Die 1920er Jahre, oft als die „Goldenen Zwanziger“ bezeichnet, waren eine Ära des tiefgreifenden Wandels. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Spanischen Grippe erlebte die Welt, insbesondere in westlichen Ländern, eine Phase relativen wirtschaftlichen Aufschwungs und gesellschaftlicher Lockerung. Dieser Optimismus spiegelte sich in allen Lebensbereichen wider, von der Musik (Jazz) über die Mode bis hin zu neuen Freizeitaktivitäten. Frauen traten in bislang unbekannter Zahl ins Berufsleben ein, und die gesellschaftlichen Normen wurden freier. Es war ein Jahrzehnt des kulturellen und künstlerischen Aufbruchs. Parallel zu diesen sozialen Veränderungen machte auch die Technologie enorme Fortschritte, die nicht zuletzt die Welt der Bilder revolutionierten. Die Fotografie entwickelte sich rasant weiter und ermöglichte es, diese dynamische Zeit für die Nachwelt festzuhalten. In unserer Serie über die Datierung von Fotografien anhand der Mode werfen wir heute einen Blick darauf, wie die Fotografie selbst in diesem faszinierenden Jahrzehnt aussah und welche Kameras und Stile vorherrschten.

Fotografie im Wandel: Technische Fortschritte der 1920er
Die Frage, ob es in den 1920er Jahren bereits Fotografien gab, mag aus heutiger Sicht trivial erscheinen, doch die Entwicklung der Fotografie in diesem Jahrzehnt war alles andere als Stillstand. Tatsächlich waren die 1920er Jahre eine entscheidende Phase für die Weiterentwicklung der Kameratechnik und der fotografischen Praxis. Mehrere wichtige Innovationen machten die Fotografie zugänglicher und vielseitiger.
Eine der bedeutendsten Entwicklungen war die Spiegelreflex-Technologie (SLR). Obwohl die ersten Patente für Spiegelreflexkameras bereits im späten 19. Jahrhundert existierten, wurde das Prinzip, das dem Fotografen ermöglichte, das Bild genau so zu sehen, wie es auf dem Film belichtet werden würde, in den 1920ern weiter verfeinert und fand Eingang in praktischere Kameradesigns. Dies erlaubte eine präzisere Bildkomposition und Fokussierung als bei früheren Sucherkameras.
Ein weiterer wichtiger Akteur war das Unternehmen Kodak, das bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts die Fotografie revolutioniert hatte. Auch in den 1920ern brachte Kodak viele weit verbreitete fotografische Geräte und Filme auf den Markt, die sowohl Amateuren als auch professionellen Fotografen zur Verfügung standen und zur Popularisierung des Mediums beitrugen.
Ein Lichtblick im wahrsten Sinne des Wortes war die Erfindung der modernen Blitzlichtlampe im Jahr 1927 durch General Electric. Vorher waren Fotografen oft auf offenes Pulverblitzlicht angewiesen, das gefährlich und unhandlich war. Die Blitzlichtlampe war sicherer und einfacher zu verwenden und eröffnete neue Möglichkeiten für Aufnahmen bei schlechten Lichtverhältnissen oder in Innenräumen. Diese Innovation war besonders wichtig für die Porträtfotografie und das Festhalten von gesellschaftlichen Ereignissen.
All diese technischen Fortschritte führten dazu, dass das Fotografieren erschwinglicher und einfacher wurde. Dies hatte zur Folge, dass viele Familien in den 1920er Jahren begannen, umfassendere visuelle Aufzeichnungen ihres Lebens zu erstellen. Für heutige Familienforscher sind die Fotoalben aus diesem Jahrzehnt oft eine reiche Quelle zur Dokumentation des Alltags, der Mode und der gesellschaftlichen Veränderungen.
Die Welt der bewegten Bilder: Das Kino wird zum Massenphänomen
Parallel zur Entwicklung der Standfotografie war die 1920er Jahre auch das Jahrzehnt, in dem das Kino zu einer festen Institution und einem globalen Phänomen wurde. Die Produktion von Filmen, zunächst Stummfilme, entwickelte sich zu einer riesigen Industrie mit eigenen Stars, Studios und technologischen Anforderungen.
In den frühen 1900er Jahren suchten Filmemacher nach präziseren und zuverlässigeren Kameras für ihre Produktionen. Dies führte zur Entwicklung einer Kamera, die das professionelle Filmschaffen maßgeblich prägte: die Bell & Howell.
Die legendäre Bell & Howell 2709: Ein Studiostandard
Die Bell & Howell Kamera, insbesondere das Modell 2709 (auch bekannt als Standard Model B), war von den späten 1910er bis in die späten 1920er Jahre die am weitesten verbreitete Kamera in den Hollywood-Studios. Ihre charakteristischen, ohrförmigen Filmmagazine brachten ihr den Spitznamen „Mickey Mouse Ears“ ein. Ihre Silhouette ist so ikonisch, dass sie bis heute als Basis für das Filmkamera-Emoji dient.
Ursprünge und Innovationen
Die Bell & Howell Company wurde 1907 in Chicago von Donald J. Bell, einem Filmvorführer, und Albert S. Howell, einem Ingenieur, gegründet. Das Unternehmen spezialisierte sich zunächst auf die Reparatur von Filmausrüstung sowie die Herstellung von Filmkopierern und Perforatoren. Diese Spezialisierung gab ihnen ein tiefes Verständnis für die Bedürfnisse der wachsenden Filmindustrie und die technischen Grenzen bestehender Maschinen.
Eine ihrer wichtigsten Beiträge war die Standardisierung des 35-mm-Filmformats mit vier Perforationen pro Bildrand. In einer Zeit, in der es eine Vielzahl inkompatibler Filmformate gab, war diese Standardisierung entscheidend für die Entwicklung einer nationalen und internationalen Filmindustrie. Die von Bell & Howell entwickelte Perforation wurde zum globalen Maßstab.

1912 entwickelten sie das Modell 2709, die „Standard Camera“. Diese Kamera zeichnete sich durch ein hochentwickeltes Filmtransportsystem aus, das bis heute als Referenz gilt. Ihr Metallgehäuse (Model B war die erste weit verbreitete Metallkamera im Studiobereich, im Gegensatz zur hölzernen Pathé Professionnelle) machte sie äußerst robust und langlebig. Von diesem Modell wurden etwa 1.200 Stück produziert.
Technische Merkmale und Bedienung
Die Bell & Howell 2709 war eine imposante Kamera. Mit Objektiven und Magazinen wog sie etwa 12 kg. Mit Stativ und Transportkiste konnte das Gesamtgewicht auf bis zu 41 kg ansteigen. Dieses Gewicht trug wesentlich zu ihrer Stabilität bei. Die Kamera war komplett aus Metall gefertigt, hauptsächlich aus Aluminium.
Die Bedienung erfolgte über eine Handkurbel, die mit einer Geschwindigkeit von etwa zwei Umdrehungen pro Sekunde betätigt werden musste, um die Standardbildrate von 16 Bildern pro Sekunde (fps) für Stummfilme zu erreichen. Ab 1919 war optional auch ein Motor erhältlich, was die Bildrate konstanter machte und später für Tonfilme unerlässlich war. Die Kamera bot Platz für Filmrollen von 120 bis 305 Metern Länge, was eine Aufnahmezeit von bis zu 16 Minuten ermöglichte.
Ein bemerkenswertes Merkmal für die damalige Zeit war das System zur Bildkomposition und Fokussierung vor der Aufnahme. Obwohl es sich nicht um eine echte Spiegelreflexkamera handelte, besaß die Bell & Howell einen Revolverkopf mit vier Objektiven. Für die Bildkontrolle drehte der Kameramann den Revolverkopf um 180 Grad, sodass das Aufnahmeobjektiv vor einer Mattscheibe positioniert wurde, die durch ein Okular betrachtet werden konnte. Um Parallaxenfehler zu vermeiden, wurde die Kamera auf einer speziellen Basisplatte seitlich verschoben, um das Objektiv in dieselbe Position zu bringen, die es während der Aufnahme einnehmen würde. Sobald die Komposition und der Fokus passten, wurde der Revolverkopf zurückgedreht und die Kamera auf der Basisplatte zurückgeschoben, um das Objektiv vor dem Film zu positionieren. Während der eigentlichen Aufnahme konnte der Kameramann jedoch nicht mehr durch das Aufnahmeobjektiv sehen, was die Bedienung, insbesondere bei Schwenks, anspruchsvoll machte und viel Erfahrung erforderte.
Weitere Merkmale waren ein Bildzähler und die Möglichkeit, den Film zurückzuspulen, um Effekte wie Mehrfachbelichtungen oder Überblendungen direkt in der Kamera zu erstellen.
Trotz ihrer Fortschritte hatte die Bell & Howell auch Nachteile. Das Sucherbild war invertiert, und die Gegenlichtblende erlaubte nicht das Einsetzen von Filtern, die stattdessen direkt auf die Objektive montiert werden mussten.
Hinter der Linse: Wer bediente diese Giganten?
Die Bedienung einer Bell & Howell erforderte Geschick und Erfahrung. Sie wurde von professionellen Kameramännern und ihren Assistenten unter der Aufsicht des Regisseurs bedient. Die Rollen am Filmset waren klar definiert. Der Kameramann bediente die Kamera, während Assistenten sich um Aufgaben wie den Transport der schweren Ausrüstung, das Einlegen des Films, das Bedienen der Klappe, das Halten von Reflektoren und das Markieren der Positionen für die Schauspieler kümmerten.
Obwohl die Filmindustrie, wie viele Branchen der Zeit, männlich dominiert war, gab es auch in den 1910er und 1920er Jahren Frauen, die als Kameraleute oder Filmemacherinnen arbeiteten und diese Kameras bedienten, wie zum Beispiel die kanadische Schauspielerin und Filmemacherin Nell Shipman.
Die Bell & Howell 2709 war mit einem Preis von rund 2.000 US-Dollar in den 1920ern (entspricht heute etwa 72.000 CAD oder mehr, vergleichbar mit den Kosten für ein Haus) extrem teuer. Nur große Studios und einige wenige wohlhabende Filmemacher wie Charlie Chaplin konnten sich eine solche Ausrüstung leisten. Die Produktion der Kamera wurde erst 1958 eingestellt, und einige Exemplare waren sogar noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Animationsstudios in Gebrauch.
Kunst oder Dokumentation? Der Piktorialismus
Neben der technologischen Entwicklung und der Entstehung des Kinos prägte in den 1920er Jahren auch eine künstlerische Bewegung die Fotografie: der Piktorialismus. Obwohl der Höhepunkt des Piktorialismus von einigen Historikern in die Mitte der 1920er Jahre gelegt wird, setzten viele Künstler die Prinzipien dieser Bewegung noch weit darüber hinaus fort.

Der Piktorialismus entstand teilweise als Reaktion auf die industrielle Massenproduktion und mit dem starken Wunsch, die Fotografie als eigenständige Kunstform zu etablieren, gleichwertig mit der Malerei oder Bildhauerei. Die Piktorialisten sahen die Fotografie nicht primär als Mittel zur exakten Dokumentation der Realität. Stattdessen strebten sie danach, dass jedes Foto ein einzigartig gefertigtes Objekt sei, das die persönliche Vision und den Ausdruck des Künstlers widerspiegelt.
Technisch legten sie großen Wert auf die Verfeinerung der Drucktechniken, oft unter Verwendung von Edeldruckverfahren wie Gummidruck, Öldruck oder Bromöldruck, die es ermöglichten, die endgültige Bildwirkung stark zu beeinflussen und einen malerischen oder grafischen Look zu erzielen. Ideologisch stand die Darstellung von Schönheit im Vordergrund. Ihre bevorzugten Motive waren bukolische Landschaften, stimmungsvolle Stadtansichten, introspektive Porträts und malerische Aktstudien, oft mit weichen Fokus oder anderen Techniken, um die fotografische Präzision bewusst zu mildern und einen atmosphärischen Effekt zu erzielen.
Die Piktorialisten der 1920er Jahre zeigten eindrucksvoll, dass Fotografie mehr sein konnte als nur ein mechanischer Prozess. Sie bewiesen, dass das Medium genutzt werden konnte, um Emotionen auszudrücken, Stimmungen zu erzeugen und eine subjektive Interpretation der Welt zu schaffen, ähnlich wie es Maler taten.
Ein Vergleich: Bell & Howell vs. Pathé Professionnelle
Um die Bedeutung der Bell & Howell im Studiobereich der 1920er Jahre zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Vergleich mit einer ihrer Vorgängerinnen und Konkurrentinnen:
| Merkmal | Bell & Howell 2709 | Pathé Professionnelle |
|---|---|---|
| Material | Metall (Aluminium) | Holz |
| Robustheit | Sehr robust und langlebig | Weniger robust |
| Standardisierung (Film/Perforation) | Wegweisend (35mm, 4 Perforationen), trug zur Industriestandardisierung bei | Weniger standardisiert, oft an eigene Systeme gebunden |
| Filmtransport | Hochpräzises System mit zwei Greifern und Andruckplatte (Benchmark) | Einfacher |
| Beliebtheit (Studios 1920er) | Meistgenutzt, führende Studiokamera | Weit verbreitet, oft als Zweitkamera oder in kleineren Produktionen |
| Betrachtung vor Aufnahme | Ja (über separates System mit Revolverkopf und Mattscheibe) | Typischerweise simpler oder gar kein System zur exakten Bildkontrolle durch das Aufnahmeobjektiv |
| Gewicht | Ca. 12 kg (Kamera), 41 kg (mit Stativ/Box) | Unklar, aber tendenziell leichter als die Metall-B&H |
Die Bell & Howell setzte sich im Studiobereich aufgrund ihrer Robustheit, Präzision und der Möglichkeit zur besseren Bildkontrolle vor der Aufnahme durch, auch wenn die Pathé weiterhin genutzt wurde.
Häufig gestellte Fragen zur Fotografie der 1920er
Gab es in den 1920er Jahren bereits viele Fotografien? Ja, absolut. Die technischen Fortschritte wie die verbesserte Kameratechnik (z.B. SLR), die Entwicklung der Blitzlichtlampe und die allgemeine Verfügbarkeit von Filmen von Herstellern wie Kodak machten die Fotografie für eine breitere Öffentlichkeit zugänglicher. Gleichzeitig führte der gestiegene Wohlstand der „Goldenen Zwanziger“ dazu, dass mehr Menschen es sich leisten konnten, Kameras und Filme zu kaufen. Daher gibt es aus diesem Jahrzehnt eine Fülle von Fotografien, von professionellen Studioaufnahmen bis hin zu privaten Familienfotos, die den Alltag, die Mode und gesellschaftliche Ereignisse dokumentieren.
War Fotografie in den 1920ern teuer? Das hing stark von der Art der Ausrüstung ab. Professionelle Filmkameras wie die Bell & Howell waren extrem teuer und nur für große Filmstudios oder sehr reiche Einzelpersonen erschwinglich – ihr Preis entsprach dem eines Hauses. Einfachere Kameras für Amateure, wie einige Modelle von Kodak, waren erschwinglicher, aber die Kosten für Filme und deren Entwicklung waren im Vergleich zu heute immer noch ein Faktor, der nicht für jeden alltäglich war. Fotografie war definitiv kein billiges Hobby, aber für viele Familien machbar, zumindest gelegentlich.
Welche Art von Fotos wurde typischerweise gemacht? Die Bandbreite war groß. Im professionellen Bereich dominierte die Studiofotografie (Porträts, Modeaufnahmen) und natürlich die Filmproduktion (Kino, Wochenschauen). Künstlerisch gab es die Strömung des Piktorialismus, die stimmungsvolle, malerisch anmutende Bilder schuf. Im privaten Bereich entstanden vor allem Familienfotos, die das Leben zu Hause, Ausflüge, Feiern und natürlich die sich rasant verändernde Mode festhielten. Die Aufnahmen dokumentierten oft die neue Freiheit und den Lebensstil der Zeit.
Welche Rolle spielte die Mode in der Fotografie der 1920er? Eine sehr große! Die Mode der 1920er Jahre mit ihren kürzeren Kleidern (tiefer gesetzte Taille, Säume, die bis zum Knie reichten), dem Bubikopf und Accessoires wie dem Glockenhut war sehr markant und fotogen. Fotografien waren ein wichtiges Medium, um diese neue Mode zu präsentieren (z.B. in Magazinen oder Schaufenstern, oft mit Schaufensterpuppen, die ebenfalls populär wurden) und festzuhalten. Familienfotos aus dieser Zeit sind oft leicht anhand der charakteristischen Kleidung datierbar.
Die 1920er Jahre: Ein visuelles Erbe
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die 1920er Jahre ein äußerst fruchtbares Jahrzehnt für die Fotografie waren. Technologische Fortschritte machten das Medium zugänglicher, die Filmindustrie etablierte sich mit wegweisenden Kameras wie der Bell & Howell, und künstlerische Bewegungen wie der Piktorialismus erweiterten die Ausdrucksmöglichkeiten der Fotografie. Die Fotos aus dieser Zeit sind nicht nur historische Dokumente der „Goldenen Zwanziger“ und ihrer revolutionären Mode, sondern zeugen auch vom Beginn einer neuen Ära in der visuellen Erfassung der Welt.
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