Welche Kamera hat die schnellste Bildrate der Welt?

Die schnellste Kamera der Welt: 156 Billionen fps

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In der Welt der Fotografie dreht sich viel um Geschwindigkeit. Sportfotografen und Tierfotografen jagen mit Kameras, die schnelle Bildserien aufnehmen können, um den perfekten Moment einzufangen. Eine Bildrate von 20, 30 oder sogar 120 Bildern pro Sekunde (fps) gilt hier als extrem schnell und ermöglicht beeindruckende Aufnahmen von Bewegungsabläufen, die für das menschliche Auge zu flüchtig sind. Auch in modernen Smartphones finden sich Funktionen, die Zeitlupenvideos mit mehreren Hundert Bildern pro Sekunde ermöglichen. Doch was, wenn wir über Geschwindigkeiten sprechen, die weit jenseits dessen liegen, was für alltägliche oder auch professionelle Fotografie relevant ist? Was, wenn wir Phänomene beobachten wollen, die in unvorstellbar kurzen Zeiträumen stattfinden, im Bereich von Femtosekunden? Hier stößt selbst die schnellste herkömmliche Kamera an ihre Grenzen. Aber Wissenschaftler haben diese Grenze nun dramatisch verschoben.

Ein Team am Institut National de la Recherche Scientifique (INRS) in Kanada hat eine Kamera entwickelt, die nicht Hunderte oder Tausende, sondern Billionen von Bildern pro Sekunde aufnehmen kann. Genauer gesagt, 156,3 Billionen Bilder pro Sekunde (156.300.000.000.000 fps). Diese Entwicklung revolutioniert nicht die Sportfotografie, sondern eröffnet völlig neue Möglichkeiten in der wissenschaftlichen Forschung, indem sie uns erlaubt, Prozesse zu beobachten, die bisher der direkten Sicht entzogen waren.

Welche Kamera hat die schnellste Bildrate der Welt?
Die vom Team entwickelte superschnelle Kamera mit dem Namen SCARF (Swept-Coded Aperture Real-Time Femtophotography) nimmt mit einer Kodierungsrate von 156,3 Terahertz auf einzelne Pixel auf, was 156,3 Billionen Bildern pro Sekunde entspricht, und das mit erstaunlicher Präzision.

Was bedeutet Bildrate (fps) und warum ist sie wichtig?

Die Bildrate, gemessen in Bildern pro Sekunde (fps - frames per second), gibt an, wie viele Einzelbilder eine Kamera in einer Sekunde aufnehmen kann. Eine höhere Bildrate bedeutet, dass mehr Momentaufnahmen einer Bewegung pro Zeiteinheit festgehalten werden. Für das menschliche Auge erscheinen Bewegungen ab etwa 24 fps flüssig. In der Fotografie ist eine hohe Bildrate entscheidend, um schnelle Aktionen in einer Bildserie festzuhalten. Kameras für Sport oder Wildtiere bieten oft 10 bis 30 fps im Serienbildmodus. High-End-Modelle wie die Sony A9 III erreichen beeindruckende 120 fps.

Im Videobereich ermöglichen hohe Bildraten die Erstellung von Zeitlupen. Nimmt man ein Video mit 240 fps auf und spielt es mit 24 fps ab, wird die Bewegung um das Zehnfache verlangsamt. Einige Smartphones erreichen hier bereits 960 fps.

Diese Geschwindigkeiten sind für die Dokumentation sichtbarer, makroskopischer Bewegungen mehr als ausreichend. Aber die Natur hält Phänomene bereit, die sich millionen- oder sogar milliardenfach schneller abspielen als ein Sprint oder ein Flügelschlag.

Die Grenzen der konventionellen Hochgeschwindigkeitsfotografie

Selbst die schnellsten Kameras auf dem Markt, die für kommerzielle oder professionelle Zwecke konzipiert sind, arbeiten nach einem Prinzip, das für extrem schnelle wissenschaftliche Prozesse ungeeignet ist: Sie nehmen Bilder sequenziell auf. Das bedeutet, ein Bild wird aufgenommen, dann das nächste, dann das nächste, in sehr schneller Abfolge. Dieses Verfahren funktioniert gut, solange das Ereignis entweder langsam genug ist oder, falls es schnell ist, exakt reproduzierbar ist. Wenn ein Phänomen bei jedem Versuch identisch abläuft, kann man die Aufnahmezeitpunkte variieren und so verschiedene Phasen des Ereignisses in separaten Aufnahmen festhalten.

Doch viele der interessantesten Prozesse in der Physik, Chemie oder Biologie sind nicht reproduzierbar. Sie geschehen nur einmal, sind extrem kurzlebig und finden im Bereich von Piko- oder gar Femtosekunden statt. Eine Femtosekunde ist ein Billiardstel einer Sekunde (10-15 Sekunden). In dieser unvorstellbar kurzen Zeit legt Licht im Vakuum nur etwa 0,3 Mikrometer zurück – weniger als die Dicke eines Bakteriums. Chemische Bindungen können sich bilden oder brechen, Elektronen bewegen sich, Energie wird übertragen. Diese Vorgänge mit sequenziellen Kameras zu erfassen ist unmöglich, da das gesamte Ereignis vorbei ist, bevor die Kamera das zweite Bild aufnehmen könnte.

Vorstellung von SCARF: Ein Quantensprung in der Bildgebung

Hier setzt die Entwicklung des Teams um Professor Jinyang Liang am INRS an. Ihre neue Kamera, genannt SCARF (Swept-Coded Aperture Real-time Femtophotography), durchbricht die Grenzen der sequenziellen Aufnahme und ermöglicht die Erfassung ultraschneller, nicht wiederholbarer Ereignisse in einem einzigen „Schuss“ oder einer einzigen Messung. Der Name Femtophotographie deutet bereits auf die extreme Geschwindigkeit hin, mit der diese Technologie arbeitet.

Die Leistung von SCARF ist schlichtweg atemberaubend: 156,3 Billionen Bilder pro Sekunde. Um diese Zahl greifbar zu machen: Sie ist mehr als eine Billion Mal schneller als eine Zeitlupenkamera mit 960 fps und über eine Million Mal schneller als eine High-End-Kamera mit 120 fps im Serienbildmodus. Dies sind Geschwindigkeiten, die für das menschliche Verständnis kaum fassbar sind und weit über die Anforderungen der traditionellen Fotografie hinausgehen.

Es ist wichtig zu betonen, dass SCARF keine Kamera ist, die man kaufen und für private Zwecke nutzen kann. Es handelt sich um ein hochspezialisiertes wissenschaftliches Instrument, das für die Grundlagenforschung entwickelt wurde.

Wie funktioniert SCARF?

Im Gegensatz zur sequenziellen Bildgebung, bei der jedes Bild einzeln aufgenommen wird, verwendet SCARF eine Technik, die es erlaubt, Informationen über das gesamte ultraschnelle Ereignis gleichzeitig zu erfassen, wenn auch in einer codierten Form. Die Methode basiert auf der Idee, dass das Licht vom untersuchten Phänomen durch eine codierte Blende (aperture) geschickt wird und dann zeitlich gestreckt oder „gesweept“ wird, bevor es auf den Sensor trifft. Unterschiedliche Zeitpunkte des Ereignisses werden so auf unterschiedliche Bereiche des Sensors projiziert oder unterschiedlich codiert.

Anstatt also Bild 1, dann Bild 2, dann Bild 3 usw. nacheinander aufzunehmen, fängt SCARF im Wesentlichen eine kontinuierliche oder hochdicht codierte Datenstrom während des gesamten, extrem kurzen Ereignisses ein. Aus diesen codierten Daten kann dann durch komplexe Berechnungen die Abfolge der Einzelbilder rekonstruiert werden. Dies ermöglicht die Beobachtung von Phänomenen, die so schnell ablaufen, dass sie vorbei wären, bevor eine herkömmliche Kamera auch nur ein oder zwei Bilder aufgenommen hätte.

Diese Fähigkeit, nicht-reproduzierbare, ultraschnelle Ereignisse in einem einzigen Durchgang zu erfassen, ist der entscheidende Vorteil von SCARF gegenüber früheren Hochgeschwindigkeitskamerasystemen, die auf der Wiederholbarkeit des Phänomens basierten.

Anwendungsgebiete der Ultraschnellen Bildgebung mit SCARF

Die enorme Geschwindigkeit und die Fähigkeit, einzigartige Ereignisse zu erfassen, machen SCARF zu einem mächtigen Werkzeug für die wissenschaftliche Forschung in verschiedenen Bereichen. Die Ultraschnelle Bildgebung im Femtosekundenbereich ermöglicht es Forschern, fundamentale Prozesse zu beobachten, die bisher nur indirekt oder theoretisch zugänglich waren.

Ein bereits erfolgreiches Anwendungsbeispiel ist die Beobachtung der Demagnetisierung einer Metalllegierung. Demagnetisierungsprozesse können extrem schnell ablaufen und sind für die Entwicklung moderner Datenspeichertechnologien relevant. Die Fähigkeit, diesen Prozess optisch in 2D und in einem einzigen Durchgang zu sehen, ist ein bedeutender Fortschritt.

Weitere potenzielle Anwendungsgebiete, die das INRS nennt, umfassen die Untersuchung von Stoßwellenmechanismen in lebenden Zellen oder Materie. Das Verständnis, wie sich Stoßwellen auf zellulärer Ebene ausbreiten und interagieren, könnte wichtige Erkenntnisse für die Medizin und die Entwicklung therapeutischer Verfahren liefern. Auch chemische Reaktionen im Moment ihres Ablaufs, die Dynamik von Elektronen in Materialien oder die Ausbreitung von Licht in komplexen Medien könnten mit SCARF direkt beobachtet und analysiert werden.

Diese Fortschritte in der Ultraschnellen Bildgebung haben das Potenzial, Durchbrüche in Bereichen wie Materialwissenschaften, Biologie, Chemie, Physik und der Entwicklung von Pharmazeutika und medizinischen Behandlungen zu ermöglichen.

SCARF im Vergleich zur Konsumer-Fotografie

Um den Unterschied zwischen SCARF und den Kameras, die wir kennen, zu verdeutlichen, hier ein einfacher Vergleich:

KameratypTypische Bildrate (fps)Anwendungsbereich
Digitale Spiegelreflex-/Systemkamera (Serienbild)10 - 30 (High-End bis 120)Sport, Wildtiere, Action
Smartphone (Zeitlupe)240 - 960Zeitlupenvideos von Alltagsbewegungen
Wissenschaftliche Hochgeschwindigkeitskamera (sequenziell)Bis zu Millionen fpsForschung (reproduzierbare, schnelle Ereignisse)
SCARF (Femtophotographie)156.300.000.000.000Wissenschaftliche Forschung (ultraschnelle, nicht wiederholbare Phänomene)

Dieser Vergleich macht deutlich, dass SCARF in einer völlig anderen Liga spielt und für Zwecke konzipiert wurde, die mit traditioneller Fotografie nichts zu tun haben. Es ist ein Werkzeug, das die Tür zu einer unsichtbaren Welt öffnet.

Die Zukunft der ultraschnellen Bildgebung

Die Entwicklung von SCARF ist ein Meilenstein in der Ultraschnellen Bildgebung. Sie zeigt, dass es möglich ist, technologische Grenzen zu überwinden und Phänomene sichtbar zu machen, die sich auf Zeitskalen abspielen, die nur wenige Größenordnungen von der Planck-Zeit entfernt sind – der kleinsten sinnvollen Zeiteinheit in der Physik. Während SCARF selbst ein hochkomplexes und wahrscheinlich sehr teures Instrument ist, ebnen solche Entwicklungen den Weg für zukünftige Technologien. Sie inspirieren weitere Forschung und könnten langfristig zu neuen Methoden der Materialanalyse, der medizinischen Diagnostik oder der Prozesskontrolle führen.

Häufig gestellte Fragen

Q: Was genau ist SCARF?

A: SCARF ist eine wissenschaftliche Kamera, die von Forschern am INRS in Kanada entwickelt wurde. Sie nutzt eine spezielle Technik namens Swept-Coded Aperture Real-time Femtophotography, um extrem schnelle Ereignisse aufzuzeichnen.

Q: Wie schnell ist SCARF?

A: SCARF kann 156,3 Billionen Bilder pro Sekunde aufnehmen. Das ist eine unvorstellbar hohe Bildrate, die weit über allem liegt, was für kommerzielle Kameras möglich ist.

Q: Kann ich eine SCARF-Kamera kaufen?

A: Nein, SCARF ist kein kommerzielles Produkt. Es handelt sich um ein einzigartiges Forschungsgerät, das für sehr spezifische wissenschaftliche Anwendungen entwickelt wurde.

Q: Wofür wird SCARF verwendet?

A: SCARF wird verwendet, um ultraschnelle Phänomene in der Wissenschaft zu beobachten, die nur einmal geschehen und sich im Bereich von Femtosekunden abspielen. Beispiele sind die Demagnetisierung von Materialien oder Stoßwellen in Zellen.

Q: Ist SCARF einfach eine sehr schnelle Zeitlupenkamera?

A: Nein, obwohl sie extrem hohe Geschwindigkeiten erreicht, ist ihr Zweck anders. Herkömmliche Zeitlupenkameras nehmen sichtbare Bewegungen für menschliche Betrachtung auf. SCARF zeichnet unsichtbare, extrem kurzlebige wissenschaftliche Prozesse auf, die nicht reproduzierbar sind, und das mit Geschwindigkeiten, die um Größenordnungen höher sind als bei jeder Zeitlupenkamera.

Fazit

Die Entwicklung von SCARF ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Forschung die Grenzen des technisch Machbaren verschieben kann. Mit einer Bildrate von 156,3 Billionen fps ist diese Kamera das schnellste bildgebende System der Welt und ermöglicht es Forschern, einen Blick in eine bisher verborgene Welt ultraschneller Phänomene zu werfen. Während sie für die allgemeine Fotografie irrelevant ist, sind die potenziellen Auswirkungen auf unser Verständnis grundlegender physikalischer, chemischer und biologischer Prozesse enorm. SCARF ist nicht nur eine Kamera, sondern ein Fenster zu den schnellsten Ereignissen im Universum, das neue Wege für wissenschaftliche Entdeckungen und technologische Innovationen ebnet.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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