Wie wird die Nationalversammlung in Frankreich gewählt?

Geburt der Nationalversammlung 1789

Rating: 4.73 (9040 votes)

Die Entstehung der Nationalversammlung im Jahr 1789 war ein Wendepunkt in der französischen Geschichte und markierte den eigentlichen Beginn der Französischen Revolution. Dieses Ereignis war keine plötzliche Entwicklung, sondern das Ergebnis langjähriger Spannungen, wirtschaftlicher Krisen und des wachsenden Unmuts über die überholte Ständegesellschaft und die absolutistische Herrschaft König Ludwigs XVI.

Wie kam es zur Nationalversammlung der Französischen Revolution?
Am 17. Juni 1789 erklärten sich die Vertreter des dritten Standes zur Nationalversammlung, nachdem König Ludwig XVI. die Abstimmung nach Köpfen verweigert hatte (siehe dazu die Einberufung der Generalstände). Mit knapper Mehrheit schlossen sich Adel und Klerus schließlich an.

Frankreich befand sich Ende des 18. Jahrhunderts in einer tiefen Krise. Hohe Schulden aus Kriegen, darunter die Unterstützung der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, sowie die verschwenderische Hofhaltung in Versailles hatten den Staat an den Rand des Bankrotts gebracht. Missernten verschärften die Lage der Bevölkerung, trieben die Lebensmittelpreise in die Höhe und führten zu weit verbreiteter Armut und Unzufriedenheit, insbesondere unter den einfachen Leuten.

Um die dringend benötigten Finanzen zu sanieren, sah sich König Ludwig XVI. gezwungen, neue Steuern zu erheben. Das Problem war jedoch, dass die beiden privilegierten Stände – der Klerus und der Adel – von der Steuerpflicht weitgehend befreit waren, während die Hauptlast auf dem sogenannten Dritter Stand lastete. Eine Änderung dieser Situation erforderte die Zustimmung der Generalstände, einer Versammlung von Vertretern aller drei Stände, die seit 1614, also seit 175 Jahren, nicht mehr einberufen worden war.

Die Einberufung der Generalstände und das Problem der Abstimmung

Im August 1788 kündigte Ludwig XVI. die Einberufung der Generalstände für das Frühjahr 1789 an. Dies weckte große Hoffnungen, insbesondere im Dritter Stand, der rund 97-98% der französischen Bevölkerung ausmachte. Dieser Stand umfasste alle nicht-privilegierten Bürger, von reichen Kaufleuten und Juristen bis hin zu Handwerkern, Bauern und Tagelöhnern.

Die Wahl der Abgeordneten wurde nach Ständen organisiert. Klerus und Adel durften jeweils 300 Vertreter entsenden, während dem Dritter Stand mit 600 Abgeordneten die doppelte Anzahl zugestanden wurde. Obwohl dies eine zahlenmäßige Stärkung des Dritten Standes darstellte, lag das Kernproblem im Abstimmungsmodus. Traditionell wurde bei den Generalständen nach Ständen abgestimmt: Jeder Stand hatte eine einzige Stimme, unabhängig von der Zahl seiner Abgeordneten. Das bedeutete, dass der Klerus und der Adel mit ihren zwei Stimmen den Dritten Stand mit seiner einen Stimme leicht überstimmen konnten, selbst wenn dessen Vertreter die Mehrheit der Bevölkerung repräsentierten und in der Versammlung zahlenmäßig überlegen waren.

Die Vertreter des Dritten Standes, viele davon gebildete Juristen und Intellektuelle, erkannten, dass dieses System jede echte Mitsprache verhinderte. Ihre zentrale Forderung war daher die Abstimmung nach Köpfen, also dass jeder einzelne Abgeordnete eine Stimme haben sollte. Bei insgesamt 1200 Abgeordneten (300 Klerus, 300 Adel, 600 Dritter Stand) hätte der Dritte Stand so eine reale Chance gehabt, seine Interessen durchzusetzen, da einige liberale Adlige und Geistliche bereit waren, sich ihm anzuschließen.

Wie kam es zur Nationalversammlung der Französischen Revolution?
Am 17. Juni 1789 erklärten sich die Vertreter des dritten Standes zur Nationalversammlung, nachdem König Ludwig XVI. die Abstimmung nach Köpfen verweigert hatte (siehe dazu die Einberufung der Generalstände). Mit knapper Mehrheit schlossen sich Adel und Klerus schließlich an.

Die Eröffnung der Generalstände am 5. Mai 1789 in Versailles war von Spannung geprägt. Während die Vertreter des Klerus in ihren prunkvollen Gewändern und die des Adels in eleganter Kleidung erschienen, mussten die Abgeordneten des Dritter Stand schlichte schwarze Kleidung tragen – eine sichtbare Demonstration der sozialen Hierarchie. Sofort nach der Eröffnung entzündete sich der Streit um das Abstimmungsverfahren. Der Dritte Stand weigerte sich, die Arbeit aufzunehmen, solange die Abstimmung nach Ständen beibehalten wurde. Sie bestanden auf einer gemeinsamen Sitzung aller drei Stände und der Abstimmung nach Köpfen. Klerus und Adel, die ihre Privilegien verteidigen wollten, lehnten dies ab.

Die mutige Erklärung: Geburt der Nationalversammlung

Nach wochenlangen ergebnislosen Verhandlungen und dem Beharren des Königs auf der alten Ordnung trafen die Abgeordneten des Dritter Stand eine revolutionäre Entscheidung. Auf Anregung des einflussreichen Abbé Emmanuel Joseph Sieyès, der selbst als Vertreter des Dritten Standes gewählt worden war, erklärten sie sich am 17. Juni 1789 zur Nationalversammlung (Assemblée nationale). Diese Erklärung war ein Akt von immenser politischer Bedeutung. Die Abgeordneten sahen sich nicht länger als Vertreter ihres spezifischen Standes, sondern als Vertreter der gesamten französischen Nation. Sie beanspruchten damit die politische Souveränität für das Volk und stellten sich über den König und die überholte Ständeordnung.

Sie luden die Vertreter der anderen Stände ein, sich ihnen anzuschließen. Tatsächlich folgten in den folgenden Tagen immer mehr liberale Angehörige des Klerus und einige fortschrittliche Adlige diesem Aufruf und schlossen sich der neu gebildeten Nationalversammlung an. Der König und der konservative Teil der privilegierten Stände waren empört und versuchten, die Entwicklung aufzuhalten.

Der Schwur im Ballhaus von Versailles

König Ludwig XVI. reagierte auf die Erklärung zur Nationalversammlung, indem er den Versammlungssaal des Dritten Standes (Salle des Menus Plaisirs) unter dem Vorwand notwendiger Reparaturen schließen ließ. Sein Ziel war es, die Abgeordneten an einer weiteren Zusammenkunft zu hindern und sie zur Rückkehr zur alten Ordnung zu zwingen.

Doch die Abgeordneten ließen sich nicht einschüchtern. Am 20. Juni 1789 versammelten sie sich in einer nahegelegenen Sporthalle, dem königlichen Ballhaus (Jeu de Paume) in Versailles. Dort legten sie einen feierlichen Eid ab, der als Ballhausschwur in die Geschichte einging. Sie schworen, sich niemals zu trennen und sich überall zu versammeln, wo es die Umstände erfordern würden, bis sie eine Verfassung für das Königreich ausgearbeitet und auf festen Grundlagen errichtet hätten.

Der Ballhausschwur war ein weiterer revolutionärer Akt. Er proklamierte nicht nur den Anspruch der Versammlung, die Nation zu vertreten, sondern auch das Ziel, Frankreich eine Verfassung zu geben. Damit erklärten sich die Abgeordneten de facto zur Verfassungsgebende Nationalversammlung (Assemblée nationale constituante). Sie beanspruchten die Macht, die politische Struktur des Landes grundlegend zu verändern, und stellten sich damit endgültig gegen den absolutistischen Herrschaftsanspruch des Königs.

Wie kam es zum Ballhausschwur?
Auslöser für den Schwur war die politische "Scheinmacht" des Dritten Standes gegenüber dem Adel und des Klerus bei der Versammlung der Generalstände bezüglich der Steuerreform am 05. Mai 1789. Der Dritte Stand forderte eine gemeinsame Beratschlagung aller Stände und eine Abstimmung nach Köpfen und nicht nach Ständen.

Königliches Nachgeben und die Etablierung der Versammlung

Der Widerstand der Nationalversammlung und der Ballhausschwur setzten den König unter enormen Druck. Versuche, die Versammlung mit militärischer Gewalt aufzulösen, scheiterten am Widerstand der Abgeordneten und der wachsenden Solidarität in der Bevölkerung. Angesichts der entschlossenen Haltung der Abgeordneten und der Gefahr weiterer Unruhen musste Ludwig XVI. schließlich nachgeben.

Am 27. Juni 1789 befahl er auch den restlichen Abgeordneten des Klerus und des Adels, sich der Nationalversammlung anzuschließen. Damit erkannte er die Versammlung offiziell an und akzeptierte ihren Anspruch, die gesamte französische Nation zu vertreten. Am 9. Juli 1789 erklärte sich die Versammlung formell zur Verfassungsgebende Nationalversammlung.

Die Anerkennung der Nationalversammlung war ein entscheidender Sieg für den Dritter Stand und ein schwerer Schlag für das absolutistische Königtum und die Privilegien der ersten beiden Stände. Die Nationalversammlung wurde zum zentralen politischen Akteur und begann unverzüglich mit ihrer Hauptaufgabe: der Ausarbeitung einer neuen Verfassung für Frankreich. Parallel dazu brodelte es in Paris, wo Gerüchte über militärische Truppenbewegungen des Königs die Angst vor einer gewaltsamen Auflösung der Versammlung schürten. Dies mündete am 14. Juli 1789 im Sturm auf die Bastille, einem symbolträchtigen Ereignis, das die Revolution auf die breite Bevölkerung ausweitete.

Abstimmung der Generalstände vs. Nationalversammlung

Um den Kernkonflikt zu verdeutlichen, hier ein Vergleich der Abstimmungsprinzipien:

Generalstände (vorher)Nationalversammlung (nachher)
VertretungNach Ständen (Klerus, Adel, Dritter Stand)Der gesamten Nation
AbstimmungNach Stand (jeder Stand 1 Stimme)Nach Köpfen (jeder Abgeordnete 1 Stimme) - Forderung, die zur Gründung führte
ZielZustimmung zu königlichen Vorhaben (z.B. Steuern)Ausarbeitung einer Verfassung für Frankreich

Die Arbeit der Verfassungsgebende Nationalversammlung gipfelte schließlich in der Verabschiedung der Verfassung von 1791, die Frankreich in eine konstitutionelle Monarchie umwandelte. Obwohl diese Verfassung nur kurz Bestand hatte und die Revolution weitere, radikalere Phasen durchlief, legte die Gründung der Nationalversammlung im Juni 1789 den unverzichtbaren Grundstein für die Abschaffung des Ancien Régime und die Entwicklung hin zu einer modernen Gesellschaft, in der die Souveränität beim Volk liegt.

Häufig gestellte Fragen zur Entstehung der Nationalversammlung 1789

Was war der Hauptgrund für die Einberufung der Generalstände 1789?

Der Hauptgrund war die schwere finanzielle Krise Frankreichs. König Ludwig XVI. benötigte die Zustimmung der Stände, um neue Steuern zur Sanierung der Staatsfinanzen zu erheben, da die traditionellen Einnahmequellen nicht ausreichten und die Privilegierten (Klerus, Adel) kaum Steuern zahlten.

Wer gehörte dem Dritten Stand an?

Der Dritter Stand umfasste rund 97-98% der französischen Bevölkerung, darunter alle, die weder Kleriker noch Adlige waren. Dazu gehörten Bauern, Handwerker, Arbeiter, Kaufleute, Bankiers, Ärzte, Juristen, Gelehrte und arme Tagelöhner. Bei den Generalständen wurde er überwiegend von Vertretern der gebildeten Mittelschicht und des vermögenden Bürgertums repräsentiert.

Wie kam es zu der Nationalversammlung?
Die erste deutsche Nationalversammlung wurde 1848 in der Frankfurter Paulskirche einberufen, damals ohne Durchsetzungskraft gegen die monarchischen deutschen Staaten. Die Mitglieder der Nationalversammlung wurden 1919 durch allgemeine Wahlen von der Bevölkerung (ab einem Alter von 21 Jahren) über Parteilisten gewählt.

Warum war die Abstimmung nach Ständen für den Dritten Stand nachteilig?

Bei der traditionellen Abstimmung nach Ständen hatte jeder der drei Stände nur eine einzige Stimme, unabhängig von der Anzahl seiner Abgeordneten. Da der Klerus und der Adel als privilegierte Stände oft ähnliche Interessen vertraten, konnten sie den zahlenmäßig überlegenen Dritter Stand bei wichtigen Entscheidungen, insbesondere bei Steuerfragen, leicht mit 2 zu 1 Stimmen überstimmen.

Wann und warum erklärte sich der Dritte Stand zur Nationalversammlung?

Der Dritter Stand erklärte sich am 17. Juni 1789 zur Nationalversammlung, nachdem der König und die ersten beiden Stände sich wochenlang weigerten, der Forderung des Dritten Standes nach einer Abstimmung nach Köpfen nachzukommen. Diese Erklärung war ein revolutionärer Schritt, mit dem der Dritte Stand beanspruchte, die gesamte französische Nation zu vertreten und nicht nur einen einzelnen Stand.

Was besagt der Ballhausschwur?

Der Ballhausschwur wurde am 20. Juni 1789 von den Abgeordneten der Nationalversammlung im Ballhaus von Versailles geleistet. Sie schworen feierlich und unumstößlich, sich nicht zu trennen und ihre Arbeit fortzusetzen, bis sie eine Verfassung für Frankreich ausgearbeitet und verabschiedet hätten. Damit erklärten sie sich zur Verfassungsgebende Nationalversammlung.

Welche unmittelbare Folge hatte die Erklärung zur Nationalversammlung und der Ballhausschwur?

Diese Ereignisse führten zu einem direkten Konflikt mit dem König. Der Widerstand der Abgeordneten und die öffentliche Unterstützung zwangen Ludwig XVI. schließlich, die Nationalversammlung am 27. Juni 1789 anzuerkennen und die anderen Stände aufzufordern, sich ihr anzuschließen. Dies war ein fundamentaler Machtwechsel und der offizielle Beginn der neuen politischen Ordnung, die auf der Vertretung der Nation basierte.

Wurde die Monarchie durch die Nationalversammlung sofort abgeschafft?

Nein, das ursprüngliche Ziel der Nationalversammlung war nicht die sofortige Abschaffung der Monarchie. Sie strebte zunächst eine konstitutionelle Monarchie an, in der die Macht des Königs durch eine Verfassung und eine Volksvertretung (die Nationalversammlung) begrenzt wäre. Die Monarchie wurde erst später im Verlauf der Revolution, im Jahr 1792, abgeschafft.

Hat dich der Artikel Geburt der Nationalversammlung 1789 interessiert? Schau auch in die Kategorie Ogólny rein – dort findest du mehr ähnliche Inhalte!

Avatar photo

Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

Go up