Alfred Stieglitz (1864–1946) war weit mehr als nur ein Fotograf; er war eine zentrale Figur in der amerikanischen Kunstwelt des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Geboren in Hoboken, New Jersey, verbrachte er einen Großteil seines Lebens damit, die Wahrnehmung der Fotografie als legitime Kunstform zu verändern und der amerikanischen Öffentlichkeit die aufregende Welt der europäischen und amerikanischen modernen Kunst näherzubringen.

Sein Weg in die Kunst war zunächst nicht vorgezeichnet. Zwischen 1879 und 1881 besuchte Stieglitz das College of the City of New York, um Ingenieurwesen zu studieren. Doch als sein Vater sich aus dem Wollgeschäft zurückzog und die Familie nach Deutschland zog, änderte sich Stieglitz' Richtung. 1882 schrieb er sich an der Königlichen Technischen Hochschule in Berlin ein. Während seiner Zeit in Deutschland begann er, die Museen und Galerien der Stadt zu besuchen, was sein Interesse an der Kunst weckte und nährte. Es war auch in dieser Zeit, dass Stieglitz eine Kamera kaufte und begann, sich leidenschaftlich der Fotografie zu widmen.
Nach seiner Rückkehr nach New York im Jahr 1890 wurde Stieglitz schnell zu einer treibenden Kraft in der dortigen Fotoszene. Er trat der Society of Amateur Photographers bei und betrieb eine eigene Druckerei. Sein Ziel war es, die Fotografie aus dem Schatten des reinen Handwerks oder der Dokumentation zu holen und sie als Ausdrucksmittel auf dieselbe Stufe wie Malerei und Skulptur zu stellen. Dieses Ziel verfolgte er mit großer Energie und Überzeugung.
Die Geburt der Foto-Secession und Camera Work
Ein entscheidender Schritt in Stieglitz' Bestreben, die Fotografie als hohe Kunst zu etablieren, war die Gründung der Photo-Secession im Jahr 1902. Diese Bewegung versammelte Fotografen, die einen piktorialistischen Stil pflegten, bei dem das Bild nicht nur ein Abbild der Realität war, sondern durch Komposition, Licht und oft auch durch Bearbeitung im Druckprozess eine künstlerische Interpretation darstellte. Stieglitz nutzte die Photo-Secession, um Ausstellungen zu organisieren, die zeigten, dass Fotografie sehr wohl künstlerischen Wert besaß.
Parallel dazu gründete er 1903 die Publikation „Camera Work“. Dieses Magazin war nicht nur eine Plattform für die Veröffentlichung hochwertiger Reproduktionen von Fotografien europäischer und amerikanischer Künstler, sondern enthielt auch Essays über Fotografie und Kunst. „Camera Work“ wurde schnell zu einer der einflussreichsten Publikationen im Bereich der Fotografie und trug maßgeblich zur Anerkennung des Mediums bei.
Die Galerie „291“ – Ein Zentrum der Avantgarde
Ursprünglich plante Stieglitz, in den „Little Galleries of the Photo-Secession“ in New York ausschließlich Fotografie auszustellen. Doch die Galerie, die 1905 eröffnet und später einfach nach ihrer Adresse „291 Fifth Avenue“ benannt wurde, entwickelte sich rasch zu einem wegweisenden Ort für zeitgenössische Malerei, Zeichnung und Skulptur. Die Galerie befand sich in zwei kleinen Räumen im obersten Stockwerk eines Brownstone-Gebäudes und wurde trotz ihrer bescheidenen Größe zu einem Leuchtturm für die Avantgarde in Amerika.
Die Ausrichtung des Kunstprogramms wurde maßgeblich von Edward Steichen beeinflusst, einem piktorialistischen Fotografen und Mitglied der Photo-Secession. Steichen hatte Zeit in Paris verbracht und kannte viele wichtige Künstler und Kunsthändler. Er war entscheidend daran beteiligt, diese Künstler Stieglitz vorzustellen und ihre ersten amerikanischen Ausstellungen in der „291“ zu organisieren. Ohne Steichens Verbindungen und seinen Blick für das Neue wäre die „291“ wohl nicht zu dem geworden, was sie war.
Schlüsselpersonen und europäische Verbindungen
Neben Steichen spielte auch der mexikanische Karikaturist Marius de Zayas eine wichtige Rolle in der „291“. Obwohl de Zayas Stieglitz' Angebot, seine eigenen Arbeiten auszustellen, zunächst ablehnte, freundete er sich später mit dem Galeristen an und unterstützte ihn gemeinsam mit Steichen als Berater. De Zayas war es, der die erste Ausstellung von Pablo Picasso in den Vereinigten Staaten organisierte.
Bahnbrechende Ausstellungen in der „291“
Die „291“ wurde zum Schauplatz zahlreicher Ausstellungen, die das amerikanische Kunstpublikum schockierten, faszinierten und letztendlich bildeten. Zu den Künstlern, deren Werke hier erstmals in Amerika gezeigt wurden, gehörten:
- Auguste Rodin (2.–21. Januar 1908): Die Ausstellung von Zeichnungen des berühmten französischen Bildhauers war ein früher Schritt, auch nicht-fotografische Kunst zu zeigen.
- Henri Matisse (6.–27. April 1908): Diese Ausstellung war eine Sensation und konfrontierte das amerikanische Publikum mit den kühnen Farben und Formen des Fauvismus.
- Henri de Toulouse-Lautrec (20. Dezember 1909 – 14. Januar 1910): Die Werke dieses französischen Malers und Grafikers, bekannt für seine Darstellungen des Pariser Nachtlebens, wurden hier präsentiert.
- Paul Cézanne (1.–25. März 1911): Eine Ausstellung von Aquarellen Cézannes, einem Künstler, der heute als Vater der modernen Malerei gilt, war ein bedeutendes Ereignis.
- Constantin Brancusi (12. März – 1. April 1914): Die minimalistischen und abstrakten Skulpturen des rumänischen Künstlers stellten eine weitere Herausforderung für die traditionellen Kunstauffassungen dar.
- Pablo Picasso (28. März – 25. April 1911): Die erste Picasso-Ausstellung in den USA, organisiert von Marius de Zayas, umfasste fünfzig Werke des Künstlers. Obwohl die Kritiken oft negativ waren, zog die Ausstellung über siebentausend Besucher an, die neugierig auf die kontroversen Werke waren.
Die Picasso-Ausstellungen sind besonders hervorzuheben. Nach dem Erfolg der ersten Schau plante de Zayas sofort eine Folgeausstellung (9. Dezember 1914 – 11. Januar 1915). Für diese zweite Show stellte der Künstler Francis Picabia seine eigene Sammlung neuerer Werke von Picasso und Georges Braque zur Verfügung. Diese Ausstellung umfasste auch Picassos „Bottle and Wine Glass on a Table“ (1912), ein Papier collé, das Stieglitz direkt aus der Ausstellung erwarb. Dieses Werk befindet sich heute in der Sammlung des Metropolitan Museum of Art.
Eine dritte Picasso-Schau (12.–26. Januar 1915) zeigte die Zeichnungssammlung des Händlers Adolphe Basler. Basler hatte seine Werke als Sicherheit für ein Darlehen von Stieglitz in der „291“ hinterlegt. Als Basler das Darlehen nicht zurückzahlen konnte, gingen neun der Werke in den Besitz von Stieglitz über. Die meisten dieser Zeichnungen stammten aus den Jahren 1908–1912. Sieben dieser Zeichnungen sind heute ebenfalls Teil der Sammlung des Metropolitan Museum.
Stieglitz's Vermächtnis als Förderer der Kunst
Alfred Stieglitz's Einfluss auf die amerikanische Kunstwelt kann kaum überschätzt werden. Durch seine Galerie „291“ und seine Publikation „Camera Work“ schuf er nicht nur Plattformen für die Fotografie, sondern öffnete auch die Türen für die aufkommende moderne Kunst aus Europa und den Vereinigten Staaten. Er war ein mutiger Verfechter des Neuen und Unkonventionellen zu einer Zeit, als viele dieser Werke als radikal oder gar anstößig galten.

Seine Sammlung von Gemälden, Arbeiten auf Papier, Skulpturen und Fotografien, die er im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte – teils durch Käufe, teils durch Erbschaften wie im Fall der Basler-Zeichnungen –, wurde später zur Grundlage für die moderne Sammlung des Metropolitan Museum of Art in New York. Dies unterstreicht die Bedeutung seiner visionären Sammeltätigkeit und seinen langfristigen Einfluss auf die Etablierung moderner Kunst in einer der führenden Institutionen des Landes.
Das Ende der „291“
Trotz ihres Erfolges und ihres Einflusses war die Geschichte der „291“ relativ kurz. Stieglitz schloss die Galerie am Ende der Saison 1916–1917. Der Grund war, dass das Brownstone-Gebäude, in dem sich die Galerie befand, verkauft worden war und abgerissen werden sollte. Obwohl die „291“ nur etwas über ein Jahrzehnt existierte, hinterließ sie einen unauslöschlichen Eindruck in der amerikanischen Kunstgeschichte.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Wer war Alfred Stieglitz?
Alfred Stieglitz war ein amerikanischer Fotograf, Galerist und Förderer der modernen Kunst. Er war maßgeblich daran beteiligt, die Fotografie als Kunstform zu etablieren und führte viele bedeutende europäische und amerikanische Künstler der Moderne in den Vereinigten Staaten ein.
Was war die Galerie „291“?
Die „291“ war eine Kunstgalerie in New York, die von Alfred Stieglitz gegründet wurde. Ursprünglich als Ort für piktorialistische Fotografie gedacht, entwickelte sie sich schnell zu einer führenden Galerie für moderne Kunst und zeigte Werke von Künstlern wie Rodin, Matisse, Cézanne, Brancusi und Picasso.
Welche berühmten Künstler wurden in der „291“ ausgestellt?
In der Galerie „291“ wurden viele wichtige Künstler der modernen Kunst erstmals in Amerika ausgestellt, darunter Auguste Rodin, Henri Matisse, Henri de Toulouse-Lautrec, Paul Cézanne, Constantin Brancusi und Pablo Picasso.
Was war die Photo-Secession?
Die Photo-Secession war eine Bewegung und Organisation, die von Alfred Stieglitz ins Leben gerufen wurde, um die Fotografie als feine Kunstform zu fördern. Sie umfasste Fotografen, die einen piktorialistischen Stil verfolgten und die künstlerischen Möglichkeiten des Mediums betonten.
Wie kam Stieglitz's Sammlung ins Metropolitan Museum of Art?
Alfred Stieglitz's umfangreiche Sammlung von Fotografien, Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen bildete nach seinem Tod die Grundlage für die moderne Kunstsammlung des Metropolitan Museum of Art in New York. Viele Werke aus seinen Galerieausstellungen, darunter bedeutende Arbeiten von Picasso, gelangten so in die Sammlung des Museums.
Warum schloss die Galerie „291“?
Die Galerie „291“ musste Ende der Saison 1916–1917 schließen, weil das Gebäude, in dem sie sich befand, verkauft und zum Abriss bestimmt war.
Was war die Bedeutung von „Camera Work“?
„Camera Work“ war eine von Alfred Stieglitz herausgegebene Publikation, die hochwertige Reproduktionen von Fotografien und Essays über Kunst und Fotografie enthielt. Sie war eine wichtige Plattform zur Förderung der Fotografie als Kunstform und zur Präsentation der Werke der Photo-Secession und anderer Künstler.
Alfred Stieglitz war zweifellos eine Persönlichkeit, die die Kunstlandschaft nachhaltig prägte. Sein unermüdlicher Einsatz für die Fotografie und sein visionärer Blick für die moderne Kunst machten ihn zu einem der einflussreichsten Kunsthändler und Förderer seiner Zeit.
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