Was ist ein Beispiel für Kitsch?

Kitsch in der Fotografie: Mehr als nur Geschmack?

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Haben Sie sich jemals auf einem Flohmarkt oder in einem Second-Hand-Laden umgesehen? Wenn ja, sind Sie wahrscheinlich gut mit dem Konzept des Kitsches vertraut – jenen vielfältigen kleinen Dingen der Populärkultur, die weit verbreitete Beliebtheit genießen, aber kulturell nicht hoch angesehen sind. Vielleicht besitzen Sie selbst einen dieser ikonischen Artikel wie flauschige Würfel, rosa Plastik-Flamingos oder eine Brotdose mit Cartoon-Motiven. Aber Kitsch beschränkt sich nicht nur auf Objekte; er kann sich auch in Filmen manifestieren, die zwar Kassenschlager sind, aber von Kritikern verrissen werden, oder in der sogenannten „Lowbrow“-Kunst aller Art. Doch was hat das alles mit Fotografie zu tun? Mehr, als Sie vielleicht denken.

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Das Wort Kitsch wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von englischen Sprechern aus dem Deutschen übernommen. Gelehrten zufolge wurde der Begriff in den 1860er und 1870er Jahren von Münchner Malern und Kunsthändlern populär gemacht, die ihn verwendeten, um sich auf populäre und billige Kunstwerke zu beziehen. Die frühesten Ursprünge des Wortes finden sich im deutschen Verb „kitschen“, was so viel bedeutet wie „etwas (wie ein Kunstwerk) zusammenschustern“ oder auch „Schlamm von der Straße aufkratzen“. Trotz dieser „schlammigen“ Ursprünge und des oft missbilligenden Untertons, mit dem Kitsch verwendet wird, ist Kitsch heute nicht mehr ganz das „schmutzige“ Wort, das es einst war. Kitsch wird heute ebenso oft gefeiert wie verpönt.

Was ist ein Beispiel für Kitsch?
Wenn ja, dann kennen Sie wahrscheinlich den Kitsch, den verschiedenen Kleinigkeiten der Popkultur – Plüschwürfel, Plastikflamingos, Plastik-Brotdosen mit Cartoon-Motiven usw. –, die sich großer Beliebtheit erfreuen, aber kein großes kulturelles Ansehen genießen.

Was ist Kitsch überhaupt? Eine Definition

Im Kern beschreibt Kitsch Objekte oder Kunstwerke, die durch übermäßige Sentimentalität, Melodramatik, Glätte oder eine offensichtliche Imitation von „echter“ Kunst gekennzeichnet sind, oft in einer Weise, die als geschmacklos oder trivial empfunden wird. Es geht oft darum, beim Betrachter eine sofortige emotionale Reaktion hervorzurufen, ohne die Tiefe oder Komplexität, die man von anspruchsvollerer Kunst erwarten würde. Die Beispiele reichen von den bereits erwähnten Alltagsgegenständen bis hin zu bestimmten Formen von Unterhaltung und eben auch bildender Kunst – einschließlich der Fotografie.

Die deutsche Herkunft des Begriffs

Die Geschichte des Wortes Kitsch ist faszinierend und eng mit dem deutschen Kunstmarkt des späten 19. Jahrhunderts verbunden. In München, einem Zentrum der Kunstproduktion und des Handels, suchten Künstler und Händler nach einem Begriff, um billige, massenproduzierte Kunst zu beschreiben, die an Touristen und eine breitere Öffentlichkeit verkauft wurde, die sich keine „echte“ Kunst leisten konnte oder wollte. Das Verb „kitschen“ deutet bereits auf die Art und Weise hin, wie diese Werke oft entstanden – schnell, ohne große Sorgfalt, fast wie „zusammengeschustert“. Es war ein abfälliger Begriff für das, was als minderwertige oder nachgeahmte Kunst galt.

Vom Schandwort zur Feier: Die Entwicklung der Wahrnehmung von Kitsch

Über lange Zeit hinweg wurde Kitsch in der Kunstwelt und in der Gesellschaft generell negativ betrachtet. Er galt als das Gegenteil von gutem Geschmack, als trivial und oberflächlich. Doch im Laufe des 20. Jahrhunderts begann sich diese Wahrnehmung zu ändern. Postmoderne Künstler und Theoretiker begannen, sich mit Kitsch auseinanderzusetzen, ihn zu zitieren oder sogar bewusst in ihren Werken zu verwenden. Was einst als bloßes Fehlen von Geschmack galt, wurde nun als potenzieller Ausdruck von Nostalgie, Ironie oder einer bestimmten Ästhetik neu bewertet. Heute kann Kitsch als Camp, als Ausdruck von Populärkultur oder einfach als eine Form der Ästhetik betrachtet werden, die ihre eigenen Reize hat. Die Grenze zwischen Kunst und Kitsch ist fließender geworden und wird oft im Auge des Betrachters entschieden.

Kitsch in der Fotografie

Wie manifestiert sich dieses vielschichtige Konzept nun in der Welt der Fotografie? Kitsch in der Fotografie kann viele Formen annehmen. Oft sind es Bilder, die auf eine einfache, direkte emotionale Reaktion abzielen, oft unter Verwendung von Klischees oder übertriebenen Motiven. Denken Sie an:

  • Sonnenuntergänge mit übertriebenen Farben
  • Fotos von niedlichen Kätzchen oder Welpen in gestellten Posen
  • Stark bearbeitete Porträts mit weichen Fokus-Effekten und idealisierten Darstellungen
  • Landschaftsaufnahmen, die makellos und unrealistisch perfekt wirken
  • Fotos von Blumen mit Tautropfen, die durch den Blitz künstlich glänzen
  • Familienporträts in Studios mit übertriebenen Requisiten oder Hintergründen
  • Bilder, die offensichtlich darauf ausgelegt sind, „schön“ oder „süß“ zu sein, ohne tiefere Bedeutung oder Originalität

Diese Art von Fotografie ist oft technisch einwandfrei, manchmal sogar brillant ausgeführt, aber sie bedient sich visueller Klischees und Sentimentalitäten, die von Kritikern als Kitsch abgetan werden könnten. Sie spricht oft eine breite Masse an und erzielt Popularität, wird aber in der Kunstwelt selten als tiefgründig oder innovativ angesehen.

Warum ist Kitsch-Fotografie so populär?

Trotz der potenziellen kritischen Ablehnung ist Kitsch-Fotografie unglaublich populär. Warum? Mehrere Gründe spielen eine Rolle:

  • Emotionale Zugänglichkeit: Kitsch-Fotos rufen sofortige, leicht verständliche Emotionen hervor – Freude, Rührung, Nostalgie. Man muss kein Kunstexperte sein, um sie zu „verstehen“.
  • Wiedererkennungswert: Klischees sind vertraut. Ein perfekter Sonnenuntergang oder ein süßes Tier spricht universelle Gefühle an.
  • Ästhetische Glätte: Kitsch-Fotos sind oft visuell ansprechend, perfekt ausgeleuchtet, farbenfroh und makellos bearbeitet. Sie sind leicht anzuschauen.
  • Nostalgie: Viele Kitsch-Motive oder Stile wecken Erinnerungen an vergangene Zeiten oder eine idealisierte Realität.
  • Massenproduktion und Verfügbarkeit: Kitsch-Fotografie ist oft für den Massenmarkt gemacht – als Poster, Postkarten, Stockfotos. Sie ist leicht zugänglich und erschwinglich.

Kitsch-Fotografie erfüllt ein Bedürfnis nach einfacher Schönheit, Trost und positiven Emotionen in einer oft komplexen Welt. Sie muss nicht intellektuell herausfordern; sie soll gefallen und berühren, wenn auch auf einer eher oberflächlichen Ebene.

Die Debatte: Ist Kitsch-Fotografie Kunst?

Dies ist eine der zentralen Fragen. Wenn Kunst als etwas definiert wird, das zum Nachdenken anregt, Grenzen verschiebt oder originelle Perspektiven bietet, dann fällt vieles, was als Kitsch gilt, aus dieser Definition heraus. Kitsch-Fotografie wird oft vorgeworfen, imitativ zu sein, Klischees zu bedienen und Konventionen zu folgen, anstatt sie zu hinterfragen.

Auf der anderen Seite argumentieren einige, dass die Popularität und die Fähigkeit, beim Betrachter eine Reaktion hervorzurufen, ebenfalls Kriterien für Kunst sein könnten. Außerdem gibt es Künstler, die bewusst mit Kitsch-Ästhetiken spielen, sie ironisch verwenden oder in einen neuen Kontext stellen, um gerade dadurch interessante Werke zu schaffen. In diesen Fällen wird Kitsch zum Material oder Thema der Kunst selbst. Es geht dann nicht mehr um „ungewollten“ Kitsch, sondern um eine bewusste künstlerische Entscheidung.

Vielleicht liegt die Antwort darin, Kitsch nicht als das Gegenteil von Kunst zu sehen, sondern als eine bestimmte Kategorie innerhalb des breiten Spektrums visueller Kultur. Es gibt sicherlich Kitsch-Fotografie, die nicht den Anspruch erhebt, „hohe Kunst“ zu sein, und es gibt künstlerische Fotografie, die sich kitschiger Elemente bedient, um eine Aussage zu treffen.

Tabelle: Traditionelle Kunst vs. Kitsch (im Kontext der Fotografie)

MerkmalTraditionelle/Anspruchsvolle Kunst-FotografieKitsch-Fotografie
ZielAnregen zum Nachdenken, Hinterfragen, neue Perspektiven bietenSofortige positive Emotionen wecken, gefallen
OriginalitätStrebt nach Neuem, bricht KonventionenBedient sich etablierter Klischees und Motive
EmotionenKann komplexe, ambivalente Emotionen hervorrufenZielt auf einfache, oft sentimentale Emotionen
ÄsthetikKann herausfordernd, unkonventionell seinOft glatt, perfekt, leicht verdaulich
RezeptionOft Nischenpublikum, kritische AuseinandersetzungBreite Popularität, Massenmarkt
IntentionOft konzeptionell oder explorativOft rein dekorativ oder kommerziell

Diese Tabelle ist eine Vereinfachung, da die Grenzen fließend sind. Es gibt viele Grauzonen und bewusste Überschneidungen.

Kitsch als Stilmittel

Interessanterweise hat sich Kitsch von einem rein abfälligen Begriff zu einem potenziellen Stilmittel entwickelt. Einige Fotografen nutzen bewusst Elemente des Kitsches – sei es durch übertriebene Farben, sentimentale Motive oder eine glatte Ästhetik –, um bestimmte Effekte zu erzielen. Dies kann Ironie sein, eine Kommentierung der Populärkultur oder auch der Versuch, die emotionale Direktheit des Kitsches für künstlerische Zwecke zu nutzen. In solchen Fällen wird Kitsch zu einem bewussten Teil der künstlerischen Sprache, nicht zu einem Mangel an Können oder Geschmack.

Wie erkenne ich Kitsch in der Fotografie?

Das Erkennen von Kitsch ist oft subjektiv, aber es gibt einige Anhaltspunkte, basierend auf der klassischen Definition:

  • Übermäßige Sentimentalität: Ist das Bild übertrieben süß, rührend oder dramatisch, ohne eine tiefere Begründung?
  • Verwendung von Klischees: Bedient sich das Bild offensichtlicher, abgedroschener Motive oder Kompositionen (z.B. Postkarten-Sonnenuntergang, niedliches Tierbaby im Körbchen)?
  • Glatte, makellose Ästhetik: Wirkt das Bild fast zu perfekt, zu sauber, zu farbenfroh, oft durch starke Bearbeitung erreicht?
  • Fehlende Originalität: Habe ich dieses Bild oder etwas sehr Ähnliches schon unzählige Male gesehen?
  • Offensichtliche Absicht zu gefallen: Scheint das Bild in erster Linie darauf ausgelegt zu sein, sofortige Zustimmung und positive Emotionen zu ernten, ohne zu überraschen oder herauszufordern?

Es ist wichtig zu betonen, dass dies keine harten Regeln sind und die Einordnung als Kitsch stark vom persönlichen Geschmack und kulturellen Kontext abhängt.

Häufig gestellte Fragen zu Kitsch und Fotografie

Ist Kitsch immer schlecht?

Nicht unbedingt. Während Kitsch historisch oft negativ bewertet wurde, hat sich die Wahrnehmung geändert. Für viele ist Kitsch einfach eine Frage des persönlichen Geschmacks oder eine bestimmte Ästhetik, die Spaß macht und positive Gefühle hervorruft. Künstler können Kitsch auch bewusst und gekonnt einsetzen.

Ist populäre Fotografie automatisch Kitsch?

Nein. Viele populäre Fotos sind technisch brillant, originell und haben künstlerischen Wert. Kitsch bezieht sich eher auf bestimmte Motive, Stile und Absichten als auf die reine Popularität.

Kann ich Kitsch-Fotos mögen und trotzdem guten Geschmack haben?

Absolut! Geschmack ist subjektiv. Kitsch-Fotos können nostalgische Werte haben, positive Emotionen wecken oder einfach nur Spaß machen anzuschauen. Die Anerkennung von Kitsch als Teil der visuellen Kultur bedeutet nicht, dass man keine anspruchsvollere Kunst schätzen kann.

Wie unterscheidet sich Kitsch von Camp?

Camp ist oft eine bewusste Ästhetik, die das Künstliche, Überzogene und oft auch Kitschige feiert und ironisiert. Während Kitsch oft unbewusst oder als ernsthafter Versuch, „schön“ zu sein, entsteht, ist Camp eine bewusste Haltung, die das Kitschige umarmt und übertreibt, oft mit einem humorvollen oder subversiven Unterton.

Kann ich Kitsch in meiner eigenen Fotografie vermeiden?

Wenn Sie Kitsch vermeiden möchten, konzentrieren Sie sich auf Originalität, vermeiden Sie offensichtliche Klischees, hinterfragen Sie Ihre Motive und Bearbeitungsstile und streben Sie nach Tiefe und Authentizität statt nach reiner Glätte oder Sentimentalität. Aber denken Sie daran: Manchmal kann ein Hauch von Kitsch auch charmant sein!

Fazit

Das Konzept des Kitsches ist komplex und hat eine faszinierende Entwicklung durchlaufen, von einem abfälligen Begriff für billige Kunst in München zu einem vielschichtigen Phänomen, das heute sowohl kritisiert als auch gefeiert wird. In der Fotografie manifestiert sich Kitsch in Bildern, die auf sofortige emotionale Wirkung abzielen, oft unter Verwendung von Klischees und einer glatten Ästhetik. Während vieles, was als Kitsch gilt, nicht den Anspruch erhebt, „hohe Kunst“ zu sein, ist seine Popularität unbestreitbar und spiegelt ein menschliches Bedürfnis nach einfacher Schönheit und positiven Gefühlen wider. Gleichzeitig nutzen Künstler Kitsch bewusst als Stilmittel, um Konventionen zu hinterfragen oder Ironie auszudrücken. Letztendlich ist die Einordnung als Kitsch oft eine Frage des persönlichen Geschmacks und des kulturellen Kontexts. Die Auseinandersetzung mit Kitsch in der Fotografie lädt uns ein, über unsere eigenen Vorlieben, die Rolle von Emotionen in Bildern und die sich ständig wandelnden Definitionen von Kunst und Geschmack nachzudenken.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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