Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" ist eine der bekanntesten und meistgespielten Tragikomödien des 20. Jahrhunderts. Das Stück erzählt die Geschichte der Milliardärin Claire Zachanassian, die nach Jahrzehnten der Abwesenheit in ihre verarmte Heimatstadt Güllen zurückkehrt. Ihre Ankunft löst zunächst große Hoffnungen bei den Bewohnern aus, doch schnell zeigt sich, dass ihre Motive weit komplexer und düsterer sind als erwartet. Ihre Rückkehr ist keine Heimkehr im herkömmlichen Sinne, sondern eine wohlüberlegte Inszenierung einer späten Rache, die das Fundament der kleinen Stadt erschüttern wird.

Die Figur der Claire Zachanassian, gebürtige Klara Wäscher, ist zentral für das gesamte Drama. Als junges Mädchen, im Alter von 17 Jahren, erwartete sie ein Kind von Alfred Ill. Dieser, damals 20 Jahre alt, leugnete jedoch die Vaterschaft und gewann den von Klara angestrengten Prozess mithilfe bestochener Zeugen. Gedemütigt und mittellos musste Klara ihre Heimat verlassen. Sie verlor ihre Tochter und wurde zur Prostituierten. Doch das Schicksal nahm eine Wendung, als sie einen Ölquellenbesitzer heiratete. Dieser Ehe folgten noch acht weitere, und durch Scheidungen und Erbschaften avancierte Klara Wäscher zur Multimilliardärin Claire Zachanassian. Ihre Rückkehr nach Güllen, 45 Jahre nach ihrer Vertreibung, ist der Höhepunkt eines lange geplanten Rachefeldzugs.
Warum Claire Zachanassian nach Güllen zurückkehrt
Die Hauptmotivation für Claire Zachanassians Rückkehr nach Güllen ist die Rache. Sie kommt nicht, um sich mit ihrer alten Heimat zu versöhnen oder finanzielle Hilfe aus reiner Güte anzubieten. Ihr Ziel ist es, Alfred Ill für das Unrecht zu bestrafen, das er ihr in ihrer Jugend zugefügt hat. Er hat ihre Ehre zerstört, sie ins Elend gestoßen und ihr die Zukunft genommen. Claire hat ihre Rache sorgfältig vorbereitet. Im Geheimen hat sie im Vorfeld alle Fabriken und Grundstücke in Güllen aufgekauft, um die Stadt systematisch zu ruinieren. So schafft sie die Voraussetzungen dafür, dass die Güllener empfänglich für ihr unmoralisches Angebot werden, denn Armut macht korrumpierbar. Ihre Rückkehr ist somit der letzte Schritt in einem Prozess, der Güllen wirtschaftlich bereits ruiniert hat, um es nun moralisch zu zerstören.
Güllen: Ein Spiegel der Gesellschaft
Der Ort Güllen selbst ist mehr als nur eine Kulisse; er ist ein zentrales Symbol im Stück. Zu Beginn wird Güllen als heruntergekommene, verarmte und trostlose Kleinstadt beschrieben. Früher mag der Ort Bedeutung gehabt haben, berühmt Persönlichkeiten beherbergt und florierende Geschäfte besessen haben. Doch diese Zeit ist lange vorbei. Die meisten Fabriken und Geschäfte stehen leer, selbst die Bedeutung des Bahnhofs ist geschwunden. Der Name des Ortes, Güllen, spielt offensichtlich auf „Gülle“ an, was den Zustand des moralischen und wirtschaftlichen Verfalls sinnbildlich unterstreicht. Die Güllener hoffen verzweifelt auf Hilfe von außen, auf eine Art Rettung. Sie wissen nicht, dass Claire Zachanassian genau für diesen Ruin verantwortlich ist. Güllen wird zum Schauplatz, an dem die universellen Themen des Stücks – Korruption, Gier und die Frage nach den moralischen Grundlagen der Gesellschaft – verhandelt werden.
Das Angebot: Eine Milliarde für ein Leben
Claire Zachanassian unterbreitet den Güllenern ein schockierendes Angebot: Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet. Sie fordert „Gerechtigkeit für eine Milliarde“. Die Güllener sind zunächst entrüstet und lehnen das Angebot ab. Doch die Verlockung des Geldes ist immens. Trotz der verbalen Ablehnung beginnen die Bewohner, über ihre Verhältnisse zu leben. Sie borgen sich Geld, die Kaufleute gewähren Kredite, und alle verhalten sich so, als stünde der Wohlstand bereits vor der Tür. Der Bürgermeister gibt den Bau eines neuen Stadthauses in Auftrag, der Pfarrer kauft eine neue Glocke. Überall in der Stadt tauchen nagelneue, gelbe Schuhe auf – ein deutliches Symbol für den beginnenden Konsumrausch und die Aussicht auf Gold. Dieser schleichende Prozess zeigt, wie der Widerstand gegen das unmoralische Angebot bröckelt und die Gier die Oberhand gewinnt.
Die Charaktere und ihre Entwicklung
Die Figuren in „Der Besuch der alten Dame“ sind sorgfältig gezeichnet, um die zentralen Themen des Stücks zu verdeutlichen.

- Claire Zachanassian: Einst die gedemütigte Klara Wäscher, nun die mächtige, reiche alte Dame. Sie ist geprägt von ihrem Rachewunsch und nutzt ihr Vermögen, um die Menschen zu manipulieren. Ihre Figur ist grotesk überzeichnet (mit Prothesen, einem exotischen Tross aus Ex-Ehemännern, Butler, Dienern und Eunuchen), was ihre Entmenschlichung durch das erlittene Leid und den erworbenen Reichtum unterstreicht.
- Alfred Ill: Der männliche Protagonist. In seiner Jugend war er verantwortungslos und feige. Zu Beginn des Stücks ist er ein angesehener Bürger, der auf die Nachfolge des Bürgermeisters hofft. Mit Claires Ankunft wird er zum Gejagten. Er durchläuft einen Prozess der Läuterung, erkennt seine Schuld und stellt sich am Ende seinem Schicksal. Er wird zum tragischen Helden, der als Einziger eine moralische Entwicklung zeigt, während die Masse verfällt.
- Die Familie Ill: Alfred Ills Frau Mathilde, Tochter Ottilie und Sohn Karl fallen ebenfalls dem Konsumrausch zum Opfer. Trotz anfheuchelter Solidarität beginnen auch sie, teure Dinge zu kaufen (Pelzmantel, Auto, Tennisunterricht). Ihre Handlungen zeigen, dass selbst die engsten Bindungen der Versuchung des Geldes nicht standhalten.
- Der Polizist, der Pfarrer, der Lehrer: Diese Figuren repräsentieren die Säulen der Gesellschaft – Recht und Ordnung, Religion, Bildung. Sie alle erweisen sich als korrumpierbar. Der Polizist drückt ein Auge zu, wo es nötig ist. Der Pfarrer kann Ill nur zur Flucht raten, um die Gemeinde nicht in Versuchung zu führen. Nur der Lehrer, der sich als Humanist versteht, spricht die Wahrheit aus, allerdings nur, wenn er betrunken ist und somit nicht ernst genommen wird.
Die Güllener als kollektive Figur repräsentieren die Masse, die sich vom Wohlstand locken lässt und bereit ist, ihre Moral für materiellen Gewinn zu opfern. Sie inszenieren die Tötung Ills als Akt der Gerechtigkeit und der Annahme einer Stiftung, um ihr Gewissen zu beruhigen und die Fassade zu wahren.
Interpretation: Tragikomödie und Gesellschaftskritik
Dürrenmatt bezeichnet sein Stück als „tragische Komödie“. Er verbindet Elemente der antiken Tragödie (Verhängnis, Schuld, Rache, Opfer, Chöre) mit Mitteln der Komödie und Groteske (überzeichnete Figuren, sprechende Namen wie Güllen/Gülden, Zachanassian, Ill, Klara Wäscher, die fast identischen Namen von Claires Begleitern wie Koby, Loby, Roby, Toby, Boby, Moby, Hoby, Zoby). Diese Mischung erzeugt eine eigene, spezifische Theaterkonzeption.
Das Stück ist eine scharfe Kritik an der westlichen Wohlstandsgesellschaft und der menschlichen Bereitschaft, sich an Unmenschliches zu gewöhnen. Dürrenmatts Biograf Peter Rüedi spricht treffend von der „Geburt des allgemeinen Wohlstandes aus einer kollektiv verdrängten Schuld“. Das Drama zeigt, wie schnell moralische Prinzipien aufgegeben werden, wenn der materielle Anreiz groß genug ist. Es stellt die radikale Frage nach dem Ursprung der Moral und legt offen, dass jede Gesellschaft, jede Masse, zur Korruption fähig ist.
Die universelle Karriere des Stücks
„Der Besuch der alten Dame“ wurde kurz nach seiner Uraufführung 1956 im Schauspielhaus Zürich weltberühmt und wird bis heute rund um den Globus gespielt. Die universelle Thematik von Gier, Schuld und Rache machte es in verschiedenen kulturellen und politischen Kontexten relevant.
In Deutschland, nur ein Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde das Stück oft als Spiegel der Nachkriegsgesellschaft verstanden, die sich im Wirtschaftswunder befand und kollektive Schuld verdrängte. Verfilmungen gab es am Broadway (1958) und in Hollywood (1964, mit Ingrid Bergman und Anthony Quinn), wobei letztere ein ambivalentes Happy End zeigte, mit dem Dürrenmatt nicht glücklich war.

Auch in den realsozialistischen Ländern fand das Stück Anklang und wurde als Kritik am Kapitalismus interpretiert, konnte aber gleichzeitig als Kritik am Kommunismus gelesen werden, indem es die Doppelmoral der sowjetischen Utopie aufdeckte. Der russische Journalist Igor Petrov beschrieb den „mörderischen Eindruck“, den das Stück auf ihn machte, da es die moralischen Grundlagen der Gesellschaft radikal in Frage stellte.
Eine bemerkenswerte Adaption ist der senegalesische Film „Hyènes“ von Djibril Diop Mambéty aus dem Jahr 1992. Der Regisseur versetzte die Handlung in eine von Armut geprägte Kleinstadt in der Sahelzone, blieb dem Originaltext aber sehr treu und arbeitete eng mit Dürrenmatt zusammen. Der Film verwurzelte den Plot in der Sahara und nutzte die Geschichte, um eine Desillusionierung gegenüber den neuen afrikanischen Staaten und eine Kritik an den Versuchungen des Kolonialismus und des globalisierten Kapitalismus auszudrücken. Die „Hyänen“ im Film können als Symbole für verschiedene ausbeutende Kräfte gelesen werden.
Interessanterweise stieß das Stück in der Schweiz nach seiner Uraufführung nicht nur auf ungeteilte Zustimmung. Ein Antrag auf Unterstützung für Gastspiele im Ausland wurde abgelehnt, da es nicht als „für den schweizerischen Geist charakteristisches und repräsentatives Werk“ galt – welch Ironie angesichts der universalen Bedeutung, die das Stück erlangte.
Vergleich: Güllen im Wandel
| Aspekt | Güllen vor Claire Zachanassian | Güllen nach Claire Zachanassian's Angebot |
|---|---|---|
| Wirtschaft | Verarmt, Fabriken leer, trostlos | Hoffnung auf Wohlstand, beginnender Konsumrausch, Kredite werden gewährt |
| Moral | Scheinbar intakt, bürgerlich | Bröckelt, Korruption setzt ein, Verdrängung von Schuld |
| Stimmung | Trostlos, resigniert, hoffnungslos | Aufbruchstimmung, Euphorie über den erwarteten Reichtum |
| Verhältnis zu Ill | Angesehener Mitbürger, potenzieller Bürgermeister | Gejagtes Tier, Bedrohung für den eigenen Wohlstand, Opfer |
| Symbolik des Ortes | Synonym für „Jauche“, Verfall | Streben nach „Gülden“ (Gold), Symbol für die Käuflichkeit |
Häufig gestellte Fragen
Warum kommt Claire Zachanassian nach Güllen?
Claire Zachanassian kehrt nach Güllen zurück, um sich an Alfred Ill für das Unrecht zu rächen, das er ihr vor 45 Jahren zugefügt hat, indem er die Vaterschaft für ihr gemeinsames Kind leugnete und sie ins Elend stieß. Sie will Gerechtigkeit für eine Milliarde.
Was erhoffen sich die Güllener vom Besuch der Claire Zachanassian?
Die Güllener erhoffen sich von Claires Besuch finanzielle Zuwendungen und Investitionen, die ihre verarmte Stadt wiederaufbauen und ihnen Wohlstand bringen könnten.

Welche Bedeutung hat Güllen in Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame"?
Güllen symbolisiert zunächst eine heruntergekommene, verarmte Stadt (der Name spielt auf „Gülle“ an). Im Verlauf des Stücks wird Güllen zum Schauplatz, der die universelle Korrumpierbarkeit der Gesellschaft durch Geld und die Verdrängung von Schuld darstellt. Es wird zum Synonym für jeden Ort, an dem Moral der Gier geopfert wird.
Was hat Claire Zachanassian gemacht, bevor sie nach Güllen kam?
Nachdem sie Güllen gedemütigt verlassen musste, wurde Klara Wäscher Prostituierte, verlor ihr Kind, heiratete aber später reiche Männer und wurde zur Multimilliardärin Claire Zachanassian. Im Vorfeld ihres Besuchs in Güllen kaufte sie heimlich alle wichtigen Fabriken und Grundstücke der Stadt auf, um deren Ruin herbeizuführen und die Bewohner empfänglich für ihr Angebot zu machen.
Wer sind die wichtigsten Charaktere neben Claire Zachanassian?
Der wichtigste männliche Protagonist ist Alfred Ill, der Jugendgeliebte Claires und derjenige, an dem sie Rache nehmen will. Weitere wichtige Charaktere sind die Güllener als Kollektiv, die die Moral der Gesellschaft repräsentieren, sowie Figuren wie der Bürgermeister, der Polizist, der Pfarrer und der Lehrer, die verschiedene gesellschaftliche Institutionen verkörpern und deren Korrumpierbarkeit zeigen.
Was sind die Hauptthemen des Stücks?
Die zentralen Themen sind Schuld und Sühne, Rache, die Korruption durch Gier und Geld, die Frage nach Moral und Gerechtigkeit sowie die Verdrängung kollektiver Schuld zugunsten von materiellem Wohlstand.
Am Ende des Stücks töten die Güllener Ill während einer inszenierten Versammlung. Sie rechtfertigen es als „Tod aus Freude“ über die angebliche Stiftung. Claire nimmt Ills Leichnam in einem mitgebrachten Sarg mit nach Capri, wo ein Mausoleum auf ihn wartet, und überreicht den Güllenern den Scheck. Das Stück endet mit der triumphierenden Korruption und dem Beweis, dass Geld letztlich über Moral siegen kann. Die Güllener nennen ihre Stadt nun „Gülden“, ein passender Name für einen Ort, der seine Seele für Gold verkauft hat. Dürrenmatts Stück bleibt ein zeitloses und aufrüttelndes Werk über die Abgründe der menschlichen Natur, wenn sie der Verlockung des Reichtums ausgesetzt ist.
Hat dich der Artikel Dürrenmattts Güllen: Rache, Gier und Moralverfall interessiert? Schau auch in die Kategorie Ogólny rein – dort findest du mehr ähnliche Inhalte!
