Wie hat David Hockney seine Fotos gemacht?

Hockneys Fotografie: Mehr als nur ein Schnappschuss

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David Hockney, weltweit bekannt als einer der einflussreichsten Maler des 20. Jahrhunderts, dessen Werke Rekordpreise erzielen, war nicht nur ein Meister der Leinwand. Parallel zu seiner Malerei entwickelte er eine tiefe, wenn auch anfänglich skeptische, Beziehung zur Fotografie. Was zunächst als praktisches Mittel zur Dokumentation begann, wandelte sich schnell zu einem eigenständigen, revolutionären künstlerischen Ausdrucksmittel, das die Grenzen des Mediums neu definierte und seine Faszination für die menschliche Wahrnehmung und die Darstellung von Raum und Zeit widerspiegelte.

Was ist David Hockneys berühmteste Collage?
Eines der berühmtesten Werke Hockneys in dieser Sammlung ist „Walking In The Zen Garden At The Ryoanji Temple“ , das den berühmten japanischen Garten nur leicht fragmentarisch zeigt, dessen stille Ernsthaftigkeit durch die Wiederholung der nicht zueinander passenden roten und schwarzen Socken am unteren Bildrand aufgelockert wird.

Hockneys Weg zur Fotografie war alles andere als geradlinig. Zunächst betrachtete er die Fotografie eher als einen mechanischen Prozess, dem die künstlerische Tiefe der Malerei fehlte. Er sah sie als unfähig an, die Komplexität des menschlichen Sehens und Erlebens von Raum und Zeit wirklich zu erfassen. Seine berühmte kritische Äußerung, dass die traditionelle Fotografie sei, als würde man die Welt „aus der Sicht eines gelähmten Zyklopen – für den Bruchteil einer Sekunde“ betrachten, verdeutlicht seine anfängliche Skepsis gegenüber der Einschränkung durch den einzigen Blickwinkel einer Kameralinse.

Die Geburt der „Joiners“: Ein revolutionärer Ansatz

Die Wende kam, als Hockney begann, mit dem Medium zu experimentieren. Angestoßen durch die Idee, seine umfangreiche Sammlung privater Fotografien zu dokumentieren, begann er zunächst mit einer Polaroid-Kamera. Schnell erkannte er das Potenzial dieser Sofortbilder für künstlerische Zwecke. Er begann, mehrere Fotografien desselben Motivs anzufertigen, aber aus leicht unterschiedlichen Blickwinkeln und zu geringfügig abweichenden Zeiten. Diese einzelnen Bilder fügte er dann zusammen, um ein einziges, großformatiges Werk zu schaffen. Diese Kompositionen nannte er später „Joiners“, im Deutschen oft als Polagrafie oder Fotocollage bezeichnet.

Die Idee hinter den „Joiners“ war es, die Beschränkung des einzelnen, fixen Blickwinkels zu überwinden. Indem er ein Motiv aus verschiedenen Perspektiven gleichzeitig darstellte, schuf Hockney ein Bild, das dynamischer war und dem menschlichen Sehen näherkam. Unser Auge nimmt die Welt nicht aus einem einzigen, statischen Punkt wahr, sondern bewegt sich ständig, sammelt Eindrücke aus verschiedenen Winkeln und setzt sie im Gehirn zu einem komplexen Gesamtbild zusammen. Genau diesen Prozess versuchte Hockney mit seinen fotografischen Kompositionen nachzuahmen.

Technik und Prozess: Wie die einzigartigen Kompositionen entstanden

Für seine „Joiners“ nutzte Hockney zunächst vor allem Polaroid-Schnappschüsse. Das Sofortbildformat erlaubte es ihm, schnell zu arbeiten und die Ergebnisse sofort zu sehen und anzuordnen. Später verwendete er auch 35-mm-Farbfilm, dessen Abzüge er dann für seine Collagen nutzte. Der Prozess war oft aufwendig: Für ein einziges Werk konnte er über 100 einzelne Fotografien verwenden. Diese wurden sorgfältig zugeschnitten und auf einer Unterlage neu arrangiert, oft in einem rasterartigen Muster, aber manchmal auch überlappend, um einen noch fließenderen Übergang zu schaffen.

Was ist David Hockneys Fotografiestil?
In seiner fotografischen Arbeit orientierte sich Hockney am Kubismus , indem er zahlreiche aus unterschiedlichen Blickwinkeln aufgenommene Fotografien zu einem einzigen Gesamtbild zusammenfügte.

Das Ergebnis war ein Patchwork, das das Motiv in fragmentierter Form zeigte. Die leichten Verschiebungen in Perspektive und Zeit zwischen den einzelnen Fotos erzeugten eine einzigartige visuelle Textur. Betrachter wurden eingeladen, das Bild nicht als eine einzige, passive Aufnahme zu sehen, sondern es aktiv zu „lesen“, indem sie von einem Detail zum nächsten wanderten, ähnlich wie das Auge die reale Welt erkundet. Diese Technik ermöglichte es Hockney, nicht nur einen Moment, sondern eine Abfolge von Momenten und eine Erkundung des Raumes innerhalb eines einzigen Bildes festzuhalten.

Die kubistische Verbindung: Raum, Zeit und Wahrnehmung

Die fragmentierte Darstellung und die Vielfalt der Blickwinkel in Hockneys „Joiners“ erinnern stark an die Prinzipien des Kubismus, insbesondere an die Werke von Pablo Picasso, einem Künstler, den Hockney sehr bewunderte und von dem er sich inspirieren ließ. So wie die Kubisten Objekte aus verschiedenen Blickwinkeln gleichzeitig darstellten, um eine umfassendere Realität zu vermitteln, zerlegte Hockney die fotografische Szene in ihre Einzelteile und setzte sie neu zusammen, um eine dynamischere und subjektivere Wahrnehmung von Raum und Zeit zu ermöglichen.

Hockney argumentierte, dass seine fotografischen Kompositionen der menschlichen Erfahrung näherkämen als eine einzelne Fotografie. Während eine traditionelle Aufnahme die Welt auf einen einzigen Punkt und einen einzigen Moment reduziert, spiegeln die „Joiners“ die Art und Weise wider, wie unser Bewusstsein Eindrücke über Zeit und Raum hinweg sammelt und integriert. Er demonstrierte damit, dass die Fotografie, die oft als rein objektives Medium angesehen wurde, ebenso formbar und ausdrucksstark sein konnte wie die Malerei. Seine fotografischen Experimente stellten die traditionellen Grenzen zwischen diesen beiden Kunstformen in Frage und zeigten das kreative Potenzial, das in der Überwindung technischer Einschränkungen liegen kann.

Bekannte „Joiners“: Landschaften, Porträts und mehr

Hockneys „Joiner“-Phase, die sich ungefähr von den frühen 1970er bis Mitte der 1980er Jahre erstreckte, brachte eine Vielzahl beeindruckender Werke hervor. Er wandte die Technik auf unterschiedliche Sujets an:

  • Landschaften: Besonders bekannt sind seine Landschafts-„Joiners“, wie zum Beispiel der berühmte Pearblossom Highway (Second Version) von 1986, oder Arbeiten wie Sun on the Pool und Place Fürstenberg, Paris. Diese Werke vermitteln ein Gefühl der Bewegung durch die Szene, als würde man sie tatsächlich erkunden. Die fragmentierte Darstellung des Grand Canyon, zusammengesetzt aus 60 Einzelfotos, ist ein weiteres herausragendes Beispiel, das die Unermesslichkeit und Komplexität der Landschaft auf eine neue Weise erfasst.
  • Porträts: Hockney nutzte die Technik auch für Porträts von Freunden und Familie. Werke wie David Graves Pembroke Studios London Tuesday 27th April 1982, Mother I oder Kasmin zeigen die Dargestellten nicht nur aus einem Blickwinkel, sondern fangen verschiedene Ausdrücke, Posen und Details ein, was dem Porträt eine zusätzliche Dimension von Zeit und Bewegung verleiht. Das Familienporträt George, Blanche, Celia, Albert And Percy, London, January subvertiert die traditionelle Form durch die Überlagerung von Zeit und Bewegung.
  • Innenräume: Auch Innenräume und Stillleben wurden zu Motiven für seine fotografischen Kompositionen. Werke wie Freda Bringing Ann & Me A Cup Of Tea integrieren sogar farbige Hintergründe, um die Komposition zu erweitern.

Ein besonders berühmtes Werk aus dieser Phase ist Walking In The Zen Garden At The Ryoanji Temple, das den berühmten japanischen Garten zeigt. Die leichte Fragmentierung des Bildes wird durch humorvolle Details wie die ungleichen roten und schwarzen Socken am unteren Bildrand aufgelockert.

Die „Joiners“ im Kontext von Hockneys Gesamtwerk

Die fotografisch-experimentelle Phase war keine isolierte Episode in Hockneys Schaffen, sondern fügte sich nahtlos in seine fortwährende Erkundung von Darstellung und Perspektive ein. Seine Faszination für Optik und die Art und Weise, wie wir die Welt sehen, durchzieht sein gesamtes Œuvre, von seinen frühen Gemälden über seine Druckgrafiken bis hin zu seinen späteren Arbeiten mit iPads und 3D-Fotografie.

Wie malt David Hockney seine Bilder?
Er malt draußen in der Landschaft (en plein air) von Yorkshire, seiner Heimat. Die Bilder sind meist großflächig, farbenreich und entstehen technisch durch eine Segmentierung der Flächen nach dem Ansatz von Grand Canyon. Es bestehen Analogien zu Werken von van Gogh, den Hockney gerne zitiert.

Die „Joiners“ waren oft auch ein Ausgangspunkt für seine Malerei. Das Projekt zum Grand Canyon ist hierfür exemplarisch: Nach der Erstellung der großformatigen Foto-Collage Grand Canyon looking North II im Jahr 1982 (und einer weiteren Fotoserie 1986) kehrte er Jahre später zurück, um auf Basis dieser fotografischen Vorlagen das monumentale Gemälde A bigger Grand Canyon zu schaffen. Die Fotografie diente ihm hier als Werkzeug, als eine Form des Skizzierens oder Sammelns von Eindrücken, die dann in ein anderes Medium übersetzt wurden.

Hockneys Arbeit mit den „Joiners“ unterstreicht seine einzigartige Position in der Kunstwelt. Er war nicht nur ein Meister der traditionellen Medien, sondern auch ein unermüdlicher Experimentator, der bereit war, neue Technologien zu nutzen und die Grenzen bestehender Kunstformen zu hinterfragen. Seine fotografischen Kompositionen sind ein Beweis für seine Kreativität, seinen intellektuellen Neugier und seinen Wunsch, die Welt so darzustellen, wie sie wirklich wahrgenommen wird – in all ihrer Komplexität und Flüchtigkeit.

Warum Hockneys Fotografie wichtig ist

David Hockneys fotografisches Werk, insbesondere seine „Joiners“, ist aus mehreren Gründen bedeutend:

  • Es hat die Möglichkeiten der Fotografie erweitert und gezeigt, dass das Medium weit mehr sein kann als nur die Aufnahme eines einzigen Moments aus einem einzigen Blickwinkel.
  • Es hat die Debatte über die Darstellung von Raum und Zeit in der Kunst neu angestoßen und die Verbindung zwischen Fotografie, Malerei und menschlicher Wahrnehmung verdeutlicht.
  • Es ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie Künstler traditionelle Medien und neue Technologien kreativ miteinander verbinden können.
  • Es spiegelt Hockneys tiefes Interesse an seiner Umgebung, seinen Freunden und seiner persönlichen Geschichte wider, was seinem Werk eine sehr intime und menschliche Qualität verleiht.

Obwohl seine „Joiners“ oft in den Schatten seiner berühmten Gemälde treten, sind sie ein integraler Bestandteil seines Schaffens und bieten einen faszinierenden Einblick in die Arbeitsweise eines Künstlers, der zeitlebens bestrebt war, neue Wege zu beschreiten und die Welt mit frischen Augen zu sehen.

Vergleich: Traditionelle Fotografie vs. Hockneys „Joiners“

MerkmalTraditionelle FotografieHockneys „Joiners“ (Fotocollage)
BlickwinkelEinziger, fixer PunktMultiple, wechselnde Punkte
ZeitEin einziger, eingefrorener MomentAbfolge von Momenten, „bewegte“ Zeit
RaumdarstellungFlach, statisch, nach den Regeln der ZentralperspektiveDynamisch, fragmentiert, multi-perspektivisch
WahrnehmungObjektiv (entspricht dem Auge der Linse)Subjektiver (versucht, menschliche Wahrnehmung nachzuahmen)
ErgebnisEin einzelnes, geschlossenes BildKompositives Bild aus vielen Teilen, offen und explorativ
ZielEinen spezifischen Moment/Blickwinkel festhaltenDie Erfahrung von Raum und Zeit vermitteln

Häufig gestellte Fragen zu Hockneys Fotografie

Was sind David Hockneys „Joiners“?
„Joiners“ sind David Hockneys Bezeichnung für seine fotografischen Kompositionen oder Fotocollagen. Dabei handelt es sich um Werke, die aus vielen einzelnen Fotografien (oft Polaroids oder 35mm-Abzügen) desselben Motivs bestehen, die aus leicht unterschiedlichen Blickwinkeln und zu verschiedenen Zeitpunkten aufgenommen und dann zu einem einzigen Bild zusammengefügt wurden.

Wie hat David Hockney seine Fotos gemacht?
Zusammengesetzte Polaroids Um Hockneys Sammlung privater Fotografien – es handelt sich um Tausende – zu dokumentieren, schlägt Sayag vor , mit einer Polaroid-Kamera Sofortbilder anzufertigen . Schon bald nutzt Hockney dieses Gerät für neue Kunstwerke: zusammengesetzte Polaroids, die ein einziges Kunstwerk aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen.

Warum hat David Hockney „Joiners“ gemacht?
Hockney begann mit dieser Technik zu experimentieren, um die Grenzen der traditionellen Fotografie zu überwinden. Er empfand den einzigen, fixen Blickwinkel einer Kamera als unzureichend, um die menschliche Wahrnehmung von Raum und Zeit darzustellen. Mit den „Joiners“ wollte er ein dynamischeres Bild schaffen, das dem ständigen Bewegen des Auges und dem Sammeln von Eindrücken über die Zeit hinweg näherkommt.

Welche Materialien verwendete Hockney für seine Fotocollagen?
Er verwendete hauptsächlich Sofortbilder von Polaroid-Kameras und später Abzüge von 35-mm-Farbfilm. Diese einzelnen Fotos wurden dann zugeschnitten und auf einer Unterlage neu arrangiert und zusammengefügt.

Sind Hockneys „Joiners“ Fotografien oder Gemälde?
Streng genommen sind sie Fotocollagen, also Werke, die aus Fotografien bestehen. Sie liegen jedoch im Grenzbereich zwischen Fotografie und Malerei, da sie malerische Prinzipien wie die Vielfalt der Perspektive und die Darstellung von Zeit auf ein fotografisches Medium übertragen. Sie zeigen Hockneys ständige Auseinandersetzung mit der Darstellung der Welt über verschiedene Medien hinweg.

Welche Themen stellte Hockney in seinen „Joiners“ dar?
Seine „Joiners“ umfassen eine Vielzahl von Themen, darunter Landschaften (wie der Grand Canyon oder der Pearblossom Highway), Porträts von Freunden und Familie, Innenräume und Stillleben. Er wählte oft Motive aus seinem persönlichen Umfeld.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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