Karl Lagerfeld war eine Persönlichkeit, die weit über die Grenzen der Mode hinaus wirkte. Bekannt für seinen unverwechselbaren Stil, seine scharfe Zunge und seine unermüdliche Kreativität, war er für viele die Verkörperung des modernen Designers. Doch neben seiner Arbeit für Modehäuser wie Chanel, Fendi und sein eigenes Label pflegte Lagerfeld eine weitere, ebenso leidenschaftliche künstlerische Praxis: die Fotografie. Was viele vielleicht nicht wissen, ist, dass seine Anfänge hinter der Kamera eher zufällig waren und von einem ganz praktischen Bedürfnis getrieben wurden. Es war ein Weg, der ihn nicht nur zu einem angesehenen Fotografen machte, sondern auch seine Sicht auf die Welt und seine eigene kreative Arbeit veränderte.

Der unerwartete Weg hinter die Linse
Karl Lagerfeld hatte nach eigener Aussage schon immer eine tiefe Liebe zur Fotografie und verehrte die Arbeit von Fotografen. Dennoch hätte er nie geglaubt, dass er selbst einmal diesen Weg einschlagen würde. Er war in dieser Hinsicht eher bescheiden, getreu dem Motto „Schuster, bleib bei deinen Leisten“. Sein Fokus lag auf dem Entwerfen von Mode, dem Kreieren von Kollektionen, dem Inszenieren von Schauen.
Der entscheidende Wendepunkt kam ganz zu Beginn seiner Zeit bei Chanel. Damals wurden Fotos für die Pressemappen benötigt, die nach den Modenschauen an Journalisten verteilt wurden. Diese Fotos mussten jedoch gemacht werden, lange bevor die Kollektionen vollständig fertiggestellt waren. Mit den Ergebnissen der beauftragten Fotografen war Lagerfeld schlichtweg unzufrieden. Die Bilder entsprachen nicht seiner Vision, fingen nicht das Wesen dessen ein, was er schuf. Diese Unzufriedenheit äußerte er wohl so deutlich, dass der damalige Fotochef von Chanel ihm einen Vorschlag machte, der sein Leben verändern sollte: „Wenn Sie so schwierig sind, dann machen Sie es doch einfach selbst.“
Dieser Satz war der Auslöser. Anstatt weiter zu kritisieren, nahm Lagerfeld die Herausforderung an. Es war kein lang gehegter Traum, der hier verwirklicht wurde, sondern eine pragmatische Lösung für ein drängendes Problem. Doch aus dieser Notwendigkeit erwuchs schnell eine tiefe Leidenschaft und ein beeindruckendes Talent.
Die erste Kamera: Eine geliehene Hasselblad
Nachdem die Entscheidung gefallen war, selbst zu fotografieren, musste Lagerfeld die notwendigen Werkzeuge beschaffen. Er besorgte sich einen Assistenten, der ihn unterstützte, und – da er selbst noch keine eigene Ausrüstung besaß – lieh er sich eine Kamera. Die Kamera, mit der Karl Lagerfeld seine ersten Schritte als Fotograf machte und die den Beginn seiner zweiten Karriere markierte, war eine Hasselblad Kamera.
Eine Hasselblad ist kein einfacher Schnappschuss-Apparat. Sie ist eine Mittelformatkamera, die für ihre Präzision, Robustheit und die außergewöhnliche Bildqualität bekannt ist. Sie ist ein Werkzeug für professionelle Fotografen, oft im Studio oder für anspruchsvolle Aufnahmen im Freien eingesetzt. Dass Lagerfeld ausgerechnet mit einer solchen Kamera begann – wenn auch geliehen – unterstreicht die Ernsthaftigkeit, mit der er diese neue Aufgabe anging, auch wenn sie aus einer pragmatischen Notwendigkeit heraus geboren war. Es war, als würde man einem Kochlehrling sofort die besten Messer der Welt in die Hand geben.
Sein allererstes Modell vor der Linse dieser Hasselblad war Inès de la Fressange. Sie war zu dieser Zeit das unangefochtene „Chanel-Mädchen“, eine Muse und das Gesicht des Hauses. Die Kombination aus dem ikonischen Designer, seinem neuen Werkzeug und der damaligen Topmodel-Muse von Chanel legte den Grundstein für eine neue Ära der Modefotografie, die stark von Lagerfeld selbst geprägt sein sollte. So hat alles angefangen: mit einer Unzufriedenheit, einem Vorschlag, einem Assistenten, einer geliehenen Hasselblad und Inès de la Fressange.
Vom Presskit zum Kunstwerk: Entwicklung und Einfluss
Was als Notlösung für Pressemappen begann, entwickelte sich rasch weiter. Von den einfachen Anfängen ging es schnell zur Werbung über, zu aufwendigen Bilderstrecken für führende Magazine und schließlich zu beeindruckenden Bildbänden. Lagerfelds fotografischer Stil, der oft von klaren Linien, starken Kontrasten und einer inszenierten Ästhetik geprägt war, fand schnell Anerkennung.
Lagerfeld betonte, dass er nicht immer nur seine eigenen Entwürfe fotografieren konnte und wollte. Er wollte auch andere Dinge sehen, seinen Blickwinkel erweitern. Für ihn war die Fotografie eine Möglichkeit, der Isolation seines Ateliers zu entkommen. Durch die Arbeit als Fotograf bekam er Einblicke in die Werbebranche und die redaktionelle Arbeit von Magazinen. Dieser Austausch, das Sehen der Welt durch die Linse und die Zusammenarbeit mit anderen Kreativen, war für ihn „sehr gesund“ und bereicherte zweifellos auch seine Arbeit als Modedesigner.
Die Fotografie wurde für ihn zu einem weiteren Ausdrucksmittel, einer Komplementärkunst zur Mode. Er nutzte sie nicht nur, um seine Kleider zu dokumentieren und zu verkaufen, sondern um Geschichten zu erzählen, Stimmungen einzufangen und seine eigene ästhetische Vision zu vermitteln. Seine Bilder waren oft ebenso ikonisch und wiedererkennbar wie seine Designs.
Die Kunst des Drucks: Die entscheidende Rolle von Gerhard Steidl
Schöne Fotos zu machen ist eine Sache; sie dann auch gut zu drucken, eine ganz andere. Karl Lagerfeld maß der Qualität des Drucks eine immense Bedeutung bei. Hier kam eine weitere entscheidende Person ins Spiel: Gerhard Steidl. Lagerfeld traf den deutschen Verleger und Drucker und beschrieb ihn als ein Genie, was Druckqualität angeht.
Für Lagerfeld machte die Zusammenarbeit mit Steidl die Sache „noch besser“. Steidl verstand es, aus Lagerfelds Fotos Kunstwerke zu machen, indem er die Bilder mit höchster Präzision und auf sorgfältig ausgewählten Papieren druckte. Diese Verbindung von Lagerfelds fotografischer Vision und Steidls handwerklicher Meisterschaft im Druck war für die Entstehung der vielen Fotobücher und Kampagnenbilder von zentraler Bedeutung.
Lagerfeld selbst war, wie er sagte, ein „Papierfreak“. Er liebte auf der Welt nichts so sehr wie schönes Papier. Diese Leidenschaft für das Material verband sich perfekt mit Steidls Expertise. Es war für ihn ein Kreislauf: Seine Skizzen, der Ausgangspunkt seiner Modekollektionen, entstanden auf Papier. Die fertigen Fotografien, die diese Kollektionen zeigten oder seine künstlerischen Projekte dokumentierten, fanden ihre endgültige Form oft als hochwertige Drucke auf Papier, veredelt durch Steidls Können. Was mit Papier begann, war am Ende wieder Papier.
Interessanterweise hatte Lagerfeld eine eher physische als eine technische Herangehensweise an die Fotografie und auch an Kameras. Ihm gefiel der Blick durch die Linse, aber er wollte gar nicht im Detail wissen, wie all das technisch funktionierte. Für ihn blieb es ein Wunder. Diese Einstellung überließ die technische Perfektion des Drucks gerne Experten wie Steidl, während er sich auf die kreative Vision und den Akt des Fotografierens konzentrierte.
„A Different View“: Eine Ausstellung der besonderen Art
Ein herausragendes Beispiel für Lagerfelds fotografisches Schaffen abseits der reinen Mode war seine Ausstellung „A Different View“. Diese fand im Rahmen einer Kunstinitiative von Rolls-Royce statt, bei der zeitgenössische Künstler die Kunstfertigkeit der Automobile interpretierten. Lagerfeld, selbst Besitzer mehrerer Rolls-Royce, präsentierte in Goodwood, am Sitz des Unternehmens, Aufnahmen seiner eigenen Luxuskarossen.

Die Ausstellung trug den Titel „A Different View“, zu Deutsch „Eine andere Sichtweise“. Dieser Titel war Programm. Lagerfeld fotografierte seine Autos nicht auf die übliche Weise, wie man sie in einem Hochglanzprospekt finden würde. Er sagte, man schaue ein Auto normalerweise immer sehr direkt an. Sein Blickwinkel entstammte seiner persönlichen Ästhetik, die von verschiedenen Kunsteinflüssen geprägt war. Diese Einflüsse übersetzte er in die technischen Details eines Rolls-Royce.
Es ging ihm in den Bildern nicht nur um die Technik. Er sah auch die Natur darin, da das Auto ja von Menschen und somit von der Natur geschaffen wurde. Er spielte mit Linien, suchte den graphischen Effekt. Seine Intention war nicht, mit den Bildern Rolls-Royce zu verkaufen, sondern mit ihrer Schönheit zu spielen. Er empfand Rolls-Royce offenkundig als sehr schöne Autos und sagte, das sei keine Höflichkeit – das Gleiche würde er nicht über französische Autos sagen. Seine Aufnahmen waren einzigartig, eine Mischung aus abstrakter Kunst und etwas sehr Konkretem, eine persönliche Vorstellung, ein individueller Blickwinkel auf diese luxuriösen Objekte.
Diese Ausstellung zeigte eindrucksvoll, wie Lagerfeld seine fotografischen Fähigkeiten nutzte, um seine eigene Perspektive auf die Welt und die Objekte, die ihn umgaben, auszudrücken. Die Hasselblad, die am Anfang stand, war das Werkzeug, das ihm die Tür zu dieser Welt geöffnet hatte.
FAQ - Häufig gestellte Fragen zu Karl Lagerfelds Fotografie
Im Zusammenhang mit Karl Lagerfelds facettenreichem Schaffen stellen sich viele Fragen, insbesondere zu seiner Rolle als Fotograf.
Wann begann Karl Lagerfeld mit der Fotografie?
Laut eigener Aussage begann Karl Lagerfeld vor genau 25 Jahren, gerechnet vom Zeitpunkt des Interviews (das im Text erwähnt wird und vor 2019 stattfand). Dies war ganz am Anfang seiner Zeit bei Chanel, als Fotos für Pressemappen benötigt wurden.
Warum begann Karl Lagerfeld mit dem Fotografieren?
Er begann, weil er mit den Fotos, die für die Pressemappen von Chanel gemacht wurden, sehr unzufrieden war. Der Fotochef schlug ihm daraufhin vor, es selbst zu tun.
Welche Kamera benutzte Karl Lagerfeld für seine ersten Aufnahmen?
Für seine allerersten professionellen Aufnahmen lieh sich Karl Lagerfeld eine Hasselblad Kamera.
Wer war Karl Lagerfelds erstes Modell vor der Kamera?
Sein erstes Modell war Inès de la Fressange, die damals das „Chanel-Mädchen“ war.
Wer war wichtig für die Druckqualität von Karl Lagerfelds Fotos und Büchern?
Gerhard Steidl war für Karl Lagerfeld von entscheidender Bedeutung. Lagerfeld bezeichnete ihn als Genie in Sachen Druckqualität, der aus seinen Fotos Kunstwerke machte.
Was war das Thema von Karl Lagerfelds Ausstellung „A Different View“?
Das Thema der Ausstellung waren Aufnahmen seiner eigenen Rolls-Royce Autos, wobei er eine einzigartige, künstlerische Perspektive jenseits der üblichen Darstellung wählte.
Wie beschrieb Karl Lagerfeld seine Beziehung zur Kameratechnik?
Er hatte eine eher physische als technische Herangehensweise. Er liebte den Blick durch die Linse, wollte aber nicht im Detail wissen, wie die Technik funktionierte. Für ihn blieb es ein Wunder.
Fazit
Karl Lagerfelds Weg zur Fotografie war kein vorgezeichneter Pfad, sondern das Ergebnis einer glücklichen Fügung, einer pragmatischen Notwendigkeit und seiner eigenen unstillbaren kreativen Energie. Die geliehene Hasselblad war mehr als nur ein Werkzeug; sie war der Schlüssel, der ihm die Tür zu einer neuen Form des Ausdrucks öffnete. Von den ersten Aufnahmen mit Inès de la Fressange bis hin zu seinen künstlerischen Projekten und der wichtigen Zusammenarbeit mit Gerhard Steidl zeigte Lagerfeld, dass Kreativität keine Grenzen kennt.
Seine Fotografie war nicht nur eine Ergänzung zu seiner Mode, sondern eine eigenständige Kunstform, die seine einzigartige Sicht auf die Welt, seine Liebe zu Ästhetik, Linien und Materialien widerspiegelte. Ob er nun Kleider entwarf, Mode inszenierte oder durch die Linse einer Kamera blickte, Karl Lagerfeld hinterließ stets seinen unverwechselbaren Stempel. Die Geschichte seiner Anfänge in der Fotografie, beginnend mit einer geliehenen Hasselblad, ist ein weiteres faszinierendes Kapitel im Leben einer wahren Ikone.
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