Die Geschichte des jüdischen Volkes ist eine von Ursprüngen in einem bestimmten Land, von Zerstreuung über den gesamten Erdball und von einer bemerkenswerten Widerstandsfähigkeit. Das ursprüngliche Land der Juden war das Land, das einst das Land des Volkes Israel war. Von dort aus verstreuten sich die Juden in alle Länder der Erde. Dieses Phänomen wird als Diaspora bezeichnet. Das Volk trug dabei eine neue Art der Religion mit sich – eine „tragbare Heimat“, wie der deutsche Dichter Heinrich Heine es treffend beschrieb. Diese Religion, die Halacha, wurde zu einem zentralen Element der jüdischen Identität, das über Jahrhunderte hinweg Bestand hatte, selbst ohne ein eigenes Staatsgebiet.

Ursprünge und die frühe Diaspora
Als Erzväter der Juden gelten Abraham, Isaak und Jakob. Sie führten westsemitische Nomadenstämme an, die vermutlich zwischen 1900 und 1500 v. Chr. lebten. Als Stifter der jüdischen Religion gilt Mose, der im Judentum als der höchste Prophet angesehen wird. Ihm wird traditionell die Verfassung der Tora zugeschrieben, die die Grundlage des jüdischen Glaubens bildet. Historische Belege für die Existenz der Erzväter oder Mose sind in der Bibel überliefert, werden aber außerhalb des orthodoxen Judentums in ihrer Historizität diskutiert. Der Auszug aus Ägypten, angeführt von Mose, und die spätere Rückkehr nach Jerusalem nach dem babylonischen Exil sind zentrale Ereignisse in der biblischen Erzählung.
Als eigentlicher Begründer des heutigen Judentums nach der Zeit des babylonischen Exils gilt Esra um 440 v. Chr. Er kehrte mit etwa 20.000 verschleppten Israeliten auf Erlass des Perserkönigs Artaxerxes I. nach Jerusalem zurück. Dort ordnete er den Tempeldienst und das Priestertum neu. Er ließ Ehen von Juden mit heidnischen Frauen scheiden, was die religiöse Identität seitdem von ähnlicher Bedeutung wie die der Herkunft machte.
Die Diaspora begann bereits mit der babylonischen Verbannung. Später entwickelte sie sich in bedeutenden Zentren jüdischer Gemeinden in Ägypten, Kyrenaika, Nordafrika, Zypern, Syrien, Kleinasien und schließlich in Griechenland und Rom. Die Juden, die in ihrer Heimat mit vielen Völkern Handel getrieben hatten, verfügten über nützliche Kenntnisse. Sie hatten Schriftkenntnisse, beherrschten viele Sprachen und waren unabhängige Beobachter. Dies ermöglichte ihnen, sich in verschiedenen Gesellschaften zurechtzufinden und Netzwerke zu bilden.
Leben in der Diaspora und Verfolgung
Das späte Mittelalter veränderte die Situation für die Juden in Europa dramatisch. Sie wurden als Volk und auch als Religion verfolgt. Die Zeiten, in denen Juden in Frieden mit ihren Nachbarn lebten, wurden kürzer und seltener. Das Leben wurde hart – mit Steuern, Einschränkungen und Demütigungen. Zudem kam es zu wiederholten Ausschreitungen und Massakern. Trotz dieser Schwierigkeiten fanden die Juden immer wieder andere Länder, die sie aufnahmen. Die Hoffnung, eine neue Heimat zu finden, flackerte immer wieder auf, sei es in Polen, Russland, Deutschland oder den Niederlanden.
Ein loser Verbund von Gemeinden entstand in der Diaspora. In jeder Gemeinde gab es jemanden, der Bekannte in benachbarten Kommunen hatte. Man traf sich auf Jahrmärkten, Messen sowie auf Studien- und Lehrwochen in den Zentren der Gelehrsamkeit. Diese Netzwerke und die gemeinsame religiöse Praxis halfen, die jüdische Identität über die geografische Zerstreuung hinweg zu bewahren.
Die Idee einer Heimat: Zionismus
Im 19. Jahrhundert entflammte eine alte Idee unter neuem Namen: der Zionismus. Viele begannen, die Juden als Nation zu sehen. Dieser Begriff war neu und weckte die Hoffnung auf ein eigenes Land. Schnell wurde deutlich, dass „Nation“ lediglich ein neuer Begriff für eine alte Hoffnung war. Seit 1800 Jahren wünschten sich die Juden das Land zurück, das einst das Land des Volkes Israel war. Die zionistische Bewegung entstand und spaltete die jüdische Welt. Konnte Zion tatsächlich mehr als ein Traum sein, besonders zu einer Zeit, als es vielen verstreuten Juden relativ gut ging?
Der Holocaust und die Gründung Israels
Die zwischenzeitliche Phase des Friedens war jedoch schnell wieder vorbei. Erneut wurde versucht, das jüdische Volk zu vernichten. Durch die Massenmorde der Nationalsozialisten, den Holocaust, starben in wenigen Jahren rund sechs Millionen Juden. Dieses unfassbare Trauma verschärfte die Notwendigkeit und den Wunsch nach einer sicheren Heimstatt.
Im Mai 1948 schließlich proklamierte David Ben Gurion den Staat Israel. Dieser Akt erfüllte die alte Hoffnung vieler Juden auf ein eigenes Land, das als sicherer Hafen dienen sollte.
Wer ist Jude? Definitionen und Identität
Die Frage „Wer ist Jude?“ hat im Judentum und im Staat Israel unterschiedliche Antworten gefunden.
Halachische Definition
Nach der Halacha, dem gesammelten jüdischen Recht, gilt als Jude, wer Kind einer jüdischen Mutter ist oder regelgerecht zum Judentum konvertiert ist (Gijur). Dieses Prinzip der Halacha wird im Talmud auf die Tora zurückgeführt. Es trug dazu bei, eine stabile Kultur und Identität über lange Zeiträume ohne eigenen Staat zu bewahren. Selbst wer einer anderen Religion folgt, kann nach dieser Definition Jude bleiben, auch wenn dies kontrovers diskutiert wurde.
Definition im Staat Israel
Im Staat Israel musste das Rückkehrgesetz von 1950, das jedem Juden das Recht zur Einwanderung gab, präzisiert werden. Nach behördlichen und gerichtlichen Auseinandersetzungen wurde es 1970 neu formuliert. Als Jude gilt seither in Israel, wer eine jüdische Mutter, Großmutter, Urgroßmutter oder Ururgroßmutter mütterlicherseits hatte oder nach orthodoxen Regeln konvertiert ist. Zusätzlich wurde das Ausschlussmerkmal „nicht einer anderen Religion angehörend“ hinzugefügt. Im offiziellen israelischen Verständnis ist „Jude“ eine Bezeichnung einer Nationalität, da alle Juden der Welt zum jüdischen Volk gehören.

Definitionen innerhalb des Judentums
Die verschiedenen Strömungen innerhalb des Judentums haben unterschiedliche Standards:
- Orthodoxes und konservatives Judentum: Folgen im Allgemeinen der traditionellen Halacha. Nur das leibliche Kind einer jüdischen Mutter oder ein regelgerecht Konvertierter gilt als jüdisch.
- Liberales und Reformjudentum: Erkennen ein Kind mit nur einem jüdischen Elternteil (Mutter oder Vater) als jüdisch an, wenn es den Standards der Gemeinschaft entsprechend als Jude aufgezogen wird.
- Jüdischer Säkularismus: Akzeptieren meist jeden, der sich selbst als Jude erklärt.
Diese unterschiedlichen Auslegungen führen zu Spannungen zwischen den Bewegungen. Für ernsthaft gemeinte Konversionen sind alle heute weit verbreiteten Formen des Judentums offen, auch wenn es Kontroversen um die Kriterien gibt.
Emigration nach Israel: Trends und Gründe
Die Geschichte der Juden in der Diaspora ist auch eine Geschichte der Migration, oft erzwungen, manchmal freiwillig. Seit der Gründung Israels gab es verschiedene Wellen der Einwanderung (Aliyah).
Die offizielle Statistik Israels ist eine wichtige Quelle, um die Herkunft der Einwanderer zu verstehen, auch wenn die Gründe nicht immer explizit genannt werden. Die Zahlen lassen jedoch Rückschlüsse zu, deren Hintergründe oft aus anderen Quellen bekannt sind.
Masseneinwanderungswellen
In den Gründerjahren Israels von 1948 bis 1951 wanderten die meisten Juden nach Israel ein, insgesamt 687.624. Hierbei handelte es sich vorwiegend um Holocaust-Überlebende aus ganz Europa sowie um Juden aus asiatischen Ländern, insbesondere dem Jemen, der Türkei und dem Iran. Die Einwanderung aus muslimischen Ländern war oft eine Folge massenhafter Vertreibung.
Spätere Konflikte wie die Nahostkriege und der Krieg im Libanon führten zu weiteren Fluchtbewegungen, doch die Zahl der potenziellen Einwanderer aus arabisch-muslimischen Ländern reduzierte sich, da dort nur noch wenige Juden verblieben waren.
Eine weitere große Welle der Einwanderung kam ab 1990 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Über 811.059 Juden verließen Osteuropa und die asiatischen Republiken der ehemaligen Sowjetunion.
Einwanderung aus westlichen Ländern
Die Einwanderungszahlen aus westlichen Ländern waren im Vergleich zu diesen Massenbewegungen geringer, zeigten aber unterschiedliche Trends.
Deutschland: Nach der Gründung Israels bis 1951 ließen sich 8.210 deutsche Juden in Israel einbürgern. In den Jahrzehnten danach sanken die Zahlen stark, oft auf nur etwa 100 pro Jahr. Von 2016 bis 2017 stieg die Zahl leicht von 114 auf 155. Die Entscheidung zur Auswanderung ist oft eine bewusste Entscheidung für ein offeneres jüdisches Leben, da in Deutschland jüdische Einrichtungen oft stark gesichert werden müssen.
Österreich und Schweiz: Die Zahlen aus Österreich waren 1948 noch bei 2.632, sanken aber bis 2016/2017 auf sehr niedrige Werte (17 und 26). Aus der Schweiz wanderten 1948-1951 131 Juden ein, danach sanken die Zahlen ebenfalls unter 100 pro Jahr.
Großbritannien und USA: Überraschend hohe Zahlen werden aus Großbritannien gemeldet (394-556 in 2016/2017, früher etwa 700 pro Jahr). In den USA lässt sich ein steter Zuwachs beobachten, von 1.711 im Jahr 1948 auf über 2.300 in den Jahren 2016/2017. Angesichts der großen jüdischen Bevölkerung in den USA (etwa 6 Millionen) ist der Anteil der Übersiedler jedoch äußerst gering, trotz Vorfällen von Antisemitismus.

Frankreich: Frankreich zeigt eine andere Dimension. Eine signifikante Fluchtwelle, insbesondere seit den 2000er Jahren, ist in den Statistiken sichtbar. Zwischen 2015 und 2017 meldeten sich jährlich zwischen 2.400 und 3.200 Franzosen im israelischen Innenministerium an, um einen Pass zu beantragen. In den 15 Jahren ab 2000 waren es über 28.000. Dies wird oft mit der schwierigen Situation vieler französischer Juden in Vororten mit hoher muslimischer Bevölkerung in Verbindung gebracht, wo Antisemitismus ein ernstes Problem darstellt.
Vergleich der Einwanderungszahlen (Auswahl):
| Herkunftsland | 1948-1951 (Gesamt) | 2016 | 2017 |
|---|---|---|---|
| Gesamt | 687.624 | - | - |
| Europa (Gesamt 1948) | 332.802 | - | - |
| Europa (Gesamt ab 1990) | 811.059 | - | - |
| Deutschland | 8.210 | 114 | 155 |
| Österreich | 2.632 | 17 | 26 |
| Schweiz | 131 | 64 | 84 |
| Großbritannien | - | 394 | 556 |
| USA | 1.711 | 2.323 | 2.248 |
| Frankreich | - | 3.267 | 2.441 |
| Jemen | 48.315 | - | 9 |
Antisemitismus: Eine ständige Herausforderung
Judenhass ist ein wiederkehrendes Motiv in der Geschichte der Diaspora. Lord Rabbi Jonathan Sacks beschrieb ihn als einen Virus, der mutiert, aber eines bleibt gleich: Juden werden zum Sündenbock gemacht. Im Mittelalter hasste man ihre Religion, im neunzehnten Jahrhundert ihre Rasse, und heute tarnt sich der Hass oft als „legitime Kritik an der Politik Israels“. Molotow-Cocktails auf Synagogen, Mordanschläge oder das Verprügeln jüdischer Schüler werden fälschlicherweise als Israelkritik deklariert.
Das Trauma des Holocaust führte in Europa nicht dazu, dass Juden besser akzeptiert werden, sondern nur, dass viele nicht als „Antisemiten“ bezeichnet werden wollen. Undifferenzierte Israelkritik wird legitimiert, oft in der Form „Kritik an Israels Regierung“. Israel wird gehasst, weil es stark ist, weil es an Sünden erinnert und am meisten, weil es jüdisch ist. Europäische Juden werden oft gehasst, weil sie pro-israelisch sein könnten, obwohl viele von ihnen keine direkte Verbindung zum jüdischen Staat haben.
Die Reaktionen auf Antisemitismus sind vielfältig: Konversion, Verbergen der jüdischen Identität, selbst zu Israelkritikern werden, oder als letzten Ausweg die Auswanderung nach Israel, um unbehelligt als Jude leben zu können. Tragisch sind dabei oft „Israelkritische“ Juden, die hoffen, so anerkannt zu werden, aber dabei den einzigen Staat schädigen, der sie schützen könnte.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das ursprüngliche Land der Juden?
Das ursprüngliche Land der Juden war das Land, das einst das Land des Volkes Israel war, heute weitgehend identisch mit dem Gebiet des Staates Israel und den palästinensischen Gebieten.
Woher kamen die meisten Juden nach Israel?
In den frühen Jahren nach der Staatsgründung (1948-1951) kamen die meisten Einwanderer aus Europa (Überlebende des Holocaust) und aus arabisch-muslimischen Ländern (oft vertrieben). Eine weitere sehr große Einwanderungswelle kam ab 1990 aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Wie jüdisch können Juden in Deutschland sein?
Die Zahl der Juden in Deutschland wuchs nach 1990 durch Einwanderung aus der Sowjetunion stark an. Viele sind nicht religiös oder nicht Mitglied einer Synagogengemeinde und werden daher in Statistiken nicht erfasst. Die Möglichkeit, offen jüdisch zu leben, wird durch die Notwendigkeit hoher Sicherheitsmaßnahmen eingeschränkt. Viele junge Juden entscheiden sich bewusst für die Auswanderung nach Israel, um dort ein „natürliches Umfeld“ für ihre jüdische Identität und Erziehung ihrer Kinder zu finden.
Wer gilt als Jude?
Nach der traditionellen jüdischen Rechtsauffassung (Halacha) und dem israelischen Rückkehrgesetz ist Jude, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum konvertiert ist (mit der Einschränkung im israelischen Gesetz, keiner anderen Religion anzugehören). Verschiedene jüdische Strömungen (Orthodox, Konservativ, Liberal, Reform) haben leicht unterschiedliche Kriterien, insbesondere bezüglich der Konversion und der Anerkennung von Kindern aus Mischehen. Im säkularen Verständnis gilt oft jeder als Jude, der sich selbst als solcher bezeichnet.
In allen Ländern der Welt lebten und leben Juden. Sie haben unterschiedliche Traditionen, Regeln und Lebensarten. Aber sie haben gemeinsame Erinnerungen, gemeinsame Geschichten und eine gemeinsame Sprache. Sie bilden ein eigenes, besonderes Volk: das „Volk Israels“ („Am Israel“).
Hat dich der Artikel Das jüdische Volk und seine Geschichte interessiert? Schau auch in die Kategorie Ogólny rein – dort findest du mehr ähnliche Inhalte!
