In welchem Land hat der Buddhismus seinen Ursprung?

Buddhismus in Tibet: Ursprünge & Verbreitung

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Die Frage, wer den Buddhismus nach Tibet brachte, lässt sich nicht mit einer einzigen Person beantworten. Es war vielmehr ein komplexer Prozess, der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckte und das Zusammenspiel verschiedener Könige, indischer Meister, Übersetzer und der bereits vorhandenen tibetischen Kultur und Religion umfasste. Bevor die Lehren Buddhas in Tibet Fuß fassten, war dort die indigene Bön-Religion vorherrschend, eine Tradition, die bis heute existiert und im Laufe der Zeit auch synkretistische Elemente des Buddhismus aufnahm.

Wer brachte den Buddhismus nach Tibet?
Zur offiziellen Einführung des Buddhismus in Tibet als Staatsreligion kam es im 8. Jahrhundert durch König Trisong Detsen.

Bön: Tibets ursprüngliche Spiritualität

Bevor der Buddhismus in Tibet dominant wurde, war die Bön-Religion die vorherrschende spirituelle Praxis des Volkes. Die Bön-Lehren sollen sich ursprünglich vom westtibetischen Königreich Shang Shung aus verbreitet haben, bevor sie Zentraltibet und weitere Regionen erreichten. Diese Religion zeichnet sich durch eine Mischung aus naturreligiösen Vorstellungen, animistischen Praktiken und Lehren aus, die durch die spätere Vermischung mit dem tibetischen Buddhismus auch Elemente der buddhistischen Yanas, bis hin zum Tantra und Dzogchen, enthalten. Die Traditionen des „Yungdrung Bön“ und des „Neuen Bön“ ähneln dem tibetischen Buddhismus, insbesondere der Nyingma-Schule, stark. Allerdings beziehen sich die Bönpo nicht auf Buddha Shakyamuni als Gründer, sondern auf den Buddha Shenrab Miwoche, der angeblich vor 18.000 Jahren lebte.

Die ersten, legendären Spuren

Der erste Kontakt der Tibeter mit buddhistischen Lehren soll angeblich zur Zeit des 28. Königs von Tibet, Lha Thothori Nyentsen, im 5. Jahrhundert stattgefunden haben. Einer Legende nach erschien zu dieser Zeit wie durch ein Wunder eine kostbare Schatulle auf dem Dach des Königspalastes Yumbu Lagang. Diese Schatulle enthielt bedeutende buddhistische Objekte: zwei Sutra-Texte, darunter das „Karandavyuha-Sutra“ über die Wichtigkeit des Bodhisattva Avalokiteshvara, eine goldene Miniatur-Stupa, das berühmte sechssilbige Mantra Avalokiteshvaras, Om mani padme hum (in tibetischer Aussprache: Om mani peme hung), sowie weitere heilige Gegenstände. Obwohl der König die Bedeutung dieser Objekte nicht verstand, spürte er intuitiv ihre besondere Wichtigkeit und verehrte sie. Eine weniger phantastische, möglicherweise historisch genauere Darstellung besagt, dass diese Gegenstände einem indischen Mönch stammten, der versuchte, den Buddhismus einzuführen. Da er die Sprache des Königs nicht sprach und keine Übersetzer zur Verfügung standen, reiste er unverrichteter Dinge zurück nach Indien, ließ die Schatulle aber als Geschenk zurück. Die Legende erzählt weiter, dass der betagte König durch die Verehrung dieser Objekte wundersam verjüngt wurde und ein hohes Alter erreichte.

Der Buddhismus fasst Fuß: König Songtsen Gampo

Einen entscheidenden Schritt für die Etablierung des Buddhismus in Tibet stellte die Regierungszeit des zentraltibetischen Königs Songtsen Gampo (617–649) dar. Unter seiner Herrschaft begann der Buddhismus, wirklich Fuß zu fassen, auch wenn die Zahl der Buddhisten noch gering war und ihre Tempel eher schlichten Kapellen glichen. Eine Schlüsselrolle spielten dabei seine beiden buddhistischen Ehefrauen: die nepalesische Prinzessin Bhrikuti und die chinesische Prinzessin Wen Cheng. Beide waren überzeugte Buddhistinnen und beeinflussten den König maßgeblich, sich den Lehren Buddhas zuzuwenden. Auf Drängen seiner Frauen hin gründete König Songtsen Gampo zwei wichtige Heiligtümer in Lhasa, darunter den bis heute hochverehrten Jokhang-Tempel. Aufgrund seiner Verdienste um die frühe Verbreitung des Buddhismus wird Songtsen Gampo neben König Thrisong Detsen und König Relpacen zu den „Drei Dharma-Königen“ Tibets gezählt. Trotz dieser Fortschritte blieb der Bön zu dieser Zeit die vorherrschende Religion.

Die erste große Übersetzungsphase und landesweite Verbreitung

Die eigentliche landesweite Verbreitung des Buddhismus in Tibet begann im 8. Jahrhundert mit der ersten großen Übersetzungsphase buddhistischer Schriften aus dem Sanskrit ins Tibetische. Der tibetische König Thrisong Detsen, ein weiterer der „Drei Dharma-Könige“, lud in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts zwei bedeutende indische Meister nach Tibet ein, um die Lehren des Buddhismus zu verbreiten: Padmasambhava und Shantarakshita. Gemeinsam gründeten sie das erste buddhistische Kloster in Tibet, Samye-Ling. Dieses Kloster entwickelte sich schnell zu einem zentralen Lehrzentrum der damaligen Zeit und spielte eine entscheidende Rolle bei der Etablierung der monastischen Tradition. Padmasambhava widmete sich insbesondere der Lehre der tantrischen Aspekte des Buddhismus. Der Überlieferung nach bezwang er die einheimischen Geister und Dämonen Tibets, was als Erklärung dafür gilt, warum sich der Vajrayana-Buddhismus so stark in Tibet durchsetzte. Die umfassende Übersetzung des Tripitaka und der äußeren Tantras aus dieser Zeit bildet bis heute die Grundlage für die Lehrsammlungen aller tibetischen Schulen. Die aus dieser ersten Übersetzungsphase hervorgegangene Schultradition wird Nyingma genannt, was wörtlich „Die Alten“ bedeutet. Aufgrund ihres frühen Ursprungs wird sie auch als die Schule der „Alten Übersetzungen“ bezeichnet. Sie unterscheidet sich von den später entstandenen Schulen, insbesondere in Bezug auf die sogenannten inneren Tantras. Vom 8. bis zum 11. Jahrhundert war die Nyingma-Tradition die einzige buddhistische Schule in Tibet. Neben dem Kloster Samye trugen auch die einige Jahrhunderte später gegründeten Klöster Kathog, Dorje Drag, Mindrölling, Pelyül, Dzogchen und Shechen, bekannt als die „Sechs großen Sitze“ der Nyingma, maßgeblich zur Verbreitung ihrer Lehren bei.

Wer brachte den Buddhismus nach Tibet?
Zur offiziellen Einführung des Buddhismus in Tibet als Staatsreligion kam es im 8. Jahrhundert durch König Trisong Detsen.

Verfolgung und Überleben: König Lang Darma

Nach der Blütezeit der ersten Verbreitung erlebte der Buddhismus in Tibet eine dunkle Phase. König Relpacen, ebenfalls ein „Dharma-König“, hatte Reformen eingeführt, die die Macht des Landadels beschnitten und den Klöstern größeren Einfluss verschafft hätten. Dies führte zu seiner Ermordung. Sein Bruder Lang Darma, ein Anhänger der Bön-Religion, bestieg daraufhin den Thron und begann in seiner Regierungszeit (836–842) mit der systematischen Unterdrückung des Buddhismus und der Verfolgung seiner Anhänger. Die klösterliche Form des Buddhismus wurde in dieser Zeit stark zurückgedrängt. Interessanterweise soll Lang Darma die buddhistischen Yogis von der Verfolgung ausgenommen haben, nachdem er von den Wunderkräften (Siddhi) eines solchen Yogis beeindruckt war. Dies ermöglichte es den mündlichen Überlieferungslinien der „Schule der Alten Übersetzungen“ (Nyingma-Kama), die zu dieser Zeit hauptsächlich von Yogis weitergeführt wurden, die Verfolgungszeit unbeschadet zu überstehen. Eine weitere wichtige Überlebensstrategie war das Verbergen von Lehren. Guru Rinpoche (Padmasambhava), der die zukünftige Unterdrückung voraussah, und seine engsten Schüler verbargen viele tantrische Lehren als sogenannte „Verborgene Schätze“ (Terma). Diese Terma wurden in den folgenden Jahrhunderten wiederentdeckt und bildeten die Grundlage für eine Vielzahl eigenständiger Überlieferungslinien, die die Nyingma-Tradition bereicherten und am Leben erhielten.

Die zweite Verbreitung und das Aufblühen neuer Schulen

Nach der Ära der Verfolgung und einer Zeit der politischen Zersplitterung erlebte der Buddhismus in Tibet vom späten 10. bis zum 12. Jahrhundert eine Wiederbelebung, oft als „zweite Verbreitung“ oder „tibetische Renaissance“ bezeichnet. Diese Phase war geprägt von der Entdeckung der Terma und der erneuten Einladung prominenter Gelehrter und Meister aus Indien. Eine wichtige Figur dieser Zeit war Rinchen Zangpo (958–1055), ein bedeutender Übersetzer, der Tempel und Klöster gründete. Im Jahr 1042 traf der renommierte indische Meister Atiśa (982–1054 n. Chr.) in Tibet ein, eingeladen von einem westtibetischen König. Atiśa, ein bedeutender Exponent des Pāla-Buddhismus von der indischen Universität Vikramashila, wirkte später in Zentraltibet. Sein Hauptschüler, Dromtonpa, gründete die Kadampa-Schule des tibetischen Buddhismus. Aus dem Einfluss von Atiśa und der Kadampa-Schule entwickelten sich die sogenannten „Neuen Übersetzungsschulen“. Dazu gehört die Sakya-Schule, auch als „Graue Erde“-Schule bekannt, die von Khön Könchok Gyelpo (1034–1102) gegründet wurde, einem Schüler des großen Lotsawa (Übersetzers) Drogmi Shākya Yeshe. Die Sakya-Tradition, angeführt vom Sakya Trizin, führt ihre Linie auf den Mahasiddha Virūpa zurück und ist bekannt für ihre Gelehrsamkeit. Ein berühmter Vertreter war Sakya Pandita (1182–1251), ein Urenkel von Khön Könchok Gyelpo. Weitere prägende indische Lehrer, deren Lehren in dieser Zeit nach Tibet gelangten und die Grundlage für weitere Schulen bildeten, waren Tilopa (988–1069) und sein Schüler Naropa (wahrscheinlich gestorben um 1040 n. Chr.). Aus ihrer Linie entstand die Kagyu-Schule, die „Überlieferung des (Buddha-)Wortes“. Die Kagyu-Tradition ist eine mündliche Überlieferung, die großen Wert auf die meditative Erfahrung legt. Ihr wohl berühmtester Vertreter war Milarepa, ein Mystiker des 11. Jahrhunderts. Die wichtigste Untergruppe der Kagyu, die Dagpo Kagyu, führt ihre Linie auf Naropa über Marpa Lotsawa, Milarepa und Gampopa zurück.

Im 19. Jahrhundert entstand durch Meister wie Jamyang Khyentse Wangpo und Jamgön Kongtrül Lodrö Thaye die „Rime-Bewegung“. Diese nichtsektiererische Bewegung sammelte Lehren und Praktiken aus allen Regionen Tibets und von Meistern aller Traditionen, um Wettbewerb und Sektierertum unter den verschiedenen buddhistischen Schulen zu überwinden.

Häufig gestellte Fragen

Wer war der allererste Kontaktpunkt für den Buddhismus in Tibet?
Der erste Kontakt soll zur Zeit von König Lha Thothori Nyentsen im 5. Jahrhundert stattgefunden haben, entweder durch die wundersame Ankunft von Objekten oder durch einen indischen Mönch.

Warum lebt der Dalai Lama nicht mehr in Tibet?
Inthronisierung und Exil Als chinesische Truppen im Jahr 1950 in Tibet eindrangen, wurde der damals erst 15-jährige Dalai Lama in sein Amt eingesetzt. Im Jahr 1959, als die chinesische Annexion Tibets endgültig besiegelt wurde, musste der Dalai Lama unter Lebensgefahr das Land verlassen.

Wann fasste der Buddhismus wirklich Fuß in Tibet?
Unter König Songtsen Gampo im 7. Jahrhundert, maßgeblich beeinflusst durch seine buddhistischen Ehefrauen.

Wer waren die wichtigsten indischen Meister der ersten großen Verbreitung?
König Thrisong Detsen lud im 8. Jahrhundert die Meister Padmasambhava und Shantarakshita ein.

Was ist die Nyingma-Schule?
Die Nyingma ist die Schule der „Alten Übersetzungen“, die aus der ersten großen Übersetzungsphase im 8. Jahrhundert hervorging und bis zum 11. Jahrhundert die einzige buddhistische Schule in Tibet war.

Wer unterdrückte den Buddhismus in Tibet?
König Lang Darma unterdrückte im 9. Jahrhundert die klösterliche Form des Buddhismus, verfolgte aber anscheinend die Yogis nicht.

Wer brachte den Buddhismus zuerst nach Tibet?
Songtsän Gampo (7. Jahrhundert) Songtsen Gampo wird traditionell die Einführung des Buddhismus in Tibet zugeschrieben, beeinflusst von seiner nepalesischen Gemahlin Bhrikuti aus der nepalesischen Licchavi-Dynastie, sowie die Vereinigung der ehemaligen tibetischen Königreiche.

Welche neuen Schulen entstanden in der zweiten Verbreitungsphase?
In der zweiten Verbreitungsphase (ab dem späten 10. Jahrhundert) entstanden unter anderem die Kadampa-, Sakya- und Kagyu-Schulen.

Was war die ursprüngliche Religion Tibets vor dem Buddhismus?
Vor dem Buddhismus war die Bön-Religion in Tibet vorherrschend.

Zusammenfassung

Die Einführung des Buddhismus in Tibet war ein langer Prozess, der nicht von einer einzelnen Person, sondern von einer Reihe von Königen, indischen Meistern und tibetischen Gelehrten über viele Jahrhunderte hinweg vorangetrieben wurde. Beginnend mit den ersten Spuren unter König Lha Thothori Nyentsen, über die Festigung unter König Songtsen Gampo und die erste große Verbreitung und Übersetzungsphase unter König Thrisong Detsen, die zur Entstehung der Nyingma-Schule führte, erlebte der Buddhismus auch Zeiten der Verfolgung unter König Lang Darma. Die Tradition überlebte jedoch durch mündliche Überlieferungen und die Verbergung von Lehren. Die zweite Verbreitung ab dem späten 10. Jahrhundert, maßgeblich beeinflusst durch Meister wie Atiśa und die Entdeckung von Terma, führte zur Gründung der „Neuen Schulen“ wie Kadampa, Sakya und Kagyu. Dieser dynamische Prozess, der auch das Zusammenspiel und die Koexistenz mit der einheimischen Bön-Religion beinhaltete, formte die reiche und vielfältige Landschaft des tibetischen Buddhismus, wie wir sie heute kennen.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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