Märchen faszinieren uns seit jeher. Sie entführen uns in fantastische Welten, lehren uns Lektionen fürs Leben und sind tief in unserem kulturellen Gedächtnis verankert. Doch wie alt sind diese Geschichten wirklich? Und wie haben sie ihren Weg in unsere moderne Welt, etwa auf die Kinoleinwand, gefunden?
Die uralten Wurzeln der Volksmärchen
Die Frage nach der Entstehung von Volksmärchen beschäftigt die Forschung schon lange. Lange Zeit wurde angenommen, dass die meisten Märchenstoffe erst im 16. oder 17. Jahrhundert entstanden oder zumindest erst zu dieser Zeit eine weite Verbreitung fanden. Doch neuere, innovative Forschungen zeichnen ein ganz anderes Bild.

Wissenschafter aus Großbritannien und Portugal haben eine Methode aus der Biologie entliehen – die sogenannte phylogenetische Analyse – um die Verwandtschaftsverhältnisse und das Alter von Märchen zu untersuchen. Diese Methode wird normalerweise verwendet, um die evolutionäre Geschichte von Arten zu rekonstruieren. Angewendet auf Märchentexte, konnten die Forscher erstaunliche Ergebnisse erzielen.
Ihre Studie, veröffentlicht im „Royal Society Open Science“-Journal, legt nahe, dass viele bekannte Märchenstoffe viel älter sind als bisher vermutet. Einige Geschichten lassen sich demnach bis in die Bronzezeit zurückverfolgen. Die Erzählung „Der Schmied und der Teufel“ beispielsweise soll etwa 6000 Jahre alt sein. Märchen wie „Die Schöne und das Biest“ oder „Rumpelstilzchen“ sind laut dieser Analyse rund 4000 Jahre alt.
Diese Erkenntnisse geben einer älteren Theorie von Wilhelm Grimm, einem der berühmten Märchensammler, neue Nahrung. Schon im 19. Jahrhundert vermutete Wilhelm Grimm, dass die Stoffe, die den Märchen zugrunde liegen, bis zur Entstehung der indoeuropäischen Sprachfamilie um 4000 v. Chr. zurückreichen könnten. Die neue Studie stützt diese Annahme und zeigt, dass manche Märchen sogar älter sind als klassische mythologische Erzählungen aus der griechischen oder römischen Antike.
Es ist bemerkenswert, dass diese Geschichten über Jahrtausende hinweg mündlich überliefert wurden, lange bevor sie im 17. und 18. Jahrhundert verschriftlicht wurden. Ihre Langlebigkeit zeugt von ihrer tiefen kulturellen Bedeutung und ihrer Fähigkeit, von Generation zu Generation weitergegeben zu werden, ohne verloren zu gehen.
Schneewittchen erobert die Kinoleinwand: Ein Meilenstein
Wenn wir über Märchen in der modernen Kultur sprechen, kommen wir an Walt Disney nicht vorbei. Einer seiner bedeutendsten Beiträge war die Verfilmung von Märchenstoffen als abendfüllende Zeichentrickfilme. Der allererste dieser Filme war „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (Originaltitel: Snow White and the Seven Dwarfs), der im Jahr 1937 erschien.
Basierend auf dem berühmten Märchen der Brüder Grimm, war dieser Film nicht nur der erste abendfüllende Zeichentrickfilm der Walt-Disney-Studios, sondern bildete auch den Grundstein für eine Vielzahl von weiteren erfolgreichen Familienfilmen und prägte das Genre nachhaltig. Seine Bedeutung wird auch dadurch unterstrichen, dass er vom American Film Institute zu den 100 besten US-Filmen aller Zeiten und als bedeutendster Zeichentrickfilm genannt wird.
Die bekannte Handlung im Detail
Die Geschichte folgt der jungen und schönen Schneewittchen, die am Hof ihres Vaters lebt. Ihre neidische Stiefmutter, die böse Königin, kann es nicht ertragen, dass Schneewittchen schöner ist als sie. Sie beauftragt einen Jäger, das Mädchen in den Wald zu bringen und zu töten. Doch der Jäger bringt es nicht übers Herz und lässt Schneewittchen fliehen.

Schneewittchen irrt durch den Wald und findet schließlich ein kleines Häuschen. Es gehört sieben Zwergen. In der Disney-Version ist das Haus unordentlich, und Schneewittchen beginnt zusammen mit den Tieren des Waldes, es aufzuräumen. Als die Zwerge von ihrer Arbeit in der Edelsteinmine nach Hause kommen, sind sie erstaunt. Sie freunden sich mit Schneewittchen an und erlauben ihr, bei ihnen zu wohnen und den Haushalt zu führen.
Die böse Königin erfährt durch ihren magischen Spiegel, dass Schneewittchen noch lebt. Sie verwandelt sich in eine alte Frau, vergiftet einen Apfel und macht sich auf den Weg zum Haus der Zwerge. Dort bietet sie der ahnungslosen Schneewittchen den vergifteten Apfel an. Schneewittchen nimmt ihn an und fällt in einen todesähnlichen Schlaf.
Die Zwerge finden Schneewittchen leblos und verfolgen die Königin. Sie flieht ins Gebirge und stirbt während eines Gewitters. Die trauernden Zwerge legen Schneewittchen in einen gläsernen Sarg. Ein Prinz, der von Schneewittchen gehört hat, kommt vorbei und küsst sie. Dieser Kuss erweckt Schneewittchen zum Leben. Sie verabschiedet sich von den Zwergen und zieht mit dem Prinzen in ein neues Leben.
Hinter den Kulissen: Die anspruchsvolle Produktion
Die Entscheidung, einen abendfüllenden Zeichentrickfilm zu produzieren, war für Walt Disney aus mehreren Gründen wichtig. Einerseits trieb ihn sein ständiges Streben nach Perfektion und neuen Herausforderungen an. Andererseits musste das Studio, das bisher hauptsächlich von kurzen Cartoons lebte, sein Geschäftsmodell erweitern, um finanziell überleben zu können. Kurze Cartoons brachten pro Vorführung nur geringe Einnahmen, während lange Filme deutlich rentabler waren. Walt Disney war überzeugt, dass Zeichentrickfilme auch ein erwachsenes Publikum über einen ganzen Abend unterhalten können, eine Idee, die durch erfolgreiche Zusammenstellungen seiner Kurzfilme in Europa bestärkt wurde.
Die Produktion von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ war ein enorm aufwendiges Unterfangen für das damals noch relativ kleine Studio. Die ursprünglich veranschlagten Kosten von 250.000 US-Dollar und eine Produktionszeit von 18 Monaten wuchsen auf unglaubliche 1.500.000 US-Dollar und drei Jahre an. Walt Disney musste sein Haus belasten und Kredite von Banken aufnehmen, um die Finanzierung zu sichern.
Zur Spitzenzeit arbeiteten rund 750 Künstler an dem Film, darunter Hauptzeichner, Assistenzzeichner, Inbetweener, Layouter, Hintergrundmaler, Spezialeffektzeichner und Koloristinnen. Besonders herausfordernd waren die Spezialeffekte wie Rauch, Wasser oder Wolken, die alle von Hand gezeichnet werden mussten.
Disney strebte nach einem hohen Grad an Realismus, der über den seiner bisherigen Cartoons hinausging. Dies zeigte sich in den detaillierten Hintergründen und der erstmaligen Anwendung der Rotoskopie im Disney-Studio. Bei dieser Technik werden die Bewegungen von Schauspielern gefilmt und dann Bild für Bild überzeichnet, um realistische Animationen zu erzielen. Diese Methode wurde unter anderem für die Bewegungen von Schneewittchen und dem Prinzen verwendet. Die Tänzerin Marge Champion diente als Modell für Schneewittchens Bewegungen.

Auch die Charaktergestaltung wurde sorgfältig geplant. Die Künstler ließen sich von zeitgenössischen Prominenten inspirieren: Der Prinz sollte wie der junge Douglas Fairbanks aussehen, Schneewittchen wie Janet Gaynor, und Harpo Marx diente als Inspiration für den Zwerg Seppl. Zudem wurde früh entschieden, den Zwergen eine zentralere Rolle und ausgeprägtere Persönlichkeiten zu geben als in der Grimmschen Vorlage, was sich als sehr erfolgreich erwies.
Walt Disney war bei jeder Besprechung anwesend und brachte die Ideen der verschiedenen Künstler mit seiner eigenen Vision zusammen. Sein Enthusiasmus motivierte die Mitarbeiter, obwohl es auch Konflikte gab, insbesondere wenn Disney aufgrund technischer Fortschritte Szenen neu drehen wollte, was aus finanziellen Gründen nicht immer möglich war (z.B. bei der Multiplan-Kamera).
Erfolg und Rezeption
Die Uraufführung von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ am 21. Dezember 1937 in Los Angeles war ein voller Erfolg. Der Film brach Rekorde und war zu seiner Zeit der weltweit erfolgreichste Tonfilm mit einem Einspielergebnis von rund acht Millionen US-Dollar. Allein in den USA zählte er beeindruckende 109 Millionen Besucher.
Die Kritiken waren weitgehend positiv. Das Lexikon des internationalen Films beschrieb den Film als romantisches Melodram voller zauberhafter Komik und Skurrilität, lobte die Charakterisierung der Zwerge und den innovativen Einsatz der Multiplan-Kamera. Es hob hervor, dass Disney europäische Illustratoren einbezog und dunklere Passagen in der Tradition der deutschen Romantik suchte. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden verlieh dem Film das Prädikat wertvoll.
Selbst der Schriftsteller Stephen King ordnete den Film in einen Kontext mit frühen Horrorfilmen ein und bezeichnete ihn für die Fantasie der Kinder als potenzielle „Minenfelder des Schreckens“, wobei er insbesondere die Szene mit der bösen Hexe und dem vergifteten Apfel nannte.
Die deutschen Synchronfassungen: Eine bewegte Geschichte
Walt Disney legte von Anfang an Wert auf die internationale Vermarktung seiner Filme. Für „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ wurden Hintergründe und Inschriften bereits bei der Produktion so gestaltet, dass sie leicht an verschiedene Sprachen angepasst werden konnten. Es war geplant, den Film in 40 Sprachen zu synchronisieren – eine damals unerreichte Zahl.
Von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ gibt es drei verschiedene deutsche Synchronfassungen:
| Version | Jahr | Produktion/Studio | Bemerkungen |
|---|---|---|---|
| 1. Fassung | 1938 | Cinetone Studios, Amsterdam | Erstellt für die Schweiz und Österreich. Beteiligung von aus Deutschland geflohenen Schauspielern, darunter Dora Gerson und Otto Wallburg, die später im KZ Auschwitz ermordet wurden. Regie: Kurt Gerron (ebenfalls ermordet in Auschwitz). Historisch bedeutend, aber heute nicht mehr offiziell verwendet. |
| 2. Fassung | 1966 | Simoton Film GmbH, Berlin | Erstellt für die Wiederaufführung in der Bundesrepublik Deutschland. Modernisiert und kindgerechter gestaltet im Vergleich zur ersten Fassung. |
| 3. Fassung | 1994 | Berliner Synchron GmbH Wenzel Lüdecke | Direct-to-Video-Synchronisation für die VHS-Veröffentlichung. Teilweise Mischung aus Texten von 1938 und 1966. Enthält aus technischen Gründen Teile der Originalfassung. |
Die Geschichte der ersten deutschen Synchronisation ist besonders tragisch, da mehrere der beteiligten Künstler, die vor der NS-Verfolgung geflohen waren, später von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Die Tatsache, dass ihre Stimmen in einem so ikonischen Film verewigt wurden, ist ein bewegendes Detail der Filmgeschichte.

Heute sind die älteren Synchronisationen aus rechtlichen und technischen Gründen nicht mehr im Umlauf, und die Fassung von 1994 ist die meistverbreitete.
Häufig gestellte Fragen zu Märchen und Schneewittchen
Wie alt sind Märchen wirklich?
Aktuelle Forschungen, die Methoden aus der Biologie nutzen, deuten darauf hin, dass viele Märchenstoffe sehr alt sind. Einige, wie „Der Schmied und der Teufel“, könnten bis zu 6000 Jahre alt sein (Bronzezeit), während andere wie „Die Schöne und das Biest“ und „Rumpelstilzchen“ etwa 4000 Jahre alt sind. Das ist deutlich älter als die bisher oft angenommene Entstehung im 16./17. Jahrhundert und sogar älter als klassische Mythologie.
Welcher war der erste abendfüllende Zeichentrickfilm von Disney?
Der erste abendfüllende Zeichentrickfilm der Walt-Disney-Studios war „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, der im Jahr 1937 veröffentlicht wurde. Er basierte auf dem Märchen der Brüder Grimm.
Warum war „Schneewittchen“ finanziell so wichtig für Disney?
Der enorme Erfolg von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ sicherte das finanzielle Überleben und Wachstum der Walt-Disney-Studios. Lange Filme brachten pro Kinovorführung deutlich höhere Einnahmen als die zuvor produzierten kurzen Cartoons, was dem Studio die notwendigen Mittel für zukünftige Projekte verschaffte und das Fundament für sein Imperium legte.
Wie viele deutsche Synchronfassungen gibt es von „Schneewittchen“?
Von Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ gibt es insgesamt drei verschiedene deutsche Synchronfassungen. Die erste stammt aus dem Jahr 1938 (produziert in Amsterdam), die zweite aus dem Jahr 1966 und die dritte aus dem Jahr 1994.
Fazit
Märchen sind weit mehr als nur Kindergeschichten. Sie sind ein tief verwurzelter Teil unseres kulturellen Erbes, dessen Ursprünge Tausende von Jahren zurückreichen, lange bevor sie aufgeschrieben oder verfilmt wurden. „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ steht dabei nicht nur als Beispiel für die zeitlose Kraft dieser Erzählungen, sondern auch als monumentaler Meilenstein der Filmgeschichte, der gezeigt hat, welches Potenzial im Zeichentrick steckt und wie Märchen erfolgreich für ein weltweites Publikum neu interpretiert werden können.
Hat dich der Artikel Die tiefen Wurzeln der Märchen & Disneys Film interessiert? Schau auch in die Kategorie Ogólny rein – dort findest du mehr ähnliche Inhalte!
