Wenn Sie sich fragen, worin der Unterschied zwischen der „normalen“ Raspberry Pi Kamera und der „Noir“-Version liegt, sind Sie hier genau richtig. Auf den ersten Blick mögen sich die Module sehr ähneln, doch sie sind für gänzlich unterschiedliche Einsatzzwecke konzipiert. Dieser Artikel beleuchtet die entscheidenden Unterschiede und hilft Ihnen bei der Auswahl der passenden Kamera für Ihr Projekt.

Das Raspberry Pi Kameramodul ist generell ein speziell entwickeltes Zusatzmodul, das über die CSI-Schnittstelle direkt mit der Raspberry Pi Hardware verbunden wird. Es erweitert die Fähigkeiten Ihres kleinen Computers um die Möglichkeit, Bilder und Videos aufzunehmen.

Der Kernunterschied: Der Infrarotfilter
Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Der Hauptunterschied zwischen der Standard-Kamera und der Noir-Kamera liegt in einem kleinen, aber entscheidenden Detail – dem Infrarotfilter. Die „normale“ Raspberry Pi Kamera verfügt über einen fest installierten Infrarotfilter vor dem Objektiv. Dieser Filter blockiert das Infrarotlicht (IR-Licht), das für das menschliche Auge unsichtbar ist.
Die „Noir“-Version der Kamera hingegen verzichtet bewusst auf diesen Filter. „NoIR“ steht dabei für „No Infrared“ (Kein Infrarot). Das bedeutet, die Noir-Kamera ist empfindlich für sichtbares Licht *und* Infrarotlicht.
Warum ist Infrarotlicht wichtig?
Vielleicht fragen Sie sich nun: „Was hat es mit diesem IR-Licht auf sich?“ und „Warum sollte man es blockieren oder zulassen wollen?“ Das ist eine sehr gute Frage!
Während des Tages, wenn viel Sonnenlicht vorhanden ist, enthält dieses Licht auch einen Anteil an Infrarotstrahlung. Wenn dieses IR-Licht ungefiltert in eine Kamera gelangt (wie bei der Noir-Version), kann es das Bild beeinflussen. Typischerweise führt dies zu einem „Auswaschen“ der Farben und einer veränderten Farbdarstellung, da die Kamera das IR-Licht als helles Licht registriert. In unseren Tests ist dieser Effekt bei Tageslicht deutlich sichtbar.
Nachts jedoch, wenn die Sonne untergegangen ist, gibt es kaum noch sichtbares Licht. Eine normale Kamera mit IR-Filter würde in dieser Situation nur ein schwarzes oder sehr verrauschtes Bild liefern, da das wenige vorhandene Licht nicht ausreicht. Hier spielt die Noir-Kamera ihre Stärke aus.
Die Noir-Kamera: Sehen im Dunkeln (mit Hilfe)
Da die Noir-Kamera keinen IR-Filter hat, kann sie Infrarotlicht „sehen“. Das allein hilft nachts aber noch nicht weiter, es sei denn, es gibt eine natürliche IR-Quelle. Der eigentliche Vorteil ergibt sich in Kombination mit einem IR-Strahler. Ein IR-Strahler sendet Infrarotlicht aus, das für das menschliche Auge unsichtbar ist. Wenn Sie einen solchen Strahler auf das Motiv richten, reflektiert das IR-Licht von dort zurück zur Kamera – genau wie normales Licht am Tag.
Die Noir-Kamera empfängt dieses reflektierte IR-Licht und kann daraus ein Bild erzeugen. Dieses Bild ist zwar in Graustufen (mehr oder weniger schwarz-weiß), aber es ist bei völliger Dunkelheit sichtbar. Eine normale Kamera mit IR-Filter könnte dieses IR-Licht nicht erkennen, und das Bild bliebe dunkel oder verrauscht. Einige „Nachtsicht“-Kameramodule für den Raspberry Pi sind im Grunde Noir-Kameras, die bereits mit eingebauten IR-Strahlern geliefert werden, was ihnen die Fähigkeit verleiht, buchstäblich im Dunkeln zu „sehen“.
Vergleich: Raspberry Pi Normal vs. Noir Kamera
Betrachten wir die Unterschiede anhand der typischen Leistung bei Tag und Nacht:
Leistung bei Tageslicht
Tagsüber zeigt die normale Kamera mit ihrem IR-Filter eine natürliche Farbwiedergabe. Die Farben sind korrekt und das Bild ist klar. Die Noir-Kamera hingegen zeigt bei Tageslicht oft ausgewaschene Farben und eine veränderte Farbsättigung aufgrund des eingefangenen Infrarotlichts. Obwohl das Bild oft noch akzeptabel ist, ist es für Anwendungen, bei denen eine genaue Farbdarstellung wichtig ist, weniger geeignet als die Standard-Version.

Leistung bei Nacht oder wenig Licht
Hier kehrt sich das Bild um. Die normale Kamera liefert bei sehr wenig Licht oder in völliger Dunkelheit kaum brauchbare Ergebnisse. Die Noir-Kamera hingegen kann in Kombination mit einem IR-Strahler auch bei völliger Dunkelheit klare (wenn auch monochrome) Bilder oder Videos aufnehmen. Dies ist ideal für Überwachungszwecke, Wildtierbeobachtung bei Nacht oder andere Projekte, die eine Sicht im Dunkeln erfordern.
Das neueste Modul: Raspberry Pi Camera Module 3
Das Raspberry Pi Camera Module 3 ist die jüngste Generation der offiziellen Kameramodule und bietet sowohl eine Standard- als auch eine Noir-Version. Dieses Modul bringt signifikante Verbesserungen mit sich:
- Neuer 12-Megapixel Sony IMX708 Bildsensor
- Integrierter Autofokus
- Verbesserte Empfindlichkeit bei wenig Licht
- Unterstützung für High Dynamic Range (HDR)
Die Noir-Version des Camera Module 3 behält die Kernfunktion bei: Sie ist infrarotempfindlich (kein IR-Filter) und somit perfekt für Infrarotfotografie und Aufnahmen bei Dämmerung oder in Kombination mit IR-Strahlern für die Nachtfotografie.
Das Camera Module 3 ist in zwei Objektivvarianten erhältlich: Standard mit einem diagonalen Sichtfeld von 75° und Weitwinkel mit 120°. Dies bietet zusätzliche Flexibilität für verschiedene Projekte.
Technische Spezifikationen (Camera Module 3 Noir)
Basierend auf den verfügbaren Informationen bietet das Camera Module 3 Noir (und Standard) beeindruckende Spezifikationen:
- Sensor: Sony IMX708
- Auflösung: 11,9 Megapixel
- Sensorgröße: 7,4 mm Diagonale
- Pixelgröße: 1,4 μm × 1,4 μm
- Maximale Bildgröße: 4608 × 2592 Pixel
- Gängige Videomodi: 1080p50, 720p100, 480p120
- Output: RAW10
- IR-Sperrfilter: Nicht vorhanden (NoIR)
- Autofokus-System: Phase Detection Autofocus (PDAF)
- Abmessungen: 25 × 24 × 11.5 mm (Weitwinkel: 12.4 mm Höhe)
- Bandkabel: 150 mm
Wenn HDR aktiviert ist, ist die Auflösung auf 2304x1296 bei 30 FPS begrenzt. Das Modul unterstützt auch schnellere Bildraten bei reduzierter Auflösung, z.B. 4608x2592 bei 14 FPS oder 1536x864 bei 120 FPS.
Kompatibilität und Software (Camera Module 3)
Das Camera Module 3 ist mechanisch dem älteren Camera Module V2 sehr ähnlich, abgesehen vom Sensorbereich, der größer ist und möglicherweise nicht in alle älteren Zubehörteile passt. Wichtig ist auch die Software:
Das Camera Module 3 funktioniert ausschließlich mit libcamera. Die älteren Befehlszeilen-Tools wie `raspistill` und `raspivid` werden nicht unterstützt. Sie müssen Ihr Raspberry Pi OS aktualisieren, da das Modul einen neuen Treiber und eine spezifische Version von libcamera benötigt.
In Bezug auf die Hardware-Kompatibilität ist das Camera Module 3 mit allen Raspberry Pi Boards kompatibel, die einen vollwertigen Kameraanschluss (CSI-Anschluss) besitzen. Für die Verwendung mit einem Raspberry Pi 5 oder einem Raspberry Pi Zero, die kleinere CSI-Anschlüsse haben, benötigen Sie ein zusätzliches Adapterkabel.
Autofokus nutzen (Camera Module 3)
Ein Highlight des Camera Module 3 ist der Autofokus. Mit libcamera können Sie den Fokus steuern. Hier sind einige Beispiele für libcamera-Befehle:
- `libcamera-hello -t 0 --autofocus-mode continuous`: Startet eine Vorschau mit kontinuierlichem Autofokus.
- `--lens-position 0.0`: Stellt den Fokus fest auf Unendlich ein.
- `--lens-position 10.0`: Stellt den Fokus fest auf etwa 10 cm ein.
- `--autofocus-on-capture`: Fokussiert kurz vor der Aufnahme eines Standbilds (nur mit `libcamera-still`).
Diese Funktionen eröffnen neue Möglichkeiten für Projekte, bei denen eine variable Fokussierung wichtig ist.

Anwendungsbereiche
Die Wahl zwischen Standard- und Noir-Kamera hängt stark von Ihrem geplanten Projekt ab:
- Standard Kamera: Ideal für allgemeine Fotografie und Videografie bei Tageslicht, bei der eine natürliche Farbwiedergabe gewünscht ist. Denken Sie an Webcams für Videokonferenzen bei gutem Licht, Zeitrafferaufnahmen im Freien während des Tages oder Projekte, bei denen es auf genaue Farben ankommt.
- Noir Kamera: Unverzichtbar für Anwendungen bei wenig Licht oder völliger Dunkelheit, insbesondere in Kombination mit IR-Strahlern. Perfekt für:
- Nachtsichtsysteme (z.B. Überwachung)
- Wildtierbeobachtung bei Nacht (z.B. Hirschkamera)
- Infrarotfotografie (z.B. Pflanzenzustand prüfen, spezielle künstlerische Effekte)
- Projekte, die eine geringe Störung durch sichtbares Licht erfordern.
Vergleichstabelle
| Merkmal | Standard Kamera | Noir Kamera |
|---|---|---|
| IR-Sperrfilter | Ja | Nein |
| Empfindlichkeit für sichtbares Licht | Ja | Ja |
| Empfindlichkeit für Infrarotlicht | Nein | Ja |
| Ideal für | Tageslicht-Fotografie (natürliche Farben) | Nachtsicht (mit IR-Strahler), Low Light, IR-Fotografie |
| Leistung bei Tageslicht | Gute Farbwiedergabe | Farben können ausgewaschen wirken |
| Leistung bei Nacht/wenig Licht | Schlecht (dunkel/verrauscht) | Gut (mit IR-Strahler, Graustufen) |
| Benötigt IR-Strahler für Nachtsicht | Nein (funktioniert nicht) | Ja (für Sicht bei Dunkelheit) |
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Warum sehen Bilder mit der Noir-Kamera bei Tageslicht komisch aus?
Das liegt daran, dass die Noir-Kamera keinen Infrarotfilter hat. Sie nimmt zusätzlich zum sichtbaren Licht auch Infrarotlicht auf. Dieses zusätzliche Licht, das für unsere Augen unsichtbar ist, beeinflusst die Farbdarstellung und kann zu ausgewaschenen oder unnatürlichen Farben im Bild führen.
Brauche ich immer einen IR-Strahler für die Noir-Kamera?
Für die Fotografie in völliger Dunkelheit, ja. Ohne eine Lichtquelle (sichtbar oder Infrarot) kann keine Kamera ein Bild aufnehmen. Da die Noir-Kamera Infrarotlicht sehen kann, können Sie einen für Menschen unsichtbaren IR-Strahler verwenden, um die Szene auszuleuchten. Bei Dämmerung oder in Umgebungen mit etwas vorhandenem Licht (auch IR) kann die Kamera auch ohne zusätzlichen Strahler funktionieren, aber für echte Nachtsicht in Dunkelheit ist ein Strahler nötig.
Ist die „Nachtsicht“-Kamera, die ich sehe, eine Noir-Kamera?
Sehr wahrscheinlich. Viele Module, die als „Nachtsicht“-Kameras für den Raspberry Pi verkauft werden, sind im Grunde Noir-Kameras, die oft bereits mit eingebauten IR-LEDs (als Strahler) ausgestattet sind, um sofortige Nachtsicht-Fähigkeiten zu bieten.
Welche Raspberry Pi Boards sind mit dem Camera Module 3 kompatibel?
Das Camera Module 3 ist mit allen Raspberry Pi Boards kompatibel, die einen vollwertigen CSI-Kameraanschluss haben. Für Raspberry Pi 5 und Raspberry Pi Zero benötigen Sie spezielle Adapterkabel, da diese Boards kleinere Anschlüsse verwenden.
Kann ich die alte `raspistill`-Software mit dem Camera Module 3 verwenden?
Nein. Das Camera Module 3 erfordert die neuere libcamera Software. Sie müssen sicherstellen, dass Ihr Raspberry Pi OS aktuell ist und libcamera installiert ist, um das Modul nutzen zu können.
Fazit
Die Wahl zwischen der Standard- und der Noir-Version des Raspberry Pi Kameramoduls ist letztlich eine Frage des Einsatzzwecks. Wenn Sie hauptsächlich bei Tageslicht fotografieren und Wert auf natürliche Farben legen, ist die Standard-Kamera die richtige Wahl. Wenn Ihr Projekt jedoch die Aufnahme bei wenig Licht oder in völliger Dunkelheit erfordert und Sie bereit sind, gegebenenfalls IR-Strahler einzusetzen, ist die Noir-Kamera unverzichtbar. Die neuesten Module wie das Camera Module 3 bieten in beiden Varianten verbesserte Sensoren und Funktionen wie den Autofokus, was sie zu leistungsfähigen Werkzeugen für eine Vielzahl von Projekten macht.
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