Die Geschichte der Bolschewiki ist untrennbar mit der russischen Revolution und dem Aufstieg des Kommunismus im 20. Jahrhundert verbunden. Ihr Name, der wörtlich „Mehrheitler“ bedeutet, ist das Ergebnis eines entscheidenden Moments in der frühen Geschichte der russischen Sozialdemokratie. Doch wie entstand diese radikale Fraktion, und wie gelangte sie zur absoluten Macht in Russland?
Ihre Wurzeln liegen tief in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR), einer Partei, die Anfang des 20. Jahrhunderts verschiedene Flügel vereinte, die sich der zaristischen Autokratie entgegenstellten. Die entscheidende Spaltung, die zur Entstehung der Bolschewiki als eigenständiger Kraft führte, ereignete sich auf dem 2. Parteitag der SDAPR im Jahr 1903, der zunächst in Brüssel und dann in London stattfand. Hier trafen die unterschiedlichen Vorstellungen über die Organisation und die Ziele der Partei aufeinander.

Ursprünge im Parteitagstreit von 1903
Auf diesem richtungsweisenden Parteitag forderte Wladimir Iljitsch Lenin eine radikale Umgestaltung der SDAPR. Er plädierte für eine straff organisierte, revolutionäre Kaderpartei, die fähig sein sollte, die Zarenherrschaft durch eine Revolution zu stürzen. Diese Vorstellung stieß auf Widerstand bei anderen Parteimitgliedern, die eine breitere, eher westlich orientierte sozialdemokratische Massenpartei bevorzugten.
Die Namensgebung „Bolschewiki“ (Mehrheitler) und „Menschewiki“ (Minderheitler) entsprang einer spezifischen Abstimmung auf diesem Parteitag. Bei der Wahl zum Redaktionskollegium der Parteizeitung „Iskra“ konnte Lenins Fraktion eine knappe Mehrheit der Stimmen erringen. Dies geschah teilweise auch deshalb, weil zuvor die Delegierten des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes den Saal verlassen hatten. Obwohl diese Abstimmung nur einen Moment auf dem Parteitag widerspiegelte und die Leninsche Fraktion in den meisten anderen Fragen sowie über längere Zeit hinweg tatsächlich in der Minderheit war, prägte der Begriff „Bolschewiki“ fortan die Eigenbezeichnung des radikalen Flügels um Lenin, während die gemäßigte Fraktion unter Julius Martow als Menschewiki bekannt wurde.
Trotz des Namens hatten die Menschewiki bis zum endgültigen faktischen Auseinanderbrechen der SDAPR im Jahr 1912 die tatsächliche Mehrheit innerhalb der Gesamtpartei. Auf der 6. Parteikonferenz in Prag im Jahr 1912 vollzog sich schließlich die formelle Trennung, und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (Bolschewiki) konstituierte sich als eigenständige Partei.
Der Weg zur Macht: Krieg und Revolution
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 wurde zu einem Katalysator für den Aufstieg der Bolschewiki. Während viele sozialistische Parteien in Europa die Kriegsanstrengungen ihrer jeweiligen Regierungen unterstützten, verurteilten die Bolschewiki die Beteiligung Russlands scharf. Sie betrachteten den Krieg als imperialistische Aggression, die den Interessen der Arbeiterklasse zuwiderlief. Diese Position, obwohl anfänglich unpopulär, gewann an Bedeutung, als die zaristische Armee im Laufe des Krieges immer mehr schwere Rückschläge erlitt und die Belastung für die russische Bevölkerung unerträglich wurde.
Die Februarrevolution von 1917 führte zum Sturz des Zaren und zur Bildung einer Provisorischen Regierung, die jedoch die unpopuläre Kriegsteilnahme nicht beendete. Dies schuf ein politisches Vakuum und eine wachsende Unzufriedenheit, die die Bolschewiki geschickt nutzten. Sie gewannen zunehmend an Einfluss in den Arbeiterräten (Sowjets), insbesondere im wichtigen Petrograder Sowjet. Bis zum Sommer 1917 stellten sie dort die stärkste Fraktion und bald darauf mit Leo Trotzki den Vorsitzenden.
Ihre Popularität wuchs, da sie einfache, klare Parolen ausgaben, die den Bedürfnissen der Massen entsprachen: „Frieden, Land und Brot“. Sie forderten das sofortige Ende des Krieges, die Verteilung von Land an die Bauern und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter. Diese Forderungen standen im Gegensatz zur Politik der Provisorischen Regierung.
Die Oktoberrevolution und die Alleinherrschaft
Mit der wachsenden Unterstützung in den Sowjets und im Revolutionären Militärkomitee, dessen Mehrheit sie erlangten, organisierten die Bolschewiki schließlich den bewaffneten Aufstand. Am 25. Oktober (julianischer Kalender) bzw. 7. November 1917 (gregorianischer Kalender) übernahmen bewaffnete Rotgardisten im Zuge der Oktoberrevolution strategische Punkte in Petrograd und stürzten die Provisorische Regierung. Bald darauf lösten sie auch die Konstituierende Versammlung auf, ein demokratisch gewähltes Parlament, in dem die Bolschewiki nicht die Mehrheit hatten.
Durch diese Aktionen wurden die Bolschewiki de facto zur allein herrschenden Macht im gesamten Russland. Die Oktoberrevolution markierte den Beginn einer neuen Ära und die Etablierung eines Staates unter der Kontrolle einer kommunistischen Partei.

Der Russische Bürgerkrieg
Die Machtübernahme der Bolschewiki stieß auf erheblichen Widerstand und führte zum blutigen Russischen Bürgerkrieg, der etwa von 1918 bis 1922 dauerte. Auf der einen Seite stand die sozialistische Rote Armee der Bolschewiki, auf der anderen die sogenannte Weiße Armee, eine heterogene Koalition aus Teilen des alten zaristischen Militärs, Freiwilligen, die die Monarchie oder eine nicht-bolschewistische Regierung wiederherstellen wollten, sowie die Tschechoslowakische Legion und Interventionstruppen verschiedener ausländischer Mächte (Westmächte, Japan, Polen), die eine Ausbreitung des Bolschewismus fürchteten.
Im Bürgerkrieg setzten die Bolschewiki auf die von Leo Trotzki mit Hilfe ehemaliger zaristischer Offiziere aufgebaute und nach dem Vorbild westlicher Armeen organisierte Rote Armee. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten und zahlreicher Fronten gelang es der Roten Armee, die verschiedenen gegnerischen Kräfte zu besiegen. Die Bolschewiki gingen mit großer Härte gegen sogenannte Konterrevolutionäre vor. Der Krieg war von erheblichem Terror auf beiden Seiten und hinter den Fronten gekennzeichnet.
Während des Bürgerkriegs verfolgten die Bolschewiki auch eine radikale Wirtschaftspolitik, den sogenannten Kriegskommunismus. Diese Politik beinhaltete die Verstaatlichung fast aller Unternehmen, die strenge zentrale Kontrolle der Wirtschaft und die Zwangseinziehung landwirtschaftlicher Produkte von den Bauern. Der Kriegskommunismus führte zu extremen Versorgungsengpässen, Hungersnöten und breitem Widerstand in der Bevölkerung, was zu zahlreichen Aufständen führte. Angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen und sozialen Lage sahen sich die Bolschewiki 1921 gezwungen, den Kriegskommunismus durch die Neue Ökonomische Politik (NEP) abzulösen, die wieder mehr marktwirtschaftliche Elemente zuließ.
Außenpolitisch versuchten die Bolschewiki, ihre Revolution in Westeuropa zu exportieren, da sie dies als notwendig für das langfristige Überleben Sowjetrusslands ansahen. Es gab daher intensive Kontakte zu revolutionären und linkssozialistischen Gruppen in Ländern wie Deutschland, beispielsweise zur USPD und der Spartakusgruppe.
Bis 1922 gelang es den Bolschewiki, fast den gesamten Osten des riesigen russischen Reiches unter ihre Kontrolle zu bringen und den Bürgerkrieg zu ihren Gunsten zu entscheiden.
Entwicklung der Partei und Namenswechsel
Die Partei der Bolschewiki durchlief im Laufe ihrer Konsolidierung mehrere Namensänderungen. Auf ihrem VII. Parteikongress, der vom 6. bis 8. März 1918 stattfand, benannten sich die Bolschewiki in Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki), kurz KPR(B), um. Dieser Name signalisierte ihren Anspruch, eine kommunistische und keine bloß sozialdemokratische Partei mehr zu sein.
Nach der Gründung der Sowjetunion und der Vereinigung mit den bolschewistisch-kommunistischen Parteien der Ukraine, Belarus' und Transkaukasiens wurde die Partei 1925 erneut umbenannt in Kommunistische Allunions-Partei (Bolschewiki), abgekürzt WKP(B). Dieser Name trug der föderalen Struktur der Sowjetunion Rechnung und betonte den unionsweiten Charakter der Partei. Der Zusatz „(Bolschewiki)“ wurde erst später, unter Josef Stalin, fallen gelassen.
Das Erbe und das Ende des Begriffs
Nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere seit den späten 1940er Jahren, wurde der Begriff „Bolschewismus“ von anglo-amerikanischen Politikern oft als Sammelbegriff für die Ideologie des Leninismus bzw. Marxismus-Leninismus oder allgemeiner für den Kommunismus verwendet. In der Nachkriegszeit nahm die Häufigkeit der Verwendung des Begriffs „Bolschewismus“ im politischen Diskurs jedoch zunehmend ab. Stattdessen trat der allgemeinere Begriff „Kommunismus“ in den Vordergrund.

Im Rahmen des stark ideologisierten Ost-West-Konflikts wurde das Bild vom „Kommunismus“, ähnlich dem Bild vom „Bolschewismus“ vor 1945, maßgeblich vom Antikommunismus geprägt. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts im Jahr 1990 verlor der Bolschewismus als politisches Phänomen in der internationalen Politik seine Bedeutung. Der interne Anspruch der KPdSU (der Nachfolgepartei der WKP(B)) als richtungsweisendes Vorbild für alle Formen des Kommunismus wurde hinfällig.
Der Begriff „Bolschewismus“ wird heute primär in historischem Kontext verwendet, um die spezifische Ideologie, Organisation und Praxis der Partei unter Lenin und während der frühen Sowjetzeit zu beschreiben, sowie in Bezug auf die historische Phase, in der diese Bezeichnung gebräuchlich war. Zeitweise wurde Sowjetrussland vom Westen herablassend als „Bololand“ bezeichnet.
Bolschewiki vs. Menschewiki: Ein Vergleich
Die Spaltung von 1903 war ideologisch und organisatorisch tiefgreifend. Hier sind die Hauptunterschiede, die sich aus dem Parteitag ergaben und die zukünftigen Wege der beiden Fraktionen prägten:
| Merkmal | Bolschewiki | Menschewiki |
|---|---|---|
| Führende Persönlichkeit(en) | Wladimir Lenin | Julius Martow |
| Parteikonzept | Straff organisierte Kaderpartei von Berufsrevolutionären | Breitere Mitgliederpartei, eher offen |
| Weg zur Revolution | Sofortiger Sturz des Zaren durch Revolution | Eher schrittweiser Übergang nach bürgerlicher Revolution |
| Rolle der Arbeiterklasse | Führende Rolle unter der Führung der revolutionären Partei | Aktive Rolle, aber breitere Bündnisse möglich |
| Haltung zum Liberalismus | Strikte Abgrenzung | Zeitweise Bündnisse mit liberalen Kräften in Betracht gezogen |
| Mehrheit 1903 (Abstimmung) | Knappe Mehrheit (Name!) | Minderheit (Name!) |
| Tatsächliche Mehrheit (bis 1912) | Minderheit | Mehrheit |
Häufig gestellte Fragen
Wie entstanden die Bolschewiki?
Die Bolschewiki entstanden 1903 auf dem 2. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) als radikaler Flügel um Wladimir Lenin. Der Name „Bolschewiki“ (Mehrheitler) rührt von einer spezifischen Abstimmung her, bei der Lenins Fraktion eine knappe Mehrheit erreichte, obwohl sie in der Partei insgesamt oft in der Minderheit war. 1912 formierten sie sich als eigenständige Partei.
Wann kamen die Bolschewiki an die Macht?
Die Bolschewiki kamen im Oktober (November) 1917 durch die Oktoberrevolution an die Macht. Sie stürzten die Provisorische Regierung und lösten später die Konstituierende Versammlung auf, wodurch sie de facto die alleinige Herrschaft in Russland übernahmen.
Was war der Unterschied zwischen Bolschewiki und Menschewiki?
Die Bolschewiki (Lenin) strebten eine straff organisierte Kaderpartei und den sofortigen revolutionären Sturz des Zaren an. Die Menschewiki (Martow) bevorzugten eine breitere Mitgliederpartei und einen schrittweiseren Übergang, oft nach einer bürgerlichen Revolution. Die Namen spiegelten eine knappe Abstimmung von 1903 wider, nicht unbedingt die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse über längere Zeit.
Was war der Russische Bürgerkrieg?
Der Russische Bürgerkrieg (ca. 1918–1922) war ein Konflikt zwischen der Roten Armee der Bolschewiki und verschiedenen antibolschewistischen Kräften (der Weißen Armee, ausländischen Interventionstruppen, etc.) nach der Oktoberrevolution um die Kontrolle über Russland.
Was bedeutet der Begriff 'Bolschewismus' heute?
Heute hat der Begriff „Bolschewismus“ in der internationalen Politik kaum noch Bedeutung. Er wird hauptsächlich in historischem Kontext verwendet, um die spezifische Phase der Partei unter Lenin und die frühe Sowjetzeit zu beschreiben, und manchmal als Synonym für den frühen Kommunismus sowjetischer Prägung.
Die Geschichte der Bolschewiki ist die Geschichte einer radikalen Minderheit, die durch strategische Entscheidungen, das Ausnutzen günstiger Umstände und rücksichtslose Machtpolitik einen riesigen Staat eroberte und das 20. Jahrhundert maßgeblich prägte, bevor der Begriff selbst an Bedeutung verlor.
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