Warum machen Menschen Fotos?

Warum Fotos uns anders zeigen: Optik & Selfies

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Fast jeder kennt das Gefühl: Man sieht ein Foto von sich und denkt sofort „So sehe ich doch gar nicht aus!“. Oft kommt uns unser Abbild auf dem Bild dicker vor als in der Realität. Ist da wirklich etwas dran oder ist es nur Einbildung? Die Antwort ist eindeutig: Ja, es stimmt tatsächlich. Und die Gründe dafür sind vielfältig, sie reichen von rein technischen Aspekten der Fotografie bis hin zu psychologischen und sozialen Phänomenen, insbesondere im Zeitalter des Selfies.

Die sprichwörtlichen zusätzlichen Kilos, die eine Kamera scheinbar hinzufügt, sind kein Mythos, sondern haben physikalische Ursachen. Es handelt sich um eine Verzerrung der Wahrnehmung, die durch die Art und Weise entsteht, wie das Licht durch das Objektiv fällt und auf den Sensor trifft. Zwei Hauptfaktoren spielen hierbei eine Rolle: die Perspektive und die Eigenschaften des Objektivs.

Warum sehen wir auf Fotos dicker aus?
Der Grund für die verzerrte Wahrnehmung ist genau das: eine Verzerrung, genannt „Tonnenförmige Verzeichnung“. Die sprichwörtlichen fünf Kilo, die die Kamera dazufügt, ist zurückzuführen auf die Perspektive. Da spielt zum einen die Brennweite des Objektivs eine Rolle, also die Entfernung zwischen Linse und Brennpunkt.

Die optische Täuschung: Warum wir auf Fotos dicker aussehen

Der auffälligste Grund für das verzerrte Aussehen auf Fotos ist die sogenannte Tonnenförmige Verzeichnung. Dies beschreibt eine Art der optischen Abbildungsfehler, bei der gerade Linien am Rand des Bildes nach außen gewölbt erscheinen, ähnlich der Form einer Tonne. Dieser Effekt ist besonders bei Weitwinkelobjektiven ausgeprägt. Wenn Sie sich oder Gegenstände nahe am Rand des Bildes befinden, können diese durch diese Verzeichnung gestreckt oder verzerrt wirken, was oft dazu führt, dass man breiter oder dicker erscheint, als man ist.

Eng damit verbunden ist die Perspektive, die maßgeblich von der Brennweite des verwendeten Objektivs beeinflusst wird. Die Brennweite ist im Grunde die Entfernung zwischen der Linse und dem Punkt, an dem parallele Lichtstrahlen gebündelt werden. Sie bestimmt den Bildwinkel und somit, wie viel von der Szene auf dem Sensor abgebildet wird und wie Objekte im Verhältnis zueinander dargestellt werden.

Eine kurze Brennweite (Weitwinkelobjektiv) hat einen großen Bildwinkel und erzeugt eine starke Perspektive. Objekte, die sich nahe an der Kamera befinden, erscheinen im Vergleich zu weiter entfernten Objekten sehr groß. Wenn Sie ein Selfie mit einem Weitwinkelobjektiv aus nächster Nähe aufnehmen, ist Ihr Gesicht dem Objektiv sehr nah. Die Teile Ihres Gesichts, die der Linse am nächsten sind (z.B. die Nase in der Mitte), werden im Verhältnis zu den weiter entfernten Teilen (z.B. Ohren oder Seiten des Kopfes) vergrößert. Dies kann zu einer Verzerrung führen, die das Gesicht breiter oder runder erscheinen lässt. Gleichzeitig kann die tonnenförmige Verzeichnung am Rand des Bildes ebenfalls zu einer Verbreiterung beitragen.

Im Gegensatz dazu haben lange Brennweiten (Teleobjektive) einen kleinen Bildwinkel und komprimieren die Perspektive. Objekte erscheinen näher beieinander, unabhängig von ihrer tatsächlichen Entfernung zum Objektiv. Bei Porträts mit Teleobjektiven (z.B. 85mm oder mehr) werden die Gesichtszüge proportionaler dargestellt, da die Distanzunterschiede innerhalb des Gesichts im Verhältnis zur Entfernung zum Objektiv geringer sind. Dies führt zu einem natürlicheren, oft als schmeichelhafter empfundenen Aussehen.

Ein tschechischer Fotograf hat die Auswirkungen verschiedener Brennweiten auf Porträts eindrucksvoll demonstriert. Er zeigte, wie sich das gleiche Gesicht von einem extremen Weitwinkel (20mm) bis zu einem starken Teleobjektiv (200mm) verändert. Die Ergebnisse bestätigten, dass kurze Brennweiten das Gesicht verzerren und breiter wirken lassen, während sehr lange Brennweiten das Gesicht flacher erscheinen lassen können.

Seine Versuchsreihe ergab, dass eine Brennweite zwischen 70 und 100 Millimetern dem menschlichen Sehen und der realen Erscheinung am nächsten kommt. Wenn Sie also auf Fotos dünner aussehen möchten, sollten Sie eine kürzere Brennweite wählen und/oder den Abstand zum Objektiv vergrößern, um die Verzerrung zu minimieren. Beachten Sie jedoch, dass extrem kurze Brennweiten aus nächster Nähe den gegenteiligen Effekt haben können, wie oben beschrieben. Es ist ein Spiel mit Abstand und Brennweite.

Mehr als nur ein Schnappschuss: Warum wir fotografieren (und Selfies lieben)

Abgesehen von den technischen Aspekten, die unser Aussehen beeinflussen, stellt sich auch die Frage: Warum fotografieren wir überhaupt so viel, insbesondere uns selbst? Die Motivationen dafür sind vielfältig und reichen von der Dokumentation von Erlebnissen bis hin zum Ausdruck von Identität und sozialer Interaktion.

Ein „toller Ausblick“ wird schnell mit einem Selfie festgehalten, um nicht nur den Moment zu dokumentieren, sondern auch zu zeigen, dass man *dort* war und es genossen hat. Ein gelungenes Make-up oder ein neues Outfit landet als Schnappschuss auf Social Media, in der Hoffnung auf Likes und Bestätigung. Selbst Langeweile kann zum Auslöser für ein Selfie werden – eine schnelle Ablenkung, ein kleiner kreativer Akt im Alltag.

Dieses Phänomen des exzessiven Erstellens von Selbstporträts wird manchmal als „Selfitis“ bezeichnet. Der Begriff tauchte erstmals 2014 im Rahmen einer angeblichen Pressemitteilung auf, die behauptete, die American Psychiatric Association (APA) wolle Selfitis als psychische Störung anerkennen. Diese Geschichte stellte sich jedoch schnell als Fake-News heraus, und die APA dementierte. Doch die Idee war in der Welt.

Die Wissenschaft der "Selfitis": Eine Studie enthüllt

Inspiriert durch die Zeitungsente, griffen Forscher der Nottingham Trent University und der Thiagarajar School of Management in Indien die Idee auf und führten eine echte Studie durch. Sie befragten 400 junge Inder, die bekanntermaßen sehr aktiv in den sozialen Medien sind. Das Ergebnis ihrer Untersuchung, veröffentlicht im International Journal of Mental Health and Addiction, deutete darauf hin, dass Selfitis tatsächlich als ein problematisches Verhalten existieren könnte, wenn auch nicht unbedingt als klinisch anerkannte Störung im Sinne der ursprünglichen Falschmeldung.

Die Forscher identifizierten drei Abstufungen des Verhaltens:

Stufe der SelfitisBeschreibung
Borderline SelfitisDie Person macht mindestens drei Selfies pro Tag, postet sie aber nicht in sozialen Medien.
Akute SelfitisDie Person macht mindestens drei Selfies pro Tag und postet sie aktiv online.
Chronische SelfitisDie Person verspürt einen unkontrollierbaren Drang, rund um die Uhr Selfies zu machen, und postet täglich mindestens sechs davon online.

Diese Einteilung basierte auf den Antworten der Studienteilnehmer und ihrem berichteten Verhalten bezüglich der Häufigkeit des Fotografierens und Teilens von Selbstporträts. Die Studie lieferte somit eine erste empirische Grundlage für das Konzept der Selfitis als potenziell problematisches Verhalten.

Die Motive hinter dem Selfie-Wahn

Die indische Studie untersuchte nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die Gründe, warum Menschen Selfies machen und teilen. Sie konnten sechs Hauptmotive identifizieren, die die 400 Probanden dazu veranlassten, zur Selfie-Kamera zu greifen:

  • Aufwertung der eigenen Umwelt: Selfies werden gemacht, um zu zeigen, wo man ist und was man erlebt, oft vor einer attraktiven Kulisse.
  • Wettstreit um Likes: Das Streben nach sozialer Anerkennung und Popularität durch Likes und Kommentare auf Plattformen wie Instagram oder Facebook.
  • Aufmerksamkeit erregen: Der Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen und Reaktionen von anderen zu erhalten.
  • Eigene Aufheiterung / Stimmungsveränderung: Selfies als Mittel, um sich selbst besser zu fühlen oder die eigene Stimmung zu heben.
  • Stärkung des Selbstbewusstseins: Das Gefühl, durch das Erstellen und Teilen von Selfies das eigene Selbstwertgefühl zu steigern.
  • Gruppenzwang ("alle machen es"): Der Wunsch, sich anzupassen und Teil einer sozialen Norm zu sein, da das Selfie-Machen weit verbreitet ist.

Es ist wichtig anzumerken, dass diese Studie hauptsächlich junge Erwachsene in Indien umfasste. Die Forscher räumten selbst ein, dass die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf die gesamte Weltbevölkerung oder andere Altersgruppen übertragen werden können. Dennoch liefert sie wertvolle Einblicke in die Motivationen hinter diesem weit verbreiteten Phänomen.

Warum sehen wir auf Fotos dicker aus?
Der Grund für die verzerrte Wahrnehmung ist genau das: eine Verzerrung, genannt „Tonnenförmige Verzeichnung“. Die sprichwörtlichen fünf Kilo, die die Kamera dazufügt, ist zurückzuführen auf die Perspektive. Da spielt zum einen die Brennweite des Objektivs eine Rolle, also die Entfernung zwischen Linse und Brennpunkt.

Die Schattenseiten: Wenn Retusche die Wahrnehmung verzerrt

Nicht nur das ständige Fotografieren, sondern auch die exzessive Bearbeitung von Selbstporträts kann problematische Ausmaße annehmen. Filter und Retusche-Apps sind allgegenwärtig und ermöglichen es, das eigene Aussehen digital stark zu verändern. Haut wird geglättet, Augen vergrößert, Gesichtsformen angepasst.

Forscher der Boston University School of Medicine untersuchten die Auswirkungen dieser stark bearbeiteten Bilder. Ihre Erkenntnisse, veröffentlicht im Fachblatt "Jama Facial Plastic Surgery", deuten darauf hin, dass die ständige Konfrontation mit diesen idealisierten Selbstbildern zu unrealistischen Erwartungen an das eigene Erscheinungsbild führen kann. Man gewöhnt sich an das retuschierte Abbild und empfindet das reale Spiegelbild plötzlich als mangelhaft.

Es überrascht daher nicht, dass eine Umfrage unter Schönheitschirurgen ergab, dass 55 Prozent der Patienten um eine Operation baten, um ihr Aussehen speziell für Selfies zu verbessern. Die Diskrepanz zwischen dem digitalen Ich und der Realität kann erheblichen psychischen Druck erzeugen.

Die Medizinerin Neelam Vashi warnt, dass das ständige Retuschieren der eigenen Porträts sogar zur Entwicklung einer körperdysmorphe Störung beitragen kann. Dabei handelt es sich um eine psychische Erkrankung, bei der Betroffene übermäßig mit einem eingebildeten oder minimalen Makel an ihrem Körper beschäftigt sind. Sie sehen eine Verzerrung, die objektiv nicht oder kaum vorhanden ist, und leiden stark darunter.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Mache ich wirklich dicker auf Fotos?

Ja, unter bestimmten Umständen kann die Perspektive und die Art des Objektivs dazu führen, dass Sie auf Fotos breiter oder dicker aussehen als in Wirklichkeit, insbesondere bei Nahaufnahmen mit Weitwinkelobjektiven.

Was ist tonnenförmige Verzeichnung?

Das ist ein Abbildungsfehler, bei dem gerade Linien, besonders am Bildrand, nach außen gekrümmt erscheinen, ähnlich der Form einer Tonne. Dies kann Objekte in der Nähe der Ränder verzerren und breiter wirken lassen.

Welche Brennweite ist am realistischsten?

Studien deuten darauf hin, dass Brennweiten zwischen 70mm und 100mm bei Porträts dem menschlichen Sehen am nächsten kommen und das Gesicht am natürlichsten darstellen.

Gibt es "Selfitis" wirklich?

Eine Studie hat das Konzept der Selfitis als potenziell problematisches Verhalten untersucht und verschiedene Stufen identifiziert, auch wenn es keine klinisch anerkannte psychische Störung ist.

Warum posten Menschen Selfies?

Motive reichen von der Dokumentation von Erlebnissen und dem Wunsch nach sozialer Anerkennung (Likes) über Aufmerksamkeitsstreben und Stimmungsverbesserung bis hin zu Selbstbewusstseinsstärkung und Gruppenzwang.

Kann Bildbearbeitung schaden?

Exzessive Retusche kann zu unrealistischen Erwartungen an das eigene Aussehen führen und in seltenen Fällen sogar zur Entwicklung einer körperdysmorphen Störung beitragen.

Fazit

Fotos sind faszinierende Momentaufnahmen, aber sie sind nicht immer eine exakte Abbildung der Realität. Optische Effekte wie die Brennweite des Objektivs und Verzeichnungen können unser Aussehen auf subtile Weise verändern. Gleichzeitig ist das Fotografieren und Teilen von Bildern, insbesondere von Selfies, tief in unseren sozialen Interaktionen und psychologischen Bedürfnissen verwurzelt. Die Motivationen sind vielfältig, können aber in seltenen Fällen auch zu problematischen Verhaltensweisen oder unrealistischen Selbstbildern führen. Es ist kein Geheimnis, dass die Kamera lügen kann, aber zu verstehen, warum das so ist – sowohl aus technischer als auch aus psychologischer Sicht – hilft uns, Bilder kritischer zu betrachten und ein gesünderes Verhältnis zu unserem eigenen Abbild zu entwickeln. Vielleicht ist ein bisschen weniger Perfektionismus am Ende ohnehin sympathischer als jedes digital geglättete Ideal.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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