Die Migros Klubschule ist für viele Menschen in der Schweiz ein Begriff, oft verbunden mit dem ersten Sprachkurs, einem neuen Hobby oder einer beruflichen Weiterbildung. Doch was steckt wirklich hinter dieser Institution, die seit über 80 Jahren das Bildungsangebot des Landes mitprägt? Ihre Geschichte ist eng mit der Vision von Gottlieb Duttweiler verbunden, dem Gründer der Migros, der weit mehr als nur ein Einzelhandelsunternehmen aufbauen wollte.

Es war im November 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, als Gottlieb Duttweiler die Idee für eine Sprachschule für Erwachsene hatte. Inspiriert wurde er dabei von einer Umfrage unter 4000 Migros-Genossenschaftern, die den Wunsch nach Kursen äusserten, insbesondere von Frauen, die ihre Abende produktiv gestalten wollten. Die Publizistin Elsa Gasser soll Duttweiler massgeblich zu dieser Gründung angeregt haben. Ein erstes Inserat im März 1944 im Brückenbauer für Sprachkurse (Italienisch, Französisch, Englisch, Spanisch, Russisch) bei der Sprachschule Schmidt in Zürich, in Absprache mit dem Migros-Genossenschafts-Bund (MGB), stiess auf überwältigende Resonanz. Der Preis von fünf Franken pro Monat für 1 1/4 Stunden Unterricht pro Woche war offensichtlich sehr attraktiv. Bereits am Tag nach der Veröffentlichung gingen 110 Anmeldungen ein, nach nur zwei Wochen waren es 1400. Diese enorme Nachfrage zwang den späteren langjährigen Schulleiter Paul Link dazu, schnell neue Räumlichkeiten zu finden, die in der Privatschule Athenäum gefunden wurden. So begannen im Mai 1944 die ersten Sprachkurse, die sich hauptsächlich an berufstätige Erwachsene richteten, die Fremdsprachen lernen wollten.

Duttweilers Konzept sah mehr als nur reinen Unterricht vor. Er wollte Belehrung mit Unterhaltung verbinden, sodass Kursleitende und Teilnehmende wie in einem Klub um einen Tisch sassen und sich austauschten. Diese Idee des zwanglosen Lernens in einer angenehmen Atmosphäre gab der Institution später ihren Namen. Die Gründung der Klubschule war Teil eines umfassenderen sozialen Engagements der Familie Duttweiler, zu dem auch die Finanzierung von Konzerten, die Förderung des Schweizer Films und die Gründung des Schweizer Buchclubs gehörten – Aktivitäten, die lange vor dem Aufkommen des modernen Sponsorings stattfanden.
Finanzierung durch das Migros-Kulturprozent
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg und die Zugänglichkeit der Klubschule ist ihre einzigartige Finanzierung. Die Klubschulen werden im Rahmen des Migros-Kulturprozent finanziert. Dabei leisten die zehn regionalen Migros-Genossenschaften einen Beitrag von einem halben Prozent ihres Umsatzes und der Migros-Genossenschafts-Bund ein Prozent seines Grosshandelsumsatzes. Dieses Modell ermöglichte es der Klubschule von Anfang an, ein breites und qualitativ hochwertiges Kursangebot zu moderaten Preisen anzubieten und so Bildung für weite Teile der Bevölkerung zugänglich zu machen. Es ist ein klares Bekenntnis der Migros zu ihrem gesellschaftlichen Auftrag über das reine Handelsgeschäft hinaus.
Wachstum und Diversifizierung des Angebots
Die Erfolgsgeschichte der Klubschule setzte sich schnell fort. Bereits im Herbst 1944, nur wenige Monate nach den ersten Sprachkursen, wurde das Angebot erweitert. Kurse in Kunst und Kunstgewerbe kamen hinzu. Seit 1948 werden die Kurse offiziell unter dem Namen „Klubschule“ angeboten, und die Marke Migros Klubschule war geboren. Die Nachfrage wuchs unaufhörlich. Zehn Jahre später, Mitte der 1950er Jahre, überstieg die Teilnehmerzahl bereits die Marke von 50'000. Zu dieser Zeit arbeiteten mehr als 2000 Lehrpersonen und 500 administrative Mitarbeitende für die stetig wachsende Institution.
Eine weitere wichtige Entwicklung war der Aufbau der Eurocentres durch den Sprachlehrer Erhard J. C. Waespi, der ab 1956 die Leitung der Klubschule innehatte. Die Eurocentres, die im Januar 1960 in eine selbstständige Stiftung überführt wurden, boten Sprachkurse direkt im jeweiligen Sprachgebiet an. Bis 1985 nahmen beeindruckende 400'000 Kursteilnehmende an diesen immersiven Sprachaufenthalten teil.
Am 10. Mai 1969 feierten die Klubschulen ihr 25-jähriges Jubiläum im Wengihof in Zürich. Diese Feierlichkeiten wurden von prominenten Persönlichkeiten wie Bundesrat Hans-Peter Tschudi und dem späteren Bundesrat Georges-André Chevallaz gewürdigt, die die Klubschule als inzwischen bedeutendste Erwachsenenbildungsinstitution des Landes anerkannten. Zu diesem Zeitpunkt war das Angebot längst über Sprachen und Kunst hinausgewachsen. Kurse in Bereichen wie Musizieren, Fotografieren, Malen, Segeln oder Reiten wurden ebenso angeboten wie Tanzen, Fechten, Pflanzenbetreuung oder sogar Autofahren. Im Jubiläumsjahr 1969 konnten die Klubschulen an 93 Standorten in der ganzen Schweiz beeindruckende 223'608 Kursteilnehmende zählen. 1972 besuchten 17'000 Personen einen Eurocenter-Kurs und 268'000 Personen Kurse an einer Klubschule, was die anhaltend hohe Beliebtheit belegte.
Die Anpassung an neue Technologien war ebenfalls ein wichtiger Schritt. 1984 erweiterten die Klubschulen ihr Angebot um Informatikkurse. Diese wurden an 14 Standorten angeboten und waren sofort ausgebucht, was den Nerv der Zeit traf und die Bereitschaft der Klubschule zeigte, ihr Kursangebot kontinuierlich an die Bedürfnisse der Gesellschaft anzupassen.

Herausforderungen und die Ära Miduca AG
Wie viele andere Bildungseinrichtungen sah sich auch die Migros Klubschule mit unvorhergesehenen Herausforderungen konfrontiert. Die COVID-19-Pandemie führte Mitte März 2020 zur schweizweiten Einstellung des Betriebs, eine Massnahme, die vorübergehend geplant war, aber weitreichende Folgen für den Bildungsbetrieb hatte.
Eine bedeutende strukturelle Veränderung fand per Anfang Januar 2022 statt. Mit Ausnahme der Klubschule der Genossenschaft Migros Ostschweiz wurden die regionalen Klubschulen in die Miduca AG überführt. Diese Neuorganisation hatte zum Ziel, die Strukturen zu vereinfachen und das Kurs- und Standortportfolio zu optimieren und zu überarbeiten. Die Miduca AG agiert seither als zentrale Gesellschaft für die meisten Klubschul-Aktivitäten, während die Migros Ostschweiz ihre Klubschule weiterhin eigenständig führt.
Das heutige Angebot der Klubschule
Aktuell (Stand 2024) umfasst das Netzwerk der Klubschule rund 30 Klubschul-Center, die von der Miduca AG und der Genossenschaft Migros Ostschweiz betrieben werden. Diese Center sind meist in zentrumsnaher Lage grösserer Städte in der Schweiz zu finden und bieten somit gute Erreichbarkeit für die Teilnehmenden.
Die Klubschule ist eine eduQua-zertifizierte Weiterbildungsinstitution, was die Qualität ihrer Angebote unterstreicht. Das Kursportfolio ist auch heute noch beeindruckend vielfältig und umfasst rund 300 verschiedene Kurse. Diese gliedern sich im Wesentlichen in drei Hauptbereiche:
- Sprachen: Vom Anfängerkurs bis zu Fortgeschrittenen-Niveaus, mit einer breiten Palette an Sprachen.
- Gesundheit: Kurse rund um Fitness, Ernährung, Entspannung und Wohlbefinden.
- Kreativität: Angebote in Bereichen wie Kunst, Handwerk, Musik, Tanz und Fotografie.
Zusätzlich zu diesen Bereichen richtet sich ein Teil des Angebots gezielt an Firmen & Institutionen, die massgeschneiderte Weiterbildungen für ihre Mitarbeitenden suchen. Die Klubschule spielt auch eine Rolle bei der Integration, indem sie Einbürgerungskurse anbietet und im Auftrag von Gemeinden sogar Einbürgerungstests, beispielsweise für den Kanton Bern, durchführt.
Zahlen & Fakten 2024
Die aktuellen Zahlen geben einen guten Einblick in den Umfang der heutigen Klubschule:
- Klubschul-Center: 30
- Verschiedene Kurse: 300
- Mitarbeitende (Administration): 500
- Kursleitende: 2200
- Teilnehmende jährlich: 180'000
Diese Zahlen zeigen, dass die Klubschule trotz struktureller Veränderungen eine grosse und relevante Institution im Schweizer Bildungsmarkt geblieben ist.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Wer hat die Migros Klubschule gegründet?
- Die Anregung zur Gründung der Klubschule kam von Gottlieb Duttweiler, dem Gründer der Migros, im Jahr 1943. Die ersten Kurse starteten im Mai 1944.
- Welche Kurse wurden bei der Gründung der Klubschule Migros 1944 angeboten?
- Bei der Gründung im Mai 1944 wurden zunächst Sprachkurse in Italienisch, Französisch, Englisch, Spanisch und Russisch angeboten. Bereits im Herbst 1944 kamen Kurse in Kunst und Kunstgewerbe hinzu.
- Wie wird die Migros Klubschule finanziert?
- Die Finanzierung erfolgt im Rahmen des Migros-Kulturprozent. Die regionalen Migros-Genossenschaften steuern 0.5% ihres Umsatzes bei, der Migros-Genossenschafts-Bund 1% seines Grosshandelsumsatzes.
- Was ist die Miduca AG?
- Die Miduca AG ist die Gesellschaft, in welche die regionalen Klubschulen (mit Ausnahme der Migros Ostschweiz) per Anfang 2022 überführt wurden. Sie ist heute die zentrale Betreiberin der meisten Klubschul-Center.
- Wie viele Personen besuchen jährlich die Klubschule?
- Gemäss den Zahlen von 2024 nehmen jährlich rund 180'000 Personen an Kursen der Klubschule teil.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Migros Klubschule eine beeindruckende Entwicklung von einer kleinen Sprachschule im Jahr 1944 zu einer der führenden Weiterbildungsinstitutionen der Schweiz durchlaufen hat. Getragen von der Vision Gottlieb Duttweilers und finanziert durch das Migros-Kulturprozent, hat sie sich stets an die Bedürfnisse der Bevölkerung angepasst, ihr Angebot diversifiziert und spielt auch heute, unter dem Dach der Miduca AG und der Migros Ostschweiz, eine wichtige Rolle im lebenslangen Lernen. Ihre Geschichte ist ein Beispiel für soziales Engagement und die Überzeugung, dass Bildung ein zentraler Bestandteil einer florierenden Gesellschaft ist.
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