Jeder kennt diese faszinierenden Fotos: Die Sonne, eine Straßenlaterne oder eine andere helle Lichtquelle erscheint nicht als unscharfer Fleck, sondern als präziser, strahlender Stern mit vielen Zacken. Dieses Phänomen nennt man Blendenstern oder Sonnenstern. Besonders beeindruckend wirkt es bei tief stehender Sonne am Horizont. Vielleicht haben Sie sich auch schon gefragt, wie Fotografen diesen Effekt erzielen. Es scheint kompliziert, ist aber tatsächlich einfacher, als man denkt. Mit dem richtigen Wissen und ein wenig Übung können auch Sie beeindruckende Blendensterne in Ihren Bildern erzeugen.

Der Blendenstern ist nicht etwa ein digitaler Effekt, der nachträglich hinzugefügt wird. Er entsteht direkt in der Kamera durch die Interaktion des Lichts mit der Mechanik Ihres Objektivs. Konkret spielt dabei die Blende eine entscheidende Rolle.

Das Geheimnis liegt in der Blende
Um einen Blendenstern zu erzeugen, müssen Sie die Blende Ihres Objektivs weit schließen. Die Blende ist wie die Pupille unseres Auges; sie reguliert, wie viel Licht auf den Sensor fällt. Sie besteht aus mehreren Lamellen, die einen veränderlichen Öffnungsdurchmesser bilden. Dieser Durchmesser wird durch die Blendenzahl (f-Zahl) angegeben. Eine kleine Blendenzahl (z.B. f/1.8, f/2.8) bedeutet eine weit geöffnete Blende, eine große Blendenzahl (z.B. f/16, f/22) bedeutet eine weit geschlossene Blende.
Für Blendensterne benötigen Sie eine möglichst kleine Blendenöffnung, also eine hohe Blendenzahl. Als Faustregel gilt: Ab einer Blende von f/8 bis f/11 beginnen sich die Lichtquellen sternförmig abzuzeichnen. Je weiter Sie die Blende schließen (z.B. auf f/16, f/22 oder sogar f/32, falls Ihr Objektiv dies zulässt), desto ausgeprägter und schärfer wird der Blendenstern.
Warum führt das Schließen der Blende zu einem Stern? Das liegt an der Beugung (Diffraktion). Licht ist eine Welle, und wenn Wellen auf ein Hindernis mit scharfen Kanten treffen (in diesem Fall die Blendenlamellen), werden sie leicht abgelenkt. Bei einer weit geöffneten Blende ist der Einfluss der Kanten gering. Bei einer sehr kleinen Blendenöffnung muss das gesamte Licht durch die engen Spalten zwischen den Blendenlamellen. Die Beugung an diesen Kanten wird dominant und erzeugt das sternförmige Muster. Die Anzahl der Zacken des Sterns hängt direkt von der Anzahl der Blendenlamellen Ihres Objektivs ab. Objektive mit einer geraden Anzahl von Lamellen (z.B. 6, 8) erzeugen einen Stern mit derselben Anzahl von Zacken. Objektive mit einer ungeraden Anzahl von Lamellen (z.B. 5, 7, 9) erzeugen einen Stern mit der doppelten Anzahl von Zacken.
Die Rolle Ihres Objektivs
Wie eingangs erwähnt, hat nicht jedes Objektiv die gleiche Eignung für Blendensterne. Die Qualität und Form der Blendenlamellen sind entscheidend. Objektive mit vielen geraden Lamellen, die bei geschlossener Blende eine sehr polygonale (fast sternförmige) Öffnung bilden, erzeugen oft sehr klare und definierte Blendensterne. Objektive mit wenigen Lamellen oder solchen, die stark abgerundet sind und bei geschlossener Blende eher eine runde Öffnung behalten, sind weniger gut geeignet oder erzeugen weniger ausgeprägte Sterne.
Es gibt keine pauschale Liste, aber oft sind Weitwinkelobjektive aufgrund ihrer Konstruktion und der oft höheren Anzahl von Blendenlamellen gute Kandidaten für schöne Blendensterne. Letztendlich hilft hier nur Ausprobieren mit den eigenen Objektiven.
Wann und wo gelingen Blendensterne am besten?
Der Effekt funktioniert prinzipiell bei jeder hellen, punktförmigen Lichtquelle. Die Sonne ist die offensichtlichste und beliebteste Lichtquelle. Der beste Zeitpunkt, um Sonnensterne zu fotografieren, ist der Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang. Zu diesen Zeiten steht die Sonne tief am Horizont und ist weniger intensiv als zur Mittagszeit. Dies ermöglicht es Ihnen, die Sonne direkt ins Bild zu nehmen, ohne dass sie den Sensor überstrahlt oder Sie Schwierigkeiten haben, die richtige Belichtung für den Rest der Szene zu finden.
Oft ist es hilfreich, wenn die Sonne oder Lichtquelle teilweise von einem Objekt verdeckt wird – zum Beispiel von einem Baum, einem Gebäude oder einem Felsen. Wenn nur ein kleiner Teil der Lichtquelle am Rand des Objekts hervorblitzt, kann dies den Blendenstern-Effekt verstärken und gleichzeitig helfen, Überbelichtung zu vermeiden.
Neben der Sonne eignen sich hervorragend:
- Straßenlaternen (besonders nachts)
- Scheinwerfer von Autos
- Weihnachtsbeleuchtung
- Sterne am Himmel (bei sehr dunklem Himmel und empfindlicher Ausrüstung)
- Kerzenflammen
- Andere punktförmige Lichtquellen in der Dunkelheit
Wichtig ist, dass die Lichtquelle hell genug und idealerweise relativ klein im Bildausschnitt ist, damit die Beugung an den Blendenlamellen dominant wird.
Der Kompromiss: Beugungsunschärfe
Während das Schließen der Blende für den Blendenstern unerlässlich ist, birgt es auch einen Nachteil: die Beugungsunschärfe. Je kleiner die Blendenöffnung, desto stärker wird das Licht gebeugt, nicht nur an den Rändern der Blendenlamellen (was den Stern erzeugt), sondern auch innerhalb der Öffnung. Dies führt dazu, dass das gesamte Bild, insbesondere feine Details, an Schärfe verliert. Dieser Effekt wird bei sehr kleinen Blendenöffnungen (z.B. f/16, f/22, f/32) zunehmend sichtbar und kann die gewünschte Schärfe im Rest des Bildes beeinträchtigen.
Es gibt also einen Kompromiss zu finden. Oft liegt der "Sweet Spot" für gute Schärfe *und* einen sichtbaren Blendenstern bei Blenden wie f/11 bis f/16. Manchmal muss man für den ausgeprägtesten Stern die Beugungsunschärfe in Kauf nehmen oder versuchen, sie in der Nachbearbeitung zu mildern.
Praktische Tipps für gelungene Blendensterne
Hier sind einige zusätzliche Tipps, die Ihnen helfen, beeindruckende Blendensterne einzufangen:
- Stativ verwenden: Bei weit geschlossener Blende benötigen Sie oft längere Belichtungszeiten, besonders bei schwächeren Lichtquellen oder in der Dämmerung/Nacht. Ein Stativ ist unerlässlich, um Verwacklungen zu vermeiden.
- Manuell fokussieren: Kameras können Schwierigkeiten haben, auf eine sehr helle Lichtquelle zu fokussieren. Stellen Sie den Fokus manuell ein, idealerweise auf ein Objekt in der Nähe der Lichtquelle oder nutzen Sie die Fokus-Peaking-Funktion Ihrer Kamera.
- Belichtung sorgfältig wählen: Achten Sie darauf, dass die helle Lichtquelle nicht komplett ausbrennt, sonst geht der Stern-Effekt verloren. Nutzen Sie Belichtungskorrektur oder die Belichtungsreihen-Funktion (Bracketing), um eine Aufnahme mit korrekt belichtetem Stern zu erhalten, die Sie später eventuell mit einer Aufnahme für die Schatten kombinieren können.
- Linsen reinigen: Staub oder Schmutz auf der Frontlinse können bei Gegenlicht und geschlossener Blende als unschöne Flecken oder Lichtkreise sichtbar werden und den Blendenstern stören.
- Mit der Komposition spielen: Positionieren Sie die Lichtquelle bewusst im Bild. Ein Blendenstern am Bildrand kann genauso wirkungsvoll sein wie einer im Zentrum.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum sehe ich keinen Blendenstern, obwohl ich die Blende geschlossen habe?
Es könnte mehrere Gründe geben: Die Blende ist noch nicht weit genug geschlossen (versuchen Sie f/11, f/16 oder höher). Die Lichtquelle ist nicht hell oder punktförmig genug. Oder Ihr spezifisches Objektiv ist aufgrund der Form oder Anzahl seiner Blendenlamellen nicht gut für diesen Effekt geeignet.
Wird das ganze Bild unscharf, wenn ich die Blende schließe?
Ja, ab einem bestimmten Punkt (meist ab f/11 oder f/16, abhängig von Sensor und Objektiv) nimmt die Beugungsunschärfe zu und kann die Gesamtschärfe des Bildes beeinträchtigen. Sie müssen einen Kompromiss zwischen einem ausgeprägten Blendenstern und der gewünschten Schärfe im Rest des Bildes finden.
Funktioniert der Blendenstern-Effekt bei jeder Kamera?
Ja, der Effekt hängt primär vom Objektiv ab. Solange Sie die Blende manuell steuern können, funktioniert es mit den meisten Kamerasystemen (DSLR, spiegellos, Kompaktkameras mit manuellen Einstellungen).
Muss ich die Sonne direkt fotografieren, um einen Sonnenstern zu bekommen?
Ja, die Lichtquelle muss im Bild sein, damit der Effekt sichtbar wird. Achten Sie bei der direkten Fotografie der Sonne aber auf Ihre Augen und den Kamerasensor, besonders bei starker Mittagssonne. Sonnenauf- und -untergang sind sicherer und oft ästhetischer.
Fazit
Blendensterne sind ein wunderbares kreatives Werkzeug, um Lichtquellen in Ihren Fotos hervorzuheben und ihnen eine magische, funkelnde Qualität zu verleihen. Der Schlüssel liegt im Verständnis und der Anwendung einer einfachen Technik: dem Schließen der Blende. Experimentieren Sie mit verschiedenen Blendenwerten, Lichtquellen und Objektiven. Finden Sie den Punkt, an dem der Blendenstern für Sie am schönsten aussieht, auch wenn das vielleicht einen kleinen Kompromiss bei der absoluten Schärfe bedeutet. Mit etwas Übung werden auch Sie bald beeindruckende Bilder mit strahlenden Blendensternen erschaffen. Viel Spaß beim Ausprobieren!
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