Wie viele Buddhisten gibt es in der Schweiz?

Buddhismus: Ursprung, Frieden und Geschichte

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Der Buddhismus, eine der ältesten und einflussreichsten Religionen der Welt, wurde im späten 6. Jahrhundert v. Chr. von Siddhartha Gautama, später bekannt als „der Buddha“ (der Erleuchtete), in Indien begründet. Heute ist er in den meisten Ländern Asiens eine wichtige Religion, die Milliarden von Anhängern zählt. Oft wird der Buddhismus als die friedlichste Religion der Welt angesehen. Doch wie tief reicht dieses Ideal des Friedens, und gab es in seiner langen Geschichte Ausnahmen oder unterschiedliche Interpretationen?

Die Lehren Siddhartha Gautamas verbreiteten sich schnell. Schon wenige Monate nach seinem Tod im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung begannen indische Mönche, seine Ordensregeln und Lehrreden zu sammeln. Diese mündlichen Überlieferungen wurden etwa 400 Jahre später im sogenannten Pali-Kanon schriftlich festgehalten. Dieses umfassende Werk bildet die Grundlage vieler buddhistischer Traditionen und enthält unmissverständliche Passagen, die das Ideal der Gewaltlosigkeit betonen. Eine der bekanntesten Stellen lautet:

Alle Wesen zittern vor der Gewalt. Alle Wesen lieben das Leben. Sieh Dich selbst in anderen, und töte nicht, verletze nicht!

Diese Worte scheinen das Bild des Buddhismus als einer ausschließlich friedlichen Religion zu bestätigen. Die Ablehnung von Gewalt und das Prinzip des Nicht-Schadens (Ahimsa) sind zentrale Pfeiler der buddhistischen Ethik, die auf Mitgefühl (Karuna) und universeller Liebe (Maitri) basieren. Das Streben nach Erleuchtung beinhaltet die Überwindung von Gier, Hass und Verblendung – Wurzeln vieler Konflikte und Gewalttaten.

Wann und wie kam der Buddhismus in die Schweiz?
Buddhismus in der Schweiz ist weit über 100 Jahre alt. Erste Gruppen entstanden um 1910 in Lausanne und in den 1940/50er Jahren in Zürich. In den 1960er Jahren nahm die Schweiz tibeti- sche Flüchtlinge auf, zu deren re- ligiös-kultureller Betreuung 1968 das klösterlich Tibet-Institut bei Rikon erbaut wurde.

Historische Realitäten: Theravada vs. Mahayana

Trotz dieser klaren ethischen Vorgaben war die Haltung des Buddhismus zur Gewalt in früheren Jahrhunderten keineswegs eindeutig. Der Münchner Religionswissenschaftler Michael von Brück weist darauf hin, dass in fast allen Ländern Asiens Buddhisten Kriege geführt und den Einsatz von Waffen sogar gesegnet hätten. Diese historische Realität steht im scheinbaren Widerspruch zum Ideal des Friedens und der Gewaltlosigkeit, wie es im Pali-Kanon formuliert ist.

Die Erklärung für diesen Widerspruch liegt teilweise in den unterschiedlichen Grundströmungen innerhalb des Buddhismus: dem Theravada-Buddhismus und dem Mahayana-Buddhismus. Diese beiden Hauptrichtungen entwickelten sich in verschiedenen Regionen Asiens und legten den Fokus auf leicht abweichende Aspekte der Lehre und Praxis.

Der Theravada-Buddhismus, der hauptsächlich in Ländern wie Sri Lanka, Thailand, Myanmar, Laos und Kambodscha verbreitet ist, hat sich strikte Regeln gegeben, die im sogenannten Vinaya-Pitaka, einem Teil des Pali-Kanons, festgelegt sind. Im Theravada ist eindeutig festgelegt, dass jede Form von Gewalt gegenüber Lebewesen – nicht nur gegenüber Menschen, sondern auch gegenüber Tieren – strikt und kompromisslos abzulehnen ist. Die Mönchsregeln sind hier besonders rigoros in Bezug auf das Verbot des Tötens.

Der Mahayana-Buddhismus, der in Ländern wie China, Japan, Korea, Vietnam und Tibet vorherrscht, vertritt im Wesentlichen eine Gesinnungsethik. Das bedeutet, dass es bei der Beurteilung einer Handlung nicht allein auf die Tat selbst ankommt, sondern auf die Absicht oder Gesinnung, mit der sie ausgeführt wird. Michael von Brück erklärt, dass im Mahayana Buddhismus eine Tat, wie das Töten eines Menschen, unter bestimmten Umständen gerechtfertigt werden kann, wenn sie getan wird, um ein größeres Unheil zu verhindern – ein Gedanke, der beispielsweise beim Stichwort Tyrannenmord relevant wird. Diese Auslegung hat in der Geschichte des Mahayana-Buddhismus zu entsprechenden Debatten geführt und wurde genutzt, um präventive Kriege und Verteidigungskriege zu rechtfertigen.

Hier liegt der Kern des historischen Spannungsfeldes: Während der Theravada-Buddhismus eine absolute Gewaltlosigkeit postuliert, erlaubt die Gesinnungsethik des Mahayana eine kontextbezogenere Betrachtung, die in der Vergangenheit zur Rechtfertigung von Gewaltanwendung im Namen eines vermeintlich höheren Ziels geführt hat.

Der Fall Japan: Krieg und Umdenken

Der Fall Japans ist ein besonders prägnantes Beispiel für die Komplexität der Beziehung zwischen Buddhismus und Gewalt. Der Mahayana-Buddhismus prägt Japan seit eineinhalb Jahrtausenden. Doch die japanische Politik war über weite Strecken ihrer Geschichte von Gewalt durchdrungen. Im 20. Jahrhundert kulminierte dies in der Annexion Koreas, von Teilen Chinas und schließlich der Beteiligung Japans am Zweiten Weltkrieg an der Seite Deutschlands.

Es ist eine schmerzliche Wahrheit, die führende japanische Buddhisten heute offen anerkennen. Gijun Sugitaní, ein führender Tendai-Buddhist Japans, gibt zu: „Was in unserer Geschichte geschehen ist, war entsetzlich. Ich muss leider zugeben, dass viele unserer buddhistischen Geistlichen die Beteiligung Japans am Zweiten Weltkrieg gut geheißen und unterstützt haben.“ Diese Unterstützung reichte von der Segnung von Soldaten und Waffen bis hin zur ideologischen Rechtfertigung des Krieges.

Die traumatischen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, insbesondere die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945, die die japanische Kapitulation besiegelten, führten zu einem tiefgreifenden Umdenken in Japan, auch innerhalb der buddhistischen Gemeinschaft. Michael von Brück beobachtete, dass ein Entsetzen über die Folgen des Pazifischen Krieges eingesetzt hat. Dies führte zu einer Friedensbewegung in den japanischen Religionen, insbesondere im Buddhismus selbst, die aus der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit erwuchs.

Japanische Buddhisten begannen, ihre Rolle in der Kriegsgeschichte kritisch zu hinterfragen und eine eigene Identität zu formulieren, die nicht mehr mit dem japanischen Kolonialismus und Imperialismus verstrickt sein sollte. Sie sahen die Möglichkeit, unter den Bedingungen eines befreiten Japans eine neue Rolle im Dienste des Friedens zu spielen.

Moderne Friedensinitiativen

Dieses Umdenken mündete in bedeutenden Initiativen zur Förderung des interreligiösen Friedens. Bereits 1970 wurde dank des Engagements japanischer Buddhisten in Kyoto die „Weltkonferenz der Religionen für den Frieden“ ins Leben gerufen. Bei der Gründungsfeier dieser Organisation wurde eine entscheidende Erkenntnis formuliert: „Nicht die Religionen haben sich gegen die Sache des Friedens vergangen, sondern ihre Anhänger. Dieser Verrat kann und muss korrigiert werden!“

Diese Konferenz und ähnliche Initiativen wie das Friedensgebet mit Vertretern aller Weltreligionen, das 1987 am Berg Hiei in Japan begann und seither Jahr für Jahr fortgeführt wird, zeigen das aktive Engagement vieler moderner Buddhisten für den globalen Frieden. Gijun Sugitaní, der lange Jahre Generalsekretär der Weltkonferenz war, betont die Notwendigkeit, dass religiöse Menschen sich auf ihre Quellen besinnen und in der Sache des Friedens zusammenarbeiten. Er sieht Meditation und Gebet als gemeinsamen Ausgangspunkt für alle Religionen im Streben nach Frieden.

Wie viele Buddhisten gibt es in der Schweiz?
Gemäss dem Bundesamt für Statistik lebten 2016 etwa 37'000 Buddhistinnen und Buddhisten in der Schweiz. Dies sind etwa 0.5 % der Gesamtbevölkerung.

Für Sugitaní bedeutet Frieden mehr als nur die Abwesenheit von Krieg. Er definiert ihn als einen Zustand, in dem Völker in Würde und Gerechtigkeit leben können, einander achten und respektieren. Ein zentrales Anliegen der modernen buddhistischen Friedensbewegung ist dabei die Verhinderung einer nuklearen Katastrophe, die als entscheidend für die Zukunft der Welt angesehen wird.

Ist der Buddhismus die friedlichste Religion der Welt?

Die Frage, ob der Buddhismus die friedlichste Religion der Welt ist, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Das Ideal der Gewaltlosigkeit ist tief in seinen Kernlehren verankert, wie der Pali-Kanon eindrücklich zeigt. Diese Lehren inspirieren Millionen von Menschen zu einem Leben des Mitgefühls und der Nicht-Schädigung. In dieser Hinsicht verkörpert der Buddhismus ein sehr hohes Ideal des Friedens.

Die historische Realität zeigt jedoch, dass buddhistische Gemeinschaften und Institutionen in der Vergangenheit nicht immer diesem Ideal gerecht wurden, insbesondere im Rahmen der Mahayana-Tradition, deren Gesinnungsethik Interpretationsspielraum bot. Die Geschichte Japans ist ein deutliches Beispiel dafür.

Was man aber festhalten kann, ist das starke Bewusstsein und die kritische Selbstreflexion, die in Teilen der buddhistischen Welt, besonders nach den traumatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, entstanden sind. Das Eingeständnis von Fehlern in der Vergangenheit und das aktive Engagement für interreligiösen Dialog und Friedensarbeit auf globaler Ebene zeigen, dass das Ideal des Friedens heute stärker denn je von vielen Buddhisten gelebt und verteidigt wird. Sie arbeiten aktiv daran, den „Verrat“, den Anhänger an der Sache des Friedens begangen haben, zu korrigieren und die Religion wieder näher an ihr ursprüngliches, tief in Mitgefühl verwurzeltes Ideal der Gewaltlosigkeit heranzuführen.

Vergleich: Buddhismus und Gewalt

AspektTheravada-BuddhismusMahayana-Buddhismus
Grundlage der EthikVinaya-Regeln (Pali-Kanon)Gesinnungsethik
Haltung zur GewaltStrikte und kompromisslose Ablehnung jeder Gewalt gegenüber Lebewesen.Ideal der Gewaltlosigkeit, aber mögliche Rechtfertigung von Gewalt zur Verhinderung größeren Leids (kontextabhängig).
Historische PraxisTendenziell stärker an strikten Regeln orientiert.Historisch gab es Fälle, in denen Gewalt (z.B. Kriege) gerechtfertigt oder unterstützt wurde.
FokusEigene Befreiung durch Einhaltung der Regeln.Befreiung aller Wesen, Fokus auf Mitgefühl und universelle Liebe, die auch schwierige Entscheidungen einschließen kann.

Häufig gestellte Fragen

Wer hat den Buddhismus gegründet?
Der Buddhismus wurde von Siddhartha Gautama gegründet, der im späten 6. Jahrhundert v. Chr. in Indien lebte. Er wurde später als „der Buddha“ bekannt.

Ist der Buddhismus die friedlichste Religion der Welt?
Der Buddhismus wird weithin als sehr friedlich angesehen, basierend auf seinen Kernlehren der Gewaltlosigkeit und des Mitgefühls. Die historische Praxis war jedoch komplexer, mit Fällen, in denen Gewalt gerechtfertigt wurde. Moderne buddhistische Bewegungen engagieren sich stark für den Frieden und den interreligiösen Dialog.

Wie unterscheiden sich Theravada und Mahayana in Bezug auf Gewalt?
Der Theravada-Buddhismus lehnt Gewalt strikt ab, basierend auf den Regeln des Vinaya im Pali-Kanon. Der Mahayana-Buddhismus folgt einer Gesinnungsethik, bei der die Absicht zählt. Dies hat in der Vergangenheit zu Interpretationen geführt, die Gewalt zur Verhinderung größeren Übels rechtfertigen konnten.

Haben buddhistische Geistliche in der Vergangenheit Kriege unterstützt?
Ja, laut dem Religionswissenschaftler Michael von Brück und dem Tendai-Buddhisten Gijun Sugitaní haben buddhistische Geistliche in der Geschichte, insbesondere in Ländern mit Mahayana-Tradition wie Japan, Kriege unterstützt und gesegnet.

Was ist der Pali-Kanon?
Der Pali-Kanon ist die Schriftsammlung der frühen Lehrreden und Ordensregeln des Buddha, die etwa 400 Jahre nach seinem Tod schriftlich festgehalten wurden. Er ist eine zentrale Schriftquelle für den Theravada-Buddhismus und enthält wichtige Passagen zur Gewaltlosigkeit.

Was ist die Weltkonferenz der Religionen für den Frieden?
Die Weltkonferenz der Religionen für den Frieden (World Conference of Religions for Peace) ist eine Organisation, die 1970 in Kyoto, Japan, gegründet wurde, maßgeblich durch das Engagement japanischer Buddhisten. Sie bringt Vertreter verschiedener Religionen zusammen, um sich gemeinsam für den globalen Frieden einzusetzen.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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