Wie sahen Fotos in den 1920er Jahren aus?

Fotografie der 1920er: Das Neue Sehen

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Die 1920er Jahre, eine Zeit des Umbruchs und der Erneuerung, insbesondere in Deutschland während der Weimarer Republik (1918–1933), stellten auch für die Fotografie eine Ära tiefgreifender Veränderungen und bemerkenswerter Innovationen dar. Es war eine Periode, in der sich die visuelle Kultur rasant entwickelte und das Medium Fotografie neue Rollen und Ausdrucksformen fand. Fernab von traditionellen, oft malerisch inspirierten Ansätzen, entstand ein völlig neues Verständnis dessen, was ein Foto sein und wie es wirken sollte.

Welche Kamera war in den 1920er Jahren beliebt?
Von den späten 1910er- bis in die späten 1920er-Jahre war die Bell & Howell die am häufigsten verwendete Kamera in Hollywood-Studios. Ihre Produktion wurde 1958 eingestellt. Einige dieser Kameras waren noch um die Jahrhundertwende in Animationsstudios im Einsatz.

Dieser Wandel war nicht nur künstlerischer Natur, sondern auch eng verknüpft mit gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen. Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs suchte die Gesellschaft nach Klarheit, Direktheit und einer realistischeren Darstellung der Welt. Gleichzeitig wuchs der Bedarf an Bildern in neuen und expandierenden Medien wie der Presse und der Werbung. Zahlreiche Fotografen reagierten auf diese Nachfrage und prägten mit ihren Arbeiten das Bild der Zeit. Viele veröffentlichten ihre Werke auch in aufwendigen Fotobüchern, oft auf eigene Initiative, was die wachsende Bedeutung und das künstlerische Selbstverständnis des Mediums unterstrich.

Ein Katalysator des Wandels: Die 35mm Kamera

Ein entscheidender technologischer Fortschritt, der maßgeblich zur Revolutionierung der Fotografie in den 1920er Jahren beitrug, war die Einführung der 35mm Kamera. Diese relativ kleine, handliche und diskrete Kamera, die erstmals in diesem Jahrzehnt auf den Markt kam, eröffnete den Fotografen ungeahnte neue Möglichkeiten. Im Vergleich zu den oft sperrigen und statischen Kameras früherer Zeiten bot die 35mm Kamera eine bisher ungeahnte Bewegungsfreiheit.

Diese erhöhte Mobilität ermöglichte es Fotografen, ihre Motive spontaner und aus näherer Distanz einzufangen. Sie waren nicht länger an schweres Equipment gebunden und konnten sich freier im Raum bewegen, was zu dynamischeren und lebendigeren Aufnahmen führte. Die Kompaktheit erlaubte auch Aufnahmen in Situationen, die zuvor schwierig oder unmöglich waren. Dies war ein Game Changer, der die Art und Weise, wie Bilder gemacht wurden, grundlegend veränderte.

Das 'Neues Sehen': Eine neue Ästhetik

Die technologische Befreiung durch die 35mm Kamera ging Hand in Hand mit der Entwicklung einer neuen visuellen Ästhetik, die bald unter dem Schlagwort 'Neues Sehen' bekannt wurde. Dieser Begriff war mehr als nur eine Beschreibung eines Stils; er war ein Aufruf zu einer grundlegend neuen Betrachtungsweise – sowohl für den Fotografen bei der Aufnahme als auch für den Betrachter beim Anschauen der Bilder.

Was kennzeichnete dieses 'Neue Sehen'? Eine der auffälligsten Eigenschaften waren die ungewöhnlichen Perspektiven. Fotografen experimentierten bewusst mit Blickwinkeln, die vom Gewohnten abwichen. Dazu gehörten steile Winkel von oben (Vogelperspektive) oder unten (Froschperspektive), die Objekte und Szenen in einem völlig neuen Licht erscheinen ließen und oft eine starke grafische Wirkung hatten. Ebenso populär wurden Nahaufnahmen von Details, die Objekte aus ihrem Kontext rissen und dem Betrachter ermöglichten, Strukturen, Texturen und Formen auf eine Weise zu sehen, die ihm im Alltag verborgen blieben.

Diese Experimentierfreudigkeit führte zu einer Bildsprache, die klarer, direkter und in vielen Fällen auch linearer war als zuvor. Die Fotografie distanzierte sich von impressionistischen oder piktorialistischen Ansätzen, die oft auf weiche Fokussierung, künstliche Effekte und eine malerische Ästhetik setzten. Stattdessen strebte das 'Neues Sehen' nach Schärfe, Präzision und einer unverfälschten Darstellung der Realität.

Diese sachliche Strenge entsprach den Bedürfnissen einer Gesellschaft, die nach den Erfahrungen des Weltkriegs eine Vorliebe für realistische Darstellung entwickelt hatte. Man wollte die Welt sehen, wie sie war, ungeschminkt und direkt. Das 'Neues Sehen' lieferte genau das: einen ungeschönten, oft analytischen Blick auf die Wirklichkeit, der gleichzeitig ästhetisch anspruchsvoll war. Es war ein Realismus, der nicht nur abbildete, sondern auch interpretierte, indem er durch die Wahl des Ausschnitts und der Perspektive neue Bedeutungsnuancen schuf.

Vergleich: Alt vs. Neu (Die Ästhetik der 1920er)

Um die Besonderheiten des 'Neuen Sehens' besser zu verstehen, kann man es mit den vorherrschenden Stilen vergleichen, die davor populär waren. Während solche Vergleiche immer Vereinfachungen darstellen, helfen sie, die revolutionären Aspekte der Fotografie der 1920er Jahre hervorzuheben.

MerkmalFotografie vor den 1920ern (oft)Fotografie der 1920er ('Neues Sehen')
KameratypGrößer, oft Studio- oder PlattenkamerasKleinere, mobile Kameras (z.B. 35mm)
Mobilität des FotografenEingeschränkt, statische AufnahmenUngeahnte Bewegungsfreiheit, dynamisch
Typische PerspektivenAugenhöhe, konventionelle AnsichtenUngewöhnlich: steile Winkel, Frosch-/Vogelperspektive
AusschnittGesamtansichten, breiter KontextNahaufnahmen, Fokus auf Details
Schärfe und FokusOft weich (Piktorialismus), malerische EffekteScharf, präzise, hohe Detailtreue
BildspracheMalerisch, atmosphärisch, oft idealisierendKlarer, direkter, sachlich, linear
Ziel/ÄsthetikKunst im Sinne der Malerei, StimmungSachlichkeit, Dokumentation, Realismus, analytischer Blick
GesellschaftsbezugVielfältig, aber neue BetonungSpiegelbild einer nach Klarheit suchenden Gesellschaft

Vielfältige Anwendungsbereiche

Die neue Ästhetik und die verbesserten technischen Möglichkeiten der Fotografie der 1920er Jahre fanden in zahlreichen Bereichen Anwendung. Das Medium wurde zu einem integralen Bestandteil des modernen Lebens und der Massenkommunikation.

Fotografie in Presse und Illustration

Der wachsende Bedarf an visuellen Inhalten für Zeitungen, Zeitschriften und illustrierte Bücher war ein Haupttreiber für die Entwicklung der Fotografie. Fotojournalismus erlebte in den 1920er Jahren einen Aufschwung. Die neuen Kameras ermöglichten es Fotografen, schneller und unauffälliger zu arbeiten und so das Geschehen einzufangen, wie es sich ereignete. Die sachliche, direkte Bildsprache des 'Neuen Sehens' eignete sich perfekt, um Informationen klar und prägnant zu vermitteln.

Werbung und Industrie

Auch in der Werbung erkannte man schnell das Potenzial der modernen Fotografie. Klare, scharfe Aufnahmen von Produkten oder industriellen Prozessen wirkten überzeugend und modern. Nahaufnahmen von Details konnten die Qualität und Beschaffenheit von Waren hervorheben. Die dynamischen Perspektiven zogen die Aufmerksamkeit auf sich und machten Werbeanzeigen plakativer und einprägsamer.

Wissenschaft und Forschung

Die Präzision und Detailgenauigkeit der neuen Fotografie machten sie zu einem wertvollen Werkzeug in Wissenschaft und Forschung. Mikro- und Makroaufnahmen, dokumentarische Reihen von Prozessen oder Zuständen – die Fotografie lieferte objektive visuelle Daten, die für wissenschaftliche Analysen unerlässlich waren.

Porträtfotografie

Auch die Porträtfotografie veränderte sich. Statt idealisierter oder stark retuschierter Aufnahmen strebte man nun oft nach einer sachlicheren und psychologisch tieferen Darstellung der Person. Nahaufnahmen von Gesichtern oder ungewöhnliche Ausschnitte konnten die Persönlichkeit oder den Charakter des Porträtierten auf neue Weise einfangen.

Fotografie und Propaganda

Wenngleich die 1920er Jahre primär von künstlerischer und dokumentarischer Innovation geprägt waren, zeigten sich bereits Tendenzen zur Instrumentalisierung der Fotografie für politische Zwecke. Diese Entwicklung sollte sich in den 1930er Jahren unter der nationalsozialistischen Herrschaft dramatisch verstärken, als Fotografie zunehmend als mächtiges Werkzeug der politischen Propaganda eingesetzt wurde, um Meinungen zu formen und Ideologien zu verbreiten. Die klare und direkte Sprache des 'Neuen Sehens', ursprünglich für dokumentarische Zwecke entwickelt, erwies sich als besonders wirksam für manipulative Botschaften.

Ausbildung und Etablierung

Die wachsende Bedeutung der Fotografie spiegelte sich auch in ihrer Etablierung an Bildungseinrichtungen wider. Fotografie wurde nun nicht mehr nur als Handwerk betrachtet, sondern zunehmend als eigenständige Kunstform und wichtiges Kommunikationsmittel. Die Aufnahme von Fotografie in Lehrpläne an Berufsschulen und Kunstakademien trug dazu bei, die Qualität und das theoretische Fundament des Mediums zu heben und eine neue Generation von Fotografen auszubilden.

Bedeutung und Einfluss

Die Fotografie der 1920er und frühen 1930er Jahre war eine Ära des Aufbruchs und der Neuerfindung. Das 'Neues Sehen' war nicht nur ein Stil, sondern eine Haltung, die die Möglichkeiten der Fotografie neu definierte. Es beeinflusste nicht nur die künstlerische Fotografie, sondern prägte auch maßgeblich die visuelle Sprache von Presse, Werbung und Dokumentation.

Die Werke dieser Zeit, oft festgehalten in historischen Magazinen, Fotobüchern und Postern, zeugen noch heute von dieser kreativen Explosion. Sie zeigen eine Welt im Wandel, eingefangen mit einem neuen, scharfen Blick. Die Experimente mit Perspektive, Ausschnitt und Licht schufen Bilder, die auch fast hundert Jahre später nichts von ihrer Kraft und Modernität verloren haben.

Ein Blick auf die Ära in Ausstellungen

Die Bedeutung dieser Periode wird auch durch Ausstellungen gewürdigt, die sich speziell der Fotografie der 1920er und '30er Jahre widmen. Solche Ausstellungen, wie beispielsweise jene, die vom 30. Juni bis 24. Oktober 2021 im Städel Museum stattfand, bieten die Möglichkeit, originale Werke zu betrachten und die Vielfalt und den Einfluss des 'Neuen Sehens' unmittelbar zu erleben. Solche Schauen sind oft in thematische Sektionen unterteilt, die die verschiedenen Anwendungsbereiche der Fotografie in der Zwischenkriegszeit beleuchten – von der Pressefotografie über die Wissenschaft bis hin zur Porträtkunst und den Anfängen der politischen Propaganda. Sie zeigen die Breite des Schaffens und die Experimentierfreude der Fotografen dieser prägenden Jahre.

Häufig gestellte Fragen zur Fotografie der 1920er Jahre

Q: Was bedeutet 'Neues Sehen'?

A: 'Neues Sehen' war eine Ästhetik und Haltung in der Fotografie der 1920er Jahre, die sich durch ungewöhnliche Perspektiven (wie steile Winkel und Nahaufnahmen), eine klare, direkte und sachliche Bildsprache sowie einen Fokus auf Realismus und Detailtreue auszeichnete. Es war ein Aufruf zu einer neuen Art des Sehens und Abbildens der Welt.

Q: Welche technologische Entwicklung war in den 1920er Jahren besonders wichtig für die Fotografie?

A: Die Einführung und Verbreitung der 35mm Kamera war ein entscheidender Katalysator. Sie bot Fotografen eine bisher ungeahnte Bewegungsfreiheit und ermöglichte spontanere und dynamischere Aufnahmen.

Q: Wofür wurde Fotografie in den 1920er Jahren hauptsächlich genutzt?

A: Fotografie fand vielfältige Anwendung, unter anderem in der Presse und Illustration, Werbung und Industrie, Wissenschaft und Forschung, sowie in der Porträtfotografie. Es war eine Zeit, in der Fotografie zu einem wichtigen Medium der Massenkommunikation wurde.

Q: Warum war Realismus in dieser Zeit so wichtig?

A: Nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs bestand in der Gesellschaft ein Bedürfnis nach Klarheit und einer unverfälschten Darstellung der Realität. Die sachliche und direkte Bildsprache des 'Neuen Sehens' entsprach diesem Wunsch nach Realismus.

Q: Gab es bereits politische Propaganda durch Fotografie in den 1920ern?

A: Ja, die Möglichkeit zur politischen Instrumentalisierung der Fotografie zeichnete sich bereits in den 1920er Jahren ab, wurde aber vor allem in den 1930er Jahren unter dem Nationalsozialismus in großem Maßstab eingesetzt.

Die Fotografie der 1920er Jahre bleibt ein faszinierendes Kapitel der Kunst- und Mediengeschichte. Sie legte den Grundstein für viele Entwicklungen, die bis heute relevant sind, und zeigte das enorme Potenzial des Mediums, die Welt nicht nur abzubilden, sondern auch zu interpretieren und zu formen.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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