Was ist gegenständliche Fotografie?

Gegenständliche Fotografie erklärt

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Wenn wir über Fotografie sprechen, denken wir oft zuerst an Bilder, die die Welt um uns herum abbilden – Landschaften, Porträts, Alltagsgegenstände. Diese Art der Darstellung, bei der wir sofort erkennen, was auf dem Foto zu sehen ist, wird gemeinhin als gegenständliche Fotografie bezeichnet. Doch hinter diesem scheinbar einfachen Begriff verbirgt sich eine vielschichtige Debatte über die Natur des Mediums selbst und darüber, wie wir Bilder wahrnehmen und interpretieren.

Was sind gegenständliche Bilder?
Es geht bei der gegenständlichen Kunst um Personen, Landschaften und Gegenstände, welche der Realität, wie sie durch uns wahrgenommen wird, entsprechen. Die gegenständliche Kunst ist aufgrund ihrer Natur zunächst unmittelbar erfassbar, wobei die Grenzen zum Abstrakten fließend sind.

Was ist gegenständliche Fotografie?

Gegenständliche Fotografie konzentriert sich auf die Abbildung von Objekten, Personen oder Szenen, die in der realen Welt existieren und für den Betrachter erkennbar sind. Im traditionellen Verständnis legt dieser Ansatz oft Wert auf formale Aspekte wie Komposition, Ästhetik, Lichtführung und Tonalität. Es geht darum, die sichtbare Realität auf eine Weise festzuhalten, die an die Traditionen der Malerei anknüpft – mit einem Fokus auf Schönheit, Harmonie und ausgewogene Proportionen.

Ein klassisches Beispiel für diese Herangehensweise ist die Arbeit von Ansel Adams. Seine beeindruckenden Landschaftsaufnahmen, wie „Tenaya Creek, Yosemite Valley, California, 1948“, sind Meisterwerke der gegenständlichen Fotografie. Adams perfektionierte die Technik, um die majestätische Schönheit der Natur einzufangen. Bei der Betrachtung seiner Bilder wird der Fokus auf die formalen Qualitäten gelegt: die perfekte Balance der Komposition, die reichen Töne, die gestochen scharfe Wiedergabe der Details. Diese Art der Fotografie zielt darauf ab, den Betrachter in die Szene eintauchen zu lassen, ein Gefühl des Vergnügens und der Absorption zu erzeugen, indem sie eine idealisierte Version der Realität präsentiert.

Hier wird Fotografie als „Repräsentation“ verstanden, ein Begriff, der in der theoretischen Diskussion, wie sie beispielsweise von Claudio Marra in „Fotografia e Pittura nel Novecento (e oltre)“ geführt wird, eine zentrale Rolle spielt. Repräsentation bedeutet in diesem Kontext, dass das Bild die Realität nicht einfach nur zeigt, sondern sie durch formale und ästhetische Mittel neu erschafft oder interpretiert. Die Auswahl des Ausschnitts, des Lichts, der Perspektive – all das sind Entscheidungen des Fotografen, die das Dargestellte formen und veredeln, ähnlich wie ein Maler seine Leinwand gestaltet.

Gegenständlich vs. Präsentativ: Ein theoretischer Gegensatz

Die theoretische Unterscheidung zwischen „Repräsentation“ und „Präsentation“ bietet einen wertvollen Rahmen, um die Geschichte der Fotografie und ihre Beziehung zur zeitgenössischen Kunst zu verstehen. Während die gegenständliche Fotografie (als Repräsentation) oft die formalen und ästhetischen Qualitäten betont, konzentriert sich die „Präsentation“ auf konzeptuelle und abstrakte Inhalte wie Wahrnehmung, Materialität und Konservierung.

Die Arbeit von Letha Wilson, wie „Glacial Sky (back to back)“, steht im Kontrast zu Adams' Ansatz und kann als Beispiel für „Präsentation“ gesehen werden. Obwohl auch Wilson sich mit Landschaften und der natürlichen Umwelt beschäftigt, liegt der Wert ihrer Arbeit nicht in der formalen Schönheit oder einer idealisierten Darstellung. Stattdessen fokussiert sie sich auf die direkte „Präsentation“ der Realität und das konzeptuelle Potenzial der Fotografie.

Wo Adams den Blick in die Weite schweifen lässt und eine idyllische Szene der Natur zeigt, präsentiert Wilson einen einfachen, nahen Ausschnitt eines Felsens. Es gibt keine ausgewogene Komposition, die den Betrachter in eine ideale Dimension entführt. Stattdessen zwingt die Nahaufnahme des Felsens den Blick zur Ruhe, zur Auseinandersetzung mit der rohen, banalen Materialität des Gesteins. Selbst die Schnitte im Papier, die den Himmel offenbaren, dienen nicht der Erweiterung des Blickfelds im traditionellen Sinne, sondern machen die physische Beschaffenheit des Kunstwerks selbst – des Papiers – zum Thema.

Diese „Präsentation“ der Realität erinnert an Marcel Duchamps „Fountain“ von 1917, bei dem ein banales Ready-made, ein Urinal, als Kunstwerk präsentiert wurde. Beide Ansätze – die präsentative Fotografie und das Ready-made – stellen die traditionellen Vorstellungen von künstlerischer Meisterschaft und der Schaffung von etwas Neuem in Frage. Sie legen den Fokus auf das Objekt selbst oder auf die rohe, uninterpretierte Realität, anstatt auf eine ästhetische Nachbildung oder Interpretation.

Die indexikalische Natur der Fotografie

Die Kunsttheoretikerin Rosalind Krauss beleuchtet in ihrem Werk „La Photographique“ eine weitere wichtige theoretische Perspektive, die die Unterscheidung zwischen Repräsentation und Präsentation untermauert: die indexikalische Natur der Fotografie. Krauss argumentiert, dass Fotografie oft fälschlicherweise nach Kriterien beurteilt wird, die für andere Kunstformen typisch sind, insbesondere nach ihrem ikonischen Aspekt – der Ähnlichkeit mit dem Dargestellten.

Nach dem Philosophen Charles Peirce, von dem Krauss den Begriff „Index“ entlehnt, gibt es drei Arten von Zeichen: das Symbol, das Ikon und den Index. Während ein Ikon sein Objekt durch Ähnlichkeit repräsentiert (wie ein Porträtgemälde), steht ein Index in einer direkten, kausalen oder physikalischen Beziehung zu seinem Objekt. Ein Rauchzeichen ist ein Index für Feuer; ein Fußabdruck ist ein Index für eine Person, die dort gegangen ist.

Fotografie, so Krauss, ist im Wesentlichen indexikalisch. Das fotografische Bild entsteht durch einen physikalisch-chemischen Prozess, bei dem Licht vom Objekt auf das lichtempfindliche Material trifft. Das Bild ist eine Spur, ein direkter Abdruck der Realität zu einem bestimmten Zeitpunkt. Diese direkte Verbindung zur Wirklichkeit unterscheidet die Fotografie von der Malerei, die die Realität interpretiert und nachbildet.

Die Fotografie präsentiert die Realität an sich, ähnlich wie Duchamps Ready-made einen Gegenstand des Alltags direkt präsentiert. Anstatt einer Interpretation der Realität, wie sie ein Gemälde bietet, erleben wir eine Verschiebung, eine Präsentation des Banalen oder des Rohen. Das erklärt, warum viele von Wilsons Fotografien als skulpturale Objekte präsentiert werden – um ihre physische Präsenz, ihr Gewicht, ihre Fähigkeit, Raum einzunehmen, zu betonen und die konventionelle, illusionäre Darstellung des dreidimensionalen Raums in einem zweidimensionalen Bild zu durchbrechen.

Was sind gegenständliche Bilder?
Es geht bei der gegenständlichen Kunst um Personen, Landschaften und Gegenstände, welche der Realität, wie sie durch uns wahrgenommen wird, entsprechen. Die gegenständliche Kunst ist aufgrund ihrer Natur zunächst unmittelbar erfassbar, wobei die Grenzen zum Abstrakten fließend sind.

Die indexikalische Natur der Fotografie macht sie zu einer „Botschaft ohne Code“, wie es der Philosoph Roland Barthes formulierte. Das Bild zeigt etwas, ohne den Kontext vollständig zu erklären. Es ist gleichzeitig Anwesenheit und Abwesenheit, direkt und doch rätselhaft. Dieser Aspekt lädt den Betrachter zur Reflexion über die Verbindung zwischen dem Dargestellten und seiner eigenen Welt und Wahrnehmung ein.

Das Formlose und die Deklassierung des Ideals

Die theoretische Auseinandersetzung mit der Fotografie als Präsentation findet auch eine Parallele in Georges Batailles Konzept des „Formlosen“ (das Formlose). Bataille definierte das Formlose nicht streng, sondern beschrieb seine Aufgabe: die Deklassierung der traditionellen formalen Kategorien, die zur Beschreibung und zum Verständnis von Kunst verwendet werden. Das Formlose ist ein Prozess der Dekonstruktion, der Risse und Dissonanzen in die idealisierten Konstruktionen der Realität einführt.

Es negiert nicht nur ästhetische Kategorien, sondern transgressive sie, schafft eine Öffnung, eine Wunde. Die Essenz des Formlosen ist eine Bewegung zwischen dem Ideal und dem Realen. Dies wird deutlich im Vergleich zwischen Wilsons „Glacial Sky“ und Adams' „Tenaya Creek“. In der ästhetischen Tradition wird der Fels oft im Kontext einer idealisierten Landschaft dargestellt, die zum Träumen und zur Kontemplation einlädt (wie bei Adams). Wilsons Fels hingegen repräsentiert das Anti-Traum, die Anti-Weite, die Anti-Idealisierung.

Das Formlose zeigt sich auch in Wilsons Handlung, das Bild zu zerschneiden. Dies unterbricht die kontemplative Betrachtung des Felsens und macht die Materialität des Bildträgers – des Papiers – zu einem ästhetischen Element der Komposition. Es ist eine Bewegung, die die Landschaft von einem idealisierten Raum zu einer rohen Materialität deklassiert.

Bataille beschreibt eine ähnliche Bewegung in seinem Artikel „Der große Zeh“. Dieser Körperteil symbolisiert die Polarität des menschlichen Lebens: Mit den Füßen im Schlamm, aber dem Kopf im Licht, streben die Menschen nach Erhebung und dem Ideal, während ihre Füße sie an das Niedrige und Unreine binden. Der große Zeh ist einerseits das, was uns aufrecht gehen lässt (menschlich), andererseits erinnert er uns an das Erdige, Schmutzige (ignoble). Diese Spannung zwischen dem Streben nach dem Ideal und der unvermeidlichen Verhaftung im Materiellen spiegelt sich in der Konfrontation mit Wilsons Bild wider, das den Blick vom Himmel weg, zur Erde zieht, in eine Katabasis zu den materiellen Aspekten der Existenz.

Die Debatte um Fotografie als Kunst

Die Unterscheidung zwischen Repräsentation und Präsentation, sowie die indexikalische Natur, sind eng mit der historischen Debatte verbunden, ob Fotografie überhaupt als Kunstform gelten kann. Kritiker wie Charles Baudelaire sahen in der Fotografie während des Pariser Salons von 1859 lediglich eine mechanische Wiederholung der Realität, der es an Kreativität mangelte. Er nannte sie „der Zufluchtsort aller gescheiterten Maler mit zu wenig Talent oder zu faul, um ihre Studien zu beenden.“

Aus dieser Perspektive war die direkte Abbildung der Realität durch die Fotografie banal und vorhersehbar. Die Arbeit des Künstlers bestand für Baudelaire darin, neue Realitäten und fantastische Welten zu erfinden. Die Fotografie, die einfach das Vorhandene kopierte, schien diesem Ideal nicht zu entsprechen.

Die Verbindung zwischen Fotografie und Ready-made liegt darin, dass beide Ansätze die Vorstellung herausfordern, dass Kunstfertigkeit und die Transformation der Materie durch den Künstler entscheidend sind. Sowohl die Fotografie (in ihrer indexikalischen Präsentation) als auch das Ready-made präsentieren etwas, das bereits existiert, ohne offensichtliche künstlerische Bearbeitung. Dies führte zu ähnlichen Vorurteilen gegenüber beiden Formen.

Durch die Untersuchung, wie Fotografie nicht nur als formale Repräsentation, sondern auch als direkte Präsentation der Realität verstanden werden kann, eröffnen sich zwei unterschiedliche Zugänge zur Kunst. Während die Sprache der Fotografie aus repräsentativer Sicht eng mit Komposition, Technik (Objektiv, Fokus, Belichtung) verbunden ist, folgt sie als Präsentation anderen Parametern. Hier schaffen konzeptuelle Kategorien wie Wahrnehmung, Erinnerung und Materialität Bedeutung und Wert.

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „gegenständliche Fotografie“ in ihrem gängigen Verständnis oft mit der Idee der „Repräsentation“ verbunden ist – der ästhetischen und formalen Abbildung erkennbarer Objekte und Szenen, oft mit dem Ziel, Schönheit und Harmonie hervorzuheben. Dieser Ansatz steht in der Tradition der Malerei und zielt darauf ab, den Betrachter in eine idealisierte Realität eintauchen zu lassen.

Dem gegenüber steht die „Präsentation“, ein Ansatz, der die Materialität des Mediums, das Konzept hinter dem Bild und die rohe, unidealisierten Aspekte der Realität in den Vordergrund rückt. Theoretiker wie Marra, Krauss und Bataille helfen uns, diese Unterscheidung zu verstehen und die tiefere Natur der Fotografie als indexikalisches Medium zu erkennen, das gleichzeitig Anwesenheit und Abwesenheit ist.

Die Debatte um die künstlerische Legitimität der Fotografie spiegelt diese Spannungen wider. Indem wir jedoch die Vielfalt der fotografischen Praxis – von der klassischen gegenständlichen Darstellung bis zur konzeptuellen Präsentation – anerkennen, können wir das reiche Spektrum dieses faszinierenden Mediums voll und ganz schätzen.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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