Der Meeresspiegel verändert sich ständig – das ist an sich nichts Neues in der Erdgeschichte. Doch der aktuell beobachtete, dramatische Anstieg, begleitet von der fortschreitenden Versauerung der Ozeane, stellt eine extreme Entwicklung dar. Interessanterweise steigt der Meeresspiegel nicht überall auf der Welt gleichmäßig an, wie man es vielleicht von einer Badewanne erwarten würde. Vielmehr gibt es erhebliche regionale Unterschiede, weshalb Wissenschaftler oft von „Meeresspiegeln“ im Plural sprechen. Gerade für dicht besiedelte Küstenregionen weltweit, einschließlich der norddeutschen Küsten, können diese Veränderungen immense und weitreichende Folgen haben.

Die Hauptursachen des Meeresspiegelanstiegs
Hinter dem Phänomen des steigenden Meeresspiegels verbergen sich mehrere komplexe Faktoren. Neben einer Vielzahl kleinerer Einflüsse gibt es zwei Hauptursachen, die maßgeblich zum aktuellen Anstieg beitragen:
1. Die thermische Ausdehnung des Meerwassers
Eine der primären Triebkräfte ist die Erwärmung der Ozeane. Wasser dehnt sich aus, wenn es sich erwärmt. Aufgrund des globalen Temperaturanstiegs, der hauptsächlich durch den menschengemachten Klimawandel verursacht wird, nimmt die Temperatur des Meerwassers zu. Diese Erwärmung führt dazu, dass sich das Wasservolumen vergrößert und der Meeresspiegel allein durch diesen Effekt ansteigt. Dieser Prozess ist ein direkter physikalischer Mechanismus, der untrennbar mit der globalen Erwärmung verbunden ist.
2. Das Schmelzen von Land-Eis
Eine weitere entscheidende Ursache ist das Schmelzen von Eis auf dem Land. Dazu gehören die großen Eisschilde auf Grönland und in der Antarktis sowie die weltweiten Gletscher in Gebirgsregionen. Wenn dieses Land-Eis schmilzt, fließt das Schmelzwasser in die Ozeane und erhöht so deren Gesamtvolumen. Das Schmelzen von Gletschern und Eisschilden hat in den letzten Jahrzehnten rapide zugenommen. Wissenschaftliche Daten zeigen, dass das Abschmelzen von Land-Eis für einen sehr großen Teil des aktuellen Meeresspiegelanstiegs verantwortlich ist – einige Studien sprechen von etwa 70%.
Es ist wichtig zu verstehen, dass das Schmelzen von schwimmendem Meereis, wie dem arktischen Packeis, nur einen sehr geringen Beitrag zum globalen Meeresspiegelanstieg leistet. Da dieses Eis bereits im Wasser schwimmt, verdrängt es bereits sein Gewicht in Wasser. Sein Schmelzen verändert den Meeresspiegel kaum (ein sehr geringer Effekt ergibt sich aus dem Unterschied im Salzgehalt zwischen Süßwasser-Eis und Salzwasser-Ozean). Der kritische Faktor ist das Eis, das sich auf dem Land befindet und dessen Schmelzen zusätzliches Wasser in die Ozeane bringt.
Regionale Unterschiede und zusätzliche Faktoren
Wie bereits erwähnt, steigt der Meeresspiegel nicht überall gleich an. Neben den globalen Hauptursachen gibt es regionale und lokale Faktoren, die den relativen Meeresspiegel beeinflussen:
Lokales Absinken des Landes (Subsidenz)
In einigen Küstenregionen sinkt das Land ab. Dies kann natürliche Ursachen haben, wird aber oft durch menschliche Aktivitäten verstärkt. Die übermäßige Entnahme von Grundwasser, beispielsweise für Trinkwasser oder landwirtschaftliche Bewässerung, kann dazu führen, dass sich die darunter liegenden Bodenschichten verdichten und das Land darüber absinkt. Ähnliche Effekte können durch die Entnahme von Öl und Erdgas auftreten. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Tokio, das aufgrund von Grundwasserentnahmen bereits um vier Meter abgesunken ist. Dieses Absinken des Landes führt zu einem relativen Anstieg des Meeresspiegels an diesem spezifischen Ort, selbst wenn der globale Meeresspiegel konstant bliebe.
Isostasie
Die Isostasie beschreibt das Gleichgewicht der Erdplatte auf dem darunter liegenden Mantel. Dieses Gleichgewicht kann durch Auflasten oder Entlastungen gestört werden, was zu vertikalen Bewegungen der Erdkruste führt.
- Glazio-Isostasie: Während der Eiszeiten wurden Landmassen von riesigen Eisschilden belastet, was zu einem Absinken der Kruste führte. Nach dem Abschmelzen des Eises (wie nach der letzten Eiszeit) hebt sich das Land langsam wieder an (postglaziale Hebung). In Regionen, die einst von Eis bedeckt waren (z.B. Skandinavien, Teile Nordamerikas), steigt das Land noch heute an, was den relativen Meeresspiegel dort senken kann. In den Randbereichen dieser ehemaligen Eisschilde kann das Land hingegen absinken.
- Hydro-Isostasie: Ähnlich wie Eis belastet auch Wasser die Erdkruste. Wenn der Meeresspiegel steigt, nimmt die Wasserlast auf dem Meeresboden zu. Dies kann zu einem Absinken des Meeresbodens und der angrenzenden Küstenbereiche führen, was wiederum den relativen Meeresspiegel erhöht.
Diese isostatischen Anpassungen sind langsame Prozesse, die über Jahrtausende wirken, aber einen signifikanten Einfluss auf die regionalen Meeresspiegelveränderungen haben können.
Veränderungen der Ozeanströmungen und Windmuster
Auch die Verteilung von Wärme und Wasser durch Ozeanströmungen und Windmuster kann regionale Unterschiede im Meeresspiegel verursachen. Änderungen in diesen Mustern, die ebenfalls durch den Klimawandel beeinflusst werden können, führen dazu, dass sich das Wasser in bestimmten Regionen stärker oder schwächer ansammelt.
Historischer Kontext: Meeresspiegelveränderungen in der Erdgeschichte
Um den aktuellen Anstieg einordnen zu können, ist ein Blick in die Vergangenheit hilfreich. Der Meeresspiegel war in der Erdgeschichte selten konstant, sondern hat sich über geologische Zeiträume dramatisch verändert.

Sehr lange Zeiträume (Millionen Jahre)
Über Millionen von Jahren haben Veränderungen in der Form und im Volumen der Ozeanbecken sowie die Verteilung der Kontinente den globalen Meeresspiegel beeinflusst. Plattentektonik, die Bildung und das Auseinanderdriften von Kontinenten sowie die vulkanische Aktivität am Meeresboden verändern die Tiefe der Ozeanbecken. Phasen mit vielen jungen, flachen Ozeanböden führten zu höheren Meeresspiegeln, während Phasen mit viel alter, dichter Ozeanlithosphäre zu tieferen Becken und niedrigeren Meeresspiegeln führten. Über die längsten Zeiträume der Erdgeschichte war der durchschnittliche Meeresspiegel oft deutlich höher als heute.
Glazial-Interglazial-Zyklen (letzte Millionen Jahre)
In den letzten Millionen Jahren wurde der Meeresspiegel maßgeblich von den Zyklen zwischen Kaltzeiten (Eiszeiten) und Warmzeiten (Interglazialen) bestimmt. Während der Kaltzeiten wurde enormes Wasservolumen als Eis auf den Kontinenten gebunden, was zu einem globalen Absinken des Meeresspiegels führte. Während des Höhepunkts der letzten Eiszeit (Last Glacial Maximum, LGM) vor etwa 20.000 Jahren lag der globale Meeresspiegel etwa 130 Meter tiefer als heute. Während der Warmzeiten schmolzen die Eismassen ab und der Meeresspiegel stieg wieder an.
Die letzte Abschmelzphase (ca. 19.000 bis 8.000 Jahre vor heute)
Nach dem LGM begann eine Phase des raschen Abschmelzens der kontinentalen Eisschilde. In dieser Zeit stieg der Meeresspiegel mit sehr hohen Raten an. Es gab Phasen besonders schneller Anstiege, sogenannte Schmelzwasserpulse. Meltwater Pulse 1A (ca. 14.600-14.300 Jahre vor heute) führte zu einem Anstieg von etwa 13,5 Metern in nur wenigen Jahrhunderten. Meltwater Pulse 1B (ca. 11.400-11.100 Jahre vor heute) brachte einen Anstieg von etwa 7,5 Metern in noch kürzerer Zeit. Diese Ereignisse zeigen, dass der Meeresspiegel in der Vergangenheit auch ohne menschlichen Einfluss sehr dynamisch sein konnte.
Die letzten 6.000 Jahre
Für die jüngere Vergangenheit, insbesondere die letzten 6.000 Jahre, konnten Wissenschaftler, unter anderem vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, den Meeresspiegel im zentralen Pazifik mit bisher unerreichter Präzision (zentimetergenau) rekonstruieren. Sie nutzten dafür fossile Mikroatolle von speziellen Korallen (Gattung Porites), die direkt an der Wasseroberfläche wachsen. Die Datierung erfolgte mittels Uran-Thorium-Methode.
Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass der Meeresspiegel in Französisch-Polynesien zwischen 6.000 und 4.000 Jahren vor heute zunächst stetig anstieg und einen Höchststand von etwa einem Meter über dem heutigen Niveau erreichte. Seitdem sank der Meeresspiegel wieder ab, was zur Entstehung vieler tropischer Korallen-Atolle beitrug. Dieser Anstieg und Abfall in den letzten 6.000 Jahren spiegelt komplexe Wechselwirkungen wider, einschließlich des Schmelzens von Eiskappen und der Dynamik des antarktischen Packeises sowie isostatischer Effekte. Die Daten deuten darauf hin, dass der Meeresspiegel in den letzten 6.000 Jahren nur für relativ kurze Zeiträume (maximal 300 Jahre) stabil war und ansonsten eine hohe Dynamik aufwies. Selbst nach dem Höhepunkt der Sonneneinstrahlung vor 6.000 Jahren stieg der Meeresspiegel noch um 1,5 bis 2,5 Meter an, vermutlich durch Beiträge von schmelzendem Packeis aus der Antarktis.
Die letzten Jahrhunderte
Nach der Abschmelzphase und einer relativ stabilen Periode in den letzten Jahrtausenden (mit geringen natürlichen Schwankungen) begann der Meeresspiegel ab dem 19. Jahrhundert wieder deutlich anzusteigen. Geologische Beobachtungen und lange Messreihen von Pegelstationen zeigen, dass die Rate des Anstiegs im 20. Jahrhundert (durchschnittlich 1,7 ± 0,5 mm pro Jahr) deutlich höher war als in den 2.000 Jahren zuvor (durchschnittlich 0,0-0,2 mm pro Jahr). Seit 1880 ist der Meeresspiegel global um insgesamt etwa 210 mm (21 cm) gestiegen.
Aktuelle Situation und Ausblick
Satellitenmessungen seit Anfang der 1990er Jahre liefern präzise Daten über den globalen Meeresspiegelanstieg. Die Rate liegt aktuell bei etwa 3,4 mm pro Jahr (Stand frühe 2000er Jahre), wobei eine Beschleunigung des Anstiegs beobachtet wird. Dieser moderne Anstieg, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts an Fahrt aufnimmt, ist in seiner Geschwindigkeit beispiellos im Vergleich zu den letzten mindestens 2.500 Jahren.
Die Hauptursache für diesen beschleunigten Anstieg ist der menschengemachte Klimawandel, der zu einer Erwärmung der Ozeane und einem verstärkten Abschmelzen von Gletschern und Eisschilden führt. Die Unsicherheitsmargen bei den Messungen (oft mit einem ± Wert angegeben) spiegeln die natürliche Variabilität des Meeresspiegels sowie die Genauigkeit der Messinstrumente wider.
Zukünftige Projektionen hängen stark davon ab, wie sich die globalen Treibhausgasemissionen entwickeln und welche Maßnahmen zur Reduzierung ergriffen werden. Nach aktuellen Berechnungen (basierend auf dem GEOMAR-Text) könnten die Ozeane bis Ende dieses Jahrhunderts um 80 bis 180 Zentimeter höher liegen, wobei diese Zahlen regionale Entwicklungen abbilden und stark von den Emissionsszenarien abhängen. Dies hätte dramatische Folgen für Millionen von Menschen, die in Küstennähe leben, sowie für Küstenökosysteme.

Vergleich der Einflussfaktoren auf den Meeresspiegel
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über verschiedene Faktoren, die den Meeresspiegel beeinflussen können, und ihre typische Reichweite und vertikale Wirkung:
| Langfristige Ursache | Reichweite des Effekts | Vertikale Wirkung (typische Rate) |
|---|---|---|
| Veränderung des Volumens der Ozeanbecken (Plattentektonik, Meeresboden-Spreizung, Vulkanismus) | Eustatisch (Global) | 0,01 mm/Jahr |
| Sedimentation im Meer | Eustatisch (Global) | < 0,01 mm/Jahr |
| Veränderung der Masse des Ozeanwassers (Schmelzen/Akkumulation von kontinentalem Eis) | Eustatisch (Global) | 10 mm/Jahr (potenziell) |
| Beitrag Grönland (20. Jh.) | Eustatisch (Global) | 0,0 - 0,1 mm/Jahr |
| Beitrag Antarktis (20. Jh.) | Eustatisch (Global) | 0,39 - 0,79 mm/Jahr |
| Postglaziale Anpassung (Landhebung nach Eiszeit) | Lokal | 10 mm/Jahr (potenziell) |
| Hydro-Isostasie (Last des Wassers) | Lokal | |
| Tektonische Hebung/Absenkung | Lokal | 1 - 3 mm/Jahr |
| Sedimentverdichtung (bes. in Deltas) | Lokal | < 4 mm/Jahr |
| Verlust von Porenflüssigkeiten (Grundwasser-/Ölentnahme) | Lokal | ≤ 55 mm/Jahr (extrem) |
Hinweis: Die Raten sind typische Werte oder potenzielle Maxima über bestimmte Zeiträume und können stark variieren. Der aktuelle Anstieg ist eine Kombination mehrerer dieser Faktoren, dominiert durch thermische Ausdehnung und Eisschmelze.
Häufig gestellte Fragen zum Meeresspiegelanstieg
Was sind die Hauptgründe für den aktuellen Meeresspiegelanstieg?
Die zwei Hauptgründe sind die thermische Ausdehnung des Meerwassers durch Erwärmung und das Abschmelzen von Eis auf dem Land (Gletscher und Eisschilde).
Steigt der Meeresspiegel überall auf der Welt gleich an?
Nein, es gibt erhebliche regionale Unterschiede. Diese hängen von Faktoren wie lokalen Absenkungen des Landes (z.B. durch Grundwasserentnahme), postglazialer Landhebung und Veränderungen der Ozeanströmungen ab. Wissenschaftler sprechen daher oft von „Meeresspiegeln“ im Plural.
Wie schnell steigt der Meeresspiegel im Moment?
Laut Satellitendaten lag die Rate Anfang der 2000er Jahre bei etwa 3,4 Millimetern pro Jahr. Die Rate hat sich im Vergleich zu den vorindustriellen Jahrhunderten deutlich beschleunigt.
Hat sich der Meeresspiegel in der Erdgeschichte schon immer verändert?
Ja, der Meeresspiegel hat sich über Jahrmillionen und Jahrtausende hinweg stark verändert, beeinflusst durch Eiszeiten, Plattentektonik und andere natürliche Prozesse. Der Unterschied heute ist die Geschwindigkeit des Anstiegs und seine Hauptursache im menschengemachten Klimawandel.
Trägt das Schmelzen von Meereis (wie am Nordpol) zum Meeresspiegelanstieg bei?
Das Schmelzen von schwimmendem Meereis hat nur einen sehr geringen direkten Einfluss auf den Meeresspiegel, da das Eis bereits Wasser verdrängt. Entscheidend für den Anstieg ist das Schmelzen von Eis, das sich auf dem Land befindet (Gletscher, Eisschilde).
Welche Rolle spielen lokale Faktoren wie Grundwasserentnahme?
Die Entnahme von Grundwasser oder Öl kann dazu führen, dass das Land in Küstennähe absinkt. Dies erhöht den relativen Meeresspiegel an diesem spezifischen Ort und verstärkt die Auswirkungen des globalen Anstiegs.
Wie hoch war der Meeresspiegel vor Tausenden von Jahren?
Vor etwa 20.000 Jahren, während des Höhepunkts der letzten Eiszeit, lag der Meeresspiegel etwa 130 Meter tiefer als heute. Vor etwa 6.000 bis 4.000 Jahren lag er im zentralen Pazifik kurzzeitig etwa einen Meter höher als heute, bevor er wieder sank.
Fazit
Der aktuelle Meeresspiegelanstieg ist ein komplexes Phänomen, das sowohl von globalen als auch von regionalen Faktoren beeinflusst wird. Während natürliche Schwankungen den Meeresspiegel in der Erdgeschichte immer wieder verändert haben, ist die Geschwindigkeit und die Hauptursache des gegenwärtigen Anstiegs – die menschengemachte Erwärmung der Ozeane und das beschleunigte Schmelzen von Land-Eis – beispiellos in der jüngeren geologischen Vergangenheit. Die regionalen Unterschiede im Anstieg und lokale Effekte wie Landabsenkungen verschärfen die Bedrohung für viele Küstengemeinden weltweit. Das Verständnis dieser Ursachen ist entscheidend, um die potenziellen Auswirkungen zu bewerten und Anpassungsstrategien zu entwickeln.
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