Die Entstehung des Kantons Jura ist eine faszinierende Geschichte von Identität, Autonomie und dem politischen Ringen innerhalb der Schweiz. Über viele Jahrzehnte hinweg kämpfte die Bevölkerung des Juras, das historisch gesehen ein Fürstbistum war und 1815 dem Kanton Bern zugeschlagen wurde, um mehr Selbstbestimmung und schliesslich um die Gründung eines eigenen Kantons. Dieser Weg war geprägt von Konflikten, Abstimmungen und dem Einsatz verschiedener Gruppierungen, die für oder gegen die Trennung von Bern agierten.
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Der Ursprung der Jurafrage reicht zurück bis zum Wiener Kongress im Jahr 1815. Damals wurde das Gebiet des ehemaligen Fürstbistums Basel dem Kanton Bern zugeschlagen. Dieses Territorium umfasste sieben Bezirke: Pruntrut, Delsberg, Freiberge, Moutier, Courtelary, Neuenstadt und Laufen. Im Gegenzug musste Bern die Gebiete der Waadt und den Aargau abtreten. Schon bald nach dieser territorialen Neuordnung zeigten sich erste Konflikte zwischen den Berntreuen und den Jurassiern, die eine eigene Identität und Kultur pflegten und sich oft als politisch benachteiligt empfanden.

Frühe Konflikte und das Erstarken der separatistischen Bewegung
Ein markantes Ereignis, das die Spannungen verstärkte, ereignete sich 1947. Die deutschsprachige Mehrheit im Berner Kantonsparlament verweigerte dem Regierungsrat Georges Möckli, einem Jurassier, die Führung des Baudepartements. Der offizielle Grund, seine französische Muttersprache, wurde von vielen als diskriminierend empfunden und nährte das Gefühl, dass wichtige Positionen nicht in den Händen von Welschschweizern liegen sollten. Dieser Vorfall gilt als wichtiger Katalysator für die spätere Bewegung.
Die Forderung nach einem eigenen Kanton wurde lauter. Im Jahr 1959 fand eine erste kantonale Volksabstimmung in Bern statt, bei der die Gründung eines eigenen Kantons Jura abgelehnt wurde. Dieses Ergebnis enttäuschte viele Befürworter der Autonomie und führte zur Radikalisierung einiger Kreise.
In den frühen 1960er Jahren formierten sich verschiedene Gruppierungen. 1963 wurde die Bewegung der Béliers gegründet, die für ihre teils provokativen und aktionistischen Methoden bekannt wurden. Im Jahr 1964 traten erstmals die jurassische Befreiungsfront FLJ mit Anschlägen in Erscheinung. Parallel dazu störten die Béliers öffentliche Auftritte, wie den von Bundesrat Paul Chaudet in Les Rangiers im selben Jahr.
Diese Aktionen eskalierten weiter. Am 11. Dezember 1968 störten Béliers die Sitzung der Vereinigten Bundesversammlung in Bern während der Bundesratswahl, was sogar zu Handgemengen im Nationalratssaal führte. Ein weiteres Beispiel für ihre Protestformen war die Demonstration vor dem Bundeshaus am 18. März 1972, bei der sie gegen den schlechten Zustand des jurassischen Strassennetzes protestierten und symbolisch die Tramschienen in Bern zuteerten.
Die entscheidenden Abstimmungen
Der Weg zur Kantonsgründung war geprägt von mehreren Abstimmungen, die das Schicksal der Region besiegelten. Die erste wichtige Abstimmung fand am 23. Juni 1974 statt. Alle sieben jurassischen Bezirke waren aufgerufen, über die Unabhängigkeit zu entscheiden. Eine Mehrheit sprach sich mit 36'802 zu 34'057 Stimmen für die Unabhängigkeit aus. Allerdings zeigte sich hier bereits eine deutliche regionale Spaltung: Die Mehrheit für die Unabhängigkeit fand sich in den nördlichen Bezirken, während die Mehrheit im Südjura, bestehend aus den Bezirken Courtelary, Moutier und Neuenstadt, bei Bern bleiben wollte.
Diese Spaltung führte zu einer weiteren Abstimmungsrunde. Am 16. März 1975 stimmten die drei südjurassischen Bezirke Courtelary, Moutier und Neuenstadt erneut ab. Das Ergebnis war eindeutig: Mit einem Ja-Anteil von 70 Prozent sprachen sie sich klar für einen Verbleib beim Kanton Bern aus.
Eine weitere Ebene der Entscheidungsfindung betraf einzelne Gemeinden entlang der neu entstehenden Kantonsgrenze. Am 7. September 1975 entschieden 14 dieser Gemeinden, ob sie zum neuen Kanton Jura wechseln wollten. Auch hier gab es knappe Ergebnisse, wie im Falle von Moutier, das sich nur knapp für einen Verbleib bei Bern entschied.
Nachdem die territorialen Fragen geklärt waren, stimmte die Bevölkerung im Gebiet des zukünftigen Kantons am 20. März 1977 der Verfassung des neuen Kantons zu.
Der letzte und entscheidende Schritt auf nationaler Ebene folgte am 24. September 1978. Das Schweizer Volk und alle Kantone sagten mit einer überwältigenden Mehrheit von 82,3 Prozent Ja zur Gründung des neuen Kantons Jura. Dies markierte die offizielle Geburt des jüngsten Kantons der Schweiz.
Nach der Gründung und der Dialog
Auch nach der Gründung des Kantons Jura im Jahr 1979 gab es weiterhin Spannungen und Auseinandersetzungen. Ein tragisches Ereignis war die Explosion einer Autobombe in der Berner Altstadt am 7. Januar 1993, bei der ein junger Béliers-Aktivist ums Leben kam.
Um die Jurafrage langfristig zu befrieden und den Dialog zwischen den beiden Kantonen und den Regionen zu fördern, wurde unter der Führung des Bundes ein neuer Weg beschritten. Am 25. März 1994 unterzeichneten die Kantone Bern und Jura eine Vereinbarung zum Dialog. Im Zuge dessen wurde die Interjurassische Versammlung (IAV) gegründet, deren Aufgabe es war, die Jurafrage zu regeln und über die zukünftige institutionelle Gestaltung der Region nachzudenken. Erster Präsident dieser Versammlung war alt-Bundesrat René Felber.
Die Arbeit der Interjurassischen Versammlung schritt voran. Am 7. September 2005 erhielt die IAV den Auftrag, eine Studie zur institutionellen Zukunft der Region auszuarbeiten. Basierend auf diesen Arbeiten schlug die Versammlung am 4. Mai 2009 vor, dass die Bevölkerung im Jura und im Berner Jura über ihre Zukunft abstimmen sollte.
Im Jahr 2011 übernahm alt-Ständerat Dick Marty die Präsidentschaft der Interjurassischen Versammlung. Die Bemühungen um eine gemeinsame Zukunft mündeten schliesslich in eine Vereinbarung zwischen den Regierungen der Kantone Bern und Jura, die am 20. Februar 2012 unterzeichnet wurde. Diese Vereinbarung legte die Grundlagen für die Durchführung einer Abstimmung. Ziel dieser Abstimmung war es, die Frage zu klären, ob der Berner Jura und der Kanton Jura Arbeiten zur Gründung eines gemeinsamen, neuen Kantons aufnehmen sollten.
Chronologie der wichtigsten Ereignisse
Um einen Überblick über die Entstehung des Kantons Jura zu geben, ist eine chronologische Darstellung hilfreich:
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1815 | Wiener Kongress: Gebiet des Fürstbistums Basel wird Kanton Bern zugesprochen. Erste Konflikte. |
| 1947 | Regierungsrat Georges Möckli wird Führung des Baudepartements verweigert (Sprachkonflikt). |
| 1959 | Erste Abstimmung im Kanton Bern lehnt eigenen Kanton Jura ab. |
| 1963 | Gründung der Béliers. |
| 1964 | Erste Anschläge der FLJ, Béliers stören Auftritt von Bundesrat Chaudet. |
| 1968 (11. Dez) | Béliers stören Bundesratswahl in Bern. |
| 1972 | Béliers demonstrieren gegen Strassenzustand und teeren Tramschienen in Bern zu. |
| 1974 (23. Juni) | Erste Juraabstimmung (7 Bezirke): Mehrheit für Unabhängigkeit (Norden Ja, Süden Nein). |
| 1975 (16. März) | Abstimmung in den 3 Südjurassischen Bezirken: 70% für Verbleib bei Bern. |
| 1975 (7. Sep) | Abstimmung in 14 Gemeinden nahe der Grenze über Kantonswechsel (Moutier knapp pro-bernisch). |
| 1977 (20. März) | Bevölkerung im Jura stimmt Verfassung des neuen Kantons zu. |
| 1978 (24. Sep) | Schweizer Volk und Kantone sagen Ja zur Gründung des Kantons Jura (82,3%). |
| 1993 (7. Jan) | Autobombe in Bern explodiert, Béliers-Aktivist stirbt. |
| 1994 (25. März) | Vereinbarung zum Dialog zwischen Bern und Jura, Gründung der Interjurassischen Versammlung (IAV). |
| 2005 (7. Sep) | IAV erhält Auftrag für Studie zur institutionellen Zukunft der Region. |
| 2009 (4. Mai) | IAV schlägt Abstimmung über Zukunft vor. |
| 2011 | Alt-Ständerat Dick Marty wird Präsident der IAV. |
| 2012 (20. Feb) | Bern und Jura unterzeichnen Vereinbarung zur Durchführung einer Abstimmung über die Aufnahme von Arbeiten zur Gründung eines gemeinsamen Kantons. |
Häufig gestellte Fragen zur Entstehung des Juras
Hier beantworten wir einige häufige Fragen basierend auf den uns vorliegenden Informationen:
Wann wurde der Kanton Jura gegründet?
Die Gründung des Kantons Jura wurde am 24. September 1978 durch eine Volksabstimmung auf nationaler Ebene vom Schweizer Volk und allen Kantonen mit 82,3 Prozent Ja-Stimmen beschlossen.
Warum wollte sich der Jura vom Kanton Bern trennen?
Die Gründe reichen bis zur Zuteilung des Gebiets an Bern 1815 zurück und beinhalten kulturelle Unterschiede, das Gefühl der politischen Benachteiligung und sprachliche Spannungen, wie sie sich im Fall Möckli 1947 zeigten. Dies führte zu einer starken Bewegung für mehr Autonomie und schliesslich zur Forderung nach einem eigenen Kanton.
Wer waren die Béliers?
Die Béliers waren eine jurassische Separatistengruppe, die 1963 gegründet wurde. Sie setzten sich mit teils aktionistischen und provokativen Mitteln für die Unabhängigkeit des Juras ein und störten unter anderem politische Veranstaltungen.
Was war die Interjurassische Versammlung?
Die Interjurassische Versammlung (IAV) wurde 1994 im Rahmen einer Vereinbarung zwischen den Kantonen Bern und Jura unter Führung des Bundes gegründet. Ihre Aufgabe war es, den Dialog zu fördern und die Jurafrage zu regeln, einschliesslich der zukünftigen institutionellen Gestaltung der Region.
Die Geschichte der Entstehung des Kantons Jura zeigt, wie komplexe Fragen der regionalen Identität und Autonomie innerhalb eines föderalistischen Systems wie der Schweiz verhandelt und gelöst werden können, auch wenn der Weg dorthin langwierig und von Konflikten begleitet war. Die Region steht weiterhin im Dialog über ihre zukünftige Gestalt.
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