Die Schweiz ist bekannt für ihre atemberaubenden Landschaften – von majestätischen Bergen bis hin zu glitzernden Seen. Doch auch der Nachthimmel über der Schweiz birgt faszinierende Anblicke, vorausgesetzt, man findet Orte, die nicht von Lichtverschmutzung beeinträchtigt sind. Leider nimmt die künstliche Helligkeit stetig zu und überstrahlt vielerorts die Sterne.

Lichtverschmutzung in der Schweiz: Ein wachsendes Problem
Die Lichtverschmutzung hat in der Schweiz in den letzten dreißig Jahren spürbar zugenommen. Besonders betroffen ist das dicht besiedelte Mittelland, wo Städte wie Aarau, Zürich und Winterthur helle Lichtglocken erzeugen, die den Himmel aufhellen. Plätze, die früher ideal zur Sternenbeobachtung waren, sind heute oft zu hell geworden. Die Forschung zeigt deutliche negative Folgen dieser zunehmenden Helligkeit für Zugvögel, bestäubende Insekten und den Tag-Nacht-Rhythmus von Mensch und Tier.
Selbst aus grosser Entfernung ist die Lichtkuppel der italienischen Stadt Mailand im Süden von überall her aus der Schweiz sichtbar und trägt zur allgemeinen Aufhellung des Himmels bei.
Wo findet man noch wirklich dunkle Orte?
Im Gegensatz zum Mittelland ist die Alpenregion, abgesehen von einigen Ortschaften in den Tälern, immer noch vergleichsweise dunkel. Hier findet man potenziell die besten Bedingungen für die Sternenbeobachtung und Astrofotografie. Allerdings gibt es auch in den Alpen Herausforderungen: Auf vielen Pässen, die sich in dunklen Gebieten befinden, stehen Hotels oder Restaurants, deren Aussenbeleuchtung oft die ganze Nacht hindurch eingeschaltet ist und die lokale Dunkelheit stört. Dort, wo es wirklich dunkel ist, führt oft fast kein Weg hin, was die Zugänglichkeit erschwert.
Um dunkle Orte zu identifizieren, können Lichtemissionskarten hilfreich sein. Diese Karten zeigen, wo die grössten Lichtquellen in der Schweiz liegen und wo man am besten in die dunklen Berge flüchten kann, um Sterne zu beobachten. Solche Karten helfen, die geeignetsten Standorte abseits urbaner Gebiete zu finden.
Die Bortle Dark Sky Skala: Ein Mass für die Dunkelheit
Um die Dunkelheit eines Beobachtungsortes objektiv zu bewerten und zu vergleichen, wurde die neunstufige Bortle Dark Sky Skala entwickelt. Sie reicht von Klasse 1 (ausgezeichneter dunkler Himmel) bis Klasse 9 (innerstädtischer Himmel). Diese Skala ist ein wertvolles Werkzeug für Amateurastronomen und Fotografen, um die Qualität des Nachthimmels an einem bestimmten Ort einzuschätzen.
Bortle Dark Sky Skala im Detail:
BC 1: Ausgezeichneter Ort mit dunklem Himmel
NELM: 7.6 – 8.0 mag, SQM: 21.99 – 22.00 mag/arcsec². Airglow ist leicht erkennbar, am deutlichsten innerhalb von etwa 15° des Horizonts. Jupiter oder Venus am Himmel scheinen die Dunkelanpassung zu beeinträchtigen. Die Galaxie M33 ist selbst bei direkter Sicht ein offensichtliches Objekt mit blossem Auge. Die Skorpion- und Schütze-Regionen der Milchstraße werfen deutliche diffuse Schatten auf den Boden. Teleskop, Begleiter und Fahrzeug sind auf einem von Bäumen gesäumten Grasfeld fast unsichtbar. Mit bloßem Auge 7.6 bis 8.0 mag sichtbar. Wolken sind nur als dunkle Löcher im sternenklaren Hintergrund sichtbar. Zodiakallicht ist auffallend sichtbar, das Band überspannt den ganzen Himmel, Gegenschein sichtbar.
BC 2: Typischer wirklich dunkler Ort
NELM: 7.1 – 7.5 mag, SQM: 21.89 – 21.99 mag/arcsec². Airglow kann am Horizont schwach sichtbar sein. M33 ist mit direkter Sicht ziemlich leicht zu sehen. Viele Kugelsternhaufen sind ausgeprägte Objekte mit bloßem Auge. Die Sommermilchstraße ist für das bloße Auge stark strukturiert. Teleskop und Umgebung nur vage sichtbar, außer dort, wo sie gegen den Himmel ragen. Mit bloßem Auge 7.1 bis 7.5 mag sichtbar. Wolken sind nur als dunkle Löcher im sternenklaren Hintergrund sichtbar. Zodiakallicht ist hell genug, um kurz vor Sonnenaufgang und nach Einbruch der Dunkelheit schwache Schatten zu werfen. Die Farbe ist im Vergleich zum Blauweiß der Milchstraße deutlich gelblich.
BC 3: Ländlicher Himmel
NELM: 6.6 – 7.0 mag, SQM: 21.69 – 21.89 mag/arcsec². Entlang des Horizonts sind einige Anzeichen von Lichtverschmutzung erkennbar. Kugelsternhaufen wie M4, M5, M15 und M22 sind alle ausgeprägte Objekte mit bloßem Auge. M33 ist indirekt gut zu erkennen. Die Milchstraße erscheint immer noch komplex. Das Teleskop ist in einer Entfernung von 6 oder 9 Metern undeutlich erkennbar. Mit bloßem Auge 6.6 bis 7.0 mag sichtbar. Wolken können in den hellsten Teilen des Himmels nahe dem Horizont schwach beleuchtet erscheinen, sind aber über dem Kopf dunkel. Zodiakallicht ist auffallend im Frühling und Herbst, die Farbe ist zumindest schwach angedeutet.

BC 4: Übergang ländlich/vorstädtisch
NELM: 6.1 – 6.5 mag, SQM: 20.49 – 21.69 mag/arcsec². Ziemlich offensichtliche Kuppeln sind über Bevölkerungszentren in mehreren Richtungen sichtbar. M33 ist ein schwieriges indirektes Sichtobjekt und nur in einer Höhe von mehr als 50° erkennbar. Die Milchstraße ist weit über dem Horizont immer noch beeindruckend, aber es fehlt alles bis auf die offensichtlichste Struktur. Teleskop ziemlich deutlich sichtbar in der Ferne. Mit bloßem Auge 6.1 bis 6.5 mag sichtbar. Wolken in Richtung der Lichtverschmutzung werden beleuchtet, aber nur schwach, und über ihnen sind sie noch dunkel. Zodiakallicht ist deutlich sichtbar, reicht aber zu Beginn oder am Ende der Dämmerung nicht einmal bis zur Hälfte des Zenits.
BC 5: Vorstädtischer Himmel
NELM: 5.6 – 6.0 mag, SQM: 19.50 – 20.49 mag/arcsec². Lichtquellen sind in den meisten, wenn nicht allen Richtungen erkennbar. Die Milchstraße ist in Horizontnähe sehr schwach oder unsichtbar und sieht über Kopf ziemlich verwaschen aus. Mit bloßem Auge 5.6 bis 6.0 mag sichtbar. Über dem größten Teil oder dem gesamten Himmel sind die Wolken deutlich heller als der Himmel selbst. In den besten Frühlings- und Herbstnächten sind nur Hinweise auf Zodiakallicht zu sehen.
BC 6: Heller Vorstadthimmel
NELM: Ca. 5.5 mag, SQM: 18.94 – 19.50 mag/arcsec². Der Himmel leuchtet innerhalb von 35° des Horizonts grauweiß. M33 ist ohne Fernglas nicht zu sehen. M31 ist mit bloßem Auge nur schwach erkennbar. Hinweise auf die Milchstraße sind nur zum Zenit hin erkennbar. Es gibt kein Problem, Okulare und Teleskopzubehör auf einem Beobachtungstisch zu sehen. Mit bloßem Auge ca. 5.5 mag sichtbar. Wolken erscheinen überall am Himmel ziemlich hell. Auch in den besten Nächten ist keine Spur von Zodiakallicht zu sehen.
BC 7: Übergang Vorstadt/Stadt
NELM: Ca. 5.0 mag, SQM: 18.38 – 18.94 mag/arcsec². Der gesamte Himmelshintergrund hat einen vagen, grauweißen Farbton. Starke Lichtquellen sind in alle Richtungen erkennbar. M44 oder M31 können mit bloßem Auge gesehen werden, sind aber sehr undeutlich. Die hellsten Messier-Objekte sind blasse Geister ihres wahren Selbst. Die Milchstraße ist völlig oder fast unsichtbar. Mit bloßem Auge 5.0 mag sichtbar, wenn Sie es wirklich versuchen. Wolken sind hell erleuchtet.
BC 8: Stadthimmel
NELM: Bestenfalls bis 4.5 mag, SQM: < 18.38 mag/arcsec². Der Himmel leuchtet weißgrau oder orange und Zeitungsschlagzeilen lassen sich problemlos lesen. Einige der Sterne, aus denen die bekannten Konstellationsmuster bestehen, sind schwer zu erkennen oder fehlen vollständig. M31 und M44 können von einem erfahrenen Beobachter in guten Nächten kaum gesehen werden. Mit bloßem Auge bestenfalls bis 4.5 mag sichtbar.
BC 9: Innerstädtischer Himmel
NELM: 4.0 mag oder weniger. Der gesamte Himmel ist hell erleuchtet, selbst im Zenit. Viele Sterne, die bekannte Konstellationsfiguren bilden, sind unsichtbar, und schwache Konstellationen wie Krebs und Fische sind überhaupt nicht zu sehen. Ausser vielleicht den Plejaden sind keine Messier-Objekte mit bloßem Auge sichtbar. Mit bloßem Auge 4.0 oder weniger mag sichtbar.
Ein Beispiel für den Unterschied: Titlis vs. Namibia
Um die Auswirkung der Lichtverschmutzung zu verdeutlichen, kann man den Himmel über einem schweizerischen Gipfel wie dem Titlis mit einem wirklich dunklen Standort in Namibia vergleichen. Zeitrafferaufnahmen vom Titlis zeigen die starke Lichtverschmutzung am Horizont, die von Städten wie Mailand, Turin und Genf stammt. Die Lichtkuppel Mailands ist von der ganzen Schweiz aus sichtbar.
Im Gegensatz dazu zeigen Aufnahmen von einem Ort wie der Astrofarm Tivoli in Namibia praktisch Null Lichtverschmutzung, abgesehen von sehr wenig Licht der ca. 180 km entfernten Hauptstadt Windhoek. Mit denselben Kameraeinstellungen (z.B. Nikon D850, 14mm f/2.8, 20s Belichtung, ISO 8000) würde der Himmel in der Schweiz gelb und überbelichtet erscheinen, während er in Namibia tiefschwarz ist und die Milchstraße klar hervortritt. Dies verdeutlicht den enormen Unterschied in der Himmelsqualität zwischen einem relativ dunklen Ort in Europa und einem wirklich dunklen Ort auf der Welt.
Das Gantrischgebiet: Ein Sternenpark in spe
In Gegenden ohne störenden Lichteinfluss können in einer klaren Nacht bis zu 6500 Sterne von blossem Auge gezählt werden. Die Milchstrasse zieht sich dann wie ein milchig weisses Band über den dunklen Himmel. Eine solche Gegend ist das Gantrischgebiet, eine voralpine Hügellandschaft im Dreieck zwischen Bern, Thun und Freiburg. Dank seiner topografischen Lage bietet es Sternguckerinnen und Sterngucker einen faszinierenden, funkelnden Nachthimmel.

Um dieses einmalige Naturerbe zu schützen, hat sich der Naturpark Gantrischgebiet als erster Sternenpark der Schweiz bei der International Dark Sky Association IDA beworben. Solche Initiativen sind entscheidend, um die verbleibenden dunklen Orte zu bewahren und der zunehmenden Lichtverschmutzung entgegenzuwirken.
Die besten Bedingungen für die Sternenbeobachtung
Die Qualität der Sternenbeobachtung hängt stark von den Bedingungen ab:
Jahreszeiten und Wetter: Klare Nächte im Herbst und Winter bieten oft die besten Sichtverhältnisse in der Schweiz, da die Luft kühler und trockener ist. Auch der Frühling kann gute Bedingungen bieten, besonders in höheren Lagen. Vermeiden Sie Nächte mit hoher Luftfeuchtigkeit oder starker Bewölkung.
Mondphasen: Ein heller Vollmond überstrahlt viele Sterne. Die besten Zeiten sind während des Neumonds oder in mondfreien Nächten, wenn der Mond unter dem Horizont steht und der Himmel am dunkelsten ist. Planen Sie Ihre Beobachtungen um den Neumond herum.
Besondere Himmelsereignisse: Meteorschauer (wie die Perseiden im August oder Geminiden im Dezember), Finsternisse und Planetenkonstellationen bieten spektakuläre Anblicke. Informieren Sie sich im Voraus über solche Ereignisse.
Häufig gestellte Fragen
F: Wo sind die dunkelsten Orte in der Schweiz?
A: Die dunkelsten Orte finden sich hauptsächlich in der Alpenregion, abseits von Siedlungen und beleuchteten Pässen. Das Mittelland ist am stärksten von Lichtverschmutzung betroffen. Karten zur Lichtverschmutzung können helfen, spezifische dunkle Gebiete zu identifizieren.
F: Kann man die Milchstraße in der Schweiz sehen?
A: Ja, die Milchstraße ist in der Schweiz sichtbar, aber nur an Orten mit sehr geringer Lichtverschmutzung (idealerweise Bortle Klasse 3 oder besser). Im Mittelland oder in städtischen Gebieten ist sie oft unsichtbar. Regionen wie das Gantrischgebiet bieten gute Chancen, die Milchstraße zu sehen.
F: Was ist die Bortle Skala?
A: Die Bortle Dark Sky Skala ist eine neunstufige Skala zur Bewertung der Helligkeit des Nachthimmels an einem bestimmten Ort. Sie hilft Astronomen und Fotografen, die Qualität des Himmels für die Beobachtung einzuschätzen, von sehr dunkel (Klasse 1) bis sehr hell (Klasse 9).
Trotz der zunehmenden Lichtverschmutzung bietet die Alpenregion der Schweiz noch immer wunderbare Möglichkeiten, einen sternenreichen Himmel zu erleben und die Schönheit der Milchstraße zu bestaunen. Die Suche nach diesen dunklen Flecken ist eine lohnende Reise für jeden Fotografie- und Astronomie-Enthusiasten.
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