Jeder, der sich ernsthaft mit Fotografie beschäftigt, strebt danach, nicht nur einfache Schnappschüsse zu machen, sondern Bilder mit Bedeutung und Wirkung zu schaffen. Doch wie nähert man sich diesem Ziel strukturiert? Eine faszinierende Methode, die von renommierten Fotografen wie Paul Nicklen angewendet und von aufstrebenden Talenten wie Laszlo Otis-Pasternak übernommen wird, ist die sogenannte 20-60-20 Regel. Diese Regel bietet einen Rahmen, um das Beste aus jeder Fotosession herauszuholen und die eigene fotografische Entwicklung voranzutreiben.

Was genau ist die 20-60-20 Regel?
Die 20-60-20 Regel ist im Grunde eine Zeitmanagement-Strategie für Fotografen während einer Session. Sie teilt die verfügbare Zeit (oder die Anzahl der Aufnahmen) in drei Phasen auf:
- Die ersten 20%: Verwenden Sie diese Zeit, um die sicheren, grundlegenden Aufnahmen zu machen. Das sind die Bilder, bei denen Sie wissen, dass sie funktionieren werden. Sie sichern damit ab, dass Sie am Ende der Session definitiv verwertbare Ergebnisse haben.
- Die mittleren 60%: Dies ist die Phase des Experimentierens und des Pushens Ihrer Grenzen. Nutzen Sie diese Zeit, um neue Techniken auszuprobieren, ungewohnte Blickwinkel zu wählen, mit Einstellungen zu spielen oder sich in herausfordernde Situationen zu begeben. Hier lernen Sie am meisten und entwickeln Ihren Stil weiter.
- Die letzten 20%: Widmen Sie sich dem Versuch, den absolut einzigartigen, einmaligen Schuss zu erzielen. Das ist der Moment, auf den Sie gehofft haben – ein besonderes Licht, eine außergewöhnliche Interaktion, eine perfekte Komposition, die sich nur für Sekunden bietet. Hier kommt alles zusammen, was Sie geübt und gelernt haben.
Dieser Ansatz stellt sicher, dass Sie nicht nur auf gut Glück fotografieren, sondern gezielt vorgehen. Sie garantieren grundlegende Ergebnisse, fördern aktiv Ihr Lernen und geben sich selbst die bestmögliche Chance, das herausragende Bild zu erschaffen, das in Erinnerung bleibt.
Warum diese Regel so effektiv ist
Die Kraft der 20-60-20 Regel liegt in ihrer Struktur. Sie verhindert, dass man sich zu lange in der Komfortzone aufhält (nur die 20% sicheren Schüsse) oder frustriert aufgibt, wenn die experimentellen 60% nicht sofort klappen. Sie ermutigt zur Geduld und zur gezielten Übung. Indem Sie bewusst Zeit für das Experimentieren einplanen, geben Sie sich die Freiheit, Fehler zu machen und daraus zu lernen, ohne den Druck zu haben, sofort perfekte Ergebnisse liefern zu müssen.
Laszlo Otis-Pasternak, ein junger Fotograf, der beeindruckende Tieraufnahmen macht, spricht davon, wie er sich von Paul Nicklen inspirieren lässt und diese Regel anwendet. Gerade in der Tierfotografie, wo sich Gelegenheiten oft nur für Sekunden bieten, ist es entscheidend, vorbereitet zu sein (die 20%), verschiedene Herangehensweisen zu testen (die 60%) und bereit zu sein, wenn der magische Moment kommt (die letzten 20%). Seine Erfahrungen in Kenia und Südafrika, wo er Elefanten und Löwen fotografierte, zeigen, wie wichtig es ist, die Kamera als Werkzeug zu beherrschen, um diese flüchtigen Augenblicke festzuhalten.
Die 60% Phase: Der Schlüssel zur Verbesserung
Der Großteil Ihrer Zeit nach den ersten sicheren Aufnahmen sollte dem Experimentieren gewidmet sein. Aber was bedeutet das konkret? Hier kommen viele grundlegende und fortgeschrittene Fotografie-Techniken ins Spiel, die Sie üben können:
Manuelle Kontrolle der Kamera
Wenn Sie besser fotografieren lernen möchten, führt kein Weg am manuellen Modus vorbei. Hier steuern Sie selbst die drei wichtigsten Parameter, die das Aussehen Ihres Bildes bestimmen: ISO-Wert, Blende und Belichtungszeit. Diese drei bilden das sogenannte Belichtungsdreieck und beeinflussen sich gegenseitig sowie die Helligkeit und Schärfe (oder Unschärfe) Ihres Bildes.
- ISO-Wert: Beeinflusst die Lichtempfindlichkeit des Sensors. Ein höherer ISO-Wert ermöglicht Aufnahmen bei weniger Licht, führt aber zu mehr Bildrauschen (Körnung). Üben Sie, den niedrigsten möglichen ISO-Wert für die gegebene Lichtsituation zu wählen, um Rauschen zu minimieren.
- Blende: Steuert die Größe der Öffnung im Objektiv, durch die Licht auf den Sensor fällt. Eine große Blendenöffnung (kleine Blendenzahl wie f/1.8 oder f/2.8) lässt viel Licht herein und erzeugt eine geringe Schärfentiefe (Hintergrundunschärfe, Bokeh). Eine kleine Blendenöffnung (große Blendenzahl wie f/8 oder f/16) lässt weniger Licht herein und erhöht die Schärfentiefe (mehr vom Bild ist scharf). Experimentieren Sie bewusst mit unterschiedlichen Blenden, um die Wirkung auf die Schärfentiefe zu verstehen.
- Belichtungszeit (Verschlusszeit): Bestimmt, wie lange der Sensor Licht empfängt. Eine kurze Belichtungszeit (z.B. 1/1000 Sekunde) friert Bewegungen ein (ideal für Sport oder schnelle Tiere). Eine lange Belichtungszeit (z.B. 1 Sekunde oder länger) lässt Bewegungen verschwimmen (ideal für fließendes Wasser oder Lichtspuren bei Nacht). Üben Sie, die richtige Belichtungszeit für das gewünschte Ergebnis zu wählen und lernen Sie, wann ein Stativ unerlässlich ist (bei längeren Zeiten).
In der 60% Phase können Sie gezielt Belichtungsreihen machen, um zu sehen, wie sich Änderungen an ISO, Blende und Belichtungszeit auswirken. Versuchen Sie, das gleiche Motiv mit unterschiedlichen Einstellungen aufzunehmen und vergleichen Sie die Ergebnisse.
Komposition und Perspektive
Ein technisch perfektes Bild kann langweilig sein, wenn die Komposition nicht stimmt. Nutzen Sie die 60% Zeit, um bewusst mit verschiedenen Kompositionsregeln und Perspektiven zu spielen:
- Der Goldene Schnitt: Eine klassische Regel, die besagt, dass wichtige Bildelemente nicht genau in der Mitte platziert werden sollten, sondern entlang bestimmter Linien oder an deren Schnittpunkten, um das Bild harmonischer und dynamischer zu gestalten. Viele Kameras bieten Hilfslinien im Sucher oder Display, die Ihnen dabei helfen.
- Perspektiven: Ändern Sie Ihren Standpunkt! Gehen Sie in die Hocke (Froschperspektive), steigen Sie auf etwas (Vogelperspektive), fotografieren Sie schräg (Dutch Angle). Jede Perspektive erzählt eine andere Geschichte über das Motiv und seine Umgebung. Laszlo Otis-Pasternak spricht davon, wie das Erlebnis, mit Elefanten auf Augenhöhe zu sein, seine Perspektive prägt – versuchen Sie, solche Gefühle durch Ihren Blickwinkel auszudrücken.
- Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund: Bauen Sie Ihr Bild bewusst auf, indem Sie interessante Elemente in verschiedenen Tiefenebenen platzieren.
Experimentieren Sie in dieser Phase damit, das gleiche Motiv aus zehn verschiedenen Winkeln oder mit zehn unterschiedlichen Kompositionen aufzunehmen. Vergleichen Sie später, welche am besten funktionieren und warum.
Umgang mit Licht
Licht ist das A und O der Fotografie. Die 60% Phase ist perfekt, um zu lernen, wie Sie das vorhandene Licht optimal nutzen:
- Vermeiden Sie zunächst hartes Mittagslicht.
- Nutzen Sie die „Goldene Stunde“ (die erste Stunde nach Sonnenaufgang und die letzte Stunde vor Sonnenuntergang), wie es Laszlo Otis-Pasternak bevorzugt. Das weiche, warme Licht ist ideal für viele Motive.
- Fotografieren Sie bei Bewölkung für weiches, diffuses Licht, das schmeichelhaft für Porträts ist.
- Vermeiden Sie das Fotografieren direkt gegen die Sonne, es sei denn, Sie möchten bewusst Silhouetten erzeugen oder beherrschen bereits fortgeschrittene Techniken mit Blitz oder Reflektoren.
- Üben Sie den Einsatz des eingebauten oder eines externen Blitzes – oft ist indirektes Blitzen besser als direktes.
Die 60% sind Ihre Spielwiese. Seien Sie mutig, probieren Sie alles aus, was Sie interessiert, auch wenn es zunächst nicht funktioniert. Dokumentieren Sie vielleicht sogar Ihre Experimente, um später nachvollziehen zu können, welche Einstellungen zu welchem Ergebnis geführt haben.
Die 20% Phase: Der "Once-in-a-Lifetime" Schuss
Nachdem Sie sich mit den sicheren Schüssen versichert und in der Experimentierphase viel gelernt und geübt haben, konzentrieren Sie sich auf den Höhepunkt: das einzigartige Bild. Dies erfordert nicht nur technisches Können, sondern auch Bereitschaft und Intuition. Sie müssen bereit sein, wenn der Moment kommt. Das bedeutet:
- Ihre Kamera ist eingestellt (oder Sie können die Einstellungen blitzschnell anpassen).
- Sie haben die richtige Ausrüstung griffbereit (das passende Objektiv, ein geladener Akku, eine leere Speicherkarte).
- Sie sind aufmerksam und beobachten Ihre Umgebung intensiv.
Dieser Schuss ist oft das Ergebnis der Vorbereitung in den vorherigen Phasen. Ihre Beherrschung der Kamera (aus den 60%) ermöglicht es Ihnen, schnell auf sich ändernde Bedingungen zu reagieren. Ihr Wissen um Komposition und Licht hilft Ihnen, den Moment optimal einzufangen.

Denken Sie an Laszlo, der stundenlang auf Safaris verbringt. Die sicheren Schüsse sind vielleicht ein ruhiger Elefant, der frisst. Die 60% sind das Experimentieren mit unterschiedlichen Belichtungszeiten, um Bewegung einzufangen, oder das Spiel mit geringer Schärfentiefe bei einem Porträt. Der 20% Schuss könnte der Moment sein, in dem ein Elefant direkt am Auto vorbeiläuft, das Licht perfekt ist und der Ausdruck des Tieres einzigartig ist – ein flüchtiger Augenblick, der nur eingefangen werden kann, wenn der Fotograf bereit ist.
Grundlegende Ausrüstung und Vorbereitung
Egal, welche Phase der 20-60-20 Regel Sie gerade durchlaufen, einige Grundlagen sind immer wichtig, wie auch in den allgemeinen Tipps zur Fotografie betont wird:
- Kamera und Objektive: Beginnen Sie mit dem, was Sie haben, aber verstehen Sie die Möglichkeiten Ihrer Ausrüstung.
- Stativ: Unverzichtbar für lange Belichtungszeiten (Nacht, Dämmerung, weiches Wasser) und hilfreich, um bei der 60% Phase den Bildausschnitt konstant zu halten, während Sie Einstellungen ändern.
- Zusätzlicher Akku und Speicherkarte: Nichts ist ärgerlicher, als wenn die Kamera im entscheidenden Moment streikt. Seien Sie immer vorbereitet.
- RAW-Format: Fotografieren Sie im RAW-Format, wenn Ihre Kamera es unterstützt. Dies speichert die Rohdaten des Sensors und bietet bei der Nachbearbeitung (im Gegensatz zum komprimierten JPEG) die maximale Flexibilität, um Belichtung, Farben und Kontraste anzupassen, was besonders bei schwierigen Lichtverhältnissen nützlich ist – also oft genau bei den experimentellen und einzigartigen Schüssen.
- Hohe Auflösung: Stellen Sie sicher, dass Ihre Bilder in der höchstmöglichen Auflösung gespeichert werden, um später alle Bearbeitungsmöglichkeiten zu haben.
Feedback einholen und lernen
Ein wichtiger Teil des Lernprozesses, der besonders die 60% und 20% Phasen unterstützt, ist das Einholen von Feedback. Zeigen Sie Ihre Bilder anderen Fotografen, bitten Sie um ehrliche Kritik. Was funktioniert? Was könnte besser sein? Seien Sie offen für Vorschläge. Jeder Fotograf hat einmal angefangen, und konstruktive Kritik ist ein wertvolles Werkzeug auf dem Weg zur Verbesserung.
Vergleich: Zufälliges Fotografieren vs. 20-60-20 Regel
Betrachten wir, wie sich die Ergebnisse unterscheiden können:
| Ansatz | Typische Ergebnisse | Lerneffekt | Chance auf herausragende Bilder |
|---|---|---|---|
| Zufälliges Fotografieren | Meist Schnappschüsse, einige Glückstreffer | Gering (wenig bewusste Auseinandersetzung) | Zufällig und selten |
| Fokus nur auf "sichere" Schüsse (20%) | Technisch korrekte, aber oft unauffällige Bilder | Begrenzt (kein Experimentieren) | Sehr gering |
| Anwendung der 20-60-20 Regel | Gute Basisbilder, viele interessante Experimente, gezielter Versuch des einzigartigen Schusses | Hoch (bewusstes Üben und Experimentieren) | Deutlich erhöht (durch Vorbereitung und gezieltes Vorgehen) |
Die Tabelle macht deutlich: Die 20-60-20 Regel ist ein Rahmen, der Sie dazu anleitet, Ihre Zeit und Energie so einzusetzen, dass Sie nicht nur Bilder machen, sondern als Fotograf wachsen und Ihre Chancen auf wirklich beeindruckende Aufnahmen maximieren.
Häufig gestellte Fragen zur 20-60-20 Regel
Ist die 20-60-20 Regel nur für Tierfotografie geeignet?
Nein, absolut nicht. Obwohl sie oft im Kontext der Natur- und Tierfotografie erwähnt wird, da hier Gelegenheiten oft spontan entstehen, lässt sich die Regel auf nahezu jedes Genre der Fotografie anwenden: Porträt, Landschaft, Street Photography, Makro und so weiter. Überall dort, wo Sie Ihre Technik verbessern und nach besonderen Momenten suchen, kann die Regel hilfreich sein.
Muss ich die Prozentzahlen genau einhalten?
Sehen Sie die Prozentzahlen als Richtlinie, nicht als starre Vorschrift. Sie müssen nicht mit einer Stoppuhr daneben stehen. Es geht um die Idee: Stellen Sie sicher, dass Sie grundlegende Aufnahmen sichern, widmen Sie den Großteil Ihrer Zeit dem Lernen und Experimentieren, und halten Sie sich bereit für den besonderen Moment. Die genaue Verteilung kann je nach Motiv und Situation variieren.
Wie weiß ich, ob ein Schuss zum 60%-Experiment oder zum 20%-Einzelschuss gehört?
Die 60% sind für das bewusste Ausprobieren neuer Techniken oder Blickwinkel, auch wenn das Motiv oder das Licht nicht perfekt ist. Das Ziel ist das Lernen. Die 20% sind für den Moment, in dem alles zusammenzukommen scheint – das Licht, das Motiv, die Aktion – und Sie Ihr ganzes Können einsetzen, um dieses einmalige Bild festzuhalten. Es ist oft ein spontaner, aber gezielter Versuch, basierend auf Ihrer Erfahrung aus den 60%.
Hilft die Regel auch Anfängern?
Ja, gerade Anfängern kann die Regel Struktur geben. Sie stellt sicher, dass man sich nicht nur auf den Automatikmodus verlässt (was vielleicht den 20% sicheren Schüssen entspricht), sondern bewusst Zeit investiert, um die Kamera zu verstehen und Techniken zu üben (die 60%). Dies ist entscheidend, um über die ersten Grundlagen hinauszukommen.
Fazit
Die 20-60-20 Regel ist mehr als nur ein Zeitplan; sie ist eine Denkweise. Sie ermutigt Fotografen, proaktiv zu sein, ihre Fähigkeiten kontinuierlich zu entwickeln und immer auf der Suche nach dem außergewöhnlichen Bild zu sein. Indem Sie sich bewusst Zeit für sichere Aufnahmen, intensives Experimentieren und das Warten auf den magischen Moment nehmen, verbessern Sie nicht nur Ihre technischen Fähigkeiten, sondern schärfen auch Ihr Auge und Ihre Fähigkeit, Geschichten mit Ihren Bildern zu erzählen. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Laszlo Otis-Pasternak und vielen anderen erfolgreichen Fotografen: Probieren Sie die 20-60-20 Regel bei Ihrer nächsten Fotosession aus und sehen Sie, wie sie Ihre Herangehensweise und Ihre Ergebnisse verändert.
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