Die Geschichte von Praktiker ist eine Erzählung über Aufstieg, Fall und eine überraschende Wiedergeburt. Viele erinnern sich noch lebhaft an den berühmten Werbeslogan „20 Prozent auf alles – außer Tiernahrung“, der jahrelang die deutsche Werbelandschaft prägte. Praktiker war mehr als nur ein Baumarkt; es war eine Institution für Heimwerker in ganz Deutschland und darüber hinaus. Doch die Ära der großen, blau-gelben Märkte fand im Jahr 2013 ein abruptes Ende, als das Unternehmen in die Insolvenz schlitterte. Was geschah mit dem einst so bekannten Namen, und wie konnte er Jahre später wieder auftauchen?
Gegründet im Jahr 1978, begann die Praktiker-Geschichte bescheiden unter dem Namen „bâtiself“ in Luxemburg. Schnell expandierte das Unternehmen unter der Konzernmutter Asko Deutsche Kaufhaus AG (später Metro) nach Deutschland. Durch die Übernahme zahlreicher kleinerer Baumarktketten wie BayWa-Märkte, Wickes, Realkauf, BLV, Massa, MHB, Huma, Extra, Bauspar und Wirichs wuchs Praktiker rasant und etablierte sich als wichtiger Player im deutschen Baumarktsegment. Auch international expandierte Praktiker früh, mit ersten Märkten in Griechenland, Polen, Ungarn und der Türkei.

Der Aufstieg und der berühmte Slogan
Das schrittweise eingeführte Discountprinzip ab 1982, gekrönt vom aggressiven Dauerrabatt „20 Prozent auf alles“, war lange Zeit das Markenzeichen von Praktiker. Dieser Slogan verhalf der Marke zu enormer Bekanntheit, lockte Kunden mit dem Versprechen ständiger Schnäppchen und setzte die Konkurrenz unter Druck. Praktiker ging 1995 als Teil der Asko-Gruppe durch die Fusion mit Metro Cash & Carry in die Metro AG über und gehörte fortan mehrheitlich zum größten europäischen Handelskonzern. Im Jahr 2005 brachte die Metro AG Praktiker erneut an die Börse, reduzierte aber schrittweise ihre Anteile.
Ein weiterer bedeutender Schritt war die Übernahme der Baumarktkette Max Bahr im Jahr 2007. Praktiker verfolgte fortan eine Zwei-Marken-Strategie: Praktiker als Discountmarke und Max Bahr als Premiummarke. Ziel war es, den Marktanteil deutlich zu steigern und zum Marktführer Obi aufzuschließen. Doch die Integration war komplex und kostspielig.
Die Krise und der tiefe Fall
Trotz der Übernahmen und der Bekanntheit geriet Praktiker ab 2009 in eine existenzielle Krise. Hohe Verluste prägten die folgenden Jahre. Die aggressive Rabattstrategie, die zwar kurzfristig Kunden anzog, drückte langfristig auf die Margen und untergrub das Vertrauen in die regulären Preise. Hinzu kamen Managementfehler und erhebliche Kosten für Beratungsdienstleistungen, die laut Berichten zwischen 2011 und Anfang 2013 rund 80 Millionen Euro verschlangen. Restrukturierungsversuche, darunter die Umflaggung vieler Praktiker-Märkte auf Max Bahr, griffen nicht. Die Schuldenlast wurde zu groß.
Am 10. Juli 2013 erklärte sich die Praktiker AG für überschuldet und zahlungsunfähig. Es folgten Insolvenzanträge für die AG und ihre inländischen Tochtergesellschaften, darunter auch Max Bahr. Das Auslandsgeschäft war zunächst nicht betroffen. Obwohl zunächst angekündigt wurde, den Betrieb aufrechtzuerhalten, wurde schnell klar, dass eine Rettung des Gesamtunternehmens unwahrscheinlich war. Insolvenzverwalter suchten nach Investoren, doch die Suche blieb erfolglos.
Das Ende der Baumarkt-Ära und die Folgen
Da kein Investor gefunden werden konnte, der die gesamte Kette oder wesentliche Teile übernehmen wollte, begann im September 2013 der Ausverkauf in den Praktiker- und Extra-Bau+Hobby-Filialen. Ende November 2013 schlossen die letzten dieser Märkte. Die Max Bahr-Märkte folgten im Februar 2014, nachdem auch hier eine Übernahme gescheitert war. Rund 20.000 Mitarbeiter standen vor einer ungewissen Zukunft. Die ehemaligen Baumarktgebäude wurden entweder von Wettbewerbern übernommen (wie die größte Filiale in Berlin-Wedding von Bauhaus) oder anderweitig genutzt, teilweise sogar als Unterkünfte für Flüchtlinge.
Auch die internationalen Tochtergesellschaften wurden nach der Insolvenz der deutschen Muttergesellschaft verkauft. Die Märkte in Luxemburg (Bâtiself), Polen, Ungarn, Griechenland, Bulgarien, Ukraine und Rumänien fanden neue Eigentümer und wurden teilweise unter der Marke Praktiker weitergeführt oder umbenannt. Die Praktiker-Konzernzentrale in Kirkel wurde nach Leerstand zu einem Polizeizentrum umgebaut.

Die Rückkehr: Praktiker als Online-Portal
Drei Jahre nach der Insolvenz, im Jahr 2016, kehrte die Marke Praktiker überraschend zurück. Allerdings nicht in Form klassischer Baumärkte. Hinter der Neugründung stecken Dirk Oschmann und Christoph Kilz, die die Namensrechte erworben haben. Beide sind erfahrene Online-Unternehmer und haben Portale wie Billigstrom.de, Raumduftshop.de oder Woxikon gegründet und aufgebaut. Ihr Ziel: Das Vertrauen in die Marke Praktiker im Online-Markt wiederaufleben zu lassen.
Das neue Praktiker.de ist kein klassischer Online-Shop, der Ware selbst verkauft und verschickt. Stattdessen agiert es als Vergleichsportal für Baumarktprodukte. Kunden können auf der Webseite nach Artikeln suchen, finden Produktinformationen und werden dann zu externen Onlinehändlern wie Amazon oder Hagebau weitergeleitet, um den Kauf dort abzuschließen. Für erfolgreiche Weiterleitungen erhalten die Betreiber von Praktiker.de eine Provision. Dieses Geschäftsmodell unterscheidet sich grundlegend von dem der alten Baumarktkette und auch von den Online-Shops der aktuellen Baumarktgrößen wie Hornbach oder Obi, die selbst in den Online-Handel investieren.
Die neuen Eigentümer sehen großes Potenzial im Online-Heimwerkermarkt, der laut Branchenschätzungen weiterhin wächst. Während der stationäre Baumarkthandel nur moderate Zuwächse verzeichnet, wächst das Online-Segment deutlich stärker. Praktiker.de positioniert sich hier als Vermittler und Preisvergleicher, mit dem Ziel, den Service um einen Marktplatz für geprüfte Händler zu erweitern.
Vergleich: Das alte Praktiker vs. Das neue Praktiker.de
Um die Transformation von Praktiker zu verdeutlichen, lohnt sich ein direkter Vergleich:
| Merkmal | Praktiker (alt) | Praktiker.de (neu) |
|---|---|---|
| Geschäftsmodell | Stationärer Baumarkt, Verkauf von Waren | Online-Vergleichsportal, Vermittlung von Angeboten |
| Standorte | Zahlreiche physische Märkte | Keine physischen Märkte, nur Online-Präsenz |
| Sortiment | Breites Sortiment in den Filialen | Breites Sortiment (ca. 6000 Produkte) zur Anzeige und zum Vergleich |
| Kaufmöglichkeit | Direkter Kauf im Markt und Online-Shop (zuletzt) | Kein direkter Kauf, Weiterleitung zu Partner-Händlern |
| Fokus | Discount-Preise, Eigenvertrieb | Preisvergleich, Vermittlungsprovision |
| Eigentümer | Zuletzt börsennotierte AG, einst mehrheitlich Metro AG | Private Online-Unternehmer (Dirk Oschmann, Christoph Kilz) |
Es ist offensichtlich, dass das neue Praktiker.de die Marke lediglich für ein völlig anderes Geschäftsmodell nutzt. Es knüpft an die Bekanntheit des Namens an, hat aber operativ nichts mit dem früheren Baumarktunternehmen zu tun.
Häufig gestellte Fragen zur Praktiker-Geschichte
Was war der berühmte Werbeslogan von Praktiker?
Der bekannteste Slogan war „20 Prozent auf alles – außer Tiernahrung“.Wann meldete Praktiker Insolvenz an?
Die Praktiker AG erklärte sich am 10. Juli 2013 für zahlungsunfähig und stellte am 12. Juli 2013 Insolvenzantrag. Die Tochter Max Bahr folgte am 25. Juli 2013.
Am 31. Juli 2018 kündigte die Charles Vögele (Austria) GmbH die gerichtliche Anmeldung von Insolvenz an. Laut Sanierungsantrag hatte die Modekette bis zuletzt 102 Filialen, davon 89 Filialen unter der Marke „Charles Vögele“ und 13 unter der Marke „OVS“. Die Firmenwebsite listete am 31. Juli 2018 nur noch 83 Filialen. Warum ging Praktiker pleite?
Hauptgründe waren die verlustreiche Discount-Strategie mit den Dauerrabatten, Missmanagement, hohe Beratungskosten und eine hohe Schuldenlast.Was geschah mit den Praktiker-Filialen?
Die meisten Praktiker- und Extra-Märkte wurden nach dem Ausverkauf Ende November 2013 geschlossen. Die Max Bahr-Märkte schlossen im Februar 2014. Einige Standorte wurden von Wettbewerbern übernommen.Ist Praktiker.de der alte Praktiker-Baumarkt online?
Nein. Praktiker.de ist ein neues Unternehmen, das 2016 gegründet wurde und lediglich die Namensrechte der Marke Praktiker nutzt. Es betreibt keine Baumärkte, sondern ist ein Online-Vergleichsportal.Was kann man auf Praktiker.de kaufen?
Man kann auf Praktiker.de selbst nichts kaufen. Die Seite listet Produkte und vergleicht Preise von Partner-Händlern. Zum Kauf wird man zu diesen Händlern weitergeleitet.Wird es jemals wieder Praktiker-Baumärkte geben?
Laut den Betreibern von Praktiker.de sind keine klassischen Baumärkte mit großen Hallen geplant. Der Fokus liegt voll und ganz auf dem Online-Geschäft.
Die Geschichte von Praktiker zeigt eindrücklich, wie sich die Handelslandschaft wandeln kann. Von einem expansiven Baumarktunternehmen, das auf physische Präsenz und aggressive Preise setzte, zur Nutzung eines bekannten Namens für ein rein digitales Geschäftsmodell. Die Marke Praktiker lebt somit im Internet weiter, wenn auch in völlig anderer Form als zu ihren Glanzzeiten. Es bleibt spannend zu sehen, ob die neuen Betreiber das Vertrauen in die Marke im Online-Bereich wiederherstellen und langfristig erfolgreich sein können.
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