Die Frage, wer die Atombombe erfunden hat, führt oft zu komplexen Antworten, insbesondere wenn es um die Rolle deutscher Wissenschaftler geht. Eine zentrale Figur in dieser Geschichte ist Otto Hahn, ein brillanter Chemiker, dessen Entdeckung die Welt für immer veränderte. Doch hat er tatsächlich die Atombombe erfunden? Die Antwort ist nicht so einfach, wie es scheint, und wirft ein Schlaglicht auf die Verantwortung der Wissenschaft und die tragischen Folgen ihrer Anwendung.
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Otto Hahn war ein Mann, der sein Leben der Forschung widmete. Geboren am 8. März 1879 in Frankfurt am Main, zeigte er schon früh ein ausgeprägtes Interesse an Chemie, auch wenn der Schulunterricht zunächst als 'schlafen langweilig' empfunden wurde. Sein Weg führte ihn von anfänglichen Experimenten in der elterlichen Waschküche zu einem Chemiestudium in Marburg, das er 1901 mit dem Doktorexamen abschloss. Trotz anfänglicher Bestrebungen, Architekt zu werden, wie sein Vater es sich wünschte, zog ihn die Chemie unwiderstehlich an.

Vom organischen Chemiker zum Kernchemiker
Hahns wissenschaftliche Laufbahn nahm eine entscheidende Wendung, als er 1904 nach London ging, um seine Englischkenntnisse zu verbessern. Dort arbeitete er am University College bei Sir William Ramsey und beschäftigte sich mit der aufstrebenden Radiochemie. Während dieser Zeit machte er eine bedeutende Entdeckung: eine neue radioaktive Substanz, die er Radiothor nannte. Diese Entdeckung war der Auslöser für seinen Wandel vom organischen Chemiker zum Kernchemiker – ein Feld, das sein weiteres Leben bestimmen sollte.
Ein weiterer wichtiger Schritt in seiner Karriere war ein Aufenthalt in Montreal, Kanada, im Jahr 1905. Dort arbeitete er am Physikalischen Institut der Mc. Gill University eng mit Ernest Rutherford zusammen, einem der führenden Forscher auf dem Gebiet der Radioaktivität. Gemeinsam untersuchten sie Alphastrahlen und Hahn entdeckte ein weiteres Element, Radioactinium. Die Entdeckung dieser Elemente, die potenziell das teure Radium in der Medizin ersetzen konnten, festigte Hahns Ruf in der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft und ebnete seinen Weg in die Spitzenforschung.
Eine wegweisende Zusammenarbeit: Hahn und Meitner
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland habilitierte sich Otto Hahn 1906 für Chemie. 1911 wurde er Mitglied der neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und arbeitete am Institut für Chemie in Berlin-Dahlem. Hier begann eine der fruchtbarsten und bekanntesten wissenschaftlichen Partnerschaften des 20. Jahrhunderts: die Zusammenarbeit mit der österreichischen Physikerin Lise Meitner. Über dreißig Jahre lang forschten Hahn und Meitner gemeinsam, oft unter schwierigen Bedingungen, aber stets getragen von gegenseitigem Respekt und wissenschaftlicher Leidenschaft. Ihre enge Zusammenarbeit war entscheidend für viele Entdeckungen auf dem Gebiet der Radioaktivität und Kernphysik. Auch nachdem Lise Meitner 1938 als Jüdin aus Deutschland fliehen musste, blieben sie wissenschaftlich und freundschaftlich verbunden und tauschten sich weiterhin aus.
Die Entdeckung der Kernspaltung
Der Höhepunkt von Hahns wissenschaftlicher Arbeit und gleichzeitig der Beginn eines neuen, beängstigenden Zeitalters war die Entdeckung der Kernspaltung. Im Dezember 1938 gelang es Otto Hahn zusammen mit seinem Assistenten Fritz Straßmann im Labor in Berlin, einen Urankern durch Neutronenbestrahlung zu spalten. Dieses Experiment, das zunächst unerklärliche Ergebnisse lieferte, wurde kurz darauf von Lise Meitner und ihrem Neffen Otto Frisch theoretisch gedeutet. Sie erkannten, dass bei diesem Prozess eine enorme Menge Energie freigesetzt wurde – eine Energie, die um ein Vielfaches größer war als bei chemischen Reaktionen.

Die Nachricht von dieser bahnbrechenden Entdeckung verbreitete sich schnell in der wissenschaftlichen Welt. Überall begannen Forscher, die Ergebnisse von Hahn und Straßmann zu bestätigen und die Implikationen der Kernspaltung zu untersuchen. Es war sofort klar, dass diese freigesetzte Energie sowohl für friedliche Zwecke, wie die Energiegewinnung, als auch für militärische Zwecke, in Form einer Superbombe, genutzt werden konnte.
Der Weg zur Atombombe: USA vs. Deutschland
Obwohl die Kernspaltung in Deutschland entdeckt wurde, fand die entscheidende Entwicklung der Atombombe nicht dort statt. Mehrere aus Europa geflüchtete jüdische Physiker, darunter Leo Szilard und Eugene Wigner, fürchteten, dass das nationalsozialistische Regime die neue Entdeckung für den Bau einer Waffe nutzen könnte. Sie überredeten Albert Einstein, einen Brief an den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt zu schreiben und ihn zu bitten, ein eigenes Atomprogramm ins Leben zu rufen. Dieser Brief war ein entscheidender Impuls für den Start des streng geheimen amerikanischen Projekts, das später als „Manhattan Project“ bekannt wurde.
In Deutschland gab es ebenfalls Bestrebungen, die Möglichkeiten der Kernspaltung zu erforschen, bekannt als der „Uranverein“. Unter der Leitung von Werner Heisenberg versammelte sich eine Gruppe hochqualifizierter Physiker. Sie arbeiteten an der Entwicklung einer „Uranmaschine“ (einem Kernreaktor) und dachten auch über die Möglichkeit einer Uranbombe nach. Doch im Vergleich zum Manhattan Project in den USA hinkte der Uranverein aus mehreren Gründen hinterher:
- Staatliche Unterstützung: Das Manhattan Project erhielt massive finanzielle und materielle Unterstützung von der US-Regierung, die den Bau der Bombe als kriegsentscheidend ansah. Der Uranverein hingegen wurde von Hitler eher knapp gehalten und nicht als höchste Priorität betrachtet.
- Ressourcen und Infrastruktur: Die USA konnten auf wesentlich größere Ressourcen, Industriekapazitäten und eine intakte Infrastruktur zurückgreifen. Deutschland litt unter den Auswirkungen des Krieges und den alliierten Bombenangriffen, die die Forschung erschwerten (z.B. auf die Schwerwasserproduktion in Norwegen).
- Theoretische und praktische Herausforderungen: Die deutschen Wissenschaftler hatten mit theoretischen Problemen zu kämpfen, beispielsweise mit falschen Berechnungen der kritischen Masse. Es gelang ihnen auch nicht, die Kettenreaktion in einem Reaktor zu steuern, was Enrico Fermi in Chicago bereits Ende 1942 geschafft hatte.
- Flucht vieler Wissenschaftler: Viele führende europäische Physiker, die für den Bombenbau entscheidend gewesen wären, waren vor dem NS-Regime in die USA geflohen und arbeiteten dort am Manhattan Project.
Während die deutschen Wissenschaftler in einem provisorischen Reaktor in Haigerloch noch versuchten, eine kontrollierte Kettenreaktion zu erreichen (was misslang), waren die Physiker des Manhattan Project unter der Leitung von J. Robert Oppenheimer in Los Alamos bereits dabei, die ersten funktionsfähigen Atombomben zu bauen. Die Behauptung Werner Heisenbergs gegenüber Rüstungsminister Speer im Jahr 1942, eine Uranbombe sei nur „so groß wie eine Ananas“, deutet zwar auf das Bewusstsein für die Möglichkeit hin, aber die tatsächliche Entwicklung in Deutschland blieb weit hinter den USA zurück.
| Projekt | Land | Zeitraum | Führung | Ergebnis | Schlüssel zur Bombe |
|---|---|---|---|---|---|
| Uranverein | Deutschland | ca. 1939-1945 | Werner Heisenberg u.a. | Keine funktionierende Atombombe, kein kontrollierter Reaktor | Nein (Fehlschläge, Ressourcenmangel) |
| Manhattan Project | USA | 1942-1946 | J. Robert Oppenheimer, Enrico Fermi u.a. | Entwicklung und Bau der ersten Atombomben | Ja (massive Ressourcen, gebündelte Expertise, staatliche Priorität) |
Otto Hahns Reaktion auf die Bombe und sein Engagement für den Frieden
Als Otto Hahn im Sommer 1945 in einem englischen Internierungslager, in Farm Hall, von den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki erfuhr, war er tief bestürzt. Er erkannte, dass seine wissenschaftliche Entdeckung der Kernspaltung die Grundlage für diese schrecklichen Waffen geliefert hatte. Obwohl er nicht direkt am deutschen Bombenprojekt beteiligt war und dieses scheiterte, lastete die moralische Verantwortung schwer auf ihm.
In Farm Hall erfuhr er auch, dass ihm 1944 der Chemie-Nobelpreis für die Entdeckung der Kernspaltung verliehen worden war. Er konnte den Preis erst 1946 persönlich entgegennehmen.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland übernahm Otto Hahn auf Bitten von Max Planck die Präsidentschaft der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die er maßgeblich zur Max-Planck-Gesellschaft umgestaltete und deren erster Präsident er von 1948 bis 1960 war. In dieser Rolle nutzte er seine Bekanntheit und seinen moralischen Einfluss, um vor den Gefahren der nuklearen Aufrüstung zu warnen.
Hahn wurde zu einem entschiedenen Pazifisten und Verfechter der Nutzung von Wissenschaft zum Wohle der Menschheit. Er mahnte eindringlich: „Wir müssen wieder Ehrfurcht vor dem Menschenleben haben! Es kann nicht der Sinn einer Weltordnung sein, das, was eine jahrtausendelange Entwicklung dem Menschen in die Hand gegeben hat, dazu zu verwenden, den Menschen selbst zu vernichten.“
Sein Engagement gipfelte 1957 im „Göttinger Appell“. Zusammen mit 17 anderen führenden deutschen Atomwissenschaftlern, darunter Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker, protestierte er öffentlich gegen die Pläne der Bundesregierung unter Konrad Adenauer, die Bundeswehr mit Atomwaffen auszustatten. Die Wissenschaftler erklärten darin unmissverständlich, dass sie sich weder an der Herstellung noch an der Erprobung von Atomwaffen beteiligen würden.
Atomwaffen in Deutschland heute
Deutschland selbst besitzt keine Atomwaffen. Allerdings sind im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO US-amerikanische Atomwaffen auf deutschem Boden stationiert. Aktuell lagern auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel schätzungsweise bis zu 20 B61-Bomben. Diese Bomben stehen im Ernstfall zur Verfügung und könnten von deutschen Tornado-Kampfflugzeugen (und zukünftig F-35) abgeworfen werden. Deutsche Piloten trainieren regelmäßig für diese Aufgabe, was im Rahmen der NATO-Strategie der nuklearen Abschreckung geschieht.
Die B61-Bomben, die über Jahrzehnte auch an anderen Standorten in Deutschland (Ramstein, Nörvenich, Memmingen) lagerten, werden derzeit modernisiert und sollen durch die präzisere Version B61-12 ersetzt werden. Kritiker befürchten, dass die höhere Zielgenauigkeit die Hemmschwelle für einen möglichen Einsatz senken könnte.

Häufig gestellte Fragen
Hat Otto Hahn die Atombombe erfunden?
Nein, Otto Hahn hat nicht die Atombombe erfunden. Er war der wissenschaftliche Entdecker der Kernspaltung von Uran im Dezember 1938, zusammen mit Fritz Straßmann. Diese Entdeckung machte die Freisetzung enormer Energiemengen möglich und war die wissenschaftliche Grundlage für die Entwicklung der Atombombe. Die Bombe selbst wurde jedoch im Rahmen des amerikanischen Manhattan Projects entwickelt und gebaut.
Warum hat Deutschland keine Atombombe im Zweiten Weltkrieg gebaut?
Obwohl die Kernspaltung in Deutschland entdeckt wurde und es den „Uranverein“ gab, gelang es Deutschland nicht, eine Atombombe zu entwickeln. Gründe dafür waren:
- Mangelnde Priorität und unzureichende Unterstützung durch die nationalsozialistische Führung.
- Ressourcenknappheit und Zerstörung der Infrastruktur durch alliierte Angriffe.
- Fehlen vieler führender Wissenschaftler, die ins Ausland emigriert waren.
- Theoretische und praktische Schwierigkeiten, wie falsche Berechnungen und das Scheitern, eine kontrollierte Kettenreaktion zu erreichen.
Die deutschen Anstrengungen hinkten dem amerikanischen Manhattan Project hoffnungslos hinterher.
Gibt es heute Atomwaffen in Deutschland?
Deutschland besitzt keine eigenen Atomwaffen. Im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO sind jedoch US-amerikanische Atomwaffen auf deutschem Territorium stationiert, aktuell auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel. Diese Bomben stehen unter US-Kontrolle, können aber im Bedarfsfall von deutschen Flugzeugen transportiert und abgeworfen werden.
Ein komplexes Erbe
Die Geschichte von Otto Hahn, der Entdeckung der Kernspaltung und der Entwicklung der Atombombe ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Erkenntnisse sowohl Segen als auch Fluch sein können. Otto Hahn war ein brillanter Wissenschaftler, der eine der bedeutendsten Entdeckungen des 20. Jahrhunderts machte. Dass diese Entdeckung zu den schrecklichsten Waffen der Menschheitsgeschichte führte, war eine Entwicklung, die ihn tief erschütterte und ihn zu einem engagierten Mahner für Frieden und gegen nukleare Aufrüstung machte. Sein Leben und sein Wirken stehen exemplarisch für die Verantwortung, die mit wissenschaftlichem Fortschritt einhergeht, und die Notwendigkeit, dass Wissenschaft dem Wohl der Menschheit dienen muss.
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