsichere Verhältnisse.

Neuanfang in Italien
Nach der erneuten Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan im August 2021 verschlechterte sich die Lage für viele Afghanen dramatisch. Die internationale Gemeinschaft startete Evakuierungsmissionen, um gefährdete Personen außer Landes zu bringen. Länder wie die USA, die Türkei, Großbritannien, Deutschland und auch Italien beteiligten sich stark an diesen Bemühungen. Über die internationale Luftbrücke wurden innerhalb weniger Wochen etwa 123.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen.
Im November 2021 wurde bekannt, dass auch Sharbat Gula Afghanistan verlassen hat. Sie wurde nach Italien ausgeflogen. Die italienische Regierung bestätigte ihre Ankunft in Rom und erklärte, ihre Ausreise aus humanitären Gründen „ermöglicht und organisiert“ zu haben. Details über ihre Begleitung oder aktuelle Fotos von ihrer Ankunft gab es zunächst nicht. Ihre Ausreise nach Italien markiert einen weiteren Wendepunkt in ihrem bewegten Leben. Sie bietet ihr die Chance auf ein neues, sichereres Leben fernab der ständigen Konflikte und Unsicherheiten in Afghanistan. Dieser Schritt ist ein direktes Ergebnis der Aufmerksamkeit, die ihr ikonisches Foto über Jahrzehnte hinweg generiert hat, und der Bemühungen, Personen in Notlagen zu helfen.
Kontroverse um die Aufnahme des Fotos
So berühmt und wirkmächtig das Foto von Sharbat Gula auch ist, es gibt auch kritische Stimmen bezüglich der Umstände seiner Entstehung. Der US-amerikanische Fotograf Tony Northrup äußerte 2019 in einem YouTube-Video die Ansicht, dass der Ausdruck in Gulas Augen nicht primär die Angst vor dem Krieg widerspiegelte, sondern die Angst vor dem Fotografen selbst. Laut Northrup war es für das konservativ erzogene Mädchen eine Ausnahmesituation, von einem fremden Mann direkt angeschaut und fotografiert zu werden. Sie soll ihr Gesicht zunächst verschleiert haben. McCurry habe Gulas Lehrer um Erlaubnis gebeten und das Mädchen dann für das Foto an einen anderen Ort mit besserem Licht und Hintergrund gebracht.
Northrup kritisierte, dass McCurry das Mädchen „wie ein Glamour-Foto der 80er-Jahre“ posiert habe: Schulter zur Kamera geneigt, Stirn nach vorne, das Licht optimiert, um die Augen hervorzuheben, und direkter Augenkontakt – etwas, das Gula in ihrer Kultur normalerweise niemals mit einem fremden Mann tun würde. Diese Kritik wirft eine wichtige Frage nach der Ethik in der Porträtfotografie auf, insbesondere im Kontext von verletzlichen Personen wie Flüchtlingen. Während das Foto zweifellos eine immense Wirkung hatte und auf das Leid in Afghanistan aufmerksam machte, bleibt die Debatte über die Art und Weise seiner Entstehung bestehen.
Fakten über grüne Augen
Ein zentrales Merkmal, das Sharbat Gulas Porträt so unvergesslich macht, sind ihre auffällig grünen Augen. Diese Augenfarbe ist tatsächlich sehr selten und Gegenstand vieler Mythen und wissenschaftlicher Fakten. Hier sind einige interessante Aspekte über grüne Augen:
Seltenheit: Grüne Augen sind die seltenste natürliche Augenfarbe der Welt. Nur etwa 2 Prozent der Weltbevölkerung haben grüne Augen.
Pigmentierung: Überraschenderweise enthalten grüne Augen, ähnlich wie blaue Augen, kein grünes Pigment. Die Farbe, die wir wahrnehmen, ist das Ergebnis einer Kombination aus einer geringen Menge an Melanin (ein braunes Pigment, weniger als bei braunen Augen, aber mehr als bei blauen) in der Iris und der Streuung von Licht. Dieses Phänomen wird Rayleigh-Streuung genannt und lässt die Augen grün erscheinen, ähnlich wie der Himmel blau aussieht. Je nach Lichtverhältnissen können grüne Augen ihre Farbe leicht zu ändern scheinen.
Geografische Verteilung: Die höchste Konzentration von Menschen mit grünen Augen findet sich in Irland, Schottland und Nordeuropa. In Irland und Schottland haben sogar über drei Viertel der Bevölkerung (etwa 86 Prozent) blaue oder grüne Augen.

Genetik: Augenfarbe ist komplexer als oft angenommen. Mindestens sechzehn verschiedene Gene tragen zur Bestimmung der Augenfarbe bei. Daher können Kinder eine andere Augenfarbe haben als ihre Eltern. Grüne Augen können theoretisch bei Menschen aller Ethnien auftreten, sind aber wie gesagt in bestimmten Regionen häufiger.
Liqian, China: Es gibt ein Dorf in China namens Liqian, in dem ein ungewöhnlich hoher Anteil der Bevölkerung (zwei Drittel) grüne Augen und blonde Haare hat. Es wird vermutet, dass dies auf eine mögliche Abstammung von einer verschollenen römischen Armee zurückzuführen ist.
Entwicklung bei Babys: Babys werden in der Regel mit braunen oder blauen Augen geboren. Es kann sechs Monate bis zu drei Jahre dauern, bis sich die endgültige Augenfarbe, einschließlich Grün, entwickelt.
Mythen und Persönlichkeit: Es gibt keinerlei wissenschaftliche Beweise dafür, dass die Augenfarbe mit der Persönlichkeit zusammenhängt. Dennoch werden in Fabeln und Folklore grüne Augen oft mit Eigenschaften wie Intelligenz, Leidenschaft, Geheimnisvollem, Kreativität, Eifersucht und Führungsqualitäten assoziiert. Dies sind jedoch reine Zuschreibungen und keine wissenschaftlich fundierten Fakten.
Lichtempfindlichkeit: Da grüne Augen weniger Melanin enthalten als braune Augen, sind Menschen mit grünen Augen tendenziell empfindlicher gegenüber UV-Strahlen und plötzlichen Lichtveränderungen. Melanin dient als natürlicher Schutz für die Netzhaut.
Grüne Augen in der Popkultur: Trotz ihrer Seltenheit sind grüne Augen in Büchern und Filmen sehr präsent. Viele berühmte Charaktere, wie Harry Potter, Mary Jane Watson, Batgirl, Catwoman, Loki, Petyr Baelish, Scar (aus König der Löwen), Jane Eyre oder Rapunzel, werden oft mit grünen Augen dargestellt.

Vergleich der Augenfarben
Um die Seltenheit und Beschaffenheit grüner Augen besser zu verstehen, kann ein Vergleich mit anderen häufigen Augenfarben hilfreich sein:
| Augenfarbe | Melaningehalt in der Iris | Häufigkeit weltweit | Wie die Farbe entsteht |
|---|---|---|---|
| Braun | Hoch | Sehr häufig (ca. 70-80%) | Viel Melanin absorbiert die meisten Lichtstrahlen |
| Blau | Sehr niedrig | Relativ selten (ca. 8-10%) | Wenig Melanin, starke Lichtstreuung (Rayleigh-Streuung) lässt die Augen blau erscheinen |
| Grün | Niedrig (mehr als blau, weniger als braun) | Sehr selten (ca. 2%) | Kombination aus geringem Melanin und Lichtstreuung |
| Andere (Grau, Bernstein, etc.) | Variabel | Sehr selten | Variationen in Melaningehalt und Lichtstreuung |
Häufig gestellte Fragen
Wo lebt Sharbat Gula heute?
Sharbat Gula lebt seit November 2021 in Italien, nachdem sie aus Afghanistan evakuiert wurde.
Warum ist das Foto von Sharbat Gula so berühmt?
Das Foto, aufgenommen von Steve McCurry, wurde 1985 auf dem Cover des National Geographic Magazins veröffentlicht. Es symbolisierte eindrücklich das Leid und die Widerstandskraft der afghanischen Flüchtlinge während der sowjetischen Besetzung und erregte weltweite Aufmerksamkeit durch den intensiven Blick und die seltenen grünen Augen des Mädchens.
Sind grüne Augen wirklich die seltenste Augenfarbe?
Ja, mit nur etwa 2 Prozent der Weltbevölkerung sind grüne Augen die seltenste natürliche Augenfarbe.
Haben grüne Augen tatsächlich grüne Pigmente?
Nein, die grüne Farbe entsteht nicht durch grünes Pigment, sondern durch eine Kombination aus geringem Melaningehalt in der Iris und der Art und Weise, wie Licht gestreut und reflektiert wird.
Was ist aus Sharbat Gula nach ihrer Rückkehr nach Afghanistan im Jahr 2016 geworden?
Nach ihrer Abschiebung aus Pakistan lebte Sharbat Gula wieder in Afghanistan, bis sie im November 2021 nach der Machtübernahme der Taliban aus humanitären Gründen nach Italien ausgeflogen wurde.
Fazit
Die Geschichte von Sharbat Gula ist mehr als nur die Geschichte eines berühmten Fotos. Sie ist die Geschichte eines Lebens, das von Vertreibung, Krieg und der ständigen Suche nach Sicherheit geprägt ist. Von einem anonymen Flüchtlingskind, dessen Bild zur globalen Ikone wurde, über eine erzwungene Rückkehr in ein unsicheres Heimatland bis hin zu einem Neuanfang in Europa – Sharbat Gulas Reise spiegelt das Schicksal vieler Afghanen wider. Ihr Porträt bleibt ein eindringliches Mahnmal für das Leid, aber auch für die unerschütterliche Kraft des menschlichen Geistes, verkörpert in einem Blick, der die Welt berührte und weiterhin Fragen aufwirft, nicht nur über die Fotografie, sondern auch über das Leben selbst und die Bedeutung der grünen Augen, die zum Symbol wurden.
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