Wie schreibt man in Fragen kämen?

Kurt Marti: Theologe, Dichter, Aufrührer

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Kurt Marti, dessen 100. Geburtstag am 31. Januar 2021 gefeiert worden wäre, war weit mehr als nur ein Dichter oder ein Theologe. Er war ein sanfter Aufrührer, ein Mann, der mit Worten und Gedanken provoziert, hinterfragt und bewegt hat. Als eine der bedeutendsten Stimmen der Schweizer Literatur nach Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch prägte er über Jahrzehnte die Debatten um Glaube, Gesellschaft und Politik. Sein Vermächtnis ist das eines unbequemen, aber zutiefst menschlichen Geistes, dessen Einfluss bis heute spürbar ist. Sein Leben war lang und reich an Schaffenskraft, doch die Frage nach seinem Abschied drängt sich unweigerlich auf. Wann ist dieser streitbare Gottesmann und engagierte Lyriker von uns gegangen?

Ein Leben im Spannungsfeld: Wer war Kurt Marti?

Geboren wurde Kurt Marti am 31. Januar 1921 in Bern. Seine Kindheit verbrachte er in einer Atmosphäre kleinbürgerlicher Geborgenheit. Sein Elternhaus war weder besonders musisch noch tief religiös geprägt. Der Vater war freiberuflicher Notar und betätigte sich nebenher als liberaler Politiker, wodurch er es bis zum Präsidenten des Berner Stadtparlaments brachte. Die Mutter umsorgte den jungen Kurt mit Liebe und einer gewissen Ängstlichkeit. Die Schulzeit durchlief er ohne grössere Schwierigkeiten. Doch schon auf der Gymnasialstufe begann sich sein kritischer Geist zu regen, und er opponierte gegen Engstirnigkeit, was der damalige Rektor auf eine „besonders heftige Pubertät“ zurückführte.

Welche Wörter sind mit
[1] abkämmen, aufkämmen, auskämmen, durchkämmen, hochkämmen, zurückkämmen. Beispiele: [1] Die Mutter kämmte das Kind.

Ein prägendes Erlebnis seiner Jugend war die Machtergreifung Hitlers im Alter von nur zwölf Jahren, die er am Radioapparat verfolgte. Dieses Ereignis politisierte ihn allmählich und weckte sein Interesse für die Schweizer Innenpolitik. Mit 20 Jahren leistete er seinen Dienst als Gebirgsjäger im Berner Oberland. Der Umgang mit der Waffe war für ihn damals kein Problem; es galt als selbstverständlich, sie im Falle eines Angriffs Hitlers auf die Schweiz einzusetzen.

Nach dem Abitur begann Kurt Marti zunächst ein Studium der Rechtswissenschaften. Doch bereits 1942 wechselte er zur Evangelischen Theologie. Hierbei war es weniger die Aussicht auf eine Pfarrstelle, die ihn lockte, als vielmehr das Interesse an der politisch-prophetischen Theologie Karl Barths, die sein Denken massgeblich beeinflusste und seinen kritischen Blick schärfte.

Der Pfarrer und der Dichter: Berufung und Leidenschaft

Nach seinem Theologiestudium führte ihn sein Weg 1947 für ein Jahr nach Paris. Dort war er im Auftrag des Ökumenischen Rates der Kirchen als Seelsorger für Kriegsgefangene tätig – eine Erfahrung, die ihn tief prägte. Im Jahr 1950 heiratete er Hanni Morgenthaler. Diese Verbindung war eine sein Leben fast 60 Jahre lang prägende Liebe zu der „elfenhaft leichten Langenthalerin“.

Erst spät, nach der Geburt seiner vier Kinder, begann der Pfarrer Marti Ende der 1950er-Jahre regelmässig Gedichte zu schreiben. Über zwei Jahrzehnte lang wirkte er an der Berner Nydeggkirche, einer bedeutenden Pfarrstelle. Bis zu seiner Pensionierung übte er das Pfarramt aus. Doch auch danach blieb er nicht untätig; er widmete sich ausschliesslich der Literatur und arbeitete als freier Schriftsteller. Er selbst beschrieb diesen Übergang mit den Worten: „Zuerst zeugte ich leibliche, dann literarische Kinder. Anstatt eine midlife-crisis zu haben, begann ich zu schreiben.“

Ein sanfter Aufrührer: Werk und Themen

Kurt Marti zeichnete sich durch seine unorthodoxe Herangehensweise an theologische und gesellschaftliche Fragen aus. Seine Variation des „Vater Unser“ und die provokante Losung „Den Himmel anzetteln auf Erden“ sind Beispiele für seinen Wunsch, eingefahrene Denkweisen aufzubrechen. Bereits in den 1950er-Jahren wandte er sich im Stil eines Erich Kästner gegen alles „unechte und unglaubwürdige“ im religiösen Vollzug. Er wurde zu einem der Schweizer „Nestbeschmutzer“, ähnlich wie Dürrenmatt, indem er aus der Enge des Schweizerischen weit hinausdachte und sich kritisch mit den Verhältnissen im eigenen Land auseinandersetzte.

Ein wichtiges Genre, das Marti prägte, war die „Engagierte Lyrik“. In den 1970er Jahren waren Gedichtbände, die sich kritisch mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzten, Bestseller. Neben Namen wie Erich Fried und Dorothee Sölle gehört Kurt Marti mit seiner theologischen Prägung unbedingt dazu. Seine „Republikanischen Gedichte“, die zuerst in der Schweiz und später auch in Deutschland erschienen, kritisierten die politische Situation der Schweiz und machten ihn zu einer wichtigen Stimme des Protests. Auch wenn einige Kritiker, wie der Theologe Johann Hinrich Claussen, die politische Lyrik bisweilen als zu platt oder sloganhaft empfanden, so war sie doch Ausdruck eines tiefen Engagements für diese Welt.

Neben der Lyrik veröffentlichte Marti etliche Essays und Kolumnen. Insgesamt umfasst sein Werk zwanzig Gedichtbände sowie umfangreiche gesammelte Erinnerungen und Essays. Inspiration fand er nicht nur bei Dichtern wie Hölderlin oder Jean Paul, sondern auch in der Musik. Insbesondere der Jazz war für ihn eine „lebendige Kraftquelle“, die ihn zeitlebens begleitete. Er sah im Jazz eine vitale Mischung aus Melancholie und Aufsässigkeit, die sowohl Ventil als auch Sprengstoff sein konnte – Eigenschaften, die auch sein eigenes Werk prägten.

Im Umgang mit der Sprache des Glaubens spürte Marti oft die Grenzen der traditionellen liturgischen Sprache, die ihm formelhaft und klischeehaft erschien. Um diesem Dilemma zu begegnen, erfand er 1969 die sogenannten „Leichenreden“. Bei besonders bewegenden Todesfällen verarbeitete er die dabei gemachten Erfahrungen in einem neuen, unkonventionellen Sprachgewand, das die Realität des Todes und des Lebens auf eine neue Weise zur Sprache brachte.

Auch seine Sicht auf die Auferstehung war unorthodox. Er kritisierte einen Glauben, der nur auf das eigene Weiterleben nach dem Tod fokussiert ist, als „heillos egozentriert“. Er hinterfragte, ob der Wunsch, ewig zu leben, nicht der menschliche Urfrevel sei, „so sein zu wollen wie Gott, der allein Ewige“.

Ein zentrales Thema in Martis religiöser Lyrik ist das literarische Umkreisen der Chiffre Gott. Er suchte Gott nicht in fernen Höhen, sondern im Alltäglichen, im „Unten“. Zugleich kultivierte er eine „Wachheit nach oben“ und beschrieb sich selbst als einen „nach oben Offenen“. Diese Offenheit führte zu provokanten Paradoxien in seiner Dichtung. Der Gedanke, dass Gott uns näher ist als Haut oder Halsschlagader, aber oft kleiner als Herzmuskel oder Zwerchfell, zeigt seine Suche nach einer greifbaren, erfahrbaren Gottesnähe. Er fand Gott nicht nur, er sah die Menschen selbst als Gottes Verstecke: „Wir: deine Verstecke“ – dieses Zitat ist programmatisch für seine Theologie der Immanenz, der Präsenz Gottes in der Welt und in den Menschen. Der Theologe Johann Hinrich Claussen bezeichnete diese Idee der Gottesverstecke als eine „wunderbare lyrische Wünschelrute“, mit der man sich auf die Suche nach Gott machen könne.

Sein Verhältnis zur Kirche war, wie es sich für einen guten Protestanten gehört, spannungsvoll. Er war zwar als Pastor und Theologe ein Teil der Institution, doch er störte sich am Amtlichen, am Institutionellen und an der ständigen Verbundenheit der Kirche mit den Mächten des eigenen Landes. Seine Überzeugung „Gott liebt das Monopol nicht! Es hätte ihm nicht gefallen, wenn alle Menschen Christen geworden wären“ unterstreicht sein Plädoyer für Vielfalt und Unterschiedlichkeit, das tief im reformatorischen Denken verwurzelt ist.

Kurt Martis Vermächtnis und Abschied

Wenige Jahre vor seinem Tod äusserte Kurt Marti in einem Interview mit Matthias Hui offen seine Gedanken über das Ende. Mit über 92 Jahren fühlte er sich überfällig. Er hatte das Gefühl, Gott hätte ihn vergessen, und das Leben sei zum Leerlauf geworden. Diesen Zustand empfand er als sehr stark und hoffte daher jeden Abend beim Einschlafen – es war sein Nachtgebet –, am nächsten Morgen nicht mehr aufzuwachen. Er bemerkte jedoch mit einem Hauch von Ironie, dass sein Herz noch so gut funktioniere, dass diese Hoffnung etwas irreal sei.

Vier Jahre später erfüllte sich diese Hoffnung. Kurt Marti starb am 11. Februar 2017 im Alter von 96 Jahren in Bern. Sein Tod markierte das Ende eines langen, erfüllten Lebens im Dienst des Wortes, sei es als Theologe oder als Dichter.

Johann Hinrich Claussen fasste zusammen, was von Kurt Marti bleiben wird: Die Fähigkeit, zwei Dinge zu verbinden, die heute oft als Gegensätze empfunden werden. Zum einen die Suche nach einer zeitgemässen Frömmigkeit und zum anderen ein politisches Engagement, das mutig ist, sich etwas traut und sich dennoch aus tiefen, alten Wurzeln speist. Kurt Marti hat gezeigt, dass Glaube und kritisches Denken, Spiritualität und politisches Bewusstsein keine Widersprüche sein müssen, sondern sich gegenseitig befruchten können. Sein Werk bleibt eine wichtige Inspiration für alle, die nach einer lebendigen und engagierten Form des Glaubens und des Schreibens suchen.

Häufig gestellte Fragen zu Kurt Marti

Wann ist Kurt Marti gestorben?
Kurt Marti starb am 11. Februar 2017 im Alter von 96 Jahren in Bern.

Wofür war Kurt Marti bekannt?
Er war ein bekannter Schweizer Theologe und Lyriker, der für seine kritische Haltung gegenüber Kirche und Gesellschaft sowie seine unorthodoxe, engagierte Lyrik bekannt war. Man nannte ihn auch einen "sanften Aufrührer" und zählte ihn zu den Grossen der Schweizer Literatur.

Was sind Kurt Martis "Leichenreden"?
Dabei handelt es sich um eine von Marti ab 1969 entwickelte Form des sprachlichen Umgangs mit besonders bewegenden Todesfällen. Er nutzte sie, um die Grenzen der traditionellen liturgischen Sprache zu überwinden und das Geschehen in einem neuen Sprachgewand zu verarbeiten.

Wie war Kurt Martis Verhältnis zur Kirche?
Sein Verhältnis zur Kirche war spannungsvoll. Obwohl er als Pastor Teil der Institution war, kritisierte er das Amtliche, das Institutionelle und die ständige Verbundenheit der Kirche mit den Mächten des Staates. Er betonte, dass "Gott das Monopol nicht liebt" und setzte sich für Vielfalt ein.

Was bedeutet der Begriff "Gottesverstecke" bei Kurt Marti?
Dieser Begriff, der auf eine seiner Gedichtzeilen zurückgeht ("Wir: deine Verstecke"), beschreibt die theologische Idee, dass Gott nicht nur in fernen oder transzendenten Sphären zu finden ist, sondern dass die Menschen selbst und die Welt Orte sind, an denen Gott sich verbirgt und entdeckt werden kann. Es ist Ausdruck seiner Suche nach einer erfahrbaren Gottesnähe im Alltäglichen.

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Andenmatten Soltermann

Hallo! Ich bin Andenmatten Soltermann, ein Schweizer Fotograf, der leidenschaftlich die Essenz der Welt durch seine Linse einfängt. Geboren und aufgewachsen in den majestätischen Schweizer Alpen, haben die deutsche Sprache und atemberaubende Landschaften meine kreative Vision geprägt. Meine Liebe zur Fotografie begann mit einer alten analogen Kamera, und seitdem widme ich mein Leben der Kunst, visuelle Geschichten zu erzählen, die berühren und verbinden.In meinem Blog teile ich praktische Tipps, Techniken und Erfahrungen, um dir zu helfen, deine fotografischen Fähigkeiten zu verbessern – egal, ob du ein neugieriger Anfänger oder ein erfahrener Profi bist. Von der Beherrschung des natürlichen Lichts bis hin zu Ratschlägen für wirkungsvolle Bildkompositionen ist es mein Ziel, dich zu inspirieren, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Mein Ansatz verbindet Technik mit Leidenschaft, immer auf der Suche nach dem Funken, der ein Foto unvergesslich macht.Wenn ich nicht hinter der Kamera stehe, findest du mich auf Bergpfaden, auf Reisen nach neuen Perspektiven oder beim Genießen der Schweizer Traditionen, die mir so am Herzen liegen. Begleite mich auf dieser visuellen Reise und entdecke, wie Fotografie die Art und Weise, wie du die Welt siehst, verändern kann.

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