Die Präsenz des Islams in der Schweiz ist ein Thema von historischer Tiefe und aktueller Relevanz. Sie reicht weit zurück in die Geschichte, lange bevor die moderne Eidgenossenschaft überhaupt existierte, und hat sich im Laufe der Jahrhunderte durch verschiedene Phasen entwickelt. Heute ist der Islam die zweitgrösste Religion des Landes und prägt das gesellschaftliche Bild auf vielfältige Weise, was immer wieder zu Diskussionen und Debatten führt.

Historische Spuren: Die Anfänge des Islams in der Schweiz
Die frühesten bekannten Kontakte zwischen Muslimen und dem Gebiet der heutigen Schweiz sind im 10. Jahrhundert dokumentiert. Diese Begegnungen waren jedoch nicht von dauerhafter Besiedlung geprägt, sondern von militärischen Vorstössen.
Die Sarazenen im 10. Jahrhundert
In den 920er Jahren kam es zu ersten Einfällen von Arabern, oft als Sarazenen bezeichnet, aus dem südfranzösischen Fraxinetum (Provence) in das Wallis. Im darauffolgenden Jahrzehnt drangen sie weiter bis nach Churrätien vor. Ihre Expansion wurde durch einen Frieden begünstigt, den Hugo, Dux Francorum und König der Lombardei, im Jahr 941 mit ihnen schloss. Dieser Vertrag überliess ihnen formell die Kontrolle über wichtige Alpenpässe, was Hugo im Gegenzug Unterstützung gegen König Otto I. aus dem Norden sichern sollte.
Zwischen 952 und 960 beherrschten die Sarazenen nach der Schlacht bei Orbe weite Teile im Süden und Westen der Schweiz, einschliesslich des strategisch wichtigen Grossen St. Bernhard-Passes. Ihre Überfälle, auch «Razzien» genannt, reichten im Nordosten überfallartig bis nach St. Gallen und im Südosten bis nach Pontresina. Diese Phase der sarazenischen Präsenz endete um 975 mit der Eroberung ihres Brückenkopfs Fraxinetum durch provenzalische Truppen.
Es ist wichtig anzumerken, dass diese sarazenischen Vorstösse primär militärischer Natur waren. Linguistische Ableitungen einiger Walliser Ortsnamen von arabischen Bezeichnungen werden von der modernen Forschung abgelehnt, und bis heute wurden im schweizerischen Alpenraum keine archäologischen Spuren einer sarazenischen Siedlung gefunden. Es handelte sich also um eine Episode von Raubzügen und temporärer Kontrolle über Handelsrouten, nicht um eine dauerhafte Niederlassung.
Spätere kurze Auftritte
Erst Jahrhunderte später, im Jahr 1799, zogen kurzzeitig wieder grössere Gruppen von Muslimen über die Alpenpässe. Diesmal waren es Tataren, die als Teil der russischen Armeen unter Suworow und Rimski-Korsakow in der Zweiten Schlacht um Zürich gegen französische Revolutionstruppen kämpften.
Der moderne Islam in der Schweiz: Immigration und Gemeinschaftsbildung
Die heutige muslimische Gemeinschaft in der Schweiz hat ihren Ursprung hauptsächlich in den Einwanderungswellen des 20. Jahrhunderts. Nach den frühen historischen Kontakten gab es eine lange Periode, in der der Islam in der Region kaum präsent war.
Erste muslimische Einwanderer und die ersten Moscheen
Nach dem Zweiten Weltkrieg, ab 1945, kamen erste Türken in die Schweiz, vor allem um sich an schweizerischen Hochschulen ausbilden zu lassen. Viele von ihnen kehrten nach Abschluss ihres Studiums in die Türkei zurück. Parallel dazu kamen ab 1946 auch Ahmadiyya-Missionare ins Land.

Die Ahmadiyya-Gemeinschaft spielte eine wichtige Rolle bei der Etablierung sichtbarer islamischer Strukturen. Sie baute 1963 die Mahmud-Moschee in Zürich, die als erste Moschee der Schweiz gilt. Eine weitere bedeutende frühe Moschee ist die Genfer Moschee, die 1978 eröffnet wurde.
Die grossen Einwanderungswellen: Gastarbeiter und Flüchtlinge
Die muslimische Bevölkerung in der Schweiz wuchs signifikant ab den frühen 1960er Jahren. Zunächst kamen türkische Gastarbeiter, gefolgt von ihren Familien ab Mitte der 1970er Jahre. Gleichzeitig wanderten auch Gastarbeiter aus den islamisch geprägten Teilen Jugoslawiens ein.
Diese Entwicklung setzte sich fort und verstärkte sich während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien (Bosnienkrieg, Kosovokrieg) in den 1990er Jahren. Viele Menschen aus diesen Regionen flohen und suchten Schutz oder schlossen sich ihren bereits in der Schweiz lebenden Verwandten an.
Diese Einwanderungsgeschichte prägt die heutige muslimische Gemeinschaft stark. In der deutschsprachigen Zentralschweiz sind Muslime bosnischer, albanischer und türkischer Herkunft stark vertreten, während in der Romandie arabischstämmige Muslime eine grössere Rolle spielen.
Zahlen und Verteilung der muslimischen Bevölkerung
Der Islam ist heute die zweitgrösste Religion in der Schweiz nach dem Christentum.
| Jahr | Anzahl Muslime | Anteil an der Gesamtbevölkerung (>15 Jahre) |
|---|---|---|
| ca. 2007 | > 440.000 | 5,8 % |
| 2019 | ca. 392.000 | 5,5 % |
Die Zahlen aus verschiedenen Quellen können leicht variieren, aber sie zeigen eine stabile Präsenz von über 5% der Bevölkerung über 15 Jahren. Die Verteilung der muslimischen Bevölkerung ist kantonal sehr unterschiedlich. Im Jahr 2019 lag der Anteil beispielsweise in St. Gallen bei über 8 %, während er in Graubünden unter 2 % betrug. Generell leben prozentual mehr Muslime in der deutschen Schweiz und in dichter besiedelten Kantonen als in der lateinischen Schweiz und ländlicheren Kantonen. Ausnahmen bilden hier die Kantone Genf und Glarus, wo rund 7 % der Bevölkerung Muslime sind.
Moscheen und Organisationen
Schätzungen zufolge gibt es in der Schweiz etwa 250 Moscheen und Gebetsstätten. Viele davon sind sogenannte «Hinterhofmoscheen», die sich in umgebauten Räumlichkeiten befinden. Trotz der relativ grossen Anzahl an Gebetsstätten gibt es in der Schweiz nur vier Moscheen mit einem Minarett. Dies ist eine direkte Folge des Schweizer Minarettstreits und der daraus resultierenden Gesetzesänderung.

Die vier Moscheen mit Minaretten sind:
- Die Mahmud-Moschee in Zürich (Minarett errichtet 1963)
- Die Genfer Moschee (Minarett errichtet 1978)
- Die Moschee der Islamisch-Albanischen Gemeinschaft in Winterthur (Minarett errichtet 2005)
- Das Zentrum des türkischen Kulturvereins in Wangen bei Olten (Minarett errichtet 2009)
Die muslimische Gemeinschaft in der Schweiz ist kulturell und ethnisch sehr vielfältig, was sich auch in der Organisation widerspiegelt. Es gibt viele verschiedene Vereine und Gruppen, die untereinander oft wenig Kontakt pflegen. Dennoch verbessert sich ihre Organisation konstant. Seit 1989 wurden mehrere sprach- und kulturübergreifende Dachverbände gegründet.
Ein wichtiger Akteur in der Organisation ist die Türkisch Islamische Stiftung für die Schweiz (TISS), die eine Niederlassung der staatlichen türkischen Einrichtung Diyanet İşleri Başkanlığı ist. Nach eigenen Angaben sind 46 Moscheenvereine in der Schweiz der TISS angeschlossen oder werden von ihr unterstützt.
Islam in der gesellschaftlichen und politischen Debatte
Die Präsenz des Islams in der Schweiz hat in den letzten Jahren immer wieder zu intensiven öffentlichen Debatten geführt, insbesondere in Bezug auf Integration und die Vereinbarkeit mit schweizerischen Werten.
Der Schweizer Minarettstreit
Ein prägnantes Beispiel für diese Debatten war der Schweizer Minarettstreit, der ab 2006 an Fahrt aufnahm. Rechtsstreitigkeiten um den Bau oder die Erweiterung von Moscheen, insbesondere um die Errichtung von Minaretten in Wangen bei Olten, Langenthal und Wil SG, sowie Pläne für ein Islamisches Zentrum in Bern, lösten eine breite politische Mobilisierung aus.
Die Schweizerische Volkspartei (SVP) lancierte eine Eidgenössische Volksinitiative mit dem Titel «Gegen den Bau von Minaretten». Diese Initiative forderte ein landesweites Verbot des Baus von Minaretten. Bei der Volksabstimmung am 29. November 2009 wurde die Initiative mit einer deutlichen Mehrheit der Stimmen und der Stände angenommen. Das Ergebnis zeigte regionale Unterschiede, wobei die meisten Gegenstimmen aus der Westschweiz kamen. Das Minarettverbot ist seither in der Bundesverfassung verankert.
Integration und Wertefragen
Über den Minarettstreit hinaus wird intensiv über die Integration muslimischer Migranten und die Frage diskutiert, wie sich der Islam in einen säkularen Staat mit christlicher Prägung einfügt. Immer wieder wird die Kompatibilität des Islams mit hier als selbstverständlich angesehenen Werten wie Demokratie, Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung thematisiert.
Die öffentliche Anerkennung des Islams in der Schweiz ist nicht offiziell geregelt. Die Debatte kreist oft um die Frage, ob und wann eine solche Anerkennung möglich ist, wobei die erfolgreiche Integration oft als Voraussetzung genannt wird. Obwohl die Integration in der Schweiz oft als besser gelungen eingeschätzt wird als in Nachbarländern wie Deutschland oder Frankreich, wird betont, dass sie noch lange nicht formvollendet sei und Parallelstrukturen auch in der Schweiz existierten.

Aktuelle politische Äusserungen können diese Debatten weiter anfachen. So sorgte kürzlich eine Aussage eines sozialdemokratischen Bundesrats, der mit der Föderation islamischer Dachorganisationen das Fastenbrechen beging und auf Social Media «Ramadan Mubarak!» wünschte, für Diskussionen. Seine Äusserung, der Islam gehöre zur Schweiz, wurde von einigen als verklärend kritisiert, da sie die Herausforderungen bei der Integration und mögliche Konflikte mit schweizerischen Werten ausblende. Die Forderung nach integrativen Gegenleistungen wurde vermisst. Besonders sensibel wurde diese Äusserung im Kontext der Zunahme von judenfeindlichen Vorfällen seit dem 7. Oktober 2023 wahrgenommen, bei denen muslimischer Antisemitismus thematisiert wird. Die Gleichsetzung von (angeblichem) muslimischem Antisemitismus und (angeblicher) Islamfeindlichkeit wurde als problematisch betrachtet.
Diese Debatten zeigen, dass die Beziehung zwischen der Schweiz und dem Islam sowie seinen Anhängern ein fortlaufender Prozess ist, der sowohl historische Entwicklungen als auch aktuelle gesellschaftliche und politische Herausforderungen umfasst.
Häufig gestellte Fragen zum Islam in der Schweiz
Wann kam der Islam erstmals in die Schweiz?
Die ersten belegten Kontakte gab es im 10. Jahrhundert durch Einfälle von Sarazenen in verschiedene Regionen des heutigen Schweizer Gebiets.
Wie viele Muslime leben in der Schweiz?
Laut Schätzungen aus den Jahren 2007 und 2019 liegt die Zahl bei etwa 392.000 bis über 440.000 Personen über 15 Jahren, was einem Anteil von 5,5 % bis 5,8 % an der ständigen Wohnbevölkerung entspricht.
Sind Minarette in der Schweiz erlaubt?
Nein, der Bau neuer Minarette ist in der Schweiz seit der Annahme der Volksinitiative im Jahr 2009 verboten. Es existieren jedoch vier Minarette, die vor diesem Verbot errichtet wurden.
Ist der Islam in der Schweiz offiziell anerkannt?
Nein, der Islam ist in der Schweiz, einem säkularen Staat mit christlicher Prägung, nicht offiziell als Landeskirche oder ähnliches anerkannt.
Woher stammen die meisten Muslime in der Schweiz?
Die meisten Muslime in der Schweiz stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien (insbesondere Bosnien und Kosovo) und der Türkei. In der Romandie gibt es auch eine stärkere Präsenz von Muslimen arabischer Herkunft.
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